Berliner Zeitung schreibt über „Stille Reserven“ – Berlin statt Wien?

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Der Film „Stille Reserven“ wird in der Berliner Zeitung eindrücklich von Alexandra Seitz kommentiert: Das totalitäre Wien einer erdrückenden Zukunft. Das Foto des Filmausschnitts, das Panoptikum des Grauens, zeigt jedoch eindeutig das Grimm-Zentrum in Berlin. Ist es Zufall, dass der Regisseur ausgerechnet die geisteswissenschaftliche Bibliothek der Humboldt Universität für die Visualisierung des autoritären Schreckens gewählt hat?

Oder zeigt sich vielmehr in der Architektur der Wissensvermittlung die moderne Seite des Betriebs Geisteswissenschaft, nämlich die totale Kontrolle, Effizienzdenken und Marktlogik? Wir sehen ein Gebäude, in dem jeder jeden im Blick hat, gefängnisgleich rastern die dunklen Scharten der Fenster den Rand des Lesesaals. Wer einmal hier studiert hat, weiß, wie sich ein Panoptikum anfühlt. Und ich erschrecke beim Anblick meines Lesesaals als Demonstration einer Gesellschaft, in der die Konzerne die Macht übernommen haben.

Schon im Jahr 2007, als das Grimm-Zentrum zwischen Bahnhof Friedrichstraße und dem Institut für Sozialwissenschaften eröffnete, konnte man über die Intention der Architekten nur mutmaßen, warum sie den hellen Betonklotz mit eingelassenen Schießschaften zum Symbol geisteswissenschaftlicher Lesefreude wählten. Es erschloss sich mir nicht, auch nicht, als ich das Gebäude zum ersten Mal betrat und über die kostbaren Hözer staunte, die den Boden versahen, die allerdings dem Verrücken der Lesestühle schon nach drei Jahren Benutzung nicht recht standhalten konnten. Eine Bibliothek, die innen einem panoptischen Gefängnis gleicht, so las ich die Architektur – und dazu ein Außen, das uns an den Kriegszustand erinnert, an die Einschusslöcher im Mauerwerk der alten Berliner Mitte, an den Verteidigungsfall. Die Trutzburg, die das Grimm-Zentrum sein soll, werden die Geisteswissenschaften in Zukunft wohl noch stärker benötigen als bisher – vor allem angesichts eines Zukunftsszenarios, wie es in „Stille Reserven“ von Valentin Hitz aufgezeichnet wird.

 

 

Urbanes Highlight Moritzplatz

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Erinnerungen an einen Platz im Umbruch

Der Moritzplatz gerät immer wieder in Verruf wegen des schlechten Abschneidens im Sozialstrukturatlas. Dabei wird gerade das Aufbauhaus vergrößert und soll in Zukunft noch mehr Kreative anlocken. Während der Moritzplatz wieder zu seiner urbanen Bestimmung zurückfindet, nämlich Begegnungsort für Konsumenten, Literaten und Ästheten zu sein, sorgen sich die Anwohner um ihren Alltag.

Und wieder drehen sich die Baukräne am Moritzplatz. Neben dem Koloss aus Beton und Glas, in dem die Kreativ-Shoppingwelt von Modulor und der Aufbauverlag residieren, wird erneut Stockwerk um Stockwerk in Beton gegossen. Die Design Academy Berlin wird in den zweiten Bauabschnitt des Aufbauhauses einziehen und noch mehr Kreative an den Moritzplatz locken. Der Moritzplatz, dessen städtebauliche Relevanz über Jahrzehnte brach lag, findet immer mehr zu seinen Ursprüngen zurück: Der einstige Knotenpunkt zwischen luisenstädtischer Einkaufsmeile und dem Zeitungsviertel der Friedrichstadt wird Schritt für Schritt reaktiviert. Lange vorbei ist die Zeit, als hier Asphaltteppich auf Niemandsland traf und der U-Bahnhof nur Geisterstunden kannte.

Stattdessen beherrscht Gründerzeitfeeling die Gegend rund um den Kreisverkehr. Erst kamen die Prinzessinnengärten, in denen das Gemüse für die Nachbarschaft in Kisten gedeiht und die Stadtbienen zu Hause sind. Etwa zeitgleich, im Jahr 2009, gründete das Betahaus nebenan seinen 2000 m²Co-Working-Traum. Bis heute geben die Events des Gemeinschaftsbüros die digitalen Trends der Hauptstadt vor. Der Hype um Urban Gardening und Betahaus und damit das anschwellende Loblied auf den Moritzplatz mochten noch irritieren, doch die Kreativwirtschaft folgte den Pionieren. Mit dem Aufbauhaus wurde 2011 ein symbolisches Tor zum Verlagsviertel in Mitte gebaut. Die Architekten Clarke und Kuhn erschafften durch ihren Eingang zum Lichthof einen modernen Triumphbogen, der vom Siegeszug des Kreativkonsums im neuen Berlin kündet. Durch den zweiten Bauabschnitt wird das Gebäude noch an Dominanz hinzugewinnen, denn bald wird der Beton-und Glaskasten mit dem größten Musikhaus Europas in der Oranienstraße verbunden sein. Jenes, im 6-geschossigen Elsnerhaus untergebracht, bietet auf allen Etagen Musikinstrumente zum Kauf an, aber auch zum Üben und Ausprobieren. Der Kreativkunde am Moritzplatz ist Konsument und Handelnder zugleich, Plexiglas arrangiert er in den Modulor-Werkstätten mit Filz, und die E-Gitarre wird mit dem Keyboard im Band-Raum des Musikhauses an den Verstärker angeschlossen.

Zwischen Musikhaus und Aufbauhaus erinnert eine ALDI-Filiale an den Alltag im Viertel, dessen Verständnis von Do-it-yourself weniger mit Shoppen und Basteln zu tun hat.  Da ist der alteingesessene Friseursalon „Friseur“, nicht zu vergessen die wegen Bauarbeiten dreimal verpflanzte Bude des Dönerimbisses FoodBag mit ihren Stammkunden. Da ist die Stadtteil-Bibliothek, die sowieso schon kaum geöffnet hat und bald ganz schließen soll – obwohl die meisten Anwohner auf das öffentliche Bildungsangebot angewiesen sind.

Die Frage, die der Sozialstrukturatlas aufwirft, ist die nach der Teilhabe am Hype um Prinzessinnengärten, Aufbauhaus und Co. Warum werden den Menschen, die hier leben, die schlechtesten Lebensbedingungen zugerechnet? Im „Friseur“ sitzt Mahmud auf einem der Stühle für die Wartenden. Rasierwasserduft füllt den Raum, Mahmuds Vater schneidet einem Mann die Haare. Mahmud selbst ist 21 Jahre alt und gehört zu den arbeitslosen Jugendlichen aus der Statistik. Er geht gerne in das Musikhaus, um zu gucken. Seine Lebenswelt ist der Friseursalon und das angrenzende Viertel, er schwärmt aber davon, „dass hier endlich so viel los ist“. Sein Plan bezieht sich auf den entstehenden Neubau: „Hier wird die Designschule gebaut. Da werde ich studieren.“ Er lacht. Für seine Pläne bräuchte er einen guten Schulabschluss; er weiß, dass das schwierig wird. Hatice, ein Mädchen aus der Siedlung, ist Zahnarzthelferin, gottlob mit einer Arbeitsstelle. Ihr Problem ist nicht die Arbeitsagentur, sondern andere Behörden: Ihr ganzes Leben hat die 24-jährige in Berlin verbracht, aber sie hat keinen deutschen Pass.

Und so nimmt der neue Moritzplatz auch wieder eine durch und durch urbane Funktion ein: Nicht nur Brücke zwischen Zeitungsviertel und Kreuzberger Feierkiez zu sein, sondern auch Brücke zwischen arm und reich, zwischen Do-it-yourself und Buy-it-yourself, zwischen schlichter 70er-Jahre-Siedlung und den hunderten neuen Eigentumswohnungen zu sein. Dazwischen gibt es diesen Platz, der wieder in Bewegung ist, und das nicht nur durch den nimmermüden Autoverkehr.