#1+++Coronablog+++

Tag 1: Berlin im Ausnahmezustand

Heute ist der letzte Schultag. Gefühlt wie vor den Sommerferien. Die morgendliche Ansprache an die Kinder klingt dann so: „Und macht eure Fächer sauber. Denkt an das Sportzeug!“ SMS von einer Mutter: „David ist krank, also nur Bauchweh, aber er kann nicht zur Schule. Kann dein Sohn das Aufgabenblatt für David mitnehmen?“ Ja, mein Sohn kann. Obwohl ich ihn am liebsten auch zu Hause lassen würde. Aber solche Vorsichtsmaßnahmen sieht er überhaupt nicht ein.

Also gehen die Kids hin, wobei schon klar ist, dass die Rate an Berliner Corona-Fällen in Wirklichkeit 10 mal so hoch sein dürfte wie die Zahl von 268, die am Wochenende kursierte. Die Wahrscheinlichkeit, dass im Nachhinein ein Mitschüler oder eine Mitschülerin meiner Kinder positiv auf Corona getestet werden, ist also groß. Außerdem ein Schüler meines Mannes dessen Vater: positiv. Eine Lehrerin des Kindes meiner Nachbarn: positiv. Und was nun? Niemand meldet sich, es gibt keine Quarantäne-Anordnung. Alle möchten sich mit Besonnenheit überbieten. Ich finde das grotesk. Oder bin ich panisch?

Ich gehe zum Edeka um die Ecke, es ist 9:30. Erstaunlich viele Kinder unter 10 in Begleitung ihrer Väter sind unterwegs. „Jetzt schlägt sie: Die Stunde der Väter“ erzähle ich später meinem Mann, der natürlich auch zu Hause geblieben ist. Mein Mann sagt: „Aha. Heute gibt’s Lasagne.“ Ich freue mich. Bei Edeka komme ich aber trotzdem nicht rein. Eine lange Schlange bildet sich. „Ich kann niemanden rein lassen wenn die Kassen voll sind. Da müssen erstmal ein paar raus“, entschuldigt sich der große Mann mit Mütze und Parker im Eingang. Ich hatte ihn schon beinah zu den Herumlungernden gezählt, aber er ist der neue Türsteher. Es stellen sich immer mehr Leute an, Frauen, Männer, Alte. Keiner hält das Abstandsgebot von 2 Metern ein. Ich schere aus. Gehe zum Blumenstand. Hier ist kein Mensch. Niemand interessiert sich noch für Blumen wenn es um Nudeln, Klopapier und das nackte Überleben geht.

Der Blumenhändler kommt aus China. Er flucht. Seine beiden Restaurants werfen normalerweise 2000 Euro ab, jetzt 200. Eine ganz doofe Zeit sei das gerade, Ende nicht absehbar. Ich spende ihm Trost. Aber er winkt ab, viel zu spät seien die Deutschen dran, viel zu spät. In seiner Heimat Wuhan war ganz früh alles dicht. Es wird alles noch viel schlimmer kommen, sagt er, dabei lacht er verzweifelt. Ich bezahle meine Frühlingsblume und überlasse ihn der Einsamkeit.

Dafür bekomme ich jetzt eine Mail von meinem Sportverein „Schokosport“, der einträgliche Arm des Frauenzentrums. „Bitte zahlt eure Beiträge weiter, unsere Existenz und die unserer Trainerinnen hängen davon ab.“ Natürlich. In Zeiten von Corona werden alle Karten neu gemischt. Krisensicher ist ein Job plötzlich, wenn er von zu Hause ausgeführt werden kann, ohne Körperkontakt, und ohne, sagen wir, das Messegewerbe als Auftraggeber.

Die Kids kommen nach Hause. „Es waren nur 6 Kinder da!“ ruft die Jüngste. Und hat einen Zettel dabei, um den Bedarf der Notfallbetreuung zu eruieren. Es geht um systemrelevante Berufe – die sind auf jeden Fall krisensicher.

Veröffentlicht von stadtlandfrau

Dr. Inga Haese, Freie Autorin, Sozialforscherin, Dozentin. Mutter von 2 Kindern. Lebt in Berlin und bei Storkow in Brandenburg.

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