Inga Haese stadtlandfrau

Das kleinkarierte Aufrechnen. Oder: Warum Einlenken gestattet sein muss

Arbeit, FürSorge

Meine Freundin Line ist regelmäßig entsetzt. „Warum gehst du denn schon wieder einkaufen? Und die Kinder hast du auch ins Bett gebracht“, dazu ein vorwurfsvoller Blick, der sagt: Warum kämpfst du nicht? Für mehr Freiraum, für dein Ding, für die absolute 50-50-Aufteilung im  Haushalt mit zwei Kindern? Line hat keine Kinder. Sie lebt allein. Ihr Kühlschrank ist immer mit dem gefüllt, was sie eingekauft hat, das Waschbecken ausschließlich mit Haaren voll, die sie verloren hat. Vor Line kommt es mir wie eine Niederlage vor.

Familie bedeutet, sich auch mal zurückzustellen

Ja, warum kämpfe ich eigentlich nicht mit beharrlicher Zähigkeit für mehr Freiheit und Selbstbestimmung? Die Antwort war mir zuerst selbst nicht ganz geheuer. Bin ich zu konfliktscheu, harmoniesüchtig gar? Die Antwortsuche im klassischen Selber-Schuld-Modus also. Dass die Antwort schlicht lautet: Weil ich eine Familie haben möchte – darauf kam ich zunächst nicht. Familie, das bedeutet, sich auch mal selbst zurückzustellen, ohne sich dabei gleich zu vergessen. Es bedeutet, Kompromisse auszuhandeln und über Fehler großzügig hinwegzusehen. Nachsicht gehört zum Programm jeder Familie. Und der Haushalt gehört eben auch dazu – das bedeutet, immer wieder die gleichen, unsichtbaren Dinge zu erledigen, auf die niemand Lust hat. Ich teile viel mit meinem Mann auf, aber das 50-50-Modell können wir trotzdem nicht leben. Wir sind beide etwas chaotisch und gerne spontan. Uns fordern im Alltag bereits die starren Regeln, die durch Arbeit und Schule gegeben werden.

Line und ich kennen genügend Frauen, deren Familien zerbrochen sind, weil die Elternpaare an ihren hohen Ansprüchen an sich selbst und den Partner gescheitert sind. Weil der durchgetaktete Alltag keinen Raum mehr für Liebe und Spaß gelassen hat. Also kann ich Line selbstbewusst antworten: Wir stehen füreinander ein in unserer Familie. Und Familie heißt, nicht alles aufzurechnen. Genau deshalb ist die Familie die kleinste christliche Kommune: Der Quell von Zuwendung, Liebe und Fürsorge.

Die Gesellschaft, in der ich leben will, ist solidarisch und fürsorglich

Ich muss Line also widersprechen: Die Gesellschaft, in der ich leben will, ist statt von kleinkariertem Aufrechnen persönlich geleisteter Arbeitsstunden im Dienste der Fürsorge eine solidarische Gesellschaft, in der Fürsorge ein Wert an sich ist – und keine Währung, mit der ich für meine Individualität bezahle.

Das 50-50-Modell führt auf lange Sicht nicht in eine gleichberechtigte Gesellschaft, sondern in eine Gesellschaft der vereinsamten Individuen ohne Beziehungen und Liebe, deren Freiheit sich letztendlich auf nichts mehr beziehen kann. Das beste Beispiel ist mein kranker Sohn, der zwei Wochen lang mit Grippe im Bett liegt. In der 50-50-Welt wird erörtert und abgewogen, wer mehr auf der Arbeit zu tun hat, wer wann zu Hause bleibt und bis wann. Der kranke Sohn ist plötzlich ein dysfunktionaler Faktor, ein Fehler im durchgetakteten Alltag. In einer fürsorglichen Familie aber können wir sagen: du brauchst mich und ich bin für dich da, es geht jetzt um dich. Wenn unsere Kinder diese Fürsorge nicht mehr erleben und erlernen dürfen, wie soll dann die solidarische und fürsorgliche Gesellschaft von morgen entstehen?

Bevor wir den Geschlechterkampf in unseren Familien austragen und immer mehr alleinerziehende Familien hervorbringen, sollten wir uns an eine ganz alte Botschaft erinnern und der Versuchung widerstehen, uns immer nur selbst verwirklichen zu wollen.

Der Frieden von morgen braucht die Fürsorge von heute

Das sollte natürlich nicht einseitig und auf die Kosten von Frauen gehen. Nur zu gerne wird das Plädoyer für mehr Nächstenliebe und Fürsorge patriarchalisch umgedeutet. Das kann keinesfalls in unserem Interesse sein. Aber wir sind Vorbilder für unsere Kinder. Das dürfen wir bei all den Kämpfen, die gekämpft werden müssen, nicht vergessen. Und eine friedliche Gesellschaft von morgen braucht den Frieden, aber auch die Fürsorge von heute. Das kann auch mal ein Einlenken bedeuten…

 

 

Berliner Zeitung schreibt über „Stille Reserven“ – Berlin statt Wien?

Allgemein, Stadt & Architektur

Der Film „Stille Reserven“ wird in der Berliner Zeitung eindrücklich von Alexandra Seitz kommentiert: Das totalitäre Wien einer erdrückenden Zukunft. Das Foto des Filmausschnitts, das Panoptikum des Grauens, zeigt jedoch eindeutig das Grimm-Zentrum in Berlin. Ist es Zufall, dass der Regisseur ausgerechnet die geisteswissenschaftliche Bibliothek der Humboldt Universität für die Visualisierung des autoritären Schreckens gewählt hat?

Oder zeigt sich vielmehr in der Architektur der Wissensvermittlung die moderne Seite des Betriebs Geisteswissenschaft, nämlich die totale Kontrolle, Effizienzdenken und Marktlogik? Wir sehen ein Gebäude, in dem jeder jeden im Blick hat, gefängnisgleich rastern die dunklen Scharten der Fenster den Rand des Lesesaals. Wer einmal hier studiert hat, weiß, wie sich ein Panoptikum anfühlt. Und ich erschrecke beim Anblick meines Lesesaals als Demonstration einer Gesellschaft, in der die Konzerne die Macht übernommen haben.

Schon im Jahr 2007, als das Grimm-Zentrum zwischen Bahnhof Friedrichstraße und dem Institut für Sozialwissenschaften eröffnete, konnte man über die Intention der Architekten nur mutmaßen, warum sie den hellen Betonklotz mit eingelassenen Schießschaften zum Symbol geisteswissenschaftlicher Lesefreude wählten. Es erschloss sich mir nicht, auch nicht, als ich das Gebäude zum ersten Mal betrat und über die kostbaren Hözer staunte, die den Boden versahen, die allerdings dem Verrücken der Lesestühle schon nach drei Jahren Benutzung nicht recht standhalten konnten. Eine Bibliothek, die innen einem panoptischen Gefängnis gleicht, so las ich die Architektur – und dazu ein Außen, das uns an den Kriegszustand erinnert, an die Einschusslöcher im Mauerwerk der alten Berliner Mitte, an den Verteidigungsfall. Die Trutzburg, die das Grimm-Zentrum sein soll, werden die Geisteswissenschaften in Zukunft wohl noch stärker benötigen als bisher – vor allem angesichts eines Zukunftsszenarios, wie es in „Stille Reserven“ von Valentin Hitz aufgezeichnet wird.

 

 

Urbanes Highlight Moritzplatz

Allgemein, Stadt & Architektur

Erinnerungen an einen Platz im Umbruch

Der Moritzplatz gerät immer wieder in Verruf wegen des schlechten Abschneidens im Sozialstrukturatlas. Dabei wird gerade das Aufbauhaus vergrößert und soll in Zukunft noch mehr Kreative anlocken. Während der Moritzplatz wieder zu seiner urbanen Bestimmung zurückfindet, nämlich Begegnungsort für Konsumenten, Literaten und Ästheten zu sein, sorgen sich die Anwohner um ihren Alltag.

Und wieder drehen sich die Baukräne am Moritzplatz. Neben dem Koloss aus Beton und Glas, in dem die Kreativ-Shoppingwelt von Modulor und der Aufbauverlag residieren, wird erneut Stockwerk um Stockwerk in Beton gegossen. Die Design Academy Berlin wird in den zweiten Bauabschnitt des Aufbauhauses einziehen und noch mehr Kreative an den Moritzplatz locken. Der Moritzplatz, dessen städtebauliche Relevanz über Jahrzehnte brach lag, findet immer mehr zu seinen Ursprüngen zurück: Der einstige Knotenpunkt zwischen luisenstädtischer Einkaufsmeile und dem Zeitungsviertel der Friedrichstadt wird Schritt für Schritt reaktiviert. Lange vorbei ist die Zeit, als hier Asphaltteppich auf Niemandsland traf und der U-Bahnhof nur Geisterstunden kannte.

Stattdessen beherrscht Gründerzeitfeeling die Gegend rund um den Kreisverkehr. Erst kamen die Prinzessinnengärten, in denen das Gemüse für die Nachbarschaft in Kisten gedeiht und die Stadtbienen zu Hause sind. Etwa zeitgleich, im Jahr 2009, gründete das Betahaus nebenan seinen 2000 m²Co-Working-Traum. Bis heute geben die Events des Gemeinschaftsbüros die digitalen Trends der Hauptstadt vor. Der Hype um Urban Gardening und Betahaus und damit das anschwellende Loblied auf den Moritzplatz mochten noch irritieren, doch die Kreativwirtschaft folgte den Pionieren. Mit dem Aufbauhaus wurde 2011 ein symbolisches Tor zum Verlagsviertel in Mitte gebaut. Die Architekten Clarke und Kuhn erschafften durch ihren Eingang zum Lichthof einen modernen Triumphbogen, der vom Siegeszug des Kreativkonsums im neuen Berlin kündet. Durch den zweiten Bauabschnitt wird das Gebäude noch an Dominanz hinzugewinnen, denn bald wird der Beton-und Glaskasten mit dem größten Musikhaus Europas in der Oranienstraße verbunden sein. Jenes, im 6-geschossigen Elsnerhaus untergebracht, bietet auf allen Etagen Musikinstrumente zum Kauf an, aber auch zum Üben und Ausprobieren. Der Kreativkunde am Moritzplatz ist Konsument und Handelnder zugleich, Plexiglas arrangiert er in den Modulor-Werkstätten mit Filz, und die E-Gitarre wird mit dem Keyboard im Band-Raum des Musikhauses an den Verstärker angeschlossen.

Zwischen Musikhaus und Aufbauhaus erinnert eine ALDI-Filiale an den Alltag im Viertel, dessen Verständnis von Do-it-yourself weniger mit Shoppen und Basteln zu tun hat.  Da ist der alteingesessene Friseursalon „Friseur“, nicht zu vergessen die wegen Bauarbeiten dreimal verpflanzte Bude des Dönerimbisses FoodBag mit ihren Stammkunden. Da ist die Stadtteil-Bibliothek, die sowieso schon kaum geöffnet hat und bald ganz schließen soll – obwohl die meisten Anwohner auf das öffentliche Bildungsangebot angewiesen sind.

Die Frage, die der Sozialstrukturatlas aufwirft, ist die nach der Teilhabe am Hype um Prinzessinnengärten, Aufbauhaus und Co. Warum werden den Menschen, die hier leben, die schlechtesten Lebensbedingungen zugerechnet? Im „Friseur“ sitzt Mahmud auf einem der Stühle für die Wartenden. Rasierwasserduft füllt den Raum, Mahmuds Vater schneidet einem Mann die Haare. Mahmud selbst ist 21 Jahre alt und gehört zu den arbeitslosen Jugendlichen aus der Statistik. Er geht gerne in das Musikhaus, um zu gucken. Seine Lebenswelt ist der Friseursalon und das angrenzende Viertel, er schwärmt aber davon, „dass hier endlich so viel los ist“. Sein Plan bezieht sich auf den entstehenden Neubau: „Hier wird die Designschule gebaut. Da werde ich studieren.“ Er lacht. Für seine Pläne bräuchte er einen guten Schulabschluss; er weiß, dass das schwierig wird. Hatice, ein Mädchen aus der Siedlung, ist Zahnarzthelferin, gottlob mit einer Arbeitsstelle. Ihr Problem ist nicht die Arbeitsagentur, sondern andere Behörden: Ihr ganzes Leben hat die 24-jährige in Berlin verbracht, aber sie hat keinen deutschen Pass.

Und so nimmt der neue Moritzplatz auch wieder eine durch und durch urbane Funktion ein: Nicht nur Brücke zwischen Zeitungsviertel und Kreuzberger Feierkiez zu sein, sondern auch Brücke zwischen arm und reich, zwischen Do-it-yourself und Buy-it-yourself, zwischen schlichter 70er-Jahre-Siedlung und den hunderten neuen Eigentumswohnungen zu sein. Dazwischen gibt es diesen Platz, der wieder in Bewegung ist, und das nicht nur durch den nimmermüden Autoverkehr.

Superfraun. Alle Bälle gleichzeitig in der Luft oder wie Scheitern zum Konzept spätkapitalistischen Überlebens wird.

FürSorge

Hatten wir nicht alle Eva Herrmann belächelt, als sie ihr Buch über die verpasste Mutterschaft veröffentlichte? Ein Aufschrei ging damals durch die SPD-regierten Länder und sozialdemokratische Milieus. Was die denn für ein Problem habe, sie würde nicht noch einmal den Weg der Nachrichtensprecherin wählen, sondern bei ihrem Sohn bleiben. Nase-rümpf. Jungmädchenhaftes, unverständliches Lachen über so eine bekennende Glucke bei meinen Freundinnen. Wie unfeministisch. Und heute? Das gleiche in grün, Debatten über „regretting-motherhood“. Dieser Begriff zergeht auf den Zungen der Feuilletons, ganz genüsslich. Da gibt es wieder was zu gucken, Egopornos von Frauen! So, als müssten wir ein total normales Gefühl, das jede Frau, die Mutter ist, kurzweilig kennt, rechtfertigen. Aber aus der Perspektive des „später“, weil dann klar wird, was wir alles verpasst haben… Auch das macht der arbeitsmarktversessene, glattgeföhnte Lebenslaufspätkapitalismus uns weiß: Dass wir alles hätten haben können, wären wir nicht so stockblöd gewesen.

Aber „regretting-carreer“ gibt es nicht als Hashtag, das ist keines Aufschreies würdig, weil es zu defensiv-unterordnend klingt, nach Küche riecht und Selbstgebackenem, nach dreckigen Kindersocken. Seine Karriere zu bereuen klingt unfeministisch, oll wie Johannisbeerenpflücken in Omas Garten. Und das ist so uncool wie weiße Socken in breitriemigen Birkenstocksandalen. Die Karriere bereuen, das sagt man so augenzwinkernd, aus der Position desjenigen, der oder die eben alles erreicht hat und jetzt auch gerne mal eins der Kinder auf den Arm nehmen will, weil das so einfach aussieht. So schlicht – für das Kind dagewesen zu sein, das wäre ja auch eine Option gewesen. Aber klar, es gab Anerkennung zu ernten und Geld zu verdienen. JedeR versteht das Dilemma und die Wünsche…

Jette hadert mit ihrem 40-Stunden-Job in der Marketingabteilung eines Verlages. Jette schreibt mir eine Email und fragt:

„Was will ich eigentlich nochmal genau von meinem Leben, meinem Partner, meinem Job? Was erwarte ich Idiotin denn törichterweise alles von mir selbst?“

Ich schmunzele. Sie hat letztes Jahr einen Sohn bekommen. Und will Zeit mit ihm verbringen. Aber auch eine Ausbildung beenden, die sie neben dem Job angefangen hat. Mir wird ganz schwindelig von all den Bällen, die wir Frauen gleichzeitig in der Luft haben. Ohne je vorher geübt zu haben, aus dem Stand jonglieren können: Das wird von uns erwartet. Sind wir denn Künstlerinnen, allesamt? Und dann lesen wir von all‘ den erfolgreichen Frauen, die fünf Kinder haben und dennoch erfolgreiche Übersetzerinnen/Politikerinnen/Unternehmerinnen sind. Die alle Bälle gleichzeitig in der Luft halten, Artistinnen des Mutterlebens. Aber sind diese Frauen als Vorbilder ernstzunehmen oder sind sie die Trainerinnen, die die Messlatte hochlegen? Die noch zwei Bälle in unsere Jonglagelaufbahn werfen?

Jette ist wütend, so wütend auf diese mediale Aufmerksamkeit, die nur den Supermüttern zuteilwird. Was ist mit den weniger betuchten, weniger begabten, weniger privilegierten Frauen dieser Welt, die aus dem Stand ihre Bälle hochwerfen und einfach mal scheitern? Ehen krachen ein, Familien zerplatzen wie Seifenblasen, weil, hey! Ihr habt es versucht, alles gleichzeitig zu schaffen? Selber schuld. Oder du bist daran gescheitert, weil du nicht alles versucht hast? You didn’t lean in? Noch mehr selber schuld! Und jetzt kehr die Scherben deiner Existenz zusammen, geh putzen, setz dich bei Kaisers an die Kasse und zieh dein Kind alleine groß. Denn die große Gleichberechtigungserwartung, mit der wir alle gestartet sind, löst sich erst recht in Luft auf, wenn Beziehungen scheitern. Oder warum erziehen fast nur Frauen alleine? Offenbar gewinnen am Ende wieder die Männer, nämlich ihre Freiheit, ihre Rolle, ihr Single-Leben zurück, während die Mütter alleinerziehen. Ist das der Ausdruck von Emanzipation, den ihr wollt, liebe Vorkämpferinnen für ein Recht auf Rabenmutterschaft?

@stadtlandfrau

Wenn die Burn-Out-Gesellschaft zurückschlägt oder: Wie der Kapitalismus uns durch Komplexität besiegt.

Allgemein

Die globalisierte Arbeitswelt frisst ihre Angestellten, Arbeitskraft-Unternehmer, Up-Starter und Projektmitarbeiter. Im Massen-Burn-Out (jedes Jahr weisen die Zahlen neue Rekorde der Diagnose aus) finden wir die fürchterliche Konsequenz der neoliberalen Propaganda: Burn-Out bedeutet, dass funktionierende Maschinen plötzlich nicht mehr arbeiten können, weil sie sich im Willen, alles perfekt zu erledigen, aufgerieben haben. Daran muss ja zweifelsohne frau und man selbst schuld haben, er und sie haben es nicht hinbekommen, sich funktionstüchtig zu verhalten, effektiv und effizient, wellnessorientiert und an sich arbeitend. Konnte sich nicht abgrenzen, bekommt Depressionen, was ist das eigentlich? Schlafstörungen und negative Gedanken, das ist so subjektiviert, dafür kann doch eine Arbeits- und Produktionswelt gar keine Verantwortung tragen!

Funktionierende Subjekte, einer toller als der andere.

Im Namen der Emanzipation werden wir zur Freiheit gezwungen, vor allem zu der Freiheit, endlich richtig funktionieren zu können. Das ist der Kern der globalisierten Arbeitswelt: Funktionierende Subjekte, die ihr Ich in der selbstbestimmten Arbeit auflösen. Die Entfremdung durch Arbeit, die im 19. Jahrhundert angeprangert wurde, wurde durch die Selbstauflösung in der Arbeit – herrlich produktiv, diese Selbstverwirklichung – abgelöst. Für Männer und Frauen gleichermaßen, und wie toll, dass die Subjekte auch noch ihr Familienleben der kapitalistischen Verwertungslogik unterordnen, ganz freiwillig.

Überhaupt, Familienleben. Die ständigen Konflikte in der Kleinfamilie um die Oragnisation von Haushalt und Erziehung, das macht ihr bitte schön alleine mit Eurem Partner aus, und am besten ist für den Kapitalismus eure Trennung. Das kurbelt die Wirtschaft nämlich erst richtig an, immerhin brauchen alle frisch getrennten neue Wohnungen, neue Wohungseinrichtungen oder zumindest eine neue Kaffeemaschine. Endlich wird diese auf Dauer angelegte Familiengemeinschaft, die als Kosumgemeinschaft leider zu wenig Geld ausgibt – im Gegenteil, sogar zum Sparen neigt! – im Keller der Geschichte geparkt, und zwar im Namen von Fortschritt und Emanzipation. Und wir Frauen, wow, wir sind die konsumistischen Gewinnerinnen, können endlich Freiheit und Spaß und Verwiklichung im Job auf einmal haben.

Die alte FDP-Lehre hat gewonnen. Deshalb braucht die keiner mehr.

Aber irgendwas stimmt hier nicht. Uns wird vorgegaukelt, dass der Preis der Freiheit das Solidarprinzip sein muss. Das ist die alte FDP-Lehre in ihrer puren Form: Solidarität schränkt unsere Freiheit ein, und was gesellschaftlich gilt, das können wir auch problemlos auf unser Umfeld übertragen, auf unsere Partner, Eltern, Kinder. Dass die Kinder, die sich weder gegen den Müll noch gegen die Arbeitswelt wehren können, dabei zu den perfekten Konsumenten herangezogen werden, ist der nette kleine Nebeneffekt.Und dass wir die FDP jetzt nicht mehr brauchen, auch.

Die Kinder sind es, die in diesem System funktionieren müssen. Und die ganz früh lernen: Auf niemanden ist Verlass, sei dir selbst der nächste. Ehrlich, SPD, das könnt ihr doch nicht gewollt haben. Die Welt ist euch einfach zu komplex geworden, gebt es doch zu. Die Folgekosten politischer Entscheidungen habt ihr in ihrer Tragweite noch gar nicht begriffen. Wir steuern da auf eine Gesellschaft zu, die keiner wollte! Fortschritt, ja, und natürlich Emanzipation! Aber doch bitte nicht zum Zwecke der Erschließung brachliegenden „Humankapitals“!

Burn-Out-Gesellschaft hier, Naturkatastrophen dort: Die Rettung sind die Geflüchteten.

Es sind die Geflüchteten, die Hoffnung geben. Dass sich dieses Land nochmal umschaut und erkennt, dass Solidarität kein Mittel zum Zweck ist. Dass der gestiegene Wohlstand in D dazu führt, dass woanders Kriege ausbrechen und Naturkatastrophen die Lebensgrundlage von Millionen Menschen zerstören. Dass also die Burn-Out-Gesellschaft hier direkt im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch dort steht. Erst wenn wir den Mut haben, die Pervertierung von Emanzipation und Freiheit zu erkennen, können wir etwas daran ändern.

Mädels! Frauen! Mütter!

Allgemein

Wenn ihr die Zeitungen aufschlagt oder den Laptop aufklappt könnt ihr viel über uns lesen: Warum wir keine Kinder bekommen wollen (es ist Wahnsinn!), warum wir Vollzeit arbeiten müssen (nur das ist Emanzipation!), dass der Feminismus überflüssig sei (für die wahren Emanzipierten!), dass jemand anderes als wir die Vokabeln unserer Kinder abfragen soll (wenn wir uns auf den Wahnsinn eingelassen haben!), dass frau zu Rainer Brüderle besser „Ey Schnuppi“ gesagt hätte als einen Aufschrei auszulösen. Kurzum: Überall wird verhandelt, welche Lebensentwürfe wir uns zuzulegen haben. Immer noch. Oder auch: Schon wieder. Und pervers: Inzwischen mischen Frauen bei dem Diktat ganz vorne mit, verurteilen solche ihres Geschlechts, die zu wenig arbeiten, die zu viel arbeiten, die überhaupt nicht arbeiten. Die Kinder haben. Die ihre Kinder „fremd“betreuen lassen. Die sich über die Unvereinbarkeit beschweren. Und so weiter. Und auch wenn sich das männliche Geschlecht von all diesen medial inszenierten Diktaten nicht mehr frei machen kann, dann gibt es das Wort Rabenvater deshalb noch lange nicht.

Ja, wir sind unzufrieden mit dem Leben ab 30, das die Gesellschaft für uns vorgsehen hat! Und nein, wir hätten mit Mitte 20 nicht gedacht, dass der Feminismus für uns noch einmal derart aktuell sein würde, dass wir über unsere Chancen, unser Leben, unsere Berufungen plötzlich anders nachdenken müssen, weil wir Frauen sind!

Fakt ist: Die Freiheit, die wir bekommen haben, ist nichts weiter als die Freiheit, eine auf den Arbeitsmarkt geworfene Kreatur sein zu dürfen. Die Freiheit, sich selbst zu verwirklichen, ist dem Zwang zur Selbstverwirklichung gewichen. Diese Erkenntnis trifft uns Frauen erst jetzt mit voller Wucht – heute, da die Unterhaltsgesetze ganz emanzipiert nachjustiert wurden; heute, wo Omi ihre Rente aufstocken muss und heute, wo jede ganz individuell-selbstverwirklicht dem Armutsrisiko ausgesetzt ist.

Wir müssen uns wieder wehren. Gegen das Diktat, wie wir zu leben und wer wir zu sein haben. Für die Möglichkeit, wirklich frei und unabhängig zu sein, mit und ohne Kind und mit und ohne Familie, mit und ohne Job, mit und ohne Kitaplatz.

Deshalb brauchen wir StadtLandFrau. Und füllen sie mit unseren Erlebnissen, Wünschen, Erfahrungen, Bedürfnissen. Bitte schreibt über: Frau sein? Mensch sein? Mutter sein? Getresst sein? Wer bin ich? Wer will ich sein? Was ist unser Alltag? Was macht uns wütend? Und als Grundmelodie immer wieder:

Warum brauchen wir einen neuen Feminismus?

Eure StadtLandFrauen