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Corona

Tag 6: Italienische Zustände

Der Samstagseinkauf erweist sich wie es zu erwarten war als Durchwurschtelaktion. Der Edeka: Leergekauft. Die Fleischtheke: Nicht mehr besetzt. Der Biomarkt: Noch zwei Liter Milch im Kühlregal. Mehl existiert nur noch in der Phantasie. Frisches Gemüse: Überall Fehlanzeige, außer auf dem Wochenmarkt (!). Und vor dem Supermarkt: Eine Warteschlange aus Menschen mit Mundschutz. Bilder, die wir bis letzte Woche mit Italien und Wuhan in Verbindung brachten, sie haben unseren Alltag erreicht, jedenfalls im Stadtzentrum.

Double-Income-No-Kids-Paare gehen gemeinsam einkaufen und sehen so aus, als machten sie das zum ersten Mal. Zumindest im Laden. Wenn sie ihren SUVs entsteigen, reicht sie ihm routiniert das Handdesinfektionsmittel rüber, oder umgekehrt. Wo zum Teufel haben die das Zeug her? Ob die auch Klopapier zu Hause haben?

Und woher bekomme ich jetzt die ersehnten Nürnberger Würstchen, die meine Tochter sich zum Geburtstagsfrühstück wünscht? Wer kam überhaupt auf die Idee mit dem englischen Frühstück, die muss eindeutig noch aus Vor-Corona-Zeiten stammen.

Die Tochter wird übermorgen 8. Ein unpassendes Alter, um Einschränkungen am Geburtstag hinzunehmen. Doch sie hat vorausschauend vorgesorgt, ist in der letzten Woche schon mit dem Papa losgezogen und hat zumindest auf zwei Geschenken bestanden, die vorrätig sein sollten. Sie war es auch, die als erste begriff, dass sie niemanden ihrer Freund:innen einladen darf — wir übten uns im Beschwichtigen, aber Kinder haben Instinkte wie Katzen. Tatsächlich wird nun, wenn es gut läuft, die Nachbarin kommen. Ich sattel um auf Wiener Böden, dann krieg ich die Torte ohne Eier und Mehl hin.

Die Einkaufssituation in der Berliner Innenstadt, Momentaufnahme dieser Woche, erinnert tatsächlich an eine Herausforderung, die es seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr gab: Lebensmittelengpässe. Glück hat jetzt, wer außerhalb des S-Bahnrings wohnt. Eine Umkehrung der Verhältnisse, auch für Vermietende. Wer sich bis vor zwei Wochen noch glücklich schätzen konnte, innerhalb des S-Bahnrings eine bezahlbare Wohnung zu haben, steht nun vor ganz neuen Herausforderungen neben den Mietsteigerungen — diese will, genauso wie Mietausfälle, der Senat bis September übernehmen. Sprich: Private Spekulanten und Immobilienunternehmen haben die Mieten ins Exorbitante gesteigert, damit der Staat im Fall von Mietrückständen nun die Ausgleichszahlungen übernehmen darf.

Übersetzt heißt das mal wieder, Gewinne bleiben privatisiert, Verluste werden kollektiviert. Vielleicht gibt es angesichts der großen Solidarität der Vielen auch mal ein Zeichen der Solidarität von z.B. der Deutschen Wohnen oder anderer Marktakteure, auch zugunsten von Ateliers, Geschäftsräumen, Gewerbe.

An der Kasse bei Edeka bedankt sich die Verkäuferin mit dem violetten Lippenstift gut gelaunt für meinen Einkauf bei ihr. Sie entschuldigt sich, dass die Eingabetasten am Kartenlesegerät, auf dem ich meine Geheimnummer gerade eintippe, so eine unverschämte Virenschleuder sei. „Aber wissen Se, ick mach dit auch von Zeit zu Zeit sauber, keene Sorge. Und bleiben Se jesund.“ Ich bin ganz gerührt von soviel Umsicht. Die Dame trägt keinen Mundschutz, sie ist allen ausgeliefert. Aber Ihre Freundlichkeit und meine, ihre Sorge um ihre Kundschaft und meine Sorge um ihre Gesundheit steigern sich gegenseitig in nur einem Bruchteil einer Minute zu einem am Ende beinah freundschaftlichem beiderseitigem Wunsch eines schönen und gesunden Wochenendes. Die Wertschätzung, die da politisch ausgedrückt wurde, sie hat schon jetzt in den Alltag eingegriffen und den Menschen ein Stück Größe zurückgegeben.

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