SPD verzweifelt gesucht!

Allgemein, Arbeit, FürSorge, Solidarische Politik

Andrea Nahles, die erste Frau an der Spitze der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, ist zurückgetreten und hinterlässt eine ratlose Leere. Noch durchdringender als die Fassungslosigkeit, die beim Abgang von Martin Schulz bereits entstanden war, wirkt dieser luftleere Raum, den Nahles nun hinterlässt. Nahles ist eine talentierte und erfahrene Politikerin, ihr Verlust ist der härteste, den die SPD bislang zu verkraften hatte. Denn sie war eine Hoffnungsträgerin: Als erste Frau, die den Parteivorsitz innehat und im mittleren Alter.

Seit Jahren fragt sich die Republik, mal drängend, mal resigniert, zuletzt beinah kondolierend: Was ist nur los mit dieser Partei, die einst so stolz in den Wahlkampf gezogen war, um nach 16 Jahren Kohl das Land umzugestalten? Wo auf dem Weg hat die SPD uns verloren, uns Wähler*innen von einst und sogar uns Genoss*innen von einst? Nach jeder Wahlschlappe wurden diese Fragen, Suchen und Analysen laut. Beantworten kann jeder nur für sich selbst, wo er oder sie die SPD verloren hat. Aber diese Antworten sind für die SPD überlebensnotwendig. Denn vielleicht führen sie dazu, dass die SPD wiedergefunden werden kann.

Sie war aufmüpfig und entschlossen

Niederrhein 1998. Ich war damals Juso-Bezirksmitglied im Kreis Kleve und 17jährig. Lauschte angestrengt den Worten von Andrea Nahles, der Juso-Bundesvorsitzenden, bei einer der Deligiertenkonferenzen. Wir saßen an schlichten Schulbänken, Andrea dozierte vor unseren Tischen, kämpferisch und im Eifeldialekt, warum wir das Wahlprogramm ablehnen würden. Gemessen an den Granden der Partei wie Müntefering, Rau und Schröder war sie aufmüpfig und entschlossen, ihre Energie war ansteckend. Gemessen an dem, was als cool bei uns Jugendlichen galt, wirkte sie zwar etwas bieder. Aber um Biederkeit und Frisuren ging es damals nicht, sondern um unseren entschlossenen Wahlkampf für mehr Gerechtigkeit.

Und wir kämpften wirklich bis aufs Blut, gegen die JU in der Fußgängerzone, mit Kampa-Slogans wie „Wir wollen nicht, dass man an Ihren Zähnen erkennt, ob Sie arm oder reich sind.“ Polarisierte Botschaften für soziale Gerechtigkeit eben. „Rot-Grün ist der Wechsel“ warben die Grünen damals. Heute unvorstellbar. 1998 fand ein Wahlkampf voller Enthusiasmus, Ideen und Aufbruchstimmung statt – jedenfalls für die aktiven Wahlkämpfer*innen, die wir trotz des Wahlprogramms waren. Ich war stolz auf mein Parteibuch. War von den Gedanken der Arbeiterwohlfahrt und des demokratischen Sozialismus fasziniert, dass Umverteilung zu mehr Chancengerechtigkeit führe. Ich empfand es außerdem als ungerecht, dass die Jungs in meinem Alter zum Wehrdienst eingezogen wurden und ich nur deshalb nicht den Dienst an der Waffe verweigern durfte, weil ich das falsche Genital habe. Soziale Gerechtigkeit hieß für mich selbstverständliche Gleichberechtigung, egal welche Hautfarbe, Geschlecht, Sexualität.

Von der Koalition des Aufbruchs zur Entgrenzung von allem

Was 1998 politisch geschah ist überall nachzulesen: Rot-Grüner Wahlsieg, Freudentaumel, die Koalition des Aufbruchs. Sozialdemokratische Bündnisse herrschten plötzlich über ganz Europa – außer in Frankreich. Und was machen die Sozen? Sie schwören auf die neoliberale Weltbankpolitik, beschließen Dienstleistungsabkommen mit den USA, Bologna wird zum Synonym für eine liberalisierte und modularisierte Bildungspolitik in einer wirtschaftszentrierten EU. Vom Aufbruch zum Umbau des beschworenen verkrusteten Sozialstaats dauerte es knapp sechs Jahre, uns wurde ein gesenkter Spitzensteuersatz sowie die Abschaffung der Vermögenssteuer beschert. Es gibt Analysen, die bestätigen ein goldenes Zeitalter für Vermögende just in der Schröder-Ära – und die Erschaffung eines riesigen Niedriglohnsektors, der seinesgleichen in Europa sucht. Für uns Wähler*innen fällt die Ehe von Schwulen und Lesben und die doppelte Staatsbürgerschaft in der politischen Bilanz plötzlich weniger ins Gewicht, denn die sozialkulturellen Errungenschaften von Rot-Grün wurden durch die Prekarisierung von Arbeitnehmer*innen teuer bezahlt. Der Konservatismus der Kohljahre war zwar passé, aber all die Entgrenzungen, die uns nun zugemutet wurden, erwiesen sich als zu negative Freiheiten.

Mein Parteibuch gab ich schon nach drei Jahren sozialdemokratischer Kanzlerschaft ab, im Jahr 2001. Ich fühlte mich betrogen von Schröder und Fischer und dem Egozentriker Lafontaine. Empörte mich über den allerersten Kriegseinsatz der Bundeswehr ausgerechnet unter Rot-Grün. Spürte, dass die Themen, die mich bewegten, kein Echo in dieser Partei fanden und war inzwischen auch nicht mehr am Niederrhein, wo die SPD angesichts des konservativen Umfelds für mich so etwas wie eine Revolutionsgarde dargestellt hatte, sondern in Berlin, wo linke und feministische Politik nichts mit der SPD zu tun hatten, sondern mit Politgruppen. Das, was heute mit Identitätspolitik bezeichnet wird, fand dort ihren Ursprung. Linkssein und SPD, das waren fortan zwei Welten, die auseinanderdrifteten. Strukturell bemerkbar wurde der Drift mit der Gründung der Wahlalternative WASG, später mündete er in die Linkspartei.

Es war die Zeit, bevor Frauenquoten in Führungsetagen in Erwägung gezogen wurden

Natürlich wählte ich zuerst noch meine alte Partei. Fühlte mich der SPD verbunden, schon aus einer Familientradition heraus. Aber es fiel mir schwerer. Und so machte ich 2005 mein Kreuzchen nach unendlichen Minuten in der Wahlkabine bei den Grünen. Schröder hatte einen Denkzettel verdient für seine neoliberale Pragmatik, und das dachten offenbar viele. Es kam der legendäre Wahlabend 2005, an dem Schröder keine Mehrheit mehr erreichte, obwohl er es selbst nicht glauben wollte. Ich verspürte ein wenig Schadenfreude, dass dieser chauvenistische Mann von einer drögen Frau Merkel abgelöst wurde. Sicher eine Frage der Zeit, bis sie von der eigenen Partei abgesägt wird, unkten die Medien im Subtext.

Es war die Zeit, bevor Frauenquoten in Führungsetagen in Erwägung gezogen wurden und als ein Bundeskanzler ungestraft von „Gedöns“ reden konnte, wenn er von Frauen-und Familienpolitik sprach. Welch fataler Irrtum. Hätten die Sozen damals den Zeitgeist erkannt, hätten sie sich die Mütterrente und das Elterngeld im Jahr 2000 auf die Fahnen geschrieben. Aber sozialdemokratische Politik war Bossengenossenpolitik: Arbeiter und Angestellte wurden immer noch männlich gedacht und Familie blieb unter Rot-Grün Frauensache, trotz anderweitiger Bekenntnisse. Die Aufwertung von Erziehungs- und Hausarbeit wurde entschieden abgelehnt und als Herdprämie verunglimpft – als wäre sie als Beleidigung für Frauen gedacht. In der SPD dürfen Männer offenbar nicht an den Herd, habe ich verstanden, und haderte auch deshalb mit der SPD.

Nahles zeterte und kritisierte wie sonst keine

Andrea Nahles verteidigte die Logik der sozialen Gerechtigkeit. Soziale Gerechtigkeit, das sollte durch Erwerbsarbeitspolitik hergestellt werden. Aber Frauen profitierten mehrheitlich nicht von diesem Verständnis. Zudem mussten sie sich nun blank machen für Hartz IV, wenn sie alleinerziehend waren. Und verdienten nicht mehr, wenn sie im Niedriglohnsektor schuften mussten, ihre Dienstleistungsarbeit wurde immer weniger wert statt mehr. Es profitierten Unternehmen, Arbeitgeber, Aktionäre und tariflich Beschäftigte. Nahles kritisierte die Agenda 2010, die Schröderpolitik war ihr zuwider. Das war ein Grund, weshalb sie in der SPD so wichtig wurde – sie zeterte und kritisierte wie sonst keine, sie stritt um das, was ihr wichtig erschien: Solidarität mit den kleinen Leuten. Sie bot den Herren in der SPD die Stirn, 1995 positionierte sie sich gegen Scharping, 2005 gegen Schröder und später gegen Müntefering. Alle von ihnen gingen, sie blieb. Aber sie war keine Sympathieträgerin, sie wurde in der Partei als Rumpelstilzchen wahrgenommen.

Die SPD ging in der ersten großen Koalition unter. Müntefering verließ als letzter Altgedienter die Bühne und es folgte das erste von vielen schädlichen Gemetzeln an der Parteispitze. Kurt Beck wurde duch illoyales Verhalten der Genoss*innen 2008 aus dem Amt gejagt. Es zeigten sich die späten Früchte der Enttäuschung aus der Schröder-Zeit: Neben der gereiften CDU wirkte die SPD wie ein Haufen pubertärer Singles auf Partnersuche, und an allen Vorsitzenden, die man kürte, fand man nach einer kurzwährenden Phase auf Wolke 7 etwas auszusetzen, was dann bereitwillig in die Öffentlichkeit getragen wurde – der nächste könnte ja noch besser sein.

2009 dann das Desaster: Nur 23% für die SPD unter Steinmeiers Kandidatur. Meine Stimme war darunter, aus Mitleid, nicht aus Überzeugung. Und wie viele Prozentpunkte wurden wohl aus reinem Mitleid mit der alten Tante SPD gewonnen? Die große Koalition und das SPD-Personal aus Steinmeier, Steinbrück und Ulla Schmidt konnten der SPD ihr Gesicht nicht zurückgeben. Mit den Hartz-Gesetzen hatte sie es verloren, mit ihrem neoliberalen Kurs während der Regierungsjahre jegliches Vertrauen verspielt. Die CDU heimste die Erfolgszahlen ein, die der Apparat der Arbeitsagenturen mit ihren Maßnahmen und Schlupflöchern geschaffen hatte. Die deutsche Wirtschaft brummte dank der EU-Osterweiterung und der Geschäfte mit China – und natürlich dank der SPD-Reformen. Angst vor der Wirtschaftskrise brauchten wir nicht zu hegen, sie wurde präzise verwaltet, und es darbten alle anderen: Griechen, Polen, Italiener. Nur: Die Wähler erkannten das nicht an. In unzähligen Talkshows mühten sich Genoss*innen ab, die Crux zu erklären, warum die Erfolge Merkel zugeschrieben, die Misserfolge an der SPD haften blieben. Teflon-Merkel wurde schon früh zum Namen dieses Phänomens.

Die SPD hatte mit dem Repertoire ihrer mittelalten Männer an der Spitze einen entscheidenden Schwenk zum ernstgemeinten Umbruch verpasst

Die SPD ging fortan in die Opposition und versuchte Wellness. Verkündete munter ihre gutgemeinte Politik, an die niemand mehr glauben wollte. Andrea Nahles saß an Gabriels Seite im Willy-Brand-Haus und rettete, was zu retten war. Aber uns SPD-Sympathisanten war das Personal nicht ganz geheuer. Wo war die muntere Schlitzohrigkeit eines Egon Bahrs, wo ein blitzgescheiter Stratege wie Helmut Schmidt? Statt brillianter Köpfe sammelten sich an der Spitze der SPD karrieristische Machtmänner, so schien es, und die laute Andrea Nahles neben ein paar neuen Frauen wie Manuela Schwesig, die aber noch zu neu war.

Außer Nahles, der Kämpfernatur, die mit ihrer Kandidatur zur Generalsekretärin zuvor den alten Münte aus dem Amt verjagt hatte, gab es keine Frau an der Spitze, die sich durchsetzen konnte oder wollte. Die SPD aber hatte mit dem Repertoire ihrer mittelalten Männer an der Spitze einen entscheidenden Schwenk zu ihrem ernstgemeinten Umbruch verpasst. Wäre die SPD wirklich bereit gewesen, sich zu erneuern, hätten die Genossen bereits damals eine Frau zur Parteichefin gekürt. Aber es gab keine, die Willens war – Hannelore Kraft hätte die notwendige Erfahrung und den Charakter dazu gehabt. Sie wollte nicht. Und Andrea Nahles war viel zu umstritten, als dass sich die Genossen getraut hätten, sie zur Chefin zu küren. Und so blieb es bei der SPD dabei, dass Frauen nur die zweite Reihe besetzten. Es war eine Reihe unglücklichen Nicht-Wollens und Nicht-Könnens, das die SPD-Spitze immer tiefer in die personelle Bredouille brachte.

Der lauteste Ton der Partei, der in den Medien wiedergegeben wurde, war Häme

Und es ging den Wähler*innen spätestens seit der Wirtschaftskrise von 2008 um Coolness und Souveränität. Und die lieferte auf unerklärliche Weise die gelassene Rautenkanzlerin. Die Männer der SPD hatten keine Chance. Auf Steinmeier folgte Steinbrück. Nahles blieb im Willy-Brand-Haus als die Frau an Gabriels Seite. Aber beide schafften es nicht, die SPD-Inhalte zu entstauben und souverän zu verkörpern. Zu nervös wurde jeder Schritt von den Genoss*innen selbst beäugt und kritisiert – erinnern wir uns an die parteiinterne Zerlegung von Steinbrück, weil er in Wirtschaftskreisen ein beliebter Redner war. Der lauteste Ton der Partei, der in den Medien wiedergegeben wurde, war Häme, wenn jemand scheinbar einen Fehler machte. Solidarität, der Begriff von 1998, war schon längst zu einer Worthülse verkommen, und die Medien spielten dankbar ihre Rolle als Steigbügelhalterin der Kanzlerin. Der leichte Zugewinn bei der Bundestagswahl 2013 war auf die Oppositionsrolle der SPD zurückzuführen, aber 25,7% reichten nicht, um das Wellness-Programm als Erfolg zu verstehen.

Ich wählte wieder Grün. Zu augenfällig schien mir die Klimakatastrophe vor der Tür zu stehen, als dass die Zeit für die Subventionierung von Industriearbeitsplätzen vergeudet werden konnte. Die SPD hatte das Thema 2013 noch nicht recht begriffen: Dass Umwelt- und Sozialpolitik dringend in ein Miteinander überführt werden müssen statt gegeneinander ausgespielt, und dass junge Eltern das Umweltthema viel ernster nehmen als die Senioren, die nun das klassische Wähler*innen-Milieu der SPD stellten. Der Spruch der Grünen „Umwelt ist vielleicht nicht alles, aber ohne Umwelt ist alles nichts“ verfängt nun einmal stärker als das abgedroschen klingende Mantra von sozialer Gerechtigkeit, die herzustellen der SPD nicht obliegt – wie auch in einer globalisierten Weltwirttschaft, deren Spielregeln andere schreiben.

Eine starke SPD ist wichtig für unsere Demokratie!

Inzwischen war ich Mutter geworden und mein persönlicher Umbruch spiegelte sich in meiner politischen Präferenz wider. Ich kehrte dem politischen Aktivismus den Rücken und empfand die Verantwortung, die bürgerliche Parteien übernahmen in ihrem Ringen um Kompromisse, mehr denn je als eine Errungenschaft, die es zu unterstützen galt. Ich verstand, warum Kompromisse in der Realpolitik entscheidend waren. Aber ich verstand auch, warum Elterngeld und Mütterrente eine gute Sache waren und die SPD leider reflexartig alles geißelte, was ansatzweise nach CDU aussah. Mit der reflexhaften Abwehr, die taub für jegliche argumentative Logik war, verlor die SPD weiter an Sympathiepunkten. Und natürlich mit der Entscheidung von Andrea Nahles, die abschlagsfreie Rente ab 63 einzuführen. Vermutlich war diese Entscheidung die schwerwiegendste, die Nahles in ihrer Zeit als Bundesministerin traf, denn sie brachte der SPD Bodenverlust bei den jüngeren Wähler*innen ein. Die einen ärgerten sich über die Hartz-IV-Gesetze, und die, die noch zu jung waren, schüttelten jetzt die Köpfe über die Seniorenpolitik der SPD.

Dann gab es den kurzen Überraschungsaufschwung von 2017: Martin Schulz übernahm das Steuer und für einen winzigen Moment herrschte wieder dieser Eindruck von Überlegenheit, von Wir-Können-Das-Besser, von Souveränität und Kraft. Dieser Kampa-Effekt, den die Medien mit Schulz-Zug meinten, hielt genau vier Wochen an. Dann verpuffte er wie eine Seifenblase. Der Tiefpunkt war der Rücktritt von Schulz, nachdem er sich verzockt hatte mit dem Griff zum Außenministerium. Leider. Denn trotz aller Schelte an Fehlentscheidungen und Eiertänzen an der Parteispitze: Nichts wurde nach den Bundestagswahlen 2017 deutlicher, als dass eine starke SPD wichtig ist für unsere Demokratie.

Mit der negativen bis zynischen Haltung der gesamten Politik gegenüber konnte die AfD groß und größer werden

Und heute? Das Lamento der populistischen Parteien von rechts wie links, die sich über die Kompromisse der großen Koalition aufregen, erscheint fadenscheinig. Und noch etwas, das sich in den Zeitgeist einschlich, ist fadenscheinig und bigott: Die Berichterstattung über die große Koalition und über die SPD im besonderen wurde über die Jahre immer abfälliger. Das Schimpfen auf die ausgehandelten Kompromisse wurde mehr und mehr zum Volkssport, demokratisches Ringen um die größtmögliche Berücksichtigung von verschiedenen Interessen geriet in Verruf. Überhaupt ist das Bashing alles „Bürgerlichen“ eine Lieblingsdisziplin von jenen, die sich politisch für links halten – oder rechts. Die bürgerliche Zivilgesellschaft, also der Mut zur Übernahme von Verantwortung, ist aber der Grundpfeiler unserer Demokratie.

Mit der negativen bis zynischen Haltung der gesamten Politik gegenüber konnte die AfD groß und größer werden. Eine schwache SPD bedeutet ja, dass bürgerliche Werte der CDU und den Grünen überlassen und mit dem Label konservativ versehen werden können, weil bürgerliche Werte im SPD-Lager nicht genügend wertgeschätzt werden. Genau diese Überheblichkeit aber ist Gift für die Zivilgesellschaft. Sowohl linke als auch rechte Populisten glauben, dass die demokratischen Kompromisse ihnen etwas vorenthalten würden, auf das sie ein Anrecht hätten. Die extremen Meinungen verkennen, welchen Stellenwert der Meinungsaustausch für das Funktionieren einer Demokratie hat. Sie gaukeln jenen, die sich abgehängt fühlen, ein Kollektiv unter dem Banner des Leids vor, der ihnen aber erst recht eine wirkliche Mitgestaltung vorenthält. Wer einmal in Parteistrukturen gearbeitet hat, weiß, wie mühsam Demokratie sein kann, die langen Sitzungen und das Ringen um Anträge sind zäh, Kompromisse aushandeln ist langwierig.

Mehr Demokratie wagen!

Im Grunde passt der Wahlspruch von Willy Brandt „mehr Demokratie wagen“ auf die Probleme unserer Zeit, und zwar in dem Sinne, dass die Bürger*innen des Landes sich wieder mehr Demokratie zutrauen müssen, sich der Zivilität und der Dialogfähigkeit wieder bemächtigen, anstatt den Populisten ihre Demokratie zu überlassen. Die SPD ist immer noch ein politischer Akteur in allen Regionen, auch wenn sie im Bund geschwächt ist. Die Leitmedien behaupten, die Definition der Volkspartei messe sich an den Wahlergebnissen und nicht an den lokalen Strukturen der Parteien – und die SPD hat das Zeug dazu, von den Jungen Menschen in Kleinstädten und auf dem Land als Anlaufstelle wahrgenommen zu werden.

Aber das geht nur, wenn die SPD sich ihrer zivilen, bürgerlichen Stärke bewusst ist und auch stolz darauf ist. Als Mutter lernte ich, dass Verantwortung zu übernehmen nachhaltiges Handeln voraussetzt. Wenn ich meinem Kind gegenüber nur situationsbezogen agiere, unter Stress oder unüberlegt, dann bekomme ich einen Tag oder einen Monat später die Rechnung präsentiert. Kinder aufziehen und Demokratie bringen ähnliche Strapazen mit sich: die unausweichliche Mühle des Immerwiederkehrenden, die Kompromisse im Alltag, die Quittungen für unüberlegtes Handeln und das Auszahlen von durchgerungenen und gut durchdachten Lösungen. Ich habe verstanden, warum Familie als Hort von Bürgerlichkeit gilt: weil es um Verlässlichkeit geht und um Zuwendung, um das Aushandeln von Bedürfnissen und das Zurückstecken eigener Befindlichkeiten, wenn es sein muss. Alles demokratische Tugenden, die offenbar viele verlernt haben oder nicht mehr für so wichtig erachten. Es wird dringend Zeit, dass die SPD sich das bewusst macht.

Wenn Kevin Kühnert heute davon spricht, dass nie wieder so miteinander umgegangen werden darf, solange man für Solidarität stehen will, dann ist das schonmal ein Anfang. Aber als zukünftige Wieder-Wählerin der SPD erwarte ich, dass sich die SPD mit dem Begriff der Solidarität beherzt auseinandersetzt. Solidarität, so Heinz Bude in seiner Monographie über die „Zukunft einer großen Idee“, ist eine Haltung, die Respekt in einer Welt der Ungleichheit ermöglicht. Und genau dieser Respekt ist es, den wir im Umgang miteinander brauchen. Auf, SPD.

 

 

 

Vom Recht auf Care

Arbeit, FürSorge, Frauenpolitik

 

Das Recht auf eine Gesellschaft, die sich ihrer Sorgeleistenden bewusst ist: Nicht mehr und nicht weniger fordert die Theologin Ina Praetorius mit ihrem Verein „Wirtschaft ist Care“ in der Schweiz.

Warum verdienen Waffenhersteller eigentlich mehr als Mütter oder Väter?

Nun ist ein hervorragendes Interview auf ZEIT Online erschienen, in dem die gebürtige Karlsruherin erklärt, was an der gesellschaftlichen Wertschätzung von Sorgearbeit feministisch ist und warum sie sich dafür einsetzt, dass eine kindaufziehende Person nicht weniger verdienen darf als etwa ein Waffenhersteller. Den ganzen Text findet ihr im Interview mit ZEIT Online.

Die Theologin hat auch eine eigene, originelle Website zu bieten. Dort macht sie sich z.B. über glamouröse Lebensläufe lustig und stellt einen solchen „A-Level-CV“ in den Kontext ihres „echten“ biologischen Lebenslaufs. Sehr lesenswert und hier zu finden.

Für StadtLandFrau ist das folgende Zitat von Ina Praetorius besonders bedeutsam, denn es bringt auf den Punkt, warum Feminismus nicht ohne die Aufwertung von Sorgearbeit auskommt:

Menschen, die Arbeit für ihre Familie leisten, müssen im Alter gut abgesichert sein – und zwar vergleichbar mit Erwerbstätigen. Dass sie bis heute nicht richtig honoriert werden, ist abstrus, aber historisch erklärbar. Familie kommt etymologisch von famulus, und das heißt „der Diener“. Die Kinder und die Frau galten lange als Besitz des Mannes. Daher galt die Arbeit, die zu Hause geleistet wurde, nicht als eigenständige Arbeit.

Der von Praetorius gegründete Verein „Wirtschaft ist Care“ setzt sich laut Webpage ein „für die Reorganisation der Ökonomie um ihr Kerngeschäft, die Befriedigung tatsächlicher menschlicher Bedürfnisse weltweit.“

Damit ist der Verein Teil des feministischen Netzwerks „Care Revolution“, die im Grunde für eine Neugestaltung der Gesellschaftsordnung kämpft: Nämlich für eine Neuordnung der Sorgebeziehungen und für eine „Care-Ökonomie“, die nicht Profitmaximierung, sondern die Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum stellt.

 

Danke für eine so wichtige Arbeit sagt StadtLandFrau.

 

 

 

Papst Franziskus ein Mann seines Wortes Filmkritik

Film: Wim Wenders „Ein Mann seines Wortes“ über Papst Franziskus

Allgemein, FürSorge

Der letzte Wenders-Film, den ich gesehen habe, war „Himmel über Berlin“. Er berauschte im sommerlichen Freiluftkino alle Sinne – diese Anmut, Schönheit, Rauhheit der Stadt, der verliebte Engel. Danach war klar: Wim Wenders hat eine Schwäche für übersinnliche Kräfte. Der Film über Franziskus bestätigt auf beeindruckende Weise diese Schwäche.

Eine Welle warmer, weicher Laute rollt in unsere Ohren

Die Präsenz von Papst Franziskus vor der Kamera ist überwältigend, es gibt keine Chance seinem Charme zu entkommen. Franziskus nimmt einen nicht nur durch seine Ausstrahlung und Wärme ein, es ist vor allem seine Sprache, die entzückt: Dieses weiche, argentinische Spanisch, eine melodische Mischung aus dem südamerikanischen Spanisch und dem eingewanderten Italienisch, das alle harten Silben verschluckt und eine Welle warmer, weicher Laute rollt mit seiner Stimme in die Ohren des Zuschauers.  In präzisen Worten formt Franziskus in dieser Sprache seine klaren, eigentlich schlichten Botschaften: Die Welt braucht Liebe, die Welt braucht Dialog, die Welt braucht weniger Waffen und mehr Klimaschutz, weniger Armut und mehr Solidarität, weniger Reichtum und mehr Zeit für die Familie, weniger Kapitalismus und mehr Nachhaltigkeit. So komplex sich diese Probleme für die Weltgemeinschaft auch darstellen mögen, so einfach und schlicht klingen sie aus dem Mund dieses Papstes, der wirklich meint, was er sagt: Mit anderen zu teilen. Weniger zu besitzen. Liebe zu anderen Menschen zu leben. Ihnen in ihrem Elend beizustehen, sie nicht allein zu lassen.

Ein Papst, der einer von uns ist

Natürlich sind seine Besuche auf Lampedusa und den Philippinen auch als symbolische Akte zu verstehen, wie sie Politiker/innen vorbehalten sind. Doch dieser Mensch hat mehr zu geben als Bilder mit Symbolkraft. Dieser Papst will den Menschen seine Zeit schenken, er will für sie da sein, er schenkt ihnen Nähe und er betet für sie. Er küsst ihre Füße, er gibt ihnen mit seinen Zeichen die Würde zurück, die sie unter den unwürdigsten Bedingungen ihres Daseins verloren zu haben glaubten. Wenders setzt eindrucksvoll in Szene, wie Franziskus durch südamerikanische und afrikanische Städte fährt, wo er empfangen wird wie – nun ja, eben wie ein Papst, der einer von uns ist, der den Menschen nah ist: Mit Verehrung und Jubel von Abertausenden, die wissen, wo er herkommt.

Trotz des Pathos, das im ganzen Film mitschwingt, wird dieser Papst nie kitschig, sondern er bleibt menschlich und hoffnungsvoll, wo andere nur noch den Untergang sehen.

Letztendlich prangert Franziskus eine Welt an, in der zu leben sich so viele von uns gewöhnt haben: Die Welt des Konsumierens und des Wegwerfens, des Abschottens und Mehr-haben-Wollens, des Egoismus. Franziskus‘ Botschaften spitzen deutlich zu, was die letzten Päpste bereits anklingen ließen: Dass die Ausbeutung, die sich der globale Kapitalismus auf die Fahnen geschrieben hat, mit der christlichen Kirche nicht zu vereinbaren ist. Die Botschaft der Kirche ist eine, und dafür steht Franziskus, die mehr denn je in diese Zeit gehört, gerade weil sie die Botschaft der Nächstenliebe und des Teilens ist. Weltkonzerne und politische Gebilde können diese Botschaften nicht (mehr) überzeugend verkörpern, geschweige denn eine solche Kraft entfalten. Wim Wenders hat damit ein beeindruckendes Porträt und denkwürdiges Zeitzeugnis geschaffen, und trotz des Pathos, das im ganzen Film mitschwingt, wird dieser Papst nie kitschig, sondern er bleibt menschlich und hoffnungsvoll, wo andere nur noch den Untergang sehen.

Feminismus ist trotzdem nötig!

An einer Stelle wuchs in mir, neben der gewaltigen Woge an Zustimmung, die ich während des Films verspürte, Widerspruch: Der Papst betonte die Wichtigkeit von Frauen für die Entwicklung der Menschheit. Dann sagte er: Wir kommen nicht weiter, wenn wir gegeneinander kämpfen. Nur gemeinsam, in Kooperation, schaffen wir es – Machismus und Feminismus bringen uns nicht weiter. Entschieden muss ich sagen, dass diese Gegenüberstellung nicht richtig ist: Machismus ist eine strukturelle Grundhaltung, die nur durch Feminismus bekämpft werden kann, bevor es an die Kooperation geht! Bei aller spiritueller Zustimmung sollten wir uns auch darauf besinnen.

Film ansehen

Inga Haese stadtlandfrau

Das kleinkarierte Aufrechnen. Oder: Warum Einlenken gestattet sein muss

Arbeit, FürSorge

Meine Freundin Line ist regelmäßig entsetzt. „Warum gehst du denn schon wieder einkaufen? Und die Kinder hast du auch ins Bett gebracht“, dazu ein vorwurfsvoller Blick, der sagt: Warum kämpfst du nicht? Für mehr Freiraum, für dein Ding, für die absolute 50-50-Aufteilung im  Haushalt mit zwei Kindern? Line hat keine Kinder. Sie lebt allein. Ihr Kühlschrank ist immer mit dem gefüllt, was sie eingekauft hat, das Waschbecken ausschließlich mit Haaren voll, die sie verloren hat. Vor Line kommt es mir wie eine Niederlage vor.

Familie bedeutet, sich auch mal zurückzustellen

Ja, warum kämpfe ich eigentlich nicht mit beharrlicher Zähigkeit für mehr Freiheit und Selbstbestimmung? Die Antwort war mir zuerst selbst nicht ganz geheuer. Bin ich zu konfliktscheu, harmoniesüchtig gar? Die Antwortsuche im klassischen Selber-Schuld-Modus also. Dass die Antwort schlicht lautet: Weil ich eine Familie haben möchte – darauf kam ich zunächst nicht. Familie, das bedeutet, sich auch mal selbst zurückzustellen, ohne sich dabei gleich zu vergessen. Es bedeutet, Kompromisse auszuhandeln und über Fehler großzügig hinwegzusehen. Nachsicht gehört zum Programm jeder Familie. Und der Haushalt gehört eben auch dazu – das bedeutet, immer wieder die gleichen, unsichtbaren Dinge zu erledigen, auf die niemand Lust hat. Ich teile viel mit meinem Mann auf, aber das 50-50-Modell können wir trotzdem nicht leben. Wir sind beide etwas chaotisch und gerne spontan. Uns fordern im Alltag bereits die starren Regeln, die durch Arbeit und Schule gegeben werden.

Line und ich kennen genügend Frauen, deren Familien zerbrochen sind, weil die Elternpaare an ihren hohen Ansprüchen an sich selbst und den Partner gescheitert sind. Weil der durchgetaktete Alltag keinen Raum mehr für Liebe und Spaß gelassen hat. Also kann ich Line selbstbewusst antworten: Wir stehen füreinander ein in unserer Familie. Und Familie heißt, nicht alles aufzurechnen. Genau deshalb ist die Familie die kleinste christliche Kommune: Der Quell von Zuwendung, Liebe und Fürsorge.

Die Gesellschaft, in der ich leben will, ist solidarisch und fürsorglich

Ich muss Line also widersprechen: Die Gesellschaft, in der ich leben will, ist statt von kleinkariertem Aufrechnen persönlich geleisteter Arbeitsstunden im Dienste der Fürsorge eine solidarische Gesellschaft, in der Fürsorge ein Wert an sich ist – und keine Währung, mit der ich für meine Individualität bezahle.

Das 50-50-Modell führt auf lange Sicht nicht in eine gleichberechtigte Gesellschaft, sondern in eine Gesellschaft der vereinsamten Individuen ohne Beziehungen und Liebe, deren Freiheit sich letztendlich auf nichts mehr beziehen kann. Das beste Beispiel ist mein kranker Sohn, der zwei Wochen lang mit Grippe im Bett liegt. In der 50-50-Welt wird erörtert und abgewogen, wer mehr auf der Arbeit zu tun hat, wer wann zu Hause bleibt und bis wann. Der kranke Sohn ist plötzlich ein dysfunktionaler Faktor, ein Fehler im durchgetakteten Alltag. In einer fürsorglichen Familie aber können wir sagen: du brauchst mich und ich bin für dich da, es geht jetzt um dich. Wenn unsere Kinder diese Fürsorge nicht mehr erleben und erlernen dürfen, wie soll dann die solidarische und fürsorgliche Gesellschaft von morgen entstehen?

Bevor wir den Geschlechterkampf in unseren Familien austragen und immer mehr alleinerziehende Familien hervorbringen, sollten wir uns an eine ganz alte Botschaft erinnern und der Versuchung widerstehen, uns immer nur selbst verwirklichen zu wollen.

Der Frieden von morgen braucht die Fürsorge von heute

Das sollte natürlich nicht einseitig und auf die Kosten von Frauen gehen. Nur zu gerne wird das Plädoyer für mehr Nächstenliebe und Fürsorge patriarchalisch umgedeutet. Das kann keinesfalls in unserem Interesse sein. Aber wir sind Vorbilder für unsere Kinder. Das dürfen wir bei all den Kämpfen, die gekämpft werden müssen, nicht vergessen. Und eine friedliche Gesellschaft von morgen braucht den Frieden, aber auch die Fürsorge von heute. Das kann auch mal ein Einlenken bedeuten…

 

 

Superfraun. Alle Bälle gleichzeitig in der Luft oder wie Scheitern zum Konzept spätkapitalistischen Überlebens wird.

FürSorge

Hatten wir nicht alle Eva Herrmann belächelt, als sie ihr Buch über die verpasste Mutterschaft veröffentlichte? Ein Aufschrei ging damals durch die SPD-regierten Länder und sozialdemokratische Milieus. Was die denn für ein Problem habe, sie würde nicht noch einmal den Weg der Nachrichtensprecherin wählen, sondern bei ihrem Sohn bleiben. Nase-rümpf. Jungmädchenhaftes, unverständliches Lachen über so eine bekennende Glucke bei meinen Freundinnen. Wie unfeministisch. Und heute? Das gleiche in grün, Debatten über „regretting-motherhood“. Dieser Begriff zergeht auf den Zungen der Feuilletons, ganz genüsslich. Da gibt es wieder was zu gucken, Egopornos von Frauen! So, als müssten wir ein total normales Gefühl, das jede Frau, die Mutter ist, kurzweilig kennt, rechtfertigen. Aber aus der Perspektive des „später“, weil dann klar wird, was wir alles verpasst haben… Auch das macht der arbeitsmarktversessene, glattgeföhnte Lebenslaufspätkapitalismus uns weiß: Dass wir alles hätten haben können, wären wir nicht so stockblöd gewesen.

Aber „regretting-carreer“ gibt es nicht als Hashtag, das ist keines Aufschreies würdig, weil es zu defensiv-unterordnend klingt, nach Küche riecht und Selbstgebackenem, nach dreckigen Kindersocken. Seine Karriere zu bereuen klingt unfeministisch, oll wie Johannisbeerenpflücken in Omas Garten. Und das ist so uncool wie weiße Socken in breitriemigen Birkenstocksandalen. Die Karriere bereuen, das sagt man so augenzwinkernd, aus der Position desjenigen, der oder die eben alles erreicht hat und jetzt auch gerne mal eins der Kinder auf den Arm nehmen will, weil das so einfach aussieht. So schlicht – für das Kind dagewesen zu sein, das wäre ja auch eine Option gewesen. Aber klar, es gab Anerkennung zu ernten und Geld zu verdienen. JedeR versteht das Dilemma und die Wünsche…

Jette hadert mit ihrem 40-Stunden-Job in der Marketingabteilung eines Verlages. Jette schreibt mir eine Email und fragt:

„Was will ich eigentlich nochmal genau von meinem Leben, meinem Partner, meinem Job? Was erwarte ich Idiotin denn törichterweise alles von mir selbst?“

Ich schmunzele. Sie hat letztes Jahr einen Sohn bekommen. Und will Zeit mit ihm verbringen. Aber auch eine Ausbildung beenden, die sie neben dem Job angefangen hat. Mir wird ganz schwindelig von all den Bällen, die wir Frauen gleichzeitig in der Luft haben. Ohne je vorher geübt zu haben, aus dem Stand jonglieren können: Das wird von uns erwartet. Sind wir denn Künstlerinnen, allesamt? Und dann lesen wir von all‘ den erfolgreichen Frauen, die fünf Kinder haben und dennoch erfolgreiche Übersetzerinnen/Politikerinnen/Unternehmerinnen sind. Die alle Bälle gleichzeitig in der Luft halten, Artistinnen des Mutterlebens. Aber sind diese Frauen als Vorbilder ernstzunehmen oder sind sie die Trainerinnen, die die Messlatte hochlegen? Die noch zwei Bälle in unsere Jonglagelaufbahn werfen?

Jette ist wütend, so wütend auf diese mediale Aufmerksamkeit, die nur den Supermüttern zuteilwird. Was ist mit den weniger betuchten, weniger begabten, weniger privilegierten Frauen dieser Welt, die aus dem Stand ihre Bälle hochwerfen und einfach mal scheitern? Ehen krachen ein, Familien zerplatzen wie Seifenblasen, weil, hey! Ihr habt es versucht, alles gleichzeitig zu schaffen? Selber schuld. Oder du bist daran gescheitert, weil du nicht alles versucht hast? You didn’t lean in? Noch mehr selber schuld! Und jetzt kehr die Scherben deiner Existenz zusammen, geh putzen, setz dich bei Kaisers an die Kasse und zieh dein Kind alleine groß. Denn die große Gleichberechtigungserwartung, mit der wir alle gestartet sind, löst sich erst recht in Luft auf, wenn Beziehungen scheitern. Oder warum erziehen fast nur Frauen alleine? Offenbar gewinnen am Ende wieder die Männer, nämlich ihre Freiheit, ihre Rolle, ihr Single-Leben zurück, während die Mütter alleinerziehen. Ist das der Ausdruck von Emanzipation, den ihr wollt, liebe Vorkämpferinnen für ein Recht auf Rabenmutterschaft?

@stadtlandfrau