Provinz und Charisma. Frauenbündnisse gegen alte Strukturen!

Allgemein, Arbeit, LandLeben

Am 30.11.2018 hielt Dr. Inga Haese einen Vortrag im Rahmen der Veranstaltung F wie Feiern in Großhennersdorf, Görlitz. Für alle, die ihr Nachdenken über Provinz und Charisma live verpasst haben, gibt es hier die schriftliche Version:

Provinz und Charisma. Frauenbündnisse gegen alte Strukturen!

 

„Was sonst können wir tun, als „feminine“ Praktiken zu etablieren – Kollaboration, Dialog, Horizontalität statt Wettbewerb, Hierarchie, Profitmaximierung – wenn unser Ziel die Vertiefung von demokratischer und emanzipatorischer Politik ist?“

Viel Spaß beim Lesen.

 

Morgens an den Butzke-Werken. Eine kurze Geschichte über den Zusammenprall urbaner Welten

Arbeit, Stadt & Architektur

Die Werkstatt macht um 9:00 Uhr auf. In der Lobeckstraße gibt es sie noch, die Anzeichen der Butzke-Werke, die alte Fabrik und den Autoschrauber, der auch TÜV abnimmt. Nebenan eine Tankstelle. Alles Zeichen einer Zeit, als es leer war um den Moritzplatz, als es noch keine Design-Academy gab, kein Aufbauhaus, kein Just Music. Und auch keine Work-Spaces und Labs in den Hallen der ehemaligen Butzke-Werke. Zuletzt wurde das Gelände von Robben und Wientjes verkauft, nebenan, Ecke Ritterstraße. Auf dem Grundstück liegen die kläglichen Reste, zusammengebrochen auf einem Haufen, die Reste einer Zeit, in der West-Berliner Studenten aus dem Nichts Imperien aufbauen konnten, die heute Millionen einbringen. Vermutlich wird es hier bald nicht mehr so viele Tankstellen geben, es wird ein neuer Hotel- und Einkaufstempel entstehen.

 

„In Istanbul würde ich keine Wohnung wollen, noch nicht mal geschenkt!“

 

Ich warte auf den alten Schlosser, der mein Auto begutachtet. Er kommt, im Blaumann mit reichlich Ölflecken. Berliner Schnauze, verschmitztes Lächeln, Michael-Müller-Gesicht. Ich solle das Auto irgendwo parken, aber bitte nicht in Potsdam: „Viel Glück beim Suchen“. Ein Mann, der mit mir wartet, ist mit seinem VW Touran extra aus dem Wedding hierher gefahren. Auf Empfehlung. Er trägt einen gepflegten, schwarzen Bart, ist etwa Mitte 40. Spricht mit einem türkischen Einschlag. Er hat freundliche, dunkle Augen. Wir ärgern uns gemeinsam über die Verkehrssituation in Berlin, wird jedes Jahr schlimmer, stimmen wir uns zu. Er hat eine Stunde gebraucht aus dem Wedding hierher, obwohl er alle Schleichwege kennt. Ich pflichte ihm bei, brauchte heute für 100 Meter zehn Minuten. Aber ob ich schon einmal in der Türkei war, fragt er. Ich bedaure. Er lacht. Im Vergleich zu Istanbul ist hier alles geordnet. Istanbul findet er schrecklich, diese riesen Stadt, 16 Millionen Einwohner! Einmal stand er ganze 7 Stunden im Stau, weil er die Bosporus-Brücke überqueren wollte, so ein heilloses Chaos herrsche dort. Selbst wenn ihm jemand eine Wohnung dort schenken wollte, er würde sie nicht nehmen, noch nicht einmal ein Haus!

 

Früher sind sie zur Fabrik gegangen und sahen alle gleich aus. Heute gehen sie in die Fabrik und tragen andere Uniformen

 

Er ist jetzt dran mit seinem Touran. Ich warte. Mir fallen die Trägerinnen von Einweg-Kaffeebechern auf, die in regelmäßigen Abständen meinen Warteplatz kreuzen, in Richtung der alten Butzke-Werke. Mir fallen auf: junge Mädchen, dünne, mit Blümchen bedruckte Röcke zu Leggins und hellen Sneakers, wildgemusterte, weite Blusonjacken, dazu gelbe Haarbänder, Sonnenbrillen trotz Oktober, und 70er-Jahre Handtaschen. Kopfhörer, überall Kopfhörer und mittelgroße Bildschirme in den Händen. Auch jungsche Männer in engen Jeans mit androgynen Frisuren. Auch: Junge Männer in unauffälligen Jeans und Pullovern mit stinknormalen Kurzhaarschnitten. Auffällig: Die Jungs kommen eher in Horden, die Mädchen allein. Düsen auf ihren Peugeot-Rädern an mir vorbei mit viel Rouge auf den Wangen. Ich denke: Früher sind sie zur Fabrik gegangen und sahen alle gleich aus. Heute gehen sie in die Fabrik und tragen andere Uniformen, besonders die Frauen drücken ihre Individualität durch auffällige Kleidung aus. Was hat sich eigentlich an ihrem gesellschaftlichen Status geändert? An meinem? Das postpostmoderne Proletariat arbeitet in Fabriklofts: Co-Working-Spaces, Labs oder factories. Kreativ, aber prekär. Boltanski und Chiapello lassen grüßen. Was ist eigentlich, wenn sie älter werden? Familien haben? Krank werden? Solche Menschen sehe ich kaum noch am Moritzplatz um 9 Uhr.

 

Smart und vernetzt, daneben mein dreckiger VW

 

Das kreative Proletariat ist jung und schick, vernetzt, online, smart, mobil, flexibel. Mein Auto, der alte VW, der gerade in die Werkstatt rollt: Das krasse Gegenteil zu ihrer Welt, ein stinkender, öliger Verbrennungsmotor, dreckig und alt, die Werkstatt ein Hort von Schmutz und Benzingestank. Alte Arbeitswelt trifft auf kreatives Proletariat. Und ich sehe: Saubere Arbeit trifft auf schmutzige, ich denke an den Hambacher Forst, welche Arbeit ist eigentlich sauberer? Die am Verbrennungsmotor, der unser Klima ruiniert, oder die am Laptop und Smartphone, vernetzt und mobil, für die all die Braunkohle verbrannt werden muss und Wälder gerodet? So sauber ist sie dann doch nicht, die kreative Arbeit. Es ist kompliziert.

Was ist eigentlich, wenn die jungen Smarten von heute später auch mal eine Werkstatt brauchen, im übertragenen Sinne? Einen Hort? Einen Zufluchtsort? Haben wir dafür eigentlich vorgesorgt? Aber dann fällt mir wieder Istanbul ein. Und ich muss lächeln.

Sommer in Südtirol. Ein Reisebericht für Familien, Wanderer und Weinkenner

Allgemein, LandLeben

Habt ihr das Einkommen auch nicht so locker sitzen, als dass der Sommerurlaub euch in transatlantische Fernen führt? Willkommen in meiner Welt, in der es dank kleinem Reisebudget immer klimafreundlich zugeht.

Während andere nach Thailand, Lanzarote oder Bali fliegen, ziehe ich es vor, im Februar die Familienangebote von Pauschalreiseanbietern zu durchforsten, damit wir im Sommer eine entspannte Wanderwoche in den Alpen verbringen können. Vor fünf Jahren fragte ich mich noch, ob wir als vierköpfige Familie etwas Biedereres in Angriff nehmen können als ein Hotel mit Halbpension zu buchen, so praktisch wie altbacken klang die Idee. Doch dann reisten wir in die Pinzgauer Alpen, fanden im Anschluss an die behagliche Hotelwoche in einer Almhütte Unterschlupf und ließen uns von der Wanderlust anstecken. Mit zwei kleinen Kindern sind Wanderurlaube im Hotel unschlagbar: Erstens sind wir den ganzen Tag in der alpinen Wildnis unterwegs, zweitens kommt morgens und abends das Essen auf den Tisch, ohne dass ein elterlicher Finger gerührt werden muss, und drittens muss niemand ewig an Supermarktkassen anstehen. Wer Kinder hat, weiß diese Vorteile sehr zu schätzen.

Unser Startpunkt: Lüsen bei Brixen

Unser vierter  Wanderurlaub in Folge zog uns in diesem Jahr nach Südtirol. Es war Zufall, dass wir uns die Dolomiten hinter Brixen als Reiseziel vornahmen – alles eine Frage der Recherche, welches Hotel zu einem guten Preis weder an einer Talsperre noch unter einer Autobahnbrücke liegt. Alles schon bei Googlemaps vorgefunden und aussortiert. Diesen Zeitaufwand sollte man bei Pauschalangeboten stets betreiben, um nicht enttäuscht am Urlaubsziel anzukommen und sein Budget in schlechter Laune zu versenken.

Wir beziehen also ein irre gemütliches, rustikales Familienzimmer im Dörfchen Lüsen, mitten in den Bergen, am Talende und auf knapp 1000 Höhenmetern gelegen. Tatsächlich findet man hier Natur pur und die Städterin in mir den ersehnten Gegenpol zum lauten, abgasverseuchten Alltag. Im Hotel weist man uns den Weg zum dorfeigenen Badesee, für den wir keinen Eintritt zahlen (denn wie sich herausstellt sind alle Hoteliers untereinander verwandt, natürlich auch mit dem Präsidenten des Tourismusvereins in Lüsen) und der einmalig schön ist, hergerichtet mit Rutsche und Terrassen und einem Rasen, der so grün ist, als hätte noch kein Lüsener im Juli je seine Füße darauf gesetzt. Der ganze Spaß bei angenehmen 28 Grad Außentemperatur – während unten in Brixen bei 36 Grad geschwitzt wird.

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Die Kinder staunen über die peinlichst sauberen öffentlichen Spielorte, alles niegelnagelneu, selbst der Fußballplatz. Dorthin verziehen sie sich sogleich, mit den Dorfjungs kicken. Praktisch, dass alle deutsch verstehen, aber Fußball ist für die Kids einfach Völkerverständigungssport Nummer eins. Im Hotel gibt es abends ein Südtiroler 4-Gänge-Menü, für alle ist das Passende dabei: kulinarische Anklänge aus Italien verschmelzen mit österreichisch-deftiger Kost. Dazu Südtiroler Weißwein, speziell der Gewürztraminer schmeckt nach Süden, Urlaub und Muskat. Als Willkommensgruß gibt es einen Aperol-Sprizz aufs Haus.

Die Lüsener Alm

Am nächsten Tag heißt es Wanderschuhe rausholen. Auf geht’s zum Parkplatz Zumis, der bereits auf 1730 Metern liegt – für die Faulpelze unter uns sowie die Kleinsten ein idealer Startpunkt, um die Lüsener Alm zu bewandern. Die lockt mit Kühen und Pferden auf den Wegen sowie einem Schöpfungsspaziergang, dessen rätselhafte Kunstwerke die Kinder auf den sieben Station erheitern. Vom Plateau aus, das zur Rastnerhütte führt, sind die atemberaubenden Gipfel der Dolomiten zu bewundern, deren zerklüftetes Panorama massiv und verspielt zugleich am Horizont hervorragt. Reinhold Messner hat über diese Berge gesagt, es seien die schönsten der Welt – und er muss es schließlich wissen.

 

Allerdings ist der Preis für die gerühmte Schönheit der Dolomiten auch ihre Anziehungskraft auf Touristen: Hier gibt es kaum einsame Wanderwege, wir geraten zwischen Reisegruppen, hochausgerüstete Rentner, modisch aufeinander abgestimmte Familien in sündhaftteurer Funktionskleidung. Nordic-Walking-Stöcke klappern und E-Bikes rattern uns entgegen. Die Einsamkeit der Berge, wie wir sie etwa im Pinzgau fanden, ist jenseits von Brixen nicht zu haben – sogar wildpinkeln geht nicht.

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Der Zirbelkieferweg

Aber ist das ein Wunder, bei der astreinen Versorgungslage auf den südtiroler Almhütten und dieser fantastischen Aussicht? Am zweiten Tag probiere ich auf der Schatzerhütte gegenüber vom Peitler Kofel die hausgemachten Kasnocken, und ich falle beinah in Ohnmacht vor Wonne über dieses Südtiroler Gericht! Mit Bergkäse gerollte Knödel, darüber Parmesan gestreut und mit zerlassener Butter beträufelt – eine bessere Rast kann eine Wandersfrau einfach nicht bekommen. Auch meine Familie ist begeistert, Kasnocke ist unser neues Lieblingswort.

Wir bewandern den Zirbelkiefernweg, ein ausgemacht schöner Wanderrundweg mit Panoramablick direkt auf die Puez-Geisler-Gruppe. Die abfallenden Berghänge werden hier von den Bauern noch von Hand gemäht, sehr alte und weniger alte Männer wie Frauen schwingen ihre Sensen und lassen riesige Heubündel zur Seite fallen.

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Wir fühlen uns zurückversetzt in ein anderes Jahrhundert, hier oben auf den Almen, mit Blick auf den Gipfel des zum Greifen nah erscheinenden Peitler Kofels. Bis das Handy meines Mannes klingelt. Wir sind entsetzt, jäh wird unsere Naturidylle auf den Boden des 21. Jahrhunderts zurückgeholt. Selbst in den Dolomiten kann sich heute niemand mehr damit herausreden, er habe keinen Empfang gehabt.

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Zurück im Zirbelkiefernwald atmen wir den wohltuenden Duft der Zirbelkiefer ein, einem südtiroler Wahrzeichen und Exportschlager. Sogar meine Nachbarin in Kreuzberg schwört auf ihr mit Zirbelkiefernspänen gefülltes Kopfkissen, denn die ätherischen Öle dieses Baumes sollen eine entspannende und beruhigende Wirkung auf den Schlaf haben und damit eine gesundheitsfördernde Wirkung.

Im Villnösstal

Am nächsten Tag lassen wir die Telefone ausgeschaltet. Der Besuch eines Dorffestes im Nachbartal Villnöss beweist uns dann wieder, wie in Südtirol Tradition und Fortschritt zueinander passen, denn vor allem geht es den Menschen hier wirtschaftlich gut, was nicht nur die akkurat gemähten Wiesen und 1a-Fußballplätze anzeigen. Auch die Trachtenmode der Dorfkinder zeugt von Wohlstand, der Heimatverein und die Blaskapelle sowie die Hüpfburg des Sportvereins und die aufgebauten Trampoline zeigen, dass die alpinen Dorfbewohner den Städtern in nichts nachstehen, außer dass keine gesellschaftlichen Minderheiten sichtbar sind. Andererseits verbindet die Trachtenmode über alle Grenzen hinweg, egal ob italienische oder österreichische Zugehörigkeit praktiziert wird oder eine andere Hautfarbe im Spiel ist. Wobei die jüngere Generation eher italienisch spricht, während es die Älteren sind, die ihre deutsche Sprache pflegen.

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Anders lautet die Diagnose vom Hüttenwirt der Dussleralm: Das Leben auf der Alm hat mit den ausgestellten Almidyllen von Einst nichts mehr zu tun, denn die Almkühe sowie Hütte und Wiesen werden von einzelnen Großbauern im Sommer nur noch verpachtet. Jeden Tag muss der Pächter jedes seiner Tiere zusammensuchen, um ihre Gesundheit zu kontrollieren, ihre Hufe, und sie zu melken. Bei dem Radius des Geländes, das die Tiere durchstreifen, keine leichte Aufgabe. Der Pächter ist ein braungebrannter, schlanker Mann vom Typ asketischer Marathonläufer, er trägt das dunkle Haar kurz geschoren und lächelt breit über die Unwissenheit von uns Städtern. Almabtrieb, winkt er auf unsere Nachfrage ab, wird nur noch für die Touristen inszeniert. In Wirklichkeit sind fast alle Kühe schon längst unten im Tal, wenn da noch einige geschmückte Kühe als Fotomotive von den Almen getrieben werden. Des Geldes wegen hält keiner hier die Kühe, meint er, es gehöre eine Portion Idealismus dazu. Er ist zum dritten Mal hier, weil es für die Familie schön sei, den Sommer hier oben in der Natur zu verbringen, aber verdienen tut man nicht viel. Auf der Dussleralm bekochen die Wirtsfrau und die Töchter die Gäste, und da die meisten Wanderer die höhergelegene Geisleralm besuchen, ist die Dussleralm ein ruhiger Ort, dessen Stube heimelig und familiär ist – ein Geheimtipp am Wegesrand zum 2599 Meter hohen Campills, inklusive Spielplatz natürlich.

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Zurück im Eisack-Tal schlendern wir noch durch das Altstädtchen von Klausen – malerische Burgen und das sanfte, türkisfarbene Eisackwasser umrahmen die italienisch anmutenden Gassen mit ihren schmalen Sandsteinhäuschen.

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Feigenbäume und blühende Oleanderbüsche, hin und wieder eine Fächerpalme – bei soviel Schönheit, klösterlichen Kulturgütern und Weinbergen wundert es kaum noch, dass Südtirol im 20. Jahrhundert ein heiß umkämpfter Flecken Erde war.

Der Kalterer See – ein Ort, der alles hat

Die zweite Urlaubswoche führt uns mitten hinein in das Gebiet der Weinberge: An die Südtiroler Weinstraße, namentlich nach Kaltern und Tramin. Wir steigen um aufs Zelt und campen am Kalterer See, beeindruckt vom Panorama der umliegenden Berge mit ihren Weinterrassen, hinter denen die Dolomiten aufragen. Im Tal erstreckt sich der wärmste See der Alpen. Genauso fühlt er sich an, und gleich drei Strandbäder in der Nähe von Kaltern laden dazu ein, im Kalterer See zu baden. Das zum Campingplatz „Gretl am See“ gehörende Strandbad bietet noch einen Swimming Pool dazu und Schattenplätze und hohen Bäumen. Es ist nicht so überfüllt wie der „Seegarten“, aber teurer. Dafür kann man im „Seegarten“ von einer Insel ins Wasser hüpfen und die Anwohner nennen hier eine ganze Batterie altertümlicher Umkleidekabinen ihre eigenen. Sie sehen original so aus wie im Film „Gib dem Affen Zucker“, wo sich Adriano Celentano ungewollt mit Ornella Muti in einer Strandumkleidekabine wiederfand.

Als Zeltplatz wählen wir St. Josef aus, einen kleinen, überschaubaren Campingplatz am Südwestufer des Sees mit eigenem Badesteg. An den Rändern der Weinberge säumen Äpfel, Pfirsiche, Kiwis und jede Menge Feigen den Weg. In Tramin entdecken wir den sympathischsten Wirt Südtirols, als wir bei Familie Gampen in der Villa Raßlhof einkehren und die vielfältige Oleanderpracht des Hofes bewundern. Auf Holzbänken sitzen wir mit mehreren anderen Gästen an einem Tisch und lassen uns hauseigenen Wein mit Pasta und Kasnocken servieren. Zum Aufnehmen der Bestellung setzt sich der Wirt dazu und gibt die Empfehlung des Tages preis. Die gemütliche, familiäre Atmosphäre lädt zum Plaudern mit den Tischnachbarn ein und auch hier schmecken die „Tris“, die drei verschiedenen Knödelsorten Kasnocke, Kräuterknödel und Spinatknödel (vermutlich das bekannsteste Gericht Südtirols) wunderbar.

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Südtirol ist also unbedingt eine Reise wert, und obwohl wir eigentlich auf dem Weg an den Gardasee waren, blieben wir bis zum Ende des Urlaubs am Kalterer See. Denn schöner geht’s nicht und heiß genug war es sowieso – ein Ort also, der mehr als nur Strand und Sonne bietet. Wer der Hitze entfliehen möchte, erklimmt mit der Seilbahn oder per Passstraße die Berge. Ein lohnenswerter Trip geht übrigens noch nach Bozen. Für Grundschulkinder und Teenager ist ein Abstecher ins Ötzi-Museum zu empfehlen. Dort ist es zwar sehr voll und manch einen mag die Warteschlange abschrecken, jedoch ist die Ausstellung derart spannend und abenteuerlich aufbereitet, dass sich ein Besuch auf jeden Fall bezahlt macht. Danach spaziert man am besten über den sogenannten Obstplatz (italienisch Plaza de las Herbes), einer Art italienischem Naschmarkt auf südtiroler Art, und genißt einmal mehr das italienische Flair auf deutsch.

 

 

 

Papst Franziskus ein Mann seines Wortes Filmkritik

Film: Wim Wenders „Ein Mann seines Wortes“ über Papst Franziskus

Allgemein, FürSorge

Der letzte Wenders-Film, den ich gesehen habe, war „Himmel über Berlin“. Er berauschte im sommerlichen Freiluftkino alle Sinne – diese Anmut, Schönheit, Rauhheit der Stadt, der verliebte Engel. Danach war klar: Wim Wenders hat eine Schwäche für übersinnliche Kräfte. Der Film über Franziskus bestätigt auf beeindruckende Weise diese Schwäche.

Eine Welle warmer, weicher Laute rollt in unsere Ohren

Die Präsenz von Papst Franziskus vor der Kamera ist überwältigend, es gibt keine Chance seinem Charme zu entkommen. Franziskus nimmt einen nicht nur durch seine Ausstrahlung und Wärme ein, es ist vor allem seine Sprache, die entzückt: Dieses weiche, argentinische Spanisch, eine melodische Mischung aus dem südamerikanischen Spanisch und dem eingewanderten Italienisch, das alle harten Silben verschluckt und eine Welle warmer, weicher Laute rollt mit seiner Stimme in die Ohren des Zuschauers.  In präzisen Worten formt Franziskus in dieser Sprache seine klaren, eigentlich schlichten Botschaften: Die Welt braucht Liebe, die Welt braucht Dialog, die Welt braucht weniger Waffen und mehr Klimaschutz, weniger Armut und mehr Solidarität, weniger Reichtum und mehr Zeit für die Familie, weniger Kapitalismus und mehr Nachhaltigkeit. So komplex sich diese Probleme für die Weltgemeinschaft auch darstellen mögen, so einfach und schlicht klingen sie aus dem Mund dieses Papstes, der wirklich meint, was er sagt: Mit anderen zu teilen. Weniger zu besitzen. Liebe zu anderen Menschen zu leben. Ihnen in ihrem Elend beizustehen, sie nicht allein zu lassen.

Ein Papst, der einer von uns ist

Natürlich sind seine Besuche auf Lampedusa und den Philippinen auch als symbolische Akte zu verstehen, wie sie Politiker/innen vorbehalten sind. Doch dieser Mensch hat mehr zu geben als Bilder mit Symbolkraft. Dieser Papst will den Menschen seine Zeit schenken, er will für sie da sein, er schenkt ihnen Nähe und er betet für sie. Er küsst ihre Füße, er gibt ihnen mit seinen Zeichen die Würde zurück, die sie unter den unwürdigsten Bedingungen ihres Daseins verloren zu haben glaubten. Wenders setzt eindrucksvoll in Szene, wie Franziskus durch südamerikanische und afrikanische Städte fährt, wo er empfangen wird wie – nun ja, eben wie ein Papst, der einer von uns ist, der den Menschen nah ist: Mit Verehrung und Jubel von Abertausenden, die wissen, wo er herkommt.

Trotz des Pathos, das im ganzen Film mitschwingt, wird dieser Papst nie kitschig, sondern er bleibt menschlich und hoffnungsvoll, wo andere nur noch den Untergang sehen.

Letztendlich prangert Franziskus eine Welt an, in der zu leben sich so viele von uns gewöhnt haben: Die Welt des Konsumierens und des Wegwerfens, des Abschottens und Mehr-haben-Wollens, des Egoismus. Franziskus‘ Botschaften spitzen deutlich zu, was die letzten Päpste bereits anklingen ließen: Dass die Ausbeutung, die sich der globale Kapitalismus auf die Fahnen geschrieben hat, mit der christlichen Kirche nicht zu vereinbaren ist. Die Botschaft der Kirche ist eine, und dafür steht Franziskus, die mehr denn je in diese Zeit gehört, gerade weil sie die Botschaft der Nächstenliebe und des Teilens ist. Weltkonzerne und politische Gebilde können diese Botschaften nicht (mehr) überzeugend verkörpern, geschweige denn eine solche Kraft entfalten. Wim Wenders hat damit ein beeindruckendes Porträt und denkwürdiges Zeitzeugnis geschaffen, und trotz des Pathos, das im ganzen Film mitschwingt, wird dieser Papst nie kitschig, sondern er bleibt menschlich und hoffnungsvoll, wo andere nur noch den Untergang sehen.

Feminismus ist trotzdem nötig!

An einer Stelle wuchs in mir, neben der gewaltigen Woge an Zustimmung, die ich während des Films verspürte, Widerspruch: Der Papst betonte die Wichtigkeit von Frauen für die Entwicklung der Menschheit. Dann sagte er: Wir kommen nicht weiter, wenn wir gegeneinander kämpfen. Nur gemeinsam, in Kooperation, schaffen wir es – Machismus und Feminismus bringen uns nicht weiter. Entschieden muss ich sagen, dass diese Gegenüberstellung nicht richtig ist: Machismus ist eine strukturelle Grundhaltung, die nur durch Feminismus bekämpft werden kann, bevor es an die Kooperation geht! Bei aller spiritueller Zustimmung sollten wir uns auch darauf besinnen.

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Rettet das Hamam in Berlin Kreuzberg

Rettet das Hamam! Der Klimawandel setzt Frauen auf die Straße

Allgemein, Arbeit

 

Ein aktueller Bericht anlässlich der schlechten Nachricht

Die Nachricht trifft mich hart: Alle Frauen, die im Hamam des Frauenzentrums arbeiten, wurden fristlos zum 30. 6. 2018 gekündigt. Ein Bericht mit Liebeskummerpozential!

Das Türkische Bad im Frauenzentrum „Schokoladenfabrik“ in Kreuzberg ist eine Institution. Seit 1988 gibt es dieses einzigartige Bad nur für Frauen, das einzige in ganz Deutschland. Die Schokofabrik ohne das Hamam? „Unvorstellbar“, sagt Helga Röhle, Geschäftsführerin des Betriebs, „aber momentan ist es möglich.“ Seit April, dem Start des außergewöhnlichen Sommers in Berlin, hat das Hamam keine Einnahmen mehr. „Wir können unsere Mitarbeiterinnen nicht mehr bezahlen, auch das ist der Klimawandel“, so Helga Röhle. Sie ist sonst eine lustige Frau mit langen blonden Haaren, der man ihre 60 Jahre nicht ansieht. Doch jetzt ist ihr das Lachen vergangen. Sie sitzt in dem wunderschönen Innenhof des Hamams, in dem sich ihre Gäste zwischen Blumen und Laternen entspannen können, mit Blick auf die Kuppel des Hamams.

Die Kuppel bildet das Herzstück des wunderschönen Bades, das die Frauen 1989 mit ihren eigenen Händen erschufen

Die Kuppel bildet das Herzstück des Bades. Sie umwölbt den heißen, achteckigen Hamamstein im Untergeschoss und ist von Innen mit einem fein gearbeiteten, orientalischen Mosaik ausgekleidet. Die Frauen der Schokofabrik haben das Bad vor 30 Jahren mit ihren eigenen Händen errichtet, die Kuppel zeugt von dieser liebevollen Arbeit. Das Hamam gehört zur bewegten Kreuzberger Geschichte der Instands(be-)setzung und erzählt von der autonomen Frauenbewegung, die hier das größte Frauenzentrum Europas geschaffen hat. Neben dem Schokosport, einer Möbelwerkstatt und einer Frauenrechtsberatung ist das Hamam die dritte große Säule des Frauenzentrums. Und im Winter erfreut sich die Tradition des türkischen Badens großer Beliebtheit: Zum Waschen, bei dem frau sich aus Schalen mit Wasser übergießt, gehört ein Ganzkörper-Peeling und eine Seifenschaummassage. Touristinnen aus aller Welt, Frauenbewegte, junge und alte Frauen quer durch alle Schichten gehören zur Kundschaft genauso wie Muslima, die den Freiraum für Frauen schätzen. Aber es passen immer gerade so viele Frauen ins Hamam, wie es den Kundinnen zumutbar ist – und bei 35 ist Schluss, da kann die Schlange noch so lang sein. Ein zusätzliches Dampfbad müsste her, damit im Winter mehr Einnahmen fließen können.

Starke Konkurrenz durch Mega-Wohlfühltempel

Das Hamam für Frauen ist nicht der einzige Sauna- und SPA-Betrieb, der zu leiden hat. Zwar steigt die Anzahl der potenziellen Kundinnen mit jedem Jahr, in dem die Stadt wächst und Touristenmagnet bleibt, jedoch wächst auch die Konkurrenz. Auch andere kleine Saunabetriebe spüren, dass es inzwischen einen Mega-Wohlfühltempel der Luxus-Klasse in Berlin gibt, der Massen abfertigen kann. Jeder Saunagänger war schon mindestens einmal dort, um die Oase am Hauptbahnhof einmal auszuprobieren – ein Besuch weniger in der Kiez-Sauna oder im Hamam inbegriffen. Auch das sieht Geschäftsführerin Helga Röhle: „Wer kommt dann noch nach Kreuzberg, wenn es dieses Riesen-SPA in Mitte gibt.“

Ein Schock für die angestellten Mitarbeiterinnen: Die fristlose Entlassung im Juni

Aber das Hamam bietet nicht nur erholungswilligen Großstädterinnen im Winter eine Wohlfühloase, sondern es beschäftigt 13 angestellte Frauen und zahlreiche Anwenderinnen, die Massagen und Peelings durchführen. „Der Sommer war schon immer eine harte Zeit für uns. Schon in den letzten drei Jahren ging es eher schlecht als recht, weil wir im Winter genug einnehmen mussten, um über den Sommer zu kommen. Und dieser Winter war wieder zu mild. Aber wenn jetzt schon der Frühling keine Einnahmen mehr bringt, dann ist es vorbei, dann muss ich meine Mitarbeiterinnen entlassen.“ Um die Insolvenz abzuwenden musste Röhle nun allen Frauen kündigen, ein Schock für die Belegschaft.

„Wir sind ja als Team zusammengewachsen!“

Caner aus Steglitz, seit vier Jahren im Hamam angestellt, ist eine von den Betroffenen. Sie ist alleinerziehende Mutter und muss die Miete für sich und ihren Sohn bezahlen. Die Kündigung kommt einer Katastrophe gleich: Wie soll sie den Sommer überstehen? „Ich hätte gedacht, dass ich den Job bis zur Rente machen werde“, sagt die 38-Jährige mit einer Spur Resignation, aber ihre Augen glühen unternehmungslustig. Sie hat sich bereits um ein Vorstellungsgespräch gekümmert. So eine zuverlässige und kompetente Mitarbeiterin wie Caner ist schwer, zurückzuholen. „Wir sind ja auch als Team zusammengewachsen, es ist unvorstellbar für alle. Manche sind seit 12 Jahren dabei“, bedauert Röhle, denn ihr ist bewusst, dass manche nicht zurückkommen werden – auch wenn es im Oktober weitergehen sollte.

Geschäftsführung musste sich selbst entlassen

Mit der anhaltenden Schönwetterperiode ist für die Angestellten des Hamams der Gang zum Arbeitsamt unausweichlich. Und auch die Schokofabrik kann dem Hamam nicht unter die Arme greifen, sie kämpfen selbst um die Zuwendung von Senat und Bezirk für ihre Frauenprojekte, etwa mit geflüchteten Mädchen.

Hätten die Geschäftsführerinnen schon vor drei Jahren Alarm schlagen müssen? „Eigentlich ja. Wir haben die letzten Sommer immer nur mit privater Hilfe finanziert. Wir hätten vermutlich im letzten Winter das System umstellen müssen. Wir haben einfach weiter gehofft“, gesteht Helga Röhle. Es tut ihr sichtlich leid, dass „ihre“ Frauen nun arbeitslos werden müssen – allerdings musste sie sich selbst und ihre Co-Geschäftsführerin ebenfalls entlassen. Bis dahin macht sie weiter, und steht nun  jeden Tag selbst an der Rezeption.

Inga Haese stadtlandfrau

Das kleinkarierte Aufrechnen. Oder: Warum Einlenken gestattet sein muss

Arbeit, FürSorge

Meine Freundin Line ist regelmäßig entsetzt. „Warum gehst du denn schon wieder einkaufen? Und die Kinder hast du auch ins Bett gebracht“, dazu ein vorwurfsvoller Blick, der sagt: Warum kämpfst du nicht? Für mehr Freiraum, für dein Ding, für die absolute 50-50-Aufteilung im  Haushalt mit zwei Kindern? Line hat keine Kinder. Sie lebt allein. Ihr Kühlschrank ist immer mit dem gefüllt, was sie eingekauft hat, das Waschbecken ausschließlich mit Haaren voll, die sie verloren hat. Vor Line kommt es mir wie eine Niederlage vor.

Familie bedeutet, sich auch mal zurückzustellen

Ja, warum kämpfe ich eigentlich nicht mit beharrlicher Zähigkeit für mehr Freiheit und Selbstbestimmung? Die Antwort war mir zuerst selbst nicht ganz geheuer. Bin ich zu konfliktscheu, harmoniesüchtig gar? Die Antwortsuche im klassischen Selber-Schuld-Modus also. Dass die Antwort schlicht lautet: Weil ich eine Familie haben möchte – darauf kam ich zunächst nicht. Familie, das bedeutet, sich auch mal selbst zurückzustellen, ohne sich dabei gleich zu vergessen. Es bedeutet, Kompromisse auszuhandeln und über Fehler großzügig hinwegzusehen. Nachsicht gehört zum Programm jeder Familie. Und der Haushalt gehört eben auch dazu – das bedeutet, immer wieder die gleichen, unsichtbaren Dinge zu erledigen, auf die niemand Lust hat. Ich teile viel mit meinem Mann auf, aber das 50-50-Modell können wir trotzdem nicht leben. Wir sind beide etwas chaotisch und gerne spontan. Uns fordern im Alltag bereits die starren Regeln, die durch Arbeit und Schule gegeben werden.

Line und ich kennen genügend Frauen, deren Familien zerbrochen sind, weil die Elternpaare an ihren hohen Ansprüchen an sich selbst und den Partner gescheitert sind. Weil der durchgetaktete Alltag keinen Raum mehr für Liebe und Spaß gelassen hat. Also kann ich Line selbstbewusst antworten: Wir stehen füreinander ein in unserer Familie. Und Familie heißt, nicht alles aufzurechnen. Genau deshalb ist die Familie die kleinste christliche Kommune: Der Quell von Zuwendung, Liebe und Fürsorge.

Die Gesellschaft, in der ich leben will, ist solidarisch und fürsorglich

Ich muss Line also widersprechen: Die Gesellschaft, in der ich leben will, ist statt von kleinkariertem Aufrechnen persönlich geleisteter Arbeitsstunden im Dienste der Fürsorge eine solidarische Gesellschaft, in der Fürsorge ein Wert an sich ist – und keine Währung, mit der ich für meine Individualität bezahle.

Das 50-50-Modell führt auf lange Sicht nicht in eine gleichberechtigte Gesellschaft, sondern in eine Gesellschaft der vereinsamten Individuen ohne Beziehungen und Liebe, deren Freiheit sich letztendlich auf nichts mehr beziehen kann. Das beste Beispiel ist mein kranker Sohn, der zwei Wochen lang mit Grippe im Bett liegt. In der 50-50-Welt wird erörtert und abgewogen, wer mehr auf der Arbeit zu tun hat, wer wann zu Hause bleibt und bis wann. Der kranke Sohn ist plötzlich ein dysfunktionaler Faktor, ein Fehler im durchgetakteten Alltag. In einer fürsorglichen Familie aber können wir sagen: du brauchst mich und ich bin für dich da, es geht jetzt um dich. Wenn unsere Kinder diese Fürsorge nicht mehr erleben und erlernen dürfen, wie soll dann die solidarische und fürsorgliche Gesellschaft von morgen entstehen?

Bevor wir den Geschlechterkampf in unseren Familien austragen und immer mehr alleinerziehende Familien hervorbringen, sollten wir uns an eine ganz alte Botschaft erinnern und der Versuchung widerstehen, uns immer nur selbst verwirklichen zu wollen.

Der Frieden von morgen braucht die Fürsorge von heute

Das sollte natürlich nicht einseitig und auf die Kosten von Frauen gehen. Nur zu gerne wird das Plädoyer für mehr Nächstenliebe und Fürsorge patriarchalisch umgedeutet. Das kann keinesfalls in unserem Interesse sein. Aber wir sind Vorbilder für unsere Kinder. Das dürfen wir bei all den Kämpfen, die gekämpft werden müssen, nicht vergessen. Und eine friedliche Gesellschaft von morgen braucht den Frieden, aber auch die Fürsorge von heute. Das kann auch mal ein Einlenken bedeuten…

 

 

Stadtlandfrau Inga Haese

StadtLandFrau #literarisch

Allgemein


Großstadt Kleinstadt Mittelstadt Neustadt Altstadt Siedlung Landhaus Hochhaus Geschossbau Neubau Altbau Einfamilienhaus Doppelhaus Reihenhaus Dorf.

Immer ist Arbeit da für die Stadtlandfrau

Überall wohnen wir und arbeiten: Wir sind StadtLandFrau mit Familie und ohne allein und zu zweit in Gemeinschaft und ohne aber immer ist Arbeit da für die StadtLandFrau, denn sie baut Gemüse an oder Blumen oder sie kocht Spargelsuppe und erntet Tomaten vom Balkon oder es gibt Fertigpizza aus dem Ofen, manchmal frische Marmelade, der Frühstückstisch muss abgeräumt werden, die Wäsche aufgehängt und das Tagwerk kann beginnen.

Wir sind komplexe Arbeiterinnen, denn unsere Arbeit ist nicht selten unsichtbar und immer noch wird sie wenig bis nie repräsentiert,

in der Stadt nicht

auf dem Land nicht.

Wir sind Putzfrauen, Köchinnen und Angestellte, manche mussten ihre Heimaten verlassen und lassen Kinder zurück, nur um arbeiten zu können, damit andere besser bezahlt noch mehr arbeiten können

manche arbeiten zu Hause, manche haben keine Kinder und verstehen das Problem trotzdem, die Arbeitswelt macht sich darüber jedenfalls keine Gedanken

in der Stadt nicht

auf dem Land nicht

Trotzdem wollen wir arbeiten und tun das heute immer noch oft schlecht bezahlt und prekär, in der Stadt und auf dem Land. Hat sich das Verhältnis zwischen Stadt und Land vielleicht sogar umgekehrt?

Eigentlich war StadtLandFrau ein Buch. Es hieß Stadt, Land, Frau und war von Kerstin Dörhöfer und aus dem Jahr 1990. Ich las es während des Studiums und fand es sehr einprägsam und erhellend, was die Frauen dort über feministische Planunungsansätze in der Stadt geschreiben haben, darüber, wie Raum Geschlecht macht und Geschlecht Raum. Die Stadt schien der Ort zu sein, an dem Frauen endlich frei sein können, wo es kollektive und kooperative Lösungen gibt, Kitas und Arbeit, Ganztagsbetreuung für die Kinder und gut bezahlte Jobs statt dörflicher Strukturen und Geschlechterklischees, in die hineinzupassen schmerzt. Feministische Stadtkrititk, der Schlüssel zu den urbanen Problemen.

Aber dann wurde die Frau Mutter und die Stadt der Freiheit schien es nur im privilegierten Studentinnenleben gegeben zu haben. Familie in der Stadt schien plötzlich noch unmöglicher zu sein als im Dorf. Bezahlte Kitaplätze allein machen noch längst keine Freiheit. Im Gegenteil, sie pressen unsere kleinen Familien in das enge Korsett, das die Lohnarbeit uns schnürt, die unser Leben bestimmen soll, sie schnürt den Kindern die Luft zum Atmen ab; die kreativen Berufe der Eltern zerstören plötzlich die Entfaltung des Gemeinsamen. Drumherum herrscht Lärm und Luftverschmutzung, wenn man nicht bewusst andere Routen wählt und grüne Oasen aufsucht. All das kostet Energie, und am Ende ist sie überlastet, die Mutter in der Stadt, und findet das Land viel schöner. Aber es gibt auch dort kein Happy End.

Nur die Sehnsucht nach dem besseren Ort. Und das ist das Gute:

Es ist Raum für Utopien da

in der Stadt

auf dem Land

Und manchmal treffen sie sich in der StadtLandFrau.

Wir teilen eines: Die Lebenserfahrung, Frau geworden zu sein.

Ich möchte hier über das Leben von Frauen in Stadt und Land schreiben. Nicht nur über Frauen, sondern auch von Frauen. Was sie umtreibt mitten in der Großstadt. Und auf dem Dorf. Denn der explizite Blick von Frauen auf Frauenleben und über Frauenleben ist längst nicht dort wo wir ihn uns wünschen –

in der hegemonialen Weltsicht angekommen.

Immer noch müssen wir auf die Lebensrealitäten von StadtLandFrauen hinweisen. Welche Unterschiede und welche Gemeinsamkeiten sie auch teilen mögen, sie alle teilen eins: Die Lebenserfahrung, Frau geworden zu sein – in Anlehnung an Simone de Beauvoir. Also lasst uns nicht schweigen!



Berliner Zeitung schreibt über „Stille Reserven“ – Berlin statt Wien?

Allgemein, Stadt & Architektur

Der Film „Stille Reserven“ wird in der Berliner Zeitung eindrücklich von Alexandra Seitz kommentiert: Das totalitäre Wien einer erdrückenden Zukunft. Das Foto des Filmausschnitts, das Panoptikum des Grauens, zeigt jedoch eindeutig das Grimm-Zentrum in Berlin. Ist es Zufall, dass der Regisseur ausgerechnet die geisteswissenschaftliche Bibliothek der Humboldt Universität für die Visualisierung des autoritären Schreckens gewählt hat?

Oder zeigt sich vielmehr in der Architektur der Wissensvermittlung die moderne Seite des Betriebs Geisteswissenschaft, nämlich die totale Kontrolle, Effizienzdenken und Marktlogik? Wir sehen ein Gebäude, in dem jeder jeden im Blick hat, gefängnisgleich rastern die dunklen Scharten der Fenster den Rand des Lesesaals. Wer einmal hier studiert hat, weiß, wie sich ein Panoptikum anfühlt. Und ich erschrecke beim Anblick meines Lesesaals als Demonstration einer Gesellschaft, in der die Konzerne die Macht übernommen haben.

Schon im Jahr 2007, als das Grimm-Zentrum zwischen Bahnhof Friedrichstraße und dem Institut für Sozialwissenschaften eröffnete, konnte man über die Intention der Architekten nur mutmaßen, warum sie den hellen Betonklotz mit eingelassenen Schießschaften zum Symbol geisteswissenschaftlicher Lesefreude wählten. Es erschloss sich mir nicht, auch nicht, als ich das Gebäude zum ersten Mal betrat und über die kostbaren Hözer staunte, die den Boden versahen, die allerdings dem Verrücken der Lesestühle schon nach drei Jahren Benutzung nicht recht standhalten konnten. Eine Bibliothek, die innen einem panoptischen Gefängnis gleicht, so las ich die Architektur – und dazu ein Außen, das uns an den Kriegszustand erinnert, an die Einschusslöcher im Mauerwerk der alten Berliner Mitte, an den Verteidigungsfall. Die Trutzburg, die das Grimm-Zentrum sein soll, werden die Geisteswissenschaften in Zukunft wohl noch stärker benötigen als bisher – vor allem angesichts eines Zukunftsszenarios, wie es in „Stille Reserven“ von Valentin Hitz aufgezeichnet wird.

 

 

Urbanes Highlight Moritzplatz

Allgemein, Stadt & Architektur

Erinnerungen an einen Platz im Umbruch

Der Moritzplatz gerät immer wieder in Verruf wegen des schlechten Abschneidens im Sozialstrukturatlas. Dabei wird gerade das Aufbauhaus vergrößert und soll in Zukunft noch mehr Kreative anlocken. Während der Moritzplatz wieder zu seiner urbanen Bestimmung zurückfindet, nämlich Begegnungsort für Konsumenten, Literaten und Ästheten zu sein, sorgen sich die Anwohner um ihren Alltag.

Und wieder drehen sich die Baukräne am Moritzplatz. Neben dem Koloss aus Beton und Glas, in dem die Kreativ-Shoppingwelt von Modulor und der Aufbauverlag residieren, wird erneut Stockwerk um Stockwerk in Beton gegossen. Die Design Academy Berlin wird in den zweiten Bauabschnitt des Aufbauhauses einziehen und noch mehr Kreative an den Moritzplatz locken. Der Moritzplatz, dessen städtebauliche Relevanz über Jahrzehnte brach lag, findet immer mehr zu seinen Ursprüngen zurück: Der einstige Knotenpunkt zwischen luisenstädtischer Einkaufsmeile und dem Zeitungsviertel der Friedrichstadt wird Schritt für Schritt reaktiviert. Lange vorbei ist die Zeit, als hier Asphaltteppich auf Niemandsland traf und der U-Bahnhof nur Geisterstunden kannte.

Stattdessen beherrscht Gründerzeitfeeling die Gegend rund um den Kreisverkehr. Erst kamen die Prinzessinnengärten, in denen das Gemüse für die Nachbarschaft in Kisten gedeiht und die Stadtbienen zu Hause sind. Etwa zeitgleich, im Jahr 2009, gründete das Betahaus nebenan seinen 2000 m²Co-Working-Traum. Bis heute geben die Events des Gemeinschaftsbüros die digitalen Trends der Hauptstadt vor. Der Hype um Urban Gardening und Betahaus und damit das anschwellende Loblied auf den Moritzplatz mochten noch irritieren, doch die Kreativwirtschaft folgte den Pionieren. Mit dem Aufbauhaus wurde 2011 ein symbolisches Tor zum Verlagsviertel in Mitte gebaut. Die Architekten Clarke und Kuhn erschafften durch ihren Eingang zum Lichthof einen modernen Triumphbogen, der vom Siegeszug des Kreativkonsums im neuen Berlin kündet. Durch den zweiten Bauabschnitt wird das Gebäude noch an Dominanz hinzugewinnen, denn bald wird der Beton-und Glaskasten mit dem größten Musikhaus Europas in der Oranienstraße verbunden sein. Jenes, im 6-geschossigen Elsnerhaus untergebracht, bietet auf allen Etagen Musikinstrumente zum Kauf an, aber auch zum Üben und Ausprobieren. Der Kreativkunde am Moritzplatz ist Konsument und Handelnder zugleich, Plexiglas arrangiert er in den Modulor-Werkstätten mit Filz, und die E-Gitarre wird mit dem Keyboard im Band-Raum des Musikhauses an den Verstärker angeschlossen.

Zwischen Musikhaus und Aufbauhaus erinnert eine ALDI-Filiale an den Alltag im Viertel, dessen Verständnis von Do-it-yourself weniger mit Shoppen und Basteln zu tun hat.  Da ist der alteingesessene Friseursalon „Friseur“, nicht zu vergessen die wegen Bauarbeiten dreimal verpflanzte Bude des Dönerimbisses FoodBag mit ihren Stammkunden. Da ist die Stadtteil-Bibliothek, die sowieso schon kaum geöffnet hat und bald ganz schließen soll – obwohl die meisten Anwohner auf das öffentliche Bildungsangebot angewiesen sind.

Die Frage, die der Sozialstrukturatlas aufwirft, ist die nach der Teilhabe am Hype um Prinzessinnengärten, Aufbauhaus und Co. Warum werden den Menschen, die hier leben, die schlechtesten Lebensbedingungen zugerechnet? Im „Friseur“ sitzt Mahmud auf einem der Stühle für die Wartenden. Rasierwasserduft füllt den Raum, Mahmuds Vater schneidet einem Mann die Haare. Mahmud selbst ist 21 Jahre alt und gehört zu den arbeitslosen Jugendlichen aus der Statistik. Er geht gerne in das Musikhaus, um zu gucken. Seine Lebenswelt ist der Friseursalon und das angrenzende Viertel, er schwärmt aber davon, „dass hier endlich so viel los ist“. Sein Plan bezieht sich auf den entstehenden Neubau: „Hier wird die Designschule gebaut. Da werde ich studieren.“ Er lacht. Für seine Pläne bräuchte er einen guten Schulabschluss; er weiß, dass das schwierig wird. Hatice, ein Mädchen aus der Siedlung, ist Zahnarzthelferin, gottlob mit einer Arbeitsstelle. Ihr Problem ist nicht die Arbeitsagentur, sondern andere Behörden: Ihr ganzes Leben hat die 24-jährige in Berlin verbracht, aber sie hat keinen deutschen Pass.

Und so nimmt der neue Moritzplatz auch wieder eine durch und durch urbane Funktion ein: Nicht nur Brücke zwischen Zeitungsviertel und Kreuzberger Feierkiez zu sein, sondern auch Brücke zwischen arm und reich, zwischen Do-it-yourself und Buy-it-yourself, zwischen schlichter 70er-Jahre-Siedlung und den hunderten neuen Eigentumswohnungen zu sein. Dazwischen gibt es diesen Platz, der wieder in Bewegung ist, und das nicht nur durch den nimmermüden Autoverkehr.

Superfraun. Alle Bälle gleichzeitig in der Luft oder wie Scheitern zum Konzept spätkapitalistischen Überlebens wird.

FürSorge

Hatten wir nicht alle Eva Herrmann belächelt, als sie ihr Buch über die verpasste Mutterschaft veröffentlichte? Ein Aufschrei ging damals durch die SPD-regierten Länder und sozialdemokratische Milieus. Was die denn für ein Problem habe, sie würde nicht noch einmal den Weg der Nachrichtensprecherin wählen, sondern bei ihrem Sohn bleiben. Nase-rümpf. Jungmädchenhaftes, unverständliches Lachen über so eine bekennende Glucke bei meinen Freundinnen. Wie unfeministisch. Und heute? Das gleiche in grün, Debatten über „regretting-motherhood“. Dieser Begriff zergeht auf den Zungen der Feuilletons, ganz genüsslich. Da gibt es wieder was zu gucken, Egopornos von Frauen! So, als müssten wir ein total normales Gefühl, das jede Frau, die Mutter ist, kurzweilig kennt, rechtfertigen. Aber aus der Perspektive des „später“, weil dann klar wird, was wir alles verpasst haben… Auch das macht der arbeitsmarktversessene, glattgeföhnte Lebenslaufspätkapitalismus uns weiß: Dass wir alles hätten haben können, wären wir nicht so stockblöd gewesen.

Aber „regretting-carreer“ gibt es nicht als Hashtag, das ist keines Aufschreies würdig, weil es zu defensiv-unterordnend klingt, nach Küche riecht und Selbstgebackenem, nach dreckigen Kindersocken. Seine Karriere zu bereuen klingt unfeministisch, oll wie Johannisbeerenpflücken in Omas Garten. Und das ist so uncool wie weiße Socken in breitriemigen Birkenstocksandalen. Die Karriere bereuen, das sagt man so augenzwinkernd, aus der Position desjenigen, der oder die eben alles erreicht hat und jetzt auch gerne mal eins der Kinder auf den Arm nehmen will, weil das so einfach aussieht. So schlicht – für das Kind dagewesen zu sein, das wäre ja auch eine Option gewesen. Aber klar, es gab Anerkennung zu ernten und Geld zu verdienen. JedeR versteht das Dilemma und die Wünsche…

Jette hadert mit ihrem 40-Stunden-Job in der Marketingabteilung eines Verlages. Jette schreibt mir eine Email und fragt:

„Was will ich eigentlich nochmal genau von meinem Leben, meinem Partner, meinem Job? Was erwarte ich Idiotin denn törichterweise alles von mir selbst?“

Ich schmunzele. Sie hat letztes Jahr einen Sohn bekommen. Und will Zeit mit ihm verbringen. Aber auch eine Ausbildung beenden, die sie neben dem Job angefangen hat. Mir wird ganz schwindelig von all den Bällen, die wir Frauen gleichzeitig in der Luft haben. Ohne je vorher geübt zu haben, aus dem Stand jonglieren können: Das wird von uns erwartet. Sind wir denn Künstlerinnen, allesamt? Und dann lesen wir von all‘ den erfolgreichen Frauen, die fünf Kinder haben und dennoch erfolgreiche Übersetzerinnen/Politikerinnen/Unternehmerinnen sind. Die alle Bälle gleichzeitig in der Luft halten, Artistinnen des Mutterlebens. Aber sind diese Frauen als Vorbilder ernstzunehmen oder sind sie die Trainerinnen, die die Messlatte hochlegen? Die noch zwei Bälle in unsere Jonglagelaufbahn werfen?

Jette ist wütend, so wütend auf diese mediale Aufmerksamkeit, die nur den Supermüttern zuteilwird. Was ist mit den weniger betuchten, weniger begabten, weniger privilegierten Frauen dieser Welt, die aus dem Stand ihre Bälle hochwerfen und einfach mal scheitern? Ehen krachen ein, Familien zerplatzen wie Seifenblasen, weil, hey! Ihr habt es versucht, alles gleichzeitig zu schaffen? Selber schuld. Oder du bist daran gescheitert, weil du nicht alles versucht hast? You didn’t lean in? Noch mehr selber schuld! Und jetzt kehr die Scherben deiner Existenz zusammen, geh putzen, setz dich bei Kaisers an die Kasse und zieh dein Kind alleine groß. Denn die große Gleichberechtigungserwartung, mit der wir alle gestartet sind, löst sich erst recht in Luft auf, wenn Beziehungen scheitern. Oder warum erziehen fast nur Frauen alleine? Offenbar gewinnen am Ende wieder die Männer, nämlich ihre Freiheit, ihre Rolle, ihr Single-Leben zurück, während die Mütter alleinerziehen. Ist das der Ausdruck von Emanzipation, den ihr wollt, liebe Vorkämpferinnen für ein Recht auf Rabenmutterschaft?

@stadtlandfrau