Was ist StadtLandFrau

in progress, 2021

Es gibt diesen Film über die Ausstellung vom OMA im New Yorker Guggenheim, über Countryside: The Future (2020-2021), und man sieht Koolhaas mit seinen Mitarbeitenden und Fans immer wieder auf einem schmalen Stück Acker am Rande der Stadt über ein Feld gehen, in eine Furche mit wachsendem Gemüse hinein. Koolhaas selbst, dessen Architektur die globale Urbanisierung des letzten Jahrhunderts geprägt hat, besinnt sich auf die Anfänge, die Ursprünge, und die Gefahr, die von einer völlig urbanisierten Gesellschaft ausgeht. Von den Zukunftsmöglichkeiten auf dem Land handelt die Ausstellung, mitten in der Metropole. Der Film hält diese Spannung zwischen dem urbanen Lifestyle der Ausstelungsakteur:innen und dem Inhalt dessen, was die Ausstellung mitteilen will, fest: Die Zukunft geht vom Lande aus, denn unsere Zukunft muss, wenn wir überleben wollen, dem Land eine neue Chance geben – das ist die Botschaft. Dem Land, der Landschaft, countryside, aber was ist dieses Land? Es entsteht in dem, was nicht gezeigt werden kann: Es ist das Gegenteil vom Ort der Ausstellung, des Guggenheims, und es ist das Gegenteil von den hippen Menschen, ihrer Kleidung, ihren Gesten, die wir sehen, den Titeln, die sie tragen, den Funktionen, die sie innehaben, denn sie alle könnten zur Landflucht beigetragen haben und zur Entvölkerung des ländlicen Raums, um in der Stadt ihr Glück zu versuchen.

Der Film drückt die Unvereinbarkeit dieses urbanen, an Architektur und Kunst interessierten Lebensstils mit dem monotonen, oft einsamen, arbeitssamen Leben im Einklang mit der Natur statt getaktet von U-Bahneinfahrten aufmerksam, indem er die Akteur:innen auf diesem Acker zeigt. Am ehesten noch repräsentiert Koolhaas selbst das, was countryside heute ist, weil er mit seinem Alter für all die Menschen steht, die in den Dörfern leben und ihr Leben lang nichts anderes taten als das, wozu das OMA uns nun anhält und einlädt: Gärtnern, den Kreislauf der Jahreszeiten achten, nachhaltig wirtschaften und leben. Was für ein spannendes Unterfangen von einem, der sein Leben lang die Städte prägte.

(impact below: 2020)

Jahrhundertelang beschrieb die Spaltung zwischen Stadt und Land unser Leben. Ausgerechnet im Zeitalter größtmöglicher Urbanität wird diese Spaltung obsolet. Dank der Digitalisierung wird die Spaltung in Stadt und Land auf eine Lebensstilentscheidung reduziert, sie ist keine Überlebensfrage mehr. Zumindest für die Weißen unter uns. Für People of Colour stellt sich die Überlebensfrage mehr denn je. Für deren Wir sind Städte sichere Räume, das Land ist potenzielle Gefahrenzone.

Die Vorzüge des Urbanen hineintragen in die dörflichen Nischen

Umso deutlicher treffen andere heute ihre Lebensstilentscheidung. Sie ist zu einer Gegenbewegung geworden. Das Motto: Macht das Land zu einem lebenswerten Ort. Es ist eine Entscheidung für das Land, für das temporäre Land oder für die StadtLandMischung, und die Akteur*innen verändern damit das Land, die Leute, das Leben auf dem Land. Es gibt immer mehr Ideen an der Peripherie, um die Vorzüge des Urbanen hinein zu tragen in die dörflichen Nischen, nämlich Offenheit, Vielfalt, Kreativität. Und umgekehrt gibt es nachbarschaftliche Zusammenschlüsse in Städten, die die Anonymität der Großstadt hinter sich lassen: Das ist schon beinah die Bullerbüisierung von Kreuzberg in den Milieus der Kreativen, oft Gebildeten, die über sich hinausweisen und im besten Fall ins türkischsprachige Milieu hineinreichen, ein urbanes Wir für alle eröffnen. Die Kiezbewegung für Frau Tunç – eine Späti-Betreiberin in der Oranienstraße – war so ein Erlebnis: Ein spontaner Zusammenschluss von Gentrifizierungsgegner*innen, Nachbar*innen und Aktivist*innen unter dem Motto „BIZIM Kiez“ hält die Nachbarschaft nun schon seit einigen Jahren in Atem. BIZIM Kiez ist eine städtische Bewegung geworden, die einen beispiellosen Integrationscharakter hat. Kollektivierung durch Gentrifizierung?

Denn die digital winner sind oft Frauen. Und auch die urban actors sind oft Frauen. Was noch aussteht, ist der Mehrwert, der sich für Frauen daraus ergibt.

Natürlich gibt es die Verschärfung sozialer Ungleichheit in Berlin und die Polarisierung zwischen Städten. Paul Collier etwa stellt die geographische Spaltung in boomende Metropolen auf der einen und niedergehende Städte auf der anderen Seite fest, aber er bedenkt die eigensinnigen Praktiken der Jugend nicht, die mit ihren digitalen Möglichkeiten die Agglomerationseffekte der Großstadt aushebeln können. Die Entgrenzung von Stadt und Land wird durch die Digitalisierung tatsächlich möglich – und damit eröffnet sie die Chance zur Überwindung ihrer Spaltung.

Und es ist unsere Chance, die Chance der Frauen, diese Welt anders zu gestalten. Denn die digitalen winner sind oft Frauen. Und auch die urbanen und die kommunalen actors sind oft Frauen. Was noch aussteht, ist der Mehrwert, der sich für Frauen daraus ergibt. Im Rentennieveau wird sich die weibliche Umtriebigkeit wohl auch in 30 Jahren noch nicht widerspiegeln, denn die urbanen Arbeitsverhältnisse sind prekär, das Engagement der Frauen oft unbezahlt und digitales Unternehmertum ist harte, schlecht bezahlte Arbeit – einige Youtuberinnen und Influencerinnen ausgenommen.

Dabei ändert sich an der Realität der Sorgearbeit und ihrer Ambivalenz für Frauen rein gar nichts, seit 100 Jahren nicht, und alle lächeln brav darüber hinweg

Und dann ist da noch die Sorgearbeit. Sie wird durch die Digitalisierung noch lange nicht aufgewertet, im Gegenteil: Sie verschwindet noch undeutlicher im schweigenden Verrichten, wird stumm an osteuropäische Putzfrauen deligiert, und sie ist digital noch leichter outzusourcen. Sie ist noch weniger im Fokus der öffentlichen Debatte als in den 1980er und 1990er Jahren, weil sich alle Welt der Vereinbarkeitsdebatte verschrieben hat. Dabei ändert sich an der Realität der Sorgearbeit und ihrer Ambivalenz für Frauen rein gar nichts, seit 100 Jahren nicht, und alle lächeln brav darüber hinweg. Oder tun so, als ginge sie das nichts an, weil es politisch verpönt ist, für die Worte Mutterschaft, Sorge, Kinder Anerkennung einzufordern. Dann rennen alle schreiend weg, denn es klingt nach CSU. Erfüllen wir lieber schweigend eine offiziell als veraltet gebrandmarkte Mutterrolle?

StadtLandFrau beschreibt die Ambivalenzen der Spätmodernde

StadtLandFrau bezieht sich auf ein Buch, das Kerstin Dörhöfer einst herausgab, über soziologische Perspektiven und feministische Planungsansätze. StadtLandFrau ist die Perspektive auf die Verschränkungen, die sich zwischen den Spannungen des urbanen Lebensstils mit Mutterschaft und Landleben, Herkunft und den städtischen Veränderungsprozessen ergeben. StadtLandFrau ist die Betrachtung der Ambivalenzen, die sich daraus ergeben. StadtLandFrau ist der Versuch, die Spannung aus den Verbindungen produktiv zu machen, die sich ergeben, wenn Frau als Mutter unter die Stadträder, in den Sog der Landluft und wieder hinaus gerät. StadtLandFrau möchte die Ambivalenzen der Spätmoderne sichtbar machen.

StadtLandFrau ist eine Perspektive

In der Stadt gibt es Verbaute Räume (Ulla Terlinden), es gibt die Begegnung mit der Sphinx (Elisabeth Wilson), das Chaos, die Freuden, die Armut, es gibt Gewalt, Kultur, Luxus, Verkehr. Es gibt die Architektur der Macht, die Architektur der Kühnheit und Erhabenheit, es gibt Räume für Freiheit und Entfaltung und es gibt den Drang des Marktes, sich alles einzuverleiben und zu zerstören, Neues zu schaffen und Altes zu verdrängen. Stadt und Land ähneln sich plötzlich mit ihrem Attraktionsangebot, denn die Räume zur freien Entfaltung tun sich in Brandenburg genauso auf wie in Mecklenburg und fast mehr als in Berlin. Der Sättigungsgrad an ertäglicher Urbanität, sofern das überhaupt eine Größe sein kann, ist noch nicht erreicht, und doch zieht es so viele, die mehr erwartet haben, raus raus raus aus Berlin. Und immer schwingen die utopischen Fragen mit nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, nach dem Wunsch, Kinder haben zu können und Selbstverwirklichung, NaturRuhe und InputBeschäftigung, Kontemplation und Flaneurie, Wald und Kunst, Himmel und Text. Der Gegensatz zwischen Naturraum und Stadtraum, gebautem Raum, vom Menschen erzeugter Raum ist der immerwährende Gegensatz zwischen von Gott geschaffenem Raum und Babylon.

StadtLandFrau hat tausend Fragen dazu.

StadtLandFrau beschäftigt sich mit Leben im Umbruch im Allgemeinen und im Besonderen:

  • Feministische Perspektive auf Stadt und Land
  • SorgeArbeit // Vereinbarkeitslogiken
  • Familien- und Sozialpolitik
  • Berlin // Architektur
  • NaturRäume
  • Soziale Bewegungen

Bei Fragen: mailto ingahaese at gmail dot com

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