#4+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 4. SODIMO: Ein neuer Begriff am Arbeitshimmel

Die beruhigende Stimme von Angela Merkel im Ohr, so bin ich eingeschlafen und mit einer Einladung der BuReg zum Hackathon wieder aufgewacht. Jetzt also schlägt sie, die Stunde der kreativen Problemlösungen und der ungewöhnlichen Wege, eine Krise zu bewältigen.

Ich muss zum Arzt, nicht wegen Corona, sondern weil ich eine Allergie habe. Auch nicht schön. Das Wartezimmer ist so leer wie noch nie. Normalerweise stehen die Patient:innen in einer 10-Meter-langen Schlange vor dem Tresen, aber seitdem sich kilometerlange Schlangen vor anderen Übergängen bilden, sind auch die Arztpraxen leer. Ich werde weder gefragt, ob ich „Symptome“ habe, noch gibt es andere Vorsichtsmaßnahmen, niemand trägt einen Mundschutz. Ich vermute bzw. hoffe, dass sich keine Corona-Verdachtsfälle in die Praxis begeben.

Auf den Straßen Berlins zeigt sich am Vormittag endlich ein anderes Bild als an den Tagen zuvor, so als hätte die Kanzlerin tatsächlich allen mit ihrer Ansprache ins Gewissen geredet: Es sind nur wenige Menschen unterwegs, und die Entgegenkommenden wahren den gebotenen Abstand. Doch als ich die Apotheke betrete, da trifft mich fast der Schlag: Provisorisch wurden Plexiglasscheiben über die Verkaufstresen gehängt und alle Apotheker:innen tragen jetzt Atemschutzmasken. Ich denke kurz, ich stehe in Italien. Dann besinne ich mich, ich benötige hochdosiertes Calcium. Die Apothekerin sieht mich über ihre Maske hinweg bekümmert an: „Calcium ist gerade nicht lieferbar. Es tut mir leid.“ Ich bin irritiert, aber sie rät mir dazu, mein Glück in einer Drogerie zu aber suchen. Draußen blüht der Frühling, so als würde ihn all das nichts angehen, und zeigt sich von seiner schönsten und lautesten Seite.

In der Drogerie habe ich noch Glück, aber Handwaschmittel, Klopapier und alles, was mit Wischen zu tun hat, ist ausverkauft. Also zurück ins Homeoffice, wo sich die Kids erfolgreich selbst beschulen. Zum Glück hat meine Tochter eine vernünftige Lehrerin, denn sie schreibt allen Eltern eine E-Mail, in der sie uns rät, Stundenpläne für das strukturierte Lernen zu Hause einzurichten und abgearbeitete Lehrpläne mit einer Sondersendung „Sendung mit der Maus“ zu belohnen. Außerdem plädiert sie dafür, ganz einfache Handarbeiten wie Stricken, Nähen und Häkeln mit den Kindern zu entdecken (vielleicht hilft mir da ein Online-Tutorial weiter…?). Zusätzlich hat sie es geschafft, allen Schüler:innen rechtzeitig ein Antolin-Konto einzurichten. Meine Tochter, Zweitklässlerin, hat sofort zwei Bücher verschlungen, damit sie auf der Online-Plattform alle Fragen zu den Texten beantworten kann. Tatsächlich werden wir Antolin von nun an mit der Corona-Krise in Verbindung bringen.

Mein Sohn hat noch keine digitalen Aufgaben erhalten, aber auch er lernt nun den Arbeitsalltag eines Home-Offices kennen, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Der Nachteil ist eindeutig, dass wir uns körperliche Bewegung in den „Stundenplan“ hineinschreiben müssen und keine Pausenglocke diese einfordert. Hilfreich sind Ausnahmeangebote für Kinder und Jugendliche (ALBA Berlin hat eine virtuelle Sportstunde ins Leben gerufen: „ALBAs tägliche Sportstunde“, findet je nach Altersgruppe zu unterschiedlichen Uhrzeiten statt, wurde von der Berliner Bildungssenatorin empfohlen), leitet mir eine befreundete Mutter weiter.

Das Motto der Krisen-Selbstbewältigung heißt also, das richtige Maß zwischen analogen Tätigkeiten und digitalem Programm zu finden und diszipliniert genug zu sein, sich nicht permanent ablenken zu lassen.

Natürlich lasse ich mich permanent ablenken. Der Ist-Zustand in Deutschland in Sachen digitaler Schulausstattung sei unzumutbar, so lese ich in sozialen Netzwerken, auch weil tausende Eltern plötzlich zuviel Zeit haben, sich darüber Gedanken zu machen. Mein Mann, Gymnasiallehrer, lehrt nun von zu Hause aus. Seine Plattform: Die Internetseite der Schule. Eine Mutter fragt ihn per E-Mail, warum die Schüler:innen eine veraltete Homepage als Kommunikationsmittel nutzen würden und ob die Lehrer:innen keine modernen Plattformen wie etwa Twitch oder Skype benutzen könnten, um die Schüler:innen live zu erreichen. Keine schlechte Idee, findet mein Mann. Nur spreche vermutlich die Datenschutzverordnung dagegen, eine App wie Twitch zu nutzen.

Dabei, welch Ironie, würde sich gerade jetzt die Möglichkeit bieten, dass wir uns ganz echt und unvirtuell mit den Kindern beschäftigen. Aber wir im Home-Office festsitzenden Eltern machen uns Gedanken darüber, wie wir unsere Schreibtätigkeit in der Küche ausführen und gleichzeitig die Kinder bespaßen können. Arbeitgeber propagieren angesichts von Corona den „SODIMO“, lerne ich heute von einer Freundin, den „Social Distancing Mode“ (klingt ähnlich rationalisiert wie Work-Life-Balance) und schicken ihre Mitarbeiter reihenweise an die Heim-PC’s. Vereinbarkeit von Beruf und Familie bekommt jetzt eine ganz neue Dimension! Wie schaffe ich Arbeit, Mittagessen zubereiten und Schulaufgaben dirigieren gleichzeitig?

Derweil schreibt meine Kollegin aus den USA, dass ihr Flug gestrichen wurde und sie früher als geplant abreisen müsse – und das, obwohl sie ihr Zimmer in Deutschland untervermietet hat. Auch in Kalifornien ist der Alltag ausgebremst, es gehört zu den Corona-Risikogebieten. Unsere gemeinsame Arbeit wird nun auch betroffen sein: Die geplante Feldforschung kann nicht stattfinden, reisen ist ausgeschlossen.

Die Pandemie trifft die Welt, auch die Brasilianer:innen. Ein Freund meiner Tochter, der vergangenes Jahr nach São Paulo gezogen ist, schickt eine Sprachnachricht: Auch dort sind die Schulen dicht. Aber es sei Sommer und die Geschäfte haben geöffnet. Klingt irgendwie unbekümmert, aber der Junge ist auch erst neun. Mein Sohn ist schon 11, aber er klettert trotzdem durch die Gärten zu seinem Kumpel. Was soll ich ihm sagen? Denk dran, was die Bundeskanzlerin gesagt hat?

Angela Merkel hat mit ihrer Ansprache dafür gesorgt, dass mehr Menschen die Virus-Gefahr ernst nehmen und die drastischen politischen Maßnahmen besser verstehen. Und sie hat dafür gesorgt, dass viele froh sind, eine besonnene Kanzlerin zu haben statt eines, sagen wir, Donald Trumps.

WirVsVirus

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#3+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 3: Stadtflucht

Heute Morgen heißt es, alle Geschäfte außer Baumärkte, Lebensmittelläden und Friseure seien geschlossen. Friseur – ein krisensicherer Beruf, wer hätte das gedacht. Ich muss ein Gerät bei Saturn umtauschen, morgen läuft die Rückgabefrist ab. Im Netz steht „Ihr Saturn hat geöffnet“. In gewisser Weise verkauft Saturn ja auch Dinge des täglichen Bedarfs, Smartphones, Computer, Kühlschränke. Dennoch rufe ich zur Sicherheit die Hotline an. „Hat Ihre Filiale am Alex heute geöffnet?“ frage ich. „Heute sind alle Märkte in Berlin geschlossen“, erfahre ich von einer freundlichen Frauenstimme. Ich trage mein Anliegen vor, was ist nun mit dem Umtausch? Tatsächlich kann mir die Frau nichts dazu sagen. „Rufen Sie ab 16:00 Uhr nochmal an. Dann haben wir dazu eine Regelung. Im Moment haben wir nichts.“

Ich bin, gelinde gesagt, sprachlos. Erstens, weil Kapitalinteressen WIRKLICH hinter der Virusverbreitung zurückstehen. Der Wahnsinn. Ich muss mir kurz die Augen reiben. Und zweitens, weil Bürokratien noch keine Lösung für die Umtauschfristen in der Schublade haben. In Deutschland, dem Land der Verordnungen und Vorschriften, gibt es genau 6 Stunden lang keine Idee eines Marktriesen, wie mit den Geschäftsschließungen rechtlich und verbraucherfreundlich umgegangen werden soll. Plan B wurde offenbar noch nie durchgespielt.

Jetzt wird es langweilig in der Stadt. Die beiden Antolin-Bücher hat meine Tochter bereits durchgearbeitet und online alle Fragen beantwortet. Ein Hoch auf die digitale Bildung. Sobald mein Mann seinen Schüler-Blog mit genügend Aufgaben gefüttert hat, fahren wir raus aufs Land. Was für ein Privileg, keine Existenzsorgen zu haben trotz allgemeinem Lockdown – und noch „rausfahren“ zu können.

Auf der Fahrt ein Telefonat mit einem guten Freund: Er geht nicht mehr raus, hat aber eine Verabredung zum Skype-Dinner. Ich bin beeindruckt. Er nimmt die Kontaktsperre wirklich ernst. Wir verabreden uns auf einen virtuellen Kaffee am Wochenende. Inzwischen befahren wir die „Autobahn der Freiheit“ (sie heißt wirklich so) Richtung Polen. Schon weit vor Storkow stauen sich die LKWs, obwohl die polnische Grenze noch fast 50 Kilometer entfernt ist. Brummifahrer brauchen jetzt Nerven wie Drahtseile. Wie passend, dass die ARD die Serie „Auf Achse“ mit Manfred Krug aus dem Archiv geholt hat. Damals gab es auch noch den eisernen Vorhang und stundenlange Grenzkontrollen.

Nach der Gartenarbeit (wirklich, es gibt nichts besseres als einsame Gartenarbeit in Brandenburg während in Berlin Corona-Partystimmung herrscht – vor allem mit Kindern im verabredungs-wütigen Alter) hat sich die Situation für die LKW-Fahrenden eindeutig verschlechtert. Bis zu den Toren Berlins an der A 10 stehen sie jetzt, vermutlich noch die ganze Nacht. Manche haben Klappstühle rausgeholt. Was bleibt ihnen übrig?Erinnert sich noch jemand an die Zeit, als die Grenze zu Polen geschlossen war? Und warum gab es eigentlich noch keine Innovation seit Manfred Krug, die diesen logistischen Wahnsinn auf Rädern revolutioniert hat? Wir passieren tausende Kraftfahrer auf ihren Böcken, die ihre Zeit nun mit Stillstand vergeuden.

Zurück in Berlin: Weniger Abstand, und tausend Menschen auf dem Tempelhofer Feld. Bei RadioEins geht es um das alte Lied: Kommt bald die Ausgangssperre, wenn die U30-jährigen nicht ihren Egoismus zurückfahren? Reporter berichten von großen Gruppentreffen im Mauerpark. Wer trotz Corona feiern und für die ohnehin bedrohte Clubszene Berlins spenden will, der kann das Online tun: https://www.unitedwestream.berlin/

So, jetzt wird sich die Familie vorm Fernseher versammeln und die Ansprache der Kanzlerin wahrnehmen. Es fühlt sich ein bisschen wie früher an, als es noch analoges Fernsehen gab. Trotz der Vereinzelung scheint Corona eine vergemeinschaftende Wirkung zu haben: Wir sitzen schließlich alle in einem Boot. Merkel: „Es ist ernst.“

#2+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 2: Renitenz in Berlin

Systemrelevante Berufe scheint es haufenweise zu geben. Zumindest in Berlin. Denn das öffentliche Leben geht relativ uneingeschränkt weiter, in der Tür des Eisladens hängt der rebellische Satz gekrakelt „Wir haben weiterhin geöffnet bis es zu Zwangsmaßnahmen kommt + evtl. darüber hinaus.“ Ist das jetzt die berühmte Kreuzberger Anti-Haltung oder ist das schlicht unsolidarisch? Die Menschen nehmen es hin, niemand wahrt den gebotenen Abstand von zwei Metern. Ich vermute, es soll Coolnees demonstrieren, aber ich finde es sehr unerwachsen und sehe mit Sorge einem nahenden Ausgehverbot entgegen. Denn was bleibt, wenn die freiwillige Selbstbeschränkung nicht die gewünschten Erfolge bringt? Wir sehen es in Spanien, Österreich, Italien.

Mein Vater, eindeutig Risikogruppe, winkt ab und sendet den gleichen dubiosen YouTube-Clip wie eine Freundin: Alles völlig übertrieben, es gibt gar keine Pandemie. Nur Panik. Das Virus sei eine absolut zufällige Entdeckung, nichts rechtfertige die Katastrophenmaßnahmen der BuReg, so ätzt dort ein weißhaariger Mann ins Cyberoff eines Skypeinterviews. Abgesehen von der miesen Bildqualität stört mich, dass der Lungenarzt in Griechenland sitzt, von wo aus er sich besseren Abstand erhofft. Rechenfehler von Lungenärzten haben uns schon manche Fakenews beschert, denke ich.

Ich muss nochmal los, Besorgungen machen. Hinter mir ein dunkler Kleinwagen, am Steuer eine Frau, vollausgestattet mit Mundschutz und blauen Plastikhandschuhen. Ob das jetzt übertrieben ist? Beim Abbiegen kommt mir wieder eine Frau am Steuer mit Mundschutz entgegen, auf der Straße tragen ihn nur Vereinzelte, vor allem Ältere.

Die einen übertreiben mit ihrer Angst, die anderen übertreiben ihre Sorglosigkeit. Wo ist das gesunde Dazwischen, die besonnene Vorsicht? Immerhin gibt es auch Leute wie meine Nachbarin, die aus Italien kam und sich sofort in Quarantäne begab, ohne dass Jens Spahn sie dazu auffordern musste; es gibt Familien, die ihren Kindern einschärfen, sich die Hände zu waschen (das Motto lautet Geduld und stoische Wiederholung) und Menschen, die trotz frühlingshaftem Sonnenschein das Café meiden.

Die Gesprächsthemen aller vorübereilenden Passanten ist sowieso nur eines: Corona. Der abgesagte Job. „Alles gecancelt“, „alles abgesagt“. Ich fühle mich unwillkürlich an den 11. September 2001 erinnert, das waren auch so Tage, an denen alle, die einem begegneten – in der U-Bahn, beim Vorüberhasten oder beim Bäcker – vom gleichen Ereignis sprachen. Niemand konnte an etwas anderes denken, es dominierte die Welt.

Ein Freund aus Köln ruft an, in der Filmbranche geht nichts mehr. Drehs werden abgebrochen, Budgets sind eingefroren. Dann die Nachricht: Die Fußball-EM wird auf 2021 verschoben. Eine weitere Nachricht: Für 30 Tage werden die EU-Außengrenzen dicht gemacht. Eigentlich das Schlimmste: Noch mehr syrische Bürgerkriegsopfer werden auf den Inseln festsitzen. Der Kanzleramtsminister warnt, dass jetzt Menschen kommen und unser Gesundheitssystem ausnutzen könnten. Solidarität macht offenbar wieder an nationalen Grenzen halt.

Eine Bekannte kommt vorbei, sie wollte eigentlich noch ein Häuschen in Brandenburg mieten. Aber auch das wurde untersagt. Pensionen und Hotels, das gesamte Gaststättengewerbe: eine einzige totale Talfahrt ins Ungewisse.

Ein Lichtblick kommt aus dem Radio: es gibt schon Ideen, das Lieblingskino durch Onlinereservierungen und die Theater durch „Leerkäufe“ zu unterstützen. Das gleiche können wir auch mit der Lieblingskneipe oder dem Lieblingsitaliener machen. Sie alle sind jetzt auf Spenden angewiesen. Immerhin können die, die systemrelevantes Geld verdienen, jetzt die andere Hälfte, die sonst für ihre Unterhaltung oder Verpflegung und Verköstigung sorgt, solidarisch unterstützen. Allein deshalb sollten sowieso alle so solidarisch wie möglich mit allen sein, denn heute die, morgen du.

#1+++Coronablog+++

Corona

Tag 1: Berlin im Ausnahmezustand

Heute ist der letzte Schultag. Gefühlt wie vor den Sommerferien. Die morgendliche Ansprache an die Kinder klingt dann so: „Und macht eure Fächer sauber. Denkt an das Sportzeug!“ SMS von einer Mutter: „David ist krank, also nur Bauchweh, aber er kann nicht zur Schule. Kann dein Sohn das Aufgabenblatt für David mitnehmen?“ Ja, mein Sohn kann. Obwohl ich ihn am liebsten auch zu Hause lassen würde. Aber solche Vorsichtsmaßnahmen sieht er überhaupt nicht ein.

Also gehen die Kids hin, wobei schon klar ist, dass die Rate an Berliner Corona-Fällen in Wirklichkeit 10 mal so hoch sein dürfte wie die Zahl von 268, die am Wochenende kursierte. Die Wahrscheinlichkeit, dass im Nachhinein ein Mitschüler oder eine Mitschülerin meiner Kinder positiv auf Corona getestet werden, ist also groß. Außerdem ein Schüler meines Mannes dessen Vater: positiv. Eine Lehrerin des Kindes meiner Nachbarn: positiv. Und was nun? Niemand meldet sich, es gibt keine Quarantäne-Anordnung. Alle möchten sich mit Besonnenheit überbieten. Ich finde das grotesk. Oder bin ich panisch?

Ich gehe zum Edeka um die Ecke, es ist 9:30. Erstaunlich viele Kinder unter 10 in Begleitung ihrer Väter sind unterwegs. „Jetzt schlägt sie: Die Stunde der Väter“ erzähle ich später meinem Mann, der natürlich auch zu Hause geblieben ist. Mein Mann sagt: „Aha. Heute gibt’s Lasagne.“ Ich freue mich. Bei Edeka komme ich aber trotzdem nicht rein. Eine lange Schlange bildet sich. „Ich kann niemanden rein lassen wenn die Kassen voll sind. Da müssen erstmal ein paar raus“, entschuldigt sich der große Mann mit Mütze und Parker im Eingang. Ich hatte ihn schon beinah zu den Herumlungernden gezählt, aber er ist der neue Türsteher. Es stellen sich immer mehr Leute an, Frauen, Männer, Alte. Keiner hält das Abstandsgebot von 2 Metern ein. Ich schere aus. Gehe zum Blumenstand. Hier ist kein Mensch. Niemand interessiert sich noch für Blumen wenn es um Nudeln, Klopapier und das nackte Überleben geht.

Der Blumenhändler kommt aus China. Er flucht. Seine beiden Restaurants werfen normalerweise 2000 Euro ab, jetzt 200. Eine ganz doofe Zeit sei das gerade, Ende nicht absehbar. Ich spende ihm Trost. Aber er winkt ab, viel zu spät seien die Deutschen dran, viel zu spät. In seiner Heimat Wuhan war ganz früh alles dicht. Es wird alles noch viel schlimmer kommen, sagt er, dabei lacht er verzweifelt. Ich bezahle meine Frühlingsblume und überlasse ihn der Einsamkeit.

Dafür bekomme ich jetzt eine Mail von meinem Sportverein „Schokosport“, der einträgliche Arm des Frauenzentrums. „Bitte zahlt eure Beiträge weiter, unsere Existenz und die unserer Trainerinnen hängen davon ab.“ Natürlich. In Zeiten von Corona werden alle Karten neu gemischt. Krisensicher ist ein Job plötzlich, wenn er von zu Hause ausgeführt werden kann, ohne Körperkontakt, und ohne, sagen wir, das Messegewerbe als Auftraggeber.

Die Kids kommen nach Hause. „Es waren nur 6 Kinder da!“ ruft die Jüngste. Und hat einen Zettel dabei, um den Bedarf der Notfallbetreuung zu eruieren. Es geht um systemrelevante Berufe – die sind auf jeden Fall krisensicher.

Stadt in Zeiten von Corona

Allgemein, Berlin, Corona

Wir erleben gerade, wie städtisches Leben zum Erliegen kommt, obwohl kein Krieg, keine Vertreibung, keine Wirtschaftskrise die Menschen aus der Stadt gedrängt haben. Mit dem Corona-Virus erleben wir ein städtisches Shutdown von Innen heraus, ein herbeigeführter, planvoller Herzstillstand eines voll funktionsfähigen städtischen Körpers.

Das Urbane lebt von den möglichen Begegnungen einander fremder Menschen, sei es mit der von Georg Simmel beschriebenen Blasiertheit und der Reserviertheit der Großstädter, oder in der Vielfalt eines Mosaiks fremder Welten, das die Chicagoer Schule einst beschwor. Wie auch immer das Urbane charakterisiert wird, ohne das Aufeinandertreffen von vielerlei unterschiedlichen Menschen existiert keine Urbanität. Oder doch? Was passiert mit der Stadt in Zeiten von Corona?

Orte spielen keine Rolle mehr

Das öffentliche Leben wird in den nächsten Wochen still stehen. Clubs, Cafés, Theater, Schulen und Bibliotheken in Berlin werden schließen. Ein einmaliger, nie dagewesener Zustand, noch nicht einmal zu Wendezeiten gab es einen solchen Einschnitt. Der private Raum wird die Öffentlichkeit ersetzen: Journalistinnen und Journalisten, Politikerinnen und Politiker, alle Arten von Medienschaffende und andere Arbeitnehmer:innen agieren von zu Hause aus. Orte spielen keine Rolle mehr: der Lehrer kann seine Schulklasse trotz Schulschließung per Computer erreichen, genauso wie die Chefin ihr Team. Die Digitalisierung ermöglicht die Suspendierung der räumlichen Kategorie aus unserem Leben, aber gleichzeitig wird diese räumliche Komponente so bedeutsam wie nie zuvor in der Frage, wie sich das Corona-Virus ausbreitet.

Heute haben sich die Orte des Elends aus den Städten an die Peripherie Europas verlagert

Die Stadt ist räumlich betrachtet tatsächlich die ideale Brutstätte von Epidemien, und das ist sie schon immer gewesen. Die Geschichte der Stadtforschung, großartig nacherzählt von Rolf Lindner, zeigt die Spuren von Cholera-Epidemien und den Kampf um kontrollierende Hygienemaßnahmen als Geburtsstunde der Stadtforschung. Damals, zu Beginn der Industrialisierung und des explosionsartigen Stadtwachstums, waren die Armen- und Arbeiterquartiere von London und Paris berüchtigt. Friedrich Engels schrieb im 19. Jahrhundert beeindruckende und schauderhafte Reportagen über das Elend im verslumten London. Alles, was uns heute in Sicherheit wiegt, gab es nicht: Genügend Krankenhäuser, Krankenversicherungen, Hygieneregeln und fließendes (Ab-)Wasser in den Wohnungen. Heute haben sich die Orte des Elends aus den Städten an die Peripherie Europas verlagert, sie heißen Lesbos und Moria und sind die wahrhaft bedrohten Räume, wenn das Virus zuschlägt. Die Vulnerabilität dieser peripheren und provisorischen Städte ist beschämend und ihre Verdrängung aus dem öffentlichen Diskurs genauso.

Die Digitalisierung ermöglicht das Aufrechterhalten einer Scheinnormalität

Was in den urbanen Zentren hingegen entscheidende Sicherheit verschafft, ist die Digitalisierung. Durch sie sind Menschen den früheren Epidemie-Zuständen weit überlegen: Die Nachrichten erreichen heute nahezu jeden von uns sekündlich bis stündlich, und vielerlei Arbeit ist vom Home-Office aus zu erledigen. Kinder und Studierende erhalten Online-Tutorials, Videokonferenzen erleichtern Teamabsprachen und ersetzen ganze Meetings – welch Ironie, dass so manch konservativ handelnder Verband erst jetzt einsehen wird, dass eine Skypekonferenz den Inlandsflug ersetzen kann. Denn in Arbeitsfragen sind oft gar keine dreidimensionalen Treffen nötig, um Inhaltliches zu regeln. Die Digitalisierung ermöglicht das Aufrechterhalten einer Scheinnormalität. In Lebensfragen ist das etwas anderes: Hier geht es um Berührungen, um das Berührt-Werden. Ein Leben ohne Berührungen, das ist wie ein Wald ohne Bäume. Berührung ist lebensnotwendig, und der Austausch, die Begegnungen zwischen Menschen sind schon immer der Motor für jegliche Art des Fortschritts gewesen.

Corona zeigt uns deutlich, was das Urbane ausmacht, weil es abwesend sein wird

Insofern zeigt uns Corona in aller Deutlichkeit, was das Urbane ausmacht. Das Urbane ist das, was in den kommenden Wochen abwesend sein wird: Der öffentliche Raum für spontane Begegnungen und Austausch, das Zusammenkommen zur Unterhaltung, zum Informationsaustausch, zum Tanzen, zur Kinderbetreuung, zur Beratung, zum Beten, zum Lernen, zur Bewegung, zum Kulturkonsum, kurz: zum gemeinsamen Erlebnis mit allen Sinnen. Die digitale Begegnung ist kein adäquater Ersatz und wird es nie sein, denn sie hält nur zwei Facetten der Begegnung für uns parat – das ist die verbale, und zwar die eindimensionale, verbale Begegnung, und die zweite Facette kann das Visuelle sein. Interaktive Begegnungen im Netz können verbal und visuell sein, aber sie sind immer darauf begrenzt. Selbst wenn eine Cyberbrille im Spiel ist, bleiben die restlichen Sinne weitgehend unberührt, der Kasten des Geschehens bleibt bei aller Illusion des Berührtseins und der Involviertheit die Cyberbrille. Die Rede von „Sinnlosigkeit“ bekommt so seine ursprüngliche Bedeutung zurück.

Urbanität braucht den ganzen Menschen

Das urbane Moment der Vielfalt, die Möglichkeit des zufälligen Aufeinandertreffens von unterschiedlichsten Individuen, ist in digitalen Öffentlichkeiten nicht vorgesehen. Urbanität bedeutet nicht nur Vielfalt, sondern auch körperliches Aufeinandertreffen. Stadt kann also nie nur digital oder virtuell sein, Urbanität braucht den ganzen Menschen oder bildlich gesprochen den ganzen Leib.

Was heißt das nun für die Stadt? Ihre sinnlichen Vorzüge werden nunmehr virtuell und damit verkürzt erlebt (etwa die Übertragung eines Konzertes aus der Elbphilharmonie per Livestream oder die Einrichtung einer digitalen Concert Hall der Philharmoniker), die sinnlichen Nachteile (Autoverkehr, Lärm und Luftverschmutzung) werden abnehmen. Aber die Stadt als Lebens- und Erfahrungsraum wird vorübergehend stillgelegt. Wenn man so will, lähmt das Virus die Stadt, wenn die Stadt das Virus lähmen will.

Praktiken des nachbarschaftlichen Miteinanders ersetzen im städtischen Ausnahmezustand die urbane Anonymität

Andererseits wächst eine neue Art nachbarschaftlicher Solidarität. Die Jüngeren erledigen Einkäufe für Ältere, klopfen an und fragen, ob sie helfen können. Die Anonymität der Großstadt weicht einer nachbarschaftlichen Praxis kleinräumiger Hilfe. Der vielbeschäftigte Vater von nebenan ruft an und fragt, ob die Kinder in den nächsten Tagen miteinander spielen können. Die Mutter von oben organisiert eine Kinderbetreuung für die erste schulfreie Woche. Es sind diese Praktiken des Miteinanders, die das suspendierte Urbane auffangen und zeigen, wie Stadt in Zeiten von Corona funktionieren kann.

Sippenhaft für Frau Minister?

Berlin, Frauenpolitik, Solidarische Politik, SPD

Erzählt doch keine Märchen! Warum nur sind die Medien so scharf auf das Fehlverhalten von Franziska Giffeys Ehemann? Der Hauptstadtpresse fehlen mal wieder die deutschen Royals, so scheint es.

Lorenz Maroldt und Jörg Thadeusz sind alte Buddies. So jedenfalls kommt ihr Gespräch auf radioeins rüber, das sie am vergangenen Freitag öffentlich austrugen. Es geht um Franziska Giffey. Lorenz Maroldt, Chefredakteur vom Tagesspiegel, ist sich über eines im Klaren: Frau Giffey muss jetzt ganz scharf beobachtet werden, denn ihr Mann, ein Veterinärmediziner, wurde aus dem Beamtenverhältnis entfernt. Amüsiert höre ich den beiden Kumpels zu, wie sie die Causa Giffey unter sich besprechen, denn es fühlt sich an, als sitze ich bei ihnen im Wohnzimmer. Doch der Inhalt ihres Gesprächs friert mir das Lächeln im Gesicht ein, denn im Laufe des Dialogs wird klar: Maroldt will Giffey am Pranger sehen.

Indem Plagiatsaffäre und Betrug in einem Atemzug genannt werden, rückt das Fehlverhalten des Ehemannes ganz nah an Giffeys persönliches Verhalten

Franziska Giffey müsse jetzt reagieren, denn die Öffentlichkeit habe ein großes Interesse daran, was das Berliner Verwaltungsgericht ihrem Ehemann vorwirft. Nichts Genaues weiß man nicht, aber allein die Tatsache, dass der Ehemann einer ranghohen Politikerin aus dem Beamtenverhältnis entfernt wurde (die Berufung steht jedoch noch aus), rechtfertige auch im Stadium der Mutmaßungen bereits ein großes journalistisches Interesse. Denn die Reaktion der Ministerin lasse eindeutige Rückschlüsse auf ihre Persönlichkeit (sprich: persönliche Eignung) zu. Vor allem, und hier wird Maroldt ganz streng, habe sich die Ministerin in der Plagiatsaffäre schlecht benommen: Anstatt, dass sie ihren Titel einfach abgelegt hätte, habe sie sich hinter der „amerikanischen Zitierweise versteckt.“

Zwei Dinge gefallen mir nicht am Umgang mit Franziska Giffey. Erstens Häme und Neid, die mal wieder zwischen den Zeilen durchscheinen, und dann die Unterstellungen: Den Doktortitel braucht diese Frau ja wohl nicht. Den hätte sie doch easy abgeben können, darauf verzichten, was soll denn dieses titelverliebte Getue. So der Anwurf. Sprich: Die Frau ist mindestens größenwahnsinnig und selbstverliebt. Ich verstehe: Wenn jemand eine Doktorarbeit geschrieben hat, im Schweiße seines Angesichts, nach bestem Wissen und Gewissen – so versichert es die/derjenige – dann soll er oder sie unter den bloßen Vorwürfen eines Plagiats einknicken und sich nicht mehr zu seiner geleisteten Arbeit bekennen? Das wäre der richtige Weg gewesen? Entschuldigung, aber in diesem Fall wirkt Herr Maroldt neidisch, so nennt man das, wenn man anderen ihren Erfolg mißgönnt. Amerikanische Zitierweise bedeutet ja nichts anderes, als dass Zitate nicht wörtlich übernommen wurden, sondern paraphrasiert wiedergegeben – wer diese Zitierweise nicht ernst nimmt, kann natürlich schnell ein Plagiat wittern. Vielleicht hätte Herr Maroldt darüber aufklären können, anstatt Giffey Fehlverhalten in ihrer „Plagiatsaffäre“ vorzuhalten – die sie m. E. souverän gemeistert hat! Überhaupt, was hat eigentlich die Plagiatsaffäre mit dem unbekannten Herrn Giffey zu tun? Indem beides in einem Atemzug genannt wird, rückt das Fehlverhalten des Ehemannes ganz nah an Giffeys persönliches Verhalten heran, z.B. an ihre Glaubwürdigkeit in der Plagiatsaffäre. Heißt: Wenn ihr Ehemann als Betrüger entlarvt wird, dann kann seine Ehefrau nicht frei von Schuld sein. Das ganze nennt sich Sippenhaft, und das Sippenstrafrecht wurde mit Gründung der BRD abgeschafft – zugunsten des Schuldprinzips.

Wie kann es sein, dass sich mutmaßliche Verfehlungen vom Ehemann einer Ministerin am Folgetag auf sämtlichen Titelseiten der Zeitungen wiederfinden?

Das Radiointerview mit Maroldt erinnert mich an einen Schuljungen, der sich über die Klassensprecherin aufregt, die immer besser wegkommt als ihr gemeinhin zugestanden wird. Woher kommt dieses Nicht-gönnen-können eigentlich? Hätte Herr Maroldt auch gerne einen Doktortitel und muss ihn deshalb abwerten? So, als wäre damit keine jahrelange Arbeit verbunden, auf deren Verdienst man verständlicherweise nicht schlicht und einfach verzichten möchte? Und wie kann es sein, dass sich mutmaßliche Verfehlungen vom Ehemann einer Ministerin am Folgetag auf sämtlichen Titelseiten der Zeitungen wiederfinden? Wäre das nicht etwas für die Rubrik „Spekulation und Panorama“ gewesen? Überall reiben sich die sensationslüsternen SPD-Abgesangschreiber/innen bereits die Hände, vom Tagesspiegel bis zur FAZ („Das nächste Problem der Franziska Giffey“), von den sozialen Netzwerken ganz zu schweigen. „Das Private ist politisch“, weiß die Berliner Zeitung, und kehrt den feministischen Schlachtruf gegen die Ministerin. Und routiniert wird Giffey, geadelt zur „eigentlichen Hoffnungsträgerin“ der Partei, zur Ministerin auf Abruf, über der schon wieder das Damoklesschwert hängt, das ihre überraschende Karriere schon wieder jäh beenden könnte.

Nicht das Private wird politisch, sondern jegliches Politische wird bedeutungslos angesichts einer boulevardesken Sichtweise

Tatsächlich zeigen sich an dem Aufmerksamkeitshype um Franziska Giffeys Ehemann die boulevardesken Züge, wird der Hang zu Drama und Tragödie offenbar, dem die Hauptstadtmedien in zyklischen Schleifen verfallen. Dieses Mal ist es die mögliche Sippenhaft, die dem märchenhaften Aufstieg von Prinzessin Giffey ein Ende bereiten könnte. Die von der Presse lancierte Inszenierung einer aufgestiegenen Prinzessin, der die Thronfolge von der Öffentlichkeit bereits zuerkannt, die Krone geradezu angetragen wurde (ob nun die von Berlin oder den SPD-Vorsitz), die sich aber in die Hände des Bösen (der Ehemann!) begeben hat und unter deren Seil, auf dem sie so glänzend tanzt, bereits die lechzende Löwenmeute wartet, die sich mit der Zunge über die Mäuler fährt: Dieses von ihnen selbst konstruierte Szenario reizt die Medienschaffenden zu ihrer boulevardseken Sicht auf Franziska Giffey. Nicht das Private wird politisch, sondern jegliches Politische wird bedeutungslos angesichts der Möglichkeit zur Tragödie oder zur Heldengeschichte. Die Hauptstadtpresse sehnt sich nach diesen Geschichten, sie liebt Tragödien wie die um Christian Wulff, und angesichts der fehlenden Royals müssen unsere Politprominenten diese Lücke ausfüllen, ob sie wollen oder nicht.

Tatsächlich sucht man vergeblich nach Politikern, die wegen Machenschaften ihrer Frauen Rücktrittsforderungen aushalten mussten

Dass aber eine Politikerin, die einzig durch ihr politisches Geschick und Talent von sich Reden machte, nun öffentlich vorgeführt wird, weil ihr Mann sich (vermutlich) falsch verhalten hat, ist ein Schritt in die falsche Richtung. Sippenhaft galt für noch keinen prominenten Politiker, warum sollte für weibliche Politikerinnen ein anderer Maßstab gelten? Tatsächlich sucht man in der BRD vergeblich nach männlichen Politikern, die wegen Machenschaften ihrer Frauen Rücktrittsforderungen aushalten mussten (wem ein Beispiele einfällt: bitte melden). Hatten sie Affären, dann wurde das Private politisch, aber auch an Affären gescheiterte Ehen, das sehen wir bei Horst Seehofer und Heiko Maass, beendeten noch keine bundespolitische Karriere. Es gibt nicht viele Fälle von weiblichen Spitzenpolitikerinnen, deren Ehemänner ins Licht der Öffentlichkeit gerieten, schon gar nicht durch ihr Fehlverhalten. Aber eine angemessene Berichterstattung kann auch eine Bundesministerin erwarten, und wenn die Vorwürfe gegen ihren Mann noch ungeklärt sind, allemal. Ansonsten frönt man einzig und allein dem Genre des Märchenerzählens.

Das wichtigste für die SPD: Esken und Walter-Borjans sind ein gutes Team

Allgemein, Solidarische Politik, SPD

Die Medien reagierten am Wochenende mit Häme auf die Wahl von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans zum neuen Führungsduo der SPD. Dabei ist das reflexartige SPD-Bashing von Journalist*innen (Cicero, ZEIT, FAZ etc.) und ehemaligen SPD-Chefs (etwa von Gerhard Schröder, Martin Schulz oder die „Warnung“ von Franz Müntefering im Tagesspiegel) zu einem so mantrahaften Ritual verkommen, dass wirklich jedem Beobachtenden des Zeitgeschehens klar wird: Es kann nur gut für die SPD sein, was sie sich selbst soeben verordnet hat.

Risiken einzugehen ist seit jeher ein gutes Mittel, um Gefolgschaften zu beeindrucken

Nämlich ein Ende des Weiter-so. Ein Wagnis. Ein Experiment mit einer Außenseiter-Doppelspitze. Wir müssen keine Expert*innen von Charisma-Diskursen sein, um zu erkennen, dass die SPD-Mitglieder auf eine krisenhafte Situation mit einer richtigen Entscheidung reagiert haben. Risiken einzugehen ist seit jeher ein gutes Mittel, um Gefolgschaften zu beeindrucken und Bindungskräfte zu entfesseln. Mit dem Ausstrahlen von Charisma haben es die alten Volksparteien seit Jahren immer schwerer. Ihre uncharismatischen Führungsfiguren sind mit ein Grund für ihre Misere. Aber diese wird in den Parteien selbst produziert. Die vorgezeichneten, mit Mühsal von Parteiebene zu Parteiebene weisenden Aufstiegswege von pragmatisch-berechnenden Politiker*innen (die früher männlichzentriert allen Ernstes „Ochsentour“ genannt wurde) zeigen uns nämlich weder, wie fähig und widerstandsfähig, noch wie moderierend oder mit welchem inhaltlichen Instinkt das Parteispitzenpersonal am Ende dieses Weges ausgestattet sein wird. Das einzige, was dieser Weg wirklich zeigt, ist die beachtliche Leidensfähigkeit und Beharrlichkeit, die Politiker*innen bekanntlich auch brauchen. Aber wo frühere Parteivorsitzende die Klaviatur der Machtspiele mit Bravour beherrschen mussten, sind heute andere Skills gefragt: Teamfähigkeit etwa. Oder ein Gespür für die richtigen Themen zum richtigen Zeitpunkt und – siehe Angela Merkels Stuhlkleber – Moderationsfähigkeit.

Franziska Giffey ist das jüngste Beispiel, dass der klassische Karriereweg in der Politik ausgedient hat

Der Eindruck, dass klassische Parteikarrierewege ausgedient haben, wenn es um Beliebtheit und Wähler*innengunst geht, ist kein neuer Befund: Franziska Giffey ist das jüngste Beispiel dafür. Von der Bürgermeisterin eines Berliner Stadtteils wurde sie zur Bundesministerin – und dort hat sie sich in kurzer Zeit enormen Respekt verdient. Zuletzt bewies sie mit ihrem klugen Abwarten, was die Entscheidung über die Plagiatsvorwürfe ihrer Dissertation betraf, politisches Geschick. Auch Manuela Schwesig musste sich erst anhören, wie unerfahren sie sei, bevor ihr im Nachgang großes politisches Talent attestiert wurde. Annalena Baerbock und Robert Habeck sind weitere Beispiele von steilen Karrieren, die niemand vorausahnen konnte. Bleibt man bei den Grünen, dann zeigt sich ihr momentaner Erfolg als eine Mischung aus Glaubwürdigkeit beim Themenschwerpunkt Klimawandel und ihrem Spitzenteam Baerbock/Habeck, das unbeirrt kooperativ und loyal miteinander umgeht und für das Thema anstatt gegeneinander kämpft.

Wenn eine solch kooperative Performance mit dem Etikett SPD versehen wird, dann können inhaltliche Debatten viel konstruktiver geführt werden als es bislang der Fall war

Die Unerfahrenheit und die Linkslastigkeit des neuen Spitzen-Tandems der SPD erklärt nicht allein, wieso mit deren Wahl (mal wieder) der Untergang und das Ende der SPD herbeigeredet wird. Denn in einer solch krisenhaften Situation, in der die SPD schon unter die 10%-Marke bei Landtagswahlen abrutschte, ist es völlig legitim, Risiken zu wagen und Neues auszuprobieren. Wer hat wahrhaftig in Olaf Scholz einen Retter der SPD gesehen? Dessen Tandempartnerin wie eine Quotenfrau behandelt wurde? Ein „Weiter-wie-bisher, aber mit Pauken und Trompeten“, hätte es geheißen. Die Schlagzeilen über den Abgesang einer Scholz-SPD wären vermutlich nicht weniger verheerend ausgefallen, mit dem Ergebnis, dass die SPD mit Olaf Scholz demnächst einen weiteren führenden Politiker weniger gehabt hätte. Zuletzt erging es so Andrea Nahles, von der man gar nichts mehr hört. Nein, das Team aus Esken und Walter-Borjans ist in seiner Unbekanntheit geradezu erfrischend für die SPD, und unbekannt bedeutet nicht unerfahren. Walter-Borjans kann regieren, Esken kann Bildungspolitik moderieren, sie kann Bundestag und Digitales und hat trotzdem drei Kinder. Beide haben ihren ersten Tandem-Auftritt bei Anne Will souverän gemeistert, und zwar als echtes Team: Einander zugewandt, sich gegenseitig unterstützend, loyal und einander ergänzend. Bei Anne Will überwog der Eindruck: Wenn das die neue SPD-Spitze wird, dann performt sie ein Füreinander anstatt das ewig gewohnte Gegeneinander. Wenn eine solch kooperative Performance mit dem Etikett SPD versehen wird, dann können inhaltliche Debatten viel konstruktiver geführt werden als es bislang der Fall war.

Der Abgesang auf die SPD gleicht einer Beschwörungsformel, die nun hohl geworden ist – und als solche plötzlich sichtbar wird

Und ihren Patzer bei einem geradezu höhnischen Markus Lanz darf man Saskia Esken demnach auch verzeihen. Mediale Unbedarftheit bedeutet nicht gleich Unfähigkeit. Schaut man sich Eskens Internetauftritt an, dann kommt die Frau bodenständig-symphatisch rüber, mit Gitarre in der Hand. Sie steht zu ihrer langen Kinder-Auszeit, auch das ist für die SPD ein Gewinn. Und an alle Genoss*innen, die es kaum erwarten können, ihre eigenen Leute schlecht zu reden: Wartet doch erst mal ab, ob nicht eine Frau, die es in der SPD-Fraktion schwer hat, genau die richtige ist, um der Partei die nötige Glaubwürdigkeit zurückgeben zu können.

Die unerwünschten Nebeneffekte urbaner Wohnlösungen oder: Der Tag, an dem mein Display zerbarst

Allgemein, Berlin, Gentrifizierung, Stadt & Architektur

Mit Familie in Berlin zu leben heißt, erfinderisch zu sein. Mit heranwachsenden Kindern wohnt nur komfortabel, wer kreative Lösungen für die zu eng gewordene Wohnung sucht – umziehen kann sich in Berlin sowieso niemand leisten, der durchschnittlich verdient und der Innenstadt treu bleiben möchte. Zu Beginn der Familienphase bedeutet die klassische Kinderzimmerlösung in allen Wohnungen der urbanen Mittelschicht: Hochbett. Und ganz speziell in dem Umfeld, in dem ich Kinderzimmer 4-köpfiger Familien besucht habe: Billy-Bolly-Hochbett.

Es hat eine Rutsche und einen Balken mit Tarzanseil und ist so etwas wie das Must-have der urbanen Mittelklassefamilie: Das Billy-Bolly-Hochbett

Es hat eine Rutsche und einen Balken mit Tarzanseil und ist so etwas wie das Must-have der urbanen Mittelklassefamilie, so wie früher der Reanult Espace. Vielleicht stimmt das vor allem für das liberale und alternative Milieu, aber neulich hat ein Bekannter stolz ein Foto von seinem neu erworbenem Billy-Bolly-Hochbett gepostet, und der gehört eher zum modernen Arbeitnehmermilieu. So ein Abenteuer-Hochbett aus Holz steht nämlich symbolisch für viel mehr als nur die Schlafstätte der Kinder: Es zeigt, dass man sich pädagogisch wertvolle Gedanken um die maximale Bewegungs- und Spielmöglichkeiten der Kinder macht, und zwar der wohnungsbedingten Enge zum Trotz. Es zeigt, dass man auf Naturmaterialien setzt, weil einem das wichtig ist und man es kann. Es zeigt, dass man verstanden hat, was Kinder wollen und wie wichtig einem die Wünsche der Kinder sind. In den meisten Fällen wollte man früher selbst so ein Hochbett mit Rutsche haben. Durfte man aber nicht. Dann wäre das Billy-Bolly-Hochbett ein urbanes Familiensymbol des sozialen Aufstiegs, aber darüber führe ich noch eine innere Diskussion.

Natürlich wollten meine Kinder auch so ein tolles Rutsch-Abenteuer-Hochbett. Durften sie aber nicht. Dafür haben wir jetzt eine Hochebene, kreative Lösung Nummer 2 in Berliner Altbauwohnungen, wenn die Kinder aus dem Hochbettalter rausgewachsen sind. Sie ist ein herrlicher Raumgewinn. In meiner ersten Berliner Wohnung, einer 8er WG in einer Fabriketage, gab es gar eine ganze Hochetage nur für Kinder, mit Türen und Klappen zum durchklettern – ein Überbleibsel der Kommunebewegung aus den 1970er Jahren.

Die Schicksale von urbanem Arbeitsgerät und urbaner Wohnlösung kreuzten sich unerquicklich

Jetzt also freuen wir uns über unsere eigene Hochetage, auch wenn sie vor allem ein großes Bett ist. Aber so eine urbane Raumwunderlösung hat auch ihre Tücken. Vorgestern nämlich ist mein Smartphone von dort oben runtergefallen. Wie auch immer es geschehen konnte, es kam zu dieser Verkettung unglücklicher Umstände, die unweigerlich das worst-case-Szenario herbeiführte. Die Schicksale von urbanem Arbeitsgerät und urbaner Wohnlösung kreuzten sich unerquicklich. Das intelligente Telefon rutschte mit Display voran zwischen dem Geländer hindurch und ein kurzer, völlig unangemessen leiser Knall kündigte seine Landung auf dem harten Fußboden an. Das Display war zerborsten, aber noch schlimmer sahen die wie mit schwarzer Tinte gefüllten Reste auf dem Bildschirm aus: Als hätte jemand das Nildelta bei Nacht auf mein Display projiziert, und leider war die ganze untere Hälfte das Nildelta. Also schwarz. Mit sanften, bunten Digitalstreifen durchzogen. Ich konnte es nicht fassen und versuchte fieberhaft, die letzten Chats noch einmal zu lesen, die ich als nächstes hätte beantworten wollen. Immerhin funktioniert der Touchscreen noch! jubelte ich. Aber wem nützt das schon, wenn eine Hälfte des Spielfelds unkenntlich schwarz bleibt? Durch das jahrelang eingeübte blinde Eintippen meines sechs-stelligen Codes konnte ich das Telefon immerhin im Handumdrehen entsperren. Also kann es auch nicht so schwer sein, eine Nachricht zu versenden, frohlockte ich.

Unsere urbane Raumlösung hat mich vermutlich ins soziale Abseits katapultiert

Da war nämlich dieser Elternsprecherchat aus der Jül-Klasse, den musste ich noch unbedingt beantworten! Ich lese: „Wer kann am Dienstag zur Gesamtelternversammlung gehen?“ „Ich nicht!“ „Ich leider auch nicht, sorry.“ (Wir sind wirklich zu viert!) Aber ich kann. Ich muss diese 2 Worte bloß irgendwie auf das Display phantasieren. Es geht bestimmt! Also bemühe ich mich, wo war noch das i und wo das k? Gott sei Dank gibt es diese automatische Worterkennung, da brauche ich nicht alle Buchstaben. Aber immer wieder erscheinen die falschen Buchstaben im Textfeld. Ich suche die Löschtaste, natürlich ist auch die im schwarzen Nildelta verschwunden. Irgendwann habe ich es geschafft, und zwar die beiden Worte: ich geh ! Ich drücke den imaginierten Sendebutton. (Dass all das überhaupt möglich ist nach einem 2,50-Meter-Sturz!)

Es scheint zu klappen, die obere Hälfte zeigt mir eine abgeschickte Nachricht. Aber dann scrolle ich durch das Nachrichtenfeld und sehe, was ich da gerade abgeschickt habe. Wirklich unglaublich, was mein kaputtes Display da macht. Unsere urbane Raumlösung hat mich vermutlich ins soziale Abseits katapultiert. Ich sehe also meine Nachricht:

Und

 

M

 

Ö

 

U

 

U

 

Umm

 

Ich geh !

Im Grunde eine clevere Lösung: Schlafen im Arbeitszimmer.

Extinction Rebellion – Gedanken zum Ausnahmezustand in Berlin

Berlin, Klimaschutz, Solidarische Politik, Stadt & Architektur

Seit Tagen legen Protestierende von Extinction Rebellion die Stadt lahm. Die bunten Aktionen rufen Erinnerungen an den Uni-Streik von 2004 wach, als die ganze Stadt mit einem kreativen Kampf gegen Studiengebühren bespielt wurde. Vom Spreebaden über das Abseilen vom Willy-Brandt-Haus bis hin zum Wegtragenlassen aus Senatorenbüros war damals alles geboten – wir waren hier, wir waren laut, weil man uns die Bildung klaut. Die Ideen und sicher auch einige Protagonisten von damals leben im friedlichen Blokadeprotest fort. Ob occupy oder Hambacher Forst, Seebrücke oder G8-Gipfel: Die Bewegung lebt, sie ist hier und sie ist laut.

Unvorbereitet und naiv setzte ich mich ins Auto

Es gab allerdings einen Moment am gestrigen Tag, an dem ich den Aktionismus von Extinction Rebellion zutiefst mißbilligt habe. Es war kurz nach der Entscheidung, mich von den Blockierern aus gesehen auf die falsche Seite zu begeben. Ich saß nämlich im Auto, mit dem ich meine Tochter weggebracht hatte, und wollte zurück nach Kreuzberg. In meinen Kiez. Unvorbereitet und naiv, muss ich zugeben, denn wie sonst hätte ich gestern das Auto nehmen können? Ich nehme innerstädtisch selten das Auto, ständig steht es herum und nimmt öffentlichen Raum zum Parken weg. Wer die Verkehrslage rund um Moritz- und Oranienplatz kennt, weiß, warum das Auto hier besser steht als fährt: In den letzten Jahren hat sich die Verkehrsdichte verdoppelt. Und trotzdem bestehe ich auf das individuelle Fahren, wenn es die Situation verlangt. Etwa, wenn meine kranken Kinder zum Kinderarzt müssen, wenn meine kniekranke Mutter zu Besuch kommt oder schwere Lasten bewegt werden. Dann ist es ungemein praktisch, sich nicht in den überfüllten Untergrund der Stadt begeben zu müssen, sondern ein Auto zu haben. Das Radio einzuschalten. Loszufahren. Sicher, es ist ein Privileg, denn nicht nur Benzin und Unterhalt, auch Reparatur und Wartung verschlingen Unmengen an Geld, das man bereit sein muss, für die ausgewählten Momente der Freiheit hinzublättern. Übrigens auch für das Privileg, sein privates Chaos im Auto zu hinterlassen, oder sogar: Schwimmzeug und warme Jacken immer parat zu haben. Dieser kleine, unvernünftige Luxus ist für mich unverzichtbar. Und obwohl ich mit der Klimabewegung sympathisiere, kann ich nicht anders. Denn es gibt auch Argumente, die für den Individualverkehr sprechen: Gerade für kranke und alte Menschen, die aus physischen oder psychischen Gründen nur schwer in U- und S-Bahn-Wägen hinein gelangen, ist die Radikalität der Verkehrswende-Aktivisten unbegreiflich. Meiner 89-jährigen Oma ist es kaum zuzumuten, auf Rad oder Tretroller zu ihren Arztterminen zu fahren.

Jannowitzbrücke und Oberbaumbrücke blockiert

Aber zurück zum Tag gestern. Nun hatte ich also das Auto gewählt, und so stand ich gestern um 17:00 Uhr in der Rudi-Dutschke-Straße Richtung Osten, eingeklemmt zwischen hundert anderen Autos, deren Fahrer entnervt die Hupen drückten und ab und zu unvermittelt ihr Fahrzeug wendeten und mit quietschenden Reifen in Gegenrichtung davonbrausten. Eine solche Lösung kam für mich nicht in Frage – ich musste nach Hause. Was sich als unmöglich herausstellte: Die Jannowitzbrücke und die Oberbaumbrücke wurden gerade blockiert, informierte mich das Radio, ganz Kreuzberg sei dicht. Ich schmunzelte und gratulierte innerlich der Bewegung, dass sie solch wichtige Orte besetzt hielt. Nach einer halben Stunde und 50 gekrochenen Metern weiter, kurz vor der Kreuzung Oranienstraße Ecke Lindenstraße, freute ich mich noch für den Erfolg der Blockierer, auch wenn ich Verständnis für die anderen gefangenen Autofahrer hatte, deren Nerven blank lagen. Vielleicht hatten sie einen dringenden Termin, und jetzt saßen sie hier fest, natürlich wächst bei ihnen die Wut auf herumsitzende Straßenblockierer und der Zorn entlädt sich wenigstens in Schimpftiraden auf Radfahrende.

1:0 für Extinction Rebellion, frohlockte die Klimaschützerin in mir

Der Verkehr in Richtung Moritzplatz war vollständig zum Erliegen gekommen, Busse mussten umkehren. Ich entschied kurzerhand, statt weiter im Chaos zu stehen, mein Auto in der Ritterstraße stehen zu lassen, um zu Fuß weiterzukommen. Eins zu null für Extinction Rebellion, frohlockte die Klimaschützerin in mir. Ich überquerte die hübschen Hinterhöfe der Wohnanlage Ritterstraße-Nord, ein wunderschönes Relikt aus einer experimentierfreudigen Stadtentwicklungsphase in den 1980er Jahren. Welch schöne Nebeneffekte so ein Spaziergang doch haben kann. Doch dann gelangte ich wieder an die vollgestopfte Oranienstraße, die Autos wie Wasser bei einer Überschwemmung in die Seitenstraßen drückte, allerdings in Zeitlupe. Überall brummten und qualmten die wartenden Blechkisten. Die Luft war grau und stickig, etwa wie in Santiago de Chile an einem versmogten Wintertag.

Mein Verständnis schmolz mit jedem Schritt, den ich in der abgasverseuchten Luft tat, dahin

Mein Verständnis für die Blockaden schmolz mit jedem Schritt, den ich in der abgasverseuchten Luft tat, dahin: Das also soll das Ergebnis der Aktion sein? Die Stadt wird noch mehr verpestet, niemand kann mehr atmen, meine Kinder kriegen Asthma. Weil gefühlte 10.000 qualmende und brummende Autos in sämtlichen Straßen von Kreuzberg mit laufenden Motoren herumstehen. Schon klar: Genau dieses Dilemma zu produzieren ist der Punkt der Aktion. Seht her, das richten eure stinkenden Blechkisten an! Zu dem Preis, dass noch viel mehr von dem giftigen Zeug verbrannt wird als sonst und die Umwelt schädigt. Aber warum blockieren diese Protestler ausgerechnet hier die Kreuzungen, schießt es meinem Kreuzberger Ich durch den Kopf. Können die nicht einmal nach Zehlendorf gehen? Oder Wilmersdorf? Nein, es muss immer Friedrichshain-Kreuzberg sein, grollt es in mir, als ich den Moritzplatz erreiche, an dem die Autofahrer*innen ihre Karren besser stehen lassen würden, statt weiter darauf zu warten, dass irgendwo ein Knoten platzt.

Können die nicht mal den Ku’damm lahm legen, denke ich genervt.

Ich steige in die U-Bahn und fahre nach Charlottenburg, dort bin ich mit meinem Mann im „est.“ verabredet (empfehlenswert: japanische und südamerikanische Fusionsküche!). Am Ku’damm. Können die nicht mal den Ku’damm lahmlegen, denke ich genervt. Bei den Wohlhabenden und Kosumierenden der Luxusmeile bringt’s doch viel mehr als im abgehängten Kreuzberg. Denn entgegen aller Mietspiegel wohnen hier natürlich noch die meisten Transferbezieher*innen und viel mehr arme Kinder als in den reichen Westbezirken, vom Migrationsanteil ganz zu schweigen. Aber nein, in Wilmersdorf und Charlottenburg will keiner demonstrieren, da gibt es auch nichts Bezahlbares zu essen und die WG ist so weit weg, man kennt das ja noch. Am 1. Mai habe ich früher jedes Jahr den Kopf über all die zerschlagenen Scheiben in Kreuzberg geschüttelt: Warum muss man ausgerechnet sein eigenes Quartier so leiden lassen? Wo die Menschen doch schon das ganze Jahr den Müll und Dreck ertragen müssen und es Monate dauert, bis die Scheiben der Bushaltestelle wieder eingesetzt werden. So ähnlich fühlt sich das mit der Verkehrsblockade an: Als Transitbezirk sind wir Kreuzberger*innen sowieso schon maximal belastet, und dann tut uns Extinction Rebellion das an. Soviel CO2 wie in den wenigen Stunden gestern hat der Bezirk vermutlich in zwei Monaten nicht geatmet. Nein, die Kreuzbergerin in mir glaubt keinesfalls an ein 1:0 für die Bewegung.

Eine tolle Party für den Klimaschutz vor dem Café Kranzler, mit Blick auf die Gedächtniskirche. Neugierig geselle ich mich dazu

Ich steige am Bahnhof Zoo aus dem Untergrund aus, Ausgang Hardenbergstraße, Ecke Joachimsthaler. Und ich traue meinen Augen kaum: Die Joachimsthaler Straße ist gesperrt! Ich gehe weiter, vorbei an urbanen Discountboutiquen wie Primark. Am Ende der Straße sehe ich sie: Extinction Rebellion blockieren den Ku’damm. Mir fällt ein Stein der Erleichterung vom Herzen. Ich hatte vorschnell gegrollt. Es werden große Seifenblasen in die Luft geschleudert, elektronische Musik lädt zum Tanzen ein. Eine tolle Party für den Klimaschutz vor dem Café Kranzler, mit Blick auf die Gedächtniskirche. Neugierig geselle ich mich dazu. So bequem sind sie gar nicht, die Blockierer*innen, denke ich besänftigt. Sie zeigen auch den Charlottenburger*innen, was die Freiheit des Fußgängers bedeuten kann. Na gut, ihr habt doch gewonnen, denkt die Kreuzbergerin in mir, zumindest für heute.

#extinctionrebellion #klimastreik

Eribons Präsident. Eine Diskussion mit Didier Eribon und Edouard Louis in der Paul-Simon-Galerie über Macron

Allgemein, Berlin, Solidarische Politik, Stadt & Architektur

Im Rahmen des Literaturfestes wollte ich unbedingt Didier Eribon und Edouard Louis hören, die erfolgreichen französischen Autoren der Stunde. Das Buch „Das Ende von Eddie“ hatte ich gerade gelesen, und Eribons „Rückkehr nach Reims“ vor Jahren, beide werden in Berlin inzwischen am Theater gehypt. Die Veranstaltung fand am 19.9.2019 in der Paul-Simon-Galerie statt.

Zwar war mir schon die unerbittliche Haltung Eribons gegenüber seinem Vater in „Rückkehr nach Reims“ negativ aufgefallen. Offenbar hatte der ihm seine kleinbürgerliche Homophobie nie verzeihen können, auch nicht als Greis, und das fand ich klein, auf undurchsichtige Weise eitel – aber was diese Haltung, die dahinter steckte, dem Abend bringen würde, das sprengte doch meine Vorstellungskraft. Edouard Louis hingegen hatte mich beeindruckt durch seinen Mut zur Schonungslosigkeit in seiner autobiographischen Erzählung über das Ende von Eddie. Die räumlichen und sozialen Verhältnisse seiner Biographie entstehen grau und trist vor dem inneren Auge, seine Herkunft aus dem proletarischen Milieu in Nordfrankreich schildert er genauso ehrlich wie seine Not, seine Erniedrigung, seine Sehnsucht. Im Gegensatz zu Eribon erschien mir Louis auf erfrischende Weise uneitel.

So brilliant ihnen die Selbstbespiegelung in Romanform gelingt, so schlecht funktioniert diese als Methode zur politischen Analyse.

Nun war aber das Thema des Abends nicht das literarische Comingout homosexueller Aufsteiger (Eribon ist Soziologieprofessor) oder Studenten (Louis ist Mitte zwanzig), sondern Frankreich unter Macron. Und das war leider ein Verhängnis für die Schriftsteller im Auditorium der Paul-Simon-Galerie. Denn so brilliant ihnen die Selbstbespiegelung in Romanform gelingt, so schlecht funktioniert Selbstbespiegelung als Methode zur politischen Analyse. Mitdiskutant war der Autor Geoffroy de Lagasnerie, der ein wenig herausstach an diesem Abend.

Der Saal war ausverkauft, mehr als 400 Plätze besetzt. Übrigens ein eleganter Ort von außen, dieser neue Eingang zum Pergamonmuseum, aber das Auditorium erinnert sehr an einen Luftschutzbunker, aufgebaut wie ein Hörsaal, Sichtbeton ringsum, graue Tristesse. Die physische Beschaffenheit des Gebäudes stand symbolisch für den Abend: Die weißen Stelen der Paul-Simon-Galerie korrespondieren draußen klug und gewitzt mit den antiken Säulen der Museumsinsel, ihr Versprechen ist nicht mehr und nicht weniger als eine stilistische Brücke zwischen dem 21. und dem 18. Jahrhundert zu schlagen. Innen angekommen erweist sich die moderne Architektur ähnlich wie das politische Denken der französischen Literaten als Enttäuschung – Ideenlosigkeit und graue Betonplatten soweit das Auge reicht.

Bourgois und violant – die Worte des Abends

Im Grunde war das Desaster also vorprogrammiert. Erinnern wir uns an Eribons Aufruf, dass Macron nicht sein Präsident sei und auch in der Stichwahl gegen Marine Le Pen unwählbar bleibe. Schon damals befremdete mich die fehlende Besonnenheit, die ich von einem Intellektuellen erwarte. Und tatsächlich, Eribon wetterte gleich los, dieser Macron sei nicht jung, sondern alt, und alles, was er tue und wie er sich bewege sei bourgeois durch und durch. „Bourgeois“ ist das meistgenannte Wort des Abends, neben „violant“, gewalttätig. Macrons Gewalt würde hingenommen, so Eribon, während er selbst eine aristokratische Performance hinlege, die das Publikum blende. Die Polizeigewalt und Gewalt gegen die Gilles jaunes, die Gelbwesten, würde niemand thematisieren, aber Macron tötet, so die Meinung des Soziologen. Die Kahlschlagpolitik des Präsidenten, das sei auch Gewalt, es gebe in Frankreich keine Demokratie mehr, denn vor lauter Poizeigewalt traue er sich nicht mehr, zu demonstrieren.

Louis kann ihm nur zustimmen, gemeinsam reden sie sich in Rage: Macron tötet, weil er das medizinische System ruiniere, er tötet, weil er Flüchtlingscamps räumen lässt. Angela Merkel hingegen wird von Louis zur Ikone glorifiziert, die in einem Europa des Schreckens Menschenleben rettet – Kinder von Geflüchteten werden Angela genannt, so Louis mit einem Seitenhieb auf den tötenden Präsidenten Macron. (Aber mit deutscher Politik kenne er sich nicht gut aus, räumt er Gott sei Dank ein). Nein, die Autoren können diesem Bourgeois Macron nur Abscheu entgegenbringen, das wird deutlich. Er ist der kalte Kahlschlag-Macron in den schicken Anzügen, der sich wie ein König gibt, dazu gibt es keine Gegenrede. Über Macrons Einlenken was die geplanten Kürzungen betrifft, über seinen Dialog mit den Gelbwesten, über sein Vorpreschen für Europa gibt es hier nichts zu hören.

Cohn-Bendit ins Gesicht spucken

Louis mag man seine Rage verzeihen, er ist jung, er hat seine sehr linken Ideale noch nicht mit dem Pfund des demokratischen Aushandelns abgewogen. Eribon aber stünde eine sachliche Kritik besser zu Gesicht: Als gutverdienender Professor und Buchautor hackt er auf der Bourgeoisie herum und biedert sich den jungen Schriftstellern und den Gelbwesten an. Und als Opfer von Macrons „Kahlschlagpolitik“ ist seine Wut allzu selbstverliebt, am liebsten möchte man ihm zurufen: Es sind deine Pensionen, die Macron kürzen will! Und es ist dein Renteneintrittsalter, das erhöht werden soll! Du sollst den Gürtel enger schnallen, zugunsten der jungen Generation, die neben dir sitzt! Darum geht es! Stattdessen dürfen sich da vorn drei Macronhasser ungebremst in Rage reden, Europa verteufeln und den Einsatz von Tränengas als diktatorisches Mittel und Mordinstrument brandmarken. Wer am selben Tag eine Reportage über die jahrelang weggesperrten russischen Demonstranten gelesen hat, kann nur staunen.

Die Moderatorin war auf die Plattitüden schlecht vorbereitet, sie intervenierte kaum, ließ die unsachlichen Tiraden über dem Publikum ergehen, bis dieses nach einer Stunde endlich in die Diskussion eingeladen wurde. Die erste Frage war zwangsläufig die nach der Ausgewogenheit der Diskussion, warum gab es keine Diskussion über Macron? Eribons lapidare Antwort: Er diskutiere nicht mit Leuten, die für Macron sind. Das verächtliche Schnauben im Publikum demonstrierte aufgestaute Unzufriedenheit im Saal, und die Anschlussfrage, ob er auch nicht mit Daniel Cohn-Bendit diskutiere, wies Eribon von sich: Dem würde er „ins Gesicht spucken“.

Ihr Zorn von links erinnert zu sehr an den Zorn von rechts

Mit dieser pubertären Aussage reichte es mir. Ich erhob mich und verließ den Saal, weil ich die ungebremste Aggression nicht mehr aushielt. Ich blickte in die fassungslosen bis belustigten Gesichter der anderen, als ich von vorne bis nach oben die Reihen passierte, nahm Kopfschütteln über die Veranstaltung wahr. Schade. Ich hatte mich gefreut auf die Franzosen, aber die Erkenntnis des Abends war, dass sie nicht ernstzunehmen sind. Ihr Zorn von links erinnert zu sehr an den Zorn von rechts. Und das Argument, die politische Rechte – wir nennen sie Konservative – würde das rechtsextreme Aufbegehren zu ihren Gunsten ausschlachten, das ist so sehr Weimarer Republik, dass mir echt schlecht wird.

Beim Durchstörbern meines Schreibtisches fiel mir später ein Leserbrief in die Hände, den ich vor fast zwei Jahren an die Süddeutsche Zeitung geschrieben haben musste, nachdem ich darin einen Artikel von Didier Eribon gelesen hatte. Ich musste schmunzeln, weil er meine Gedanken von heute Abend vorwegnahm.

Zu: SZ vom 10.10.2017 „Das ist nicht mein Präsident“ von Didier Eribon

Lieber Herr Eribon,

bei aller Sympathie für linke Politik – Ihre Argumente laufen ins Leere! Denn die Beispiele, die Sie für Macrons Kahlschlagpolitik nennen, sind allesamt auf diejenigen mit den dicksten Bäuchen bezogen: Pensionäre, Beamte und Hochschullehrer. Ich sehe nicht, warum in Zeiten des demograhpischen Wandels die Generation der Sattesten geschont werden soll, ferner sehe ich nicht, warum das Beamtentum in Frankreich nicht den Gürtel enger schnallen sollte. Hier wird Ihr Stand getroffen, sicherlich, aber die Ärmsten der Armen werden in dieses Jammern auf hohem Niveau nicht einbozogen. Und rassistische Polizisten können Sie nicht Macron persönlich anlasten. Nein, Ihre Argumente klingen wie ein Gebet aus dem letzten Jahrhundert, das verzewifelt an den Privilegien des Status quo festhalten will. Sie liefern damit leider das Wasser auf die Mühlen derer, die die nötigen Einschnitte populistisch ausschlachten werden. Das ist schade.

Inga Haese