Feministische Wirtschaftstheorien als Antwort auf die Krisen der Welt. Eine Rezension

Schon vor der Erkenntnis von „systemrelevanten Berufen“ während der Corona-Pandemie hatte Ulrike Knobloch mit ihrem Sammelband „Ökonomie des Versorgens. Feministisch-kritische Wirtschaftstheorien im deutschsprachigen Raum“ Antworten auf die Krise der Reproduktionsarbeit parat, nämlich die Ökonomie feministisch zu denken und ihren Blick auf die Versorgung(-sarbeit) zu lenken. Einmal mehr macht dieser Band deutlich, wie lange schon die feministischen Ansätze zur sozial-ökologischen Transformation auf dem Tisch liegen und endlich auf ihre Umsetzung warten.

Buchaufbau

Der Aufbau des Sammelbandes gliedert sich in drei Teile, wobei der erste Teil die geschlechtergerechte Transformation von Wirtschaftstheorien in den Mittelpunkt stellt. Wegeweisend ist hier der von Netzwerkmitgliedern des „Vorsorgenden Wirtschaftens“ konzipierte Beitrag, in dem das feministische Konzept der (Re-)Produktivität als Vermittlungskategorie zwischen marktökonomischen Trennungsstrukturen (Natur vs. Ökonomie oder reproduktive und produktive Arbeit) vorgeschlagen wird. Im zweiten Teil des Bandes geht es um die interdisziplinäre Anknüpfungslogik, die eine Ökonomie des Versorgens etwa mit städtebaulicher Planung eingehen kann oder wie das Naturverhältnis im Diskurs um Vorsorgendes Wirtschaften ausgelotet wird. Im dritten Teil schließlich geht es um die Zukunftsmusik von Versorgungssystemen: Wie können Versorgungssysteme neu und (um-)gestaltet werden? Der dritte Teil des Bandes ist damit der spannendste. Feministischen Utopien sind hier keine Grenzen gesetzt, was die Vorschläge beflügelt. Zunächst gelingt das Annette Baier mit ihrem Beitrag zur Subsistenzlogik. Sie zeigt auf, dass Subsistenzpraktiken gerade in Städten immer beliebter werden („urbane Subsistenz“) und eine Daseinsmacht ermöglichen, besonders, wenn Subsistenzorientierung ganzheitlich, also auch auf das Soziale ausgerichtet ist (S. 271ff). Auch das feministische Umdenken von Degrowth- oder Nachhaltigkeitsdiskursen lädt zum Weiterdenken ein.

Unbezahlbare Arbeit und Tischlein-deck-dich-Denken

In ihrem einleitenden Beitrag über die „Ökonomie des Versorgens“ macht Knobloch den feministischen Ur-Topos auf. Die unbezahlte (Versorgungs-)Arbeit ist deshalb so schwer als Teil eines ökonomischen Gegenstandsbereichs einzuordnen, weil sie nicht nur unbezahlt, sondern schlicht unbezahlbar ist: Sie ist nicht selten gewollt unbezahlt, denn sie kann aufgrund ihres Charakters keiner Tauschlogik unterworfen werden. Theoretisch können solche Tätigkeiten von Dritten gegen Bezahlung übernommen werden, aber dann verlieren sie ihren besonderen Charakter, „ihre besondere Qualität“ (S. 20). Versorgende Arbeit ist unbezahlt, unbezahlbar, oft unsichtbar und fast immer ungleich auf die Geschlechter verteilt. Sie dennoch als Leistung anzurechnen ist bis heute eine Frage der Ethik. Entsprechend wurde Geschlecht in den neoklassischen Wirtschaftstheorien, die unsere Diskurse jahrzehntelang prägten, nie thematisiert. Knobloch bilanziert, wie seit Adam Smith‘ „Wohlstand der Nationen“ (1776) nur die bezahlte Arbeit in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung eingeflossen war, und damit in das ökonomische Denken bis heute. Sie nennt dieses Denken Tischlein-deck-dich-Denken (Knobloch i.d. Band, S. 12), also ein vorgeblich neutrales, aber geschlechtsblindes Denken – Adam Smith jedenfalls interessierte nicht sonderlich, dass seine Mutter ihm 60 Jahre lang die lebensnotwendige Arbeit abnahm (vgl. WiWo). So bezieht sich Ulrike Knobloch auf eine entgegengesetzte, feministisch-kritische Wirtschaftstheorie, die unter Ökonomie ganz allgemein die Wissenschaft vom Tätigsein versteht, also alle Tätigkeiten der Menschen in Bezug auf die Versorgung mit den zum „(guten) Leben“ notwendigen materiellen und immateriellen Dingen. Hannah Arendt lässt grüßen: Diese hatte schon in „Vita activa“ mit wenig wohlwollendem Blick gesehen, dass die gleichzeitige Emanzipation der Arbeiter und der Frauen in der Neuzeit damit verbunden war, dass die moderne Gesellschaft „die mit den Lebensnotwendigkeiten verbundene Tätigkeiten und Funktionen aus ihrem jahrtausendealten Versteck an das Licht der Öffentlichkeit gebracht hat.“ (Arendt 2005, S. 89; vgl. Villa 2003).0

Knoblochs Wirtschaftsethik ist am „Vorsorgenden Wirtschaften“ orientiert

Knobloch integriert die unbezahlbaren Tätigkeiten in ihre Ökonomie, in die „Ökonomie des Versorgens“. Dazu zieht sie das Konzept des „Vorsorgenden Wirtschaftens“ heran, das sich als dominantes Leitkonzept durch alle Beiträge des Bandes zieht. Die Kriterien der unbezahlten Versorgungswirtschaft sind nachhaltig, nämlich sozial und ökologisch verantwortbar. Sie äußern sich in den Prinzipien der Vorsorge, der Kooperation und der „Orientierung am für das (gute) Leben Notwendige“ – ganz im Gegensatz zu den gängigen Wirtschaftsprinizipien der „Nachsorge, Konkurrenz und Orientierung an monetären Größen“ (S. 21), also der Profitmaximierung. Die Autorin und Herausgeberin verweist darauf, dass die entscheidenden Prinzipien des Vorsorgenden Wirtschaftens nicht nur für die unbezahlte Versorgungswirtschaft, sondern auch für die Erwerbswirtschaft herangezogen werden müssen, sollte diese gleichsam sozial und ökologisch verträglich gestaltet werden (ebd.). Auch deshalb sieht Knobloch die feministische Wirtschaftstheorie als eine Frage der Wirtschaftsethik an. Ihr Modell der „kritisch-reflexiven Wirtschaftsethik“ bezieht die Versorgung auf individueller (Versorgungsmöglichkeiten jedes Einzelnen), auf sozialer (Versorgung innerhalb der vier Sektoren Haushalt, Staat, Unternehmen, Non-Profit-Sektor) und auf struktureller Ebene (Ausgestaltung der globalen, nationalen und regionaler Versorgungssysteme) ein. Ihre Wirtschaftsethik soll Ansatzpunkte für die Gestaltung von Versorgungssystemen herausarbeiten – und der Rahmen hierzu wird im Sammelband abgesteckt. Abschließend macht die Autorin klar, dass es ihr mit ihrem Buch um die Abbildung einer Pluralen Feministischen Ökonomie geht, die im besten Fall die neoklassische Präferenztheorie des Guten durch verallgemeinerbare Ziele unter der Einbeziehung aller Bedürfnisse ersetzen will (S. 34).

Das Othering des globalen Südens hilft nicht weiter

Aber feministische Versorgung kann auch naiv klingen, nämlich dann, wenn die Autorinnen Corinna Dengle und Miriam Lang in ihrem Beitrag für Sorgearbeitskonzepte in einer Postwachstumsgesellschaft die überlebenswichtige Nachbarschaftshilfe des globalen Südens in Ländern ohne „funktionierenden Sozialstaat“ heroisieren, so, als seien die Privilegien, die Mittelschichtsfeministinnen in Deutschland genießen, nicht erstrebenswert, sondern umgekehrt. Diese Romantisierung von Überlebensgesellschaften hat immer etwas Befremdliches und der westliche Blick auf die „Anderen“, die ihrer Lebensumstände Willen exotisiert werden, drängt sich auf; der Blick auf den globalen Süden und auch auf die verheerende Wirtschaftskrise in Griechenland, die die Autorinnen als positives Szenario heranziehen, wirkt so teleskopisch-fremd (S. 317f). Denn sofort stellt sich die Frage, wie im Postwachstumsszenario der Autorinnen die Polarisierung zwischen globalem Norden und Süden aufgehoben werden kann, ohne den Süden, dessen weibliche Arbeitskräfte oft zu menschenunwürdigen Bedingungen in prekären Sorgearbeitsverhältnissen ausgebeutet werden, weiter zu „verandern“. Abgesehen davon aber klingt die Idee der Autorinnen, eine Commonisierung von Sorgearbeit vorzunehmen, interessant; vor allem, wenn ihre Analyse stimmt, dass im Diskurs über Postwachstumsgesellschaften bisher unter Arbeit ganz mainstreamlike lediglich Lohnarbeit gefasst wurde. Der Gedanke, Degrowth feministisch zu denken, ist also weniger zynisch, als es die Autorinnen für einen kleinen Moment vermuten lassen, sondern bleibt weiter auszuführen.

Kommende Nachhaltigkeit

Spannend wird es im letzten Aufsatz des Bandes, in dem Daniela Gottschlich auf die Folgen der „Externalisierungsgesellschaft“ (Lessenich 2016) eingeht – und damit die Nord-Süd-Polarisierung in einem Modell auffängt. Ihr Ansatz ist auf ähnliche theoretische Füße gestellt wie die Degrowth-Idee, aber Gottschlich setzt am Nachhaltigkeitsbegriff an und fordert im Anschluss an ihre Vorautorinnen ein Neudenken und -praktizieren von Wirtschaft und Arbeit. Auch Gottschlichs Ausgangspunkt setzt an der gegenwärtigen sozial-ökologischen Krise an. Gottschlich wählt den Begriff des „Ausbeutungsarrangements“, das Externalisierungsgesellschaften nach außen, aber auch nach innen prägt und deren Tätigkeiten zum großen Teil von Frauen übernommen werden. Die Autorin untersucht daraufhin den Nachhaltigkeitsdiskurs der letzten Jahrzehnte auf sein Ökonomieverständnis hin und kommt zu dem Schluss, dass der Nachhaltigkeitsdiskurs zwar einen Raum geschaffen hat, in dem um das Verhältnis zwischen Ökonomie und Ökologie gerungen wird (S. 336), dieser Raum aber von einem politisch-institutionellen Diskursstrang dominiert ist, der auf die Governance einer „Green Economy“ hinausläuft, und diese sei ungebrochen am wirtschaftlichen Wachstum orientiert (S. 337). Gottschlich vergleicht feministische Nachhaltigkeitsvisionen, die sich etwa auch aus dem DAWN-Netzwerk speisen, mit dem hegemonialen Nachhaltigkeitsdiskurs (DAWN steht für „Development Alternatives with Women for a New Era“, einem Zusammenschluss aktiver feministischer Netzwerke des globalen Südens, das sich mit entwicklungspolitischen Fragen auseinandersetzt). Auch DAWN erkennt im anderen Verständnis von Produktivität jenen Schlüssel, um die Perspektive der (Vor-)Sorgearbeiten, ja, der Lebensprozesse einnehmen zu können, statt aus Sicht von Wertschöpfung und marktförmig organisierter Arbeit zu denken. Die Autorin reißt zwar die Möglichkeit einer Frauenökonomie an, die spezifische Frauenarbeitsfelder emanzipatorisch fördern könnte, sympathisiert aber mit dem Ansatz des Vorsorgenden Wirtschaftens, nicht die Differenzperspektive einzunehmen, sondern Gender als Strukturkategorie zu überwinden.

Abschließend erkennt Gottschlich im Begriff der „kommenden Nachhaltigkeit“ in Anlehnung an Derridas „kommende Demokratie“ die Möglichkeit, das Prozesshafte, Unabschließbare, auch die selbstreflexive Offenheit und den nicht konfliktfreien Suchprozess dessen zu umschreiben, was die Nachhaltigkeitsforschung für ihre Zukunft braucht.  

Messerscharf analysiert, aber Anschlussmöglichkeiten verpasst

Der Sammelband erschien 2019, zeigt aber im Jahr der Corona-Krise seine messerscharf zeitgemäße Analyse: Versorgung, so scheint es, wird erst jetzt in den Augen der politischen Akteur:innen und ihrer Betrachter:innen in ihrer überlebenswichtigen, gesellschaftserhaltenden und nachhaltig zu organisierenden Funktion erkannt, Stichwort „systemrelevant“. So bleibt zu hoffen, dass die klugen, langfristig wirksamen feministischen Vorschläge (die alle nicht neu sind!) nicht mehr als bloße Utopien abgetan werden, sondern als einzige Möglichkeit für die Lösung der globalen, sozial-ökologischen Superkrise endlich in die Praxis umgesetzt werden. Die Ökonomie des Versorgens weist nämlich nicht nur auf die Fehler des ausbeuterischen Sorgesystems hin, sondern immer auch gleichzeitig auf die Folgen des kapitalistischen Ökologieverständnisses. Sie bringt, wenn man so will, Pflegekrise und Dannenröder Forst zusammen.

Was fehlt in diesem Band ist die Perspektive darauf, auf welchen Wegen die Konzepte über den feministischen Diskursraum hinausweisen können, um gesellschaftliche Diskurse wirksam zu verändern – Postwachstums- und Nachhaltigkeitsdiskurs sind mögliche Felder, aber auch die ökologische Ökonomie, die Gemeinwohlökonomie oder Fragen zur Fundamentalökonomie böten feministisch-kritische Anschlussmöglichkeiten. Dass es eine Pandemie brauchte, um Versorgungsarbeit ins Licht der Systemrelevanz zu rücken, ist nach der Lektüre des Sammelbandes einmal mehr himmelschreiend. Hoffen wir, dass es so nicht bleiben möge.

Knobloch, Ulrike (Hg.): Ökonomie des Versorgens. Feministisch-kritische Wirtschaftstheorien im deutschsprachigen Raum, Weinheim: Beltz Juventa, 1. Auflage 2019, 362 S., ISBN 978-3-7799-3948-1, 39,95 €

Verwendete Literatur:

Arendt, Hannah (1967|2005): Vita aciva oder Vom tätigen Leben, München: Piper

Lessenich, Stephan (2016): Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. München: Hanser

Villa, Dana R. (2003): Arendt und Tocqueville: Öffentliche Freiheit, Pluralität und die   Voraussetzungen der Freiheit, in: Thaa, Winfried; Probst, Lothar: Die Entdeckung der   Freiheit. Amerika im Denken Hannah Arendts, Wien: Europaverlag, S. 201-237

Founational Economy Collective (2019): Die Ökonomie des Alltagslebens. Für eine neue Infrastrukturpolitik, Berlin: Suhrkamp

Mal wieder liegen geblieben…

Veröffentlicht von stadtlandfrau

Dr. Inga Haese, Freie Autorin, Sozialforscherin, Dozentin. Mutter von 2 Kindern. Lebt in Berlin und bei Storkow in Brandenburg.

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