Neulich in Kreuzberg: Von der Leyen zu Gast im Orania. Zeit für eine Hymne

Allgemein, Frauenpolitik

An ihrer Frisur erkannte ich sie sofort. Blond geföhnt. Grazil erklomm sie den Bordstein in Stöckelschuhen und Strumpfhosen, und zog die Schultern fröstelnd hoch: Es regnete an diesem Märznachmittag in Kreuzberg vorm Hotel Orania. Ursula von der Leyen. Unsere starke Frau der Bundeswehr. Erste Verteidigungsministerin der Bundesrepublik Deutschland. Die Heldin des Elterngeldes, Mutter von 6 oder 7 Kindern, Verfechterin der Frauenquote und des warmen Mittagessens für alle, Vorkämpferin für die Lebensleistungsrente. So verletzlich stand sie da, für genau 2 Sekunden, das helle Blau ihres Kostüms kontrastiert perfekt vor der grauen Kulisse des schmuddeligen Oranienplatzes.

Das helle Blau ihres Kostüms kontrastiert perfekt vor der grauen Kulisse des schmuddeligen Oranienplatzes

 

Hinter ihr entsteigen drei dunkel gekleidete Bodyguards den schwarzen Mercedes-Limousinen, und Ursula von der Leyen schaut sich suchend um – das also ist das hippe Kreuzberg, dabei ist es grau und hässlich, sagt ihr Blick. Im Orania, das umstrittene Hotel am Oranienplatz, sind die eingeschlagenen Scheiben noch nicht ausgewechselt worden.
Das Restaurant führt hochpreisige Kost. Viele Anwohner hatten sich aufgeregt, dass hier nach Jahren des Leerstandes ein Hotel einzieht. Und dann noch eines mit Pianist, offenem Kaminfeuer und einem Interieur, das im Kolonialstil gehalten ist. Sehr provozierend fanden das die Kreuzberger, ich fand das auch. Aber trotzdem mag ich die Existenz der Bar, denn sie steht in einem spannenden Gegensatz zu den touristischen, hippen und überlaufenen Cocktaillounges, die für die aufgeregte Oranienstraße sonst so prägend sind. Aber das Hotel Orania steht seit seinem Einzug symbolisch für die Gentrifizierung des Kiezes und die steigenden Mieten.

 

Unsere Verteidigungsministerin nimmt die Einschusslöcher zur Kenntnis, dann strafft sie die Schultern und blickt der geöffneten Tür entgegen

 

Und deshalb sind die geschliffenen und abgerundeten Scheiben mit hässlichen Einschusslöchern von Steinwürfen versehrt, die sich silbern von dem dunklen Glas abheben. Große und kleine Glaswunden, die sich spinnennetzartig ausbreiten. In ihnen spiegelt sich die Wut des Kiezes wider auf jene, die sich die Preise und die Mieten noch leisten können. Auch unsere Verteidigungsministerin nimmt sie zur Kenntnis, dann strafft sie die Schultern, und blickt der geöffneten Tür entgegen. Sie kennt sich aus mit Kampfspuren, nicht erst seit sie Ministerin für Verteidigung ist. Häme und Kritik bekam sie schon vorher zu spüren, für ihre sozialdemokratische Politik, für ihre kühle Art oder einfach, weil sie so viele Kinder hat. Ihr wird vorgeworfen, dass sie Probleme weglächelt. Wenn sie die Probleme so offen wie niemand zuvor anspricht, wird ihr das erst recht angekreidet. Dabei ist ihre Bilanz außergewöhnlich: Jedes Ministerium, das sie übernahm, hat sie mit so großen Projekten versorgt, dass sie noch heute nachhaltig unsere Realität verändern und nicht von Gegenreformen aus dem Weg geräumt werden konnten. Die Reform des Elterngeldes und von Hartz IV hat erst sie richtig angepackt, und die Untersuchung von rechten Strukuren in der Bundeswehr hat sie als erste angekündigt.

Wenn sie die Probleme so offen wie niemand zuvor anspricht, wird ihr das erst recht angekreidet.

Ob die Taten ihren Worten folgen können, das wird sich noch herausstellen. Aber von der Leyen spricht Unbequemes aus und lächelt trotzdem. Das ist ihre Stärke. Viele legen ihr das als Schwäche aus. Sie wird von allen Seiten kontinuierlich argwöhnisch beäugt. Aber Ursula von der Leyen ist alles andere als schwach, sie ist eine starke Frau, die eine großartige Vorbildfunktion hat. Sie zeigt den weiblichen Weg in einer männlich geprägten Kultur, und zwar mehr, als es Angela Merkel tut. Als Mutter kennt von der Leyen den Alltag und die Sorgen von Frauen mit und ohne Kindern, und das schwingt in all‘ ihren Reformen und Ansprachen mit. Sie steht für Weiblichkeit, auch weil sie es in ihren Auftritten bewusst verkörpert, und umso mehr wird ihre „kühle Art“ kritisiert. Angela Merkel hingegen kaschiert ihre Weiblichkeit und neutralisiert sie in ihren Auftritten. Denn offenbar ist es öffentlich immer noch unmöglich, ein weibliches Auftreten mit figurbewusstem Kostüm und Lippenstift und professionelles, politisches Handeln zusammenzudenken. Bei von der Leyen wurde oft ihre Professionalität mit Kühle gleichgesetzt und dann in einem Atemzug ihre Kinderzahl genannt, so als sei es ein absolutes Unding, als Mutter von so vielen Kindern die Unverfrorenheit zu besitzen, eine politische Karriere hinzulegen. Nach dem Motto: Da kann sie ja nur kalt sein, wenn sie so eine Rabenmutter ist.

Offenbar ist es öffentlich immer noch unmöglich, ein weibliches Auftreten mit figurbewusstem Kostüm und Lippenstift und professionelles, politisches Handeln zusammenzudenken.

Der WDR 2 strahlte in Nordrhein-Westfalen lange eine Satiresendung namens „Die von der Leyens“ aus, die genau diese Doppelrolle überzeichnete und damit den Finger darauf legte, was offenbar vielen suspekt ist: Eine Mutter zahlreicher Kinder, die erfolgreich die höchsten Ämter des Landes inne hat? Unfassbar. Unerhört. Das geht auch nur mit Humor. Ich muss gestehen, dass ich lange kritisch auf diese Frau geschaut habe, nicht nur weil sie für die CDU stand, sondern weil sie so mühelos eine Reform nach der anderen anschob. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Offenbar macht Ursula von der Leyens Bilanz anderen Angst. Wo ist der Haken bei dieser Frau? Dann wird sie belächelt, wenn sie sich um die Familienfreundlichkeit der Bundeswehr sorgt. Aber genau das ernstzunehmen ist feministische Politik. Das Tollste, was sie politisch zu verantworten hat: Die Mütterrente und die Frauenquote in Aufsichtsräten. Meilensteine in der gesellschaftlichen Anerkennung von weiblicher Lebens- und Arbeitsleistung. Diese kleine Frau ist, bei Licht betrachtet, ganz schön groß.

 

Diese kleine Frau ist, bei Licht betrachtet, ganz schön groß

 

Auch, wenn mir die Bundeswehr als militärische Institution suspekt ist: Ich verstehe, warum Merkel diese Frau als Verteidigungsministerin haben wollte. Denn sie setzt ihre Vorhaben knallhart durch. Der Verteidigungsetat wurde vergrößert, die marode Ausstattung der Bundeswehr wird modernisiert. Das mag für viele ein weiterer Dorn im Auge sein, wenn es um Ursula von der Leyen geht. Und man kann bei ihren Auftritten sehen, wie sie Federn gelassen hat in diesem Amt, vermutlich so viele wie nie zuvor. Denn der Gegenwind, der ihr als Verteidigungsministerin ins Gesicht schlägt, ist enorm, und das liegt nicht nur daran, dass das Militär in Deutschland wie ein Alien betrachtet wird und wir schon zuviel bekommen, wenn wir einen Werbetruck mit Bundeswehrlogo sehen. Es liegt auch daran, dass Ursula von der Leyen um dessen Ruf kämpft.

Die beiden großen, dunkel gekleideten Männer folgen jetzt der zierlichen Frau in Hellblau, die seit Jahrzehnten unsere Gesetze gestaltet, durch die geöffnete Tür des Orania. Auch, wenn das jetzt eine Feststellung ist, die bei Männern selten vorgenommen wird: Sie sieht noch immer nicht wie 60 aus. Jedenfalls nicht im Kreuzberger Märzregen.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s