Der 8. März. Vom Frauenkampftag zum Feiertag

Allgemein, Frauenpolitik

Die Berliner Behörden werden gerne belächelt: Behäbig, ineffizient und lahm seien sie. Doch nun ist ein politischer Coup geglückt: Der internationale Frauentag – der Weltfrauentag – wurde letzte Woche zum Feiertag erhoben, und schon in diesem Jahr soll er für uns ein freier Tag sein. Über die Verantwortung für ein gelingendes Feiern, das dem Frauenkampftag gerecht wird.

 

So gesehen ist es schon eine Zumutung, dass der Frauentag „nur“ im Land Berlin als Feiertag zu Ehren kommt. Einerseits.

 

Juhu, großer Jubel. Einerseits. Denn natürlich ist der 1910 von Clara Zetkin eingeforderte Frauentag ein Mememento für den harten Kampf um Frauenrechte, der seit seinem ersten Begehen 1911 viele gewonnene Schlachten zu feiern hat. Dehalb ist es nur folgerichtig, den Frauentag als Feiertag einem Muttertag gegenüberzustellen, der nur eine der möglichen Rollen von Frauen ehrt, und nicht an die vielen praktizierten Ungerechtigkeiten im Zusammenleben der Geschlechter erinnert. So gesehen ist es schon eine Zumutung, dass der Frauentag „nur“ im Land Berlin als Feiertag zu Ehren kommt, und nicht in ganz Deutschland.

 

Sexismus mit Sexismus zu bezahlen ist wie Gewalt mit Gewalt zu beantworten.

 

Aber, und das ist die Kehrseite der Medaille, bietet der Frauentag als Feiertag auch Anlass zur kritischen Betrachtung der bisher umgesetzten Geschlechtergleichstellung. Wenn nämlich, wie in Osteuropa der Fall, wo der Frauentag ehedem als sozialistischer Feiertag eingeführt wurde, eine Art Frauentags-Industrie entsteht, die dem Projekt Frauenkampftag zuwider läuft, ist Achtsamkeit geboten. In der osteuropäischen Praxis regt der Feiertag zu hedonistischem Feierkonsum an und die Frauen fühlen sich aufgerufen, eine Objektivierung von Männern als attraktivem Erotikspielzeug vorzunehmen. Ein Tag, an dem Stripper ausgebucht sind. Der Vorteil: Männern wird ein Spiegel ihrer sexistischen Rituale vorgehalten. Der Nachteil: So verliert der Frauentag seine emanzipatorische Bedeutung. Sein kämpferischer und zur Anprangerung von Ungerechtigkeit anstiftender Impetus wird nämlich dort durch die Praxis, mit der dieser Feiertag begangen wird, ins Leere geführt. Sexismus mit Sexismus zu bezahlen ist wie Gewalt mit Gewalt zu beantworten. Wie wir wissen, führt letzteres zu noch mehr Gewalt. Ersteres wird also nicht zu einer Abkehr von sexistischen Praktiken führen, sondern diese befeuern.

 

…es besteht die Gefahr, dass dieser „Männertag“ mit dem „Frauentag“ beantwortet werden wird. Der Frauenfeiertag ist nur dann ein Gewinn, wenn wir alle, Männer und Frauen, innehalten und uns fragen, wie wir Gleichberechtigung leben können und wollen.

 

Wild feiernde Frauengruppen, die am 8. März durch Berlin grölen, so wie sie es heute in Bukarest und Sofía tun, haben uns Berlinerinnen und Berlinern als Ergänzung zu fahrenden Bierbikes und Junggesellenabschieden nicht gerade gefehlt. Natürlich haben Frauen ein Recht darauf, sich am Frauentag zu feiern. Aber die Erhebung des Frauentages zum Feiertag unterzieht das bisher Erreichte einer Prüfung: Offenbar reicht es keinesfalls aus, um den Frauenkampftag überflüssig werden zu lassen. Und es reicht auch nicht aus, um die Praxis des „Vatertags“ in Frage zu stellen, an dem scharenweise biertrinkende Männer ihre Bollerwägen hinter sich her ziehen und für sich ein Recht auf Anbaggern einfordern. Sondern es besteht die Gefahr, dass dieser „Männertag“ mit dem „Frauentag“ beantwortet werden wird. Der Frauenfeiertag ist nur dann ein Gewinn, wenn wir alle, Männer und Frauen, innehalten und uns fragen, wie wir Gleichberechtigung leben können und wollen. Und die gegenseitige Objektivierung des anderen Geschlechts zum Sextoy ist sicher keine richtungsweisende Antwort (es ist nur die Ablenkung vom Eigentlichen).

 

Wir brauchen ein Aufeinanderzugehen

 

Vielmehr brauchen wir ein Aufeinanderzugehen: Ein Zuhören und Ausreden lassen am Frauenfeiertag, das wäre ein guter Anfang. Der Frauentag als Tag, an dem wir gemeinsam über Gleichberechtigung nachdenken, so stelle ich mir diesen Tag als Gewinn vor. Auf einer öffentlich zelebrierten Feier. Weil Frauen mit Kindern, ohne Kinder, mit Karriere, ohne Karriere, mit Geld und ohne Geld, mit Migrationshintergrund und ohne so verschiedene Leben beschreiben, dass es ohne Zuhören gar nicht geht. Wenn uns das an diesem Tag gelingt, dann wäre der Tag ein echter Feiertag.

Superfraun. Alle Bälle gleichzeitig in der Luft oder wie Scheitern zum Konzept spätkapitalistischen Überlebens wird.

FürSorge

Hatten wir nicht alle Eva Herrmann belächelt, als sie ihr Buch über die verpasste Mutterschaft veröffentlichte? Ein Aufschrei ging damals durch die SPD-regierten Länder und sozialdemokratische Milieus. Was die denn für ein Problem habe, sie würde nicht noch einmal den Weg der Nachrichtensprecherin wählen, sondern bei ihrem Sohn bleiben. Nase-rümpf. Jungmädchenhaftes, unverständliches Lachen über so eine bekennende Glucke bei meinen Freundinnen. Wie unfeministisch. Und heute? Das gleiche in grün, Debatten über „regretting-motherhood“. Dieser Begriff zergeht auf den Zungen der Feuilletons, ganz genüsslich. Da gibt es wieder was zu gucken, Egopornos von Frauen! So, als müssten wir ein total normales Gefühl, das jede Frau, die Mutter ist, kurzweilig kennt, rechtfertigen. Aber aus der Perspektive des „später“, weil dann klar wird, was wir alles verpasst haben… Auch das macht der arbeitsmarktversessene, glattgeföhnte Lebenslaufspätkapitalismus uns weiß: Dass wir alles hätten haben können, wären wir nicht so stockblöd gewesen.

Aber „regretting-carreer“ gibt es nicht als Hashtag, das ist keines Aufschreies würdig, weil es zu defensiv-unterordnend klingt, nach Küche riecht und Selbstgebackenem, nach dreckigen Kindersocken. Seine Karriere zu bereuen klingt unfeministisch, oll wie Johannisbeerenpflücken in Omas Garten. Und das ist so uncool wie weiße Socken in breitriemigen Birkenstocksandalen. Die Karriere bereuen, das sagt man so augenzwinkernd, aus der Position desjenigen, der oder die eben alles erreicht hat und jetzt auch gerne mal eins der Kinder auf den Arm nehmen will, weil das so einfach aussieht. So schlicht – für das Kind dagewesen zu sein, das wäre ja auch eine Option gewesen. Aber klar, es gab Anerkennung zu ernten und Geld zu verdienen. JedeR versteht das Dilemma und die Wünsche…

Jette hadert mit ihrem 40-Stunden-Job in der Marketingabteilung eines Verlages. Jette schreibt mir eine Email und fragt:

„Was will ich eigentlich nochmal genau von meinem Leben, meinem Partner, meinem Job? Was erwarte ich Idiotin denn törichterweise alles von mir selbst?“

Ich schmunzele. Sie hat letztes Jahr einen Sohn bekommen. Und will Zeit mit ihm verbringen. Aber auch eine Ausbildung beenden, die sie neben dem Job angefangen hat. Mir wird ganz schwindelig von all den Bällen, die wir Frauen gleichzeitig in der Luft haben. Ohne je vorher geübt zu haben, aus dem Stand jonglieren können: Das wird von uns erwartet. Sind wir denn Künstlerinnen, allesamt? Und dann lesen wir von all‘ den erfolgreichen Frauen, die fünf Kinder haben und dennoch erfolgreiche Übersetzerinnen/Politikerinnen/Unternehmerinnen sind. Die alle Bälle gleichzeitig in der Luft halten, Artistinnen des Mutterlebens. Aber sind diese Frauen als Vorbilder ernstzunehmen oder sind sie die Trainerinnen, die die Messlatte hochlegen? Die noch zwei Bälle in unsere Jonglagelaufbahn werfen?

Jette ist wütend, so wütend auf diese mediale Aufmerksamkeit, die nur den Supermüttern zuteilwird. Was ist mit den weniger betuchten, weniger begabten, weniger privilegierten Frauen dieser Welt, die aus dem Stand ihre Bälle hochwerfen und einfach mal scheitern? Ehen krachen ein, Familien zerplatzen wie Seifenblasen, weil, hey! Ihr habt es versucht, alles gleichzeitig zu schaffen? Selber schuld. Oder du bist daran gescheitert, weil du nicht alles versucht hast? You didn’t lean in? Noch mehr selber schuld! Und jetzt kehr die Scherben deiner Existenz zusammen, geh putzen, setz dich bei Kaisers an die Kasse und zieh dein Kind alleine groß. Denn die große Gleichberechtigungserwartung, mit der wir alle gestartet sind, löst sich erst recht in Luft auf, wenn Beziehungen scheitern. Oder warum erziehen fast nur Frauen alleine? Offenbar gewinnen am Ende wieder die Männer, nämlich ihre Freiheit, ihre Rolle, ihr Single-Leben zurück, während die Mütter alleinerziehen. Ist das der Ausdruck von Emanzipation, den ihr wollt, liebe Vorkämpferinnen für ein Recht auf Rabenmutterschaft?

@stadtlandfrau