+++#16 Corona-Blog+++

Allgemein, Corona, FürSorge

Logistische Drahtseilakte und Hygiene-Demos

Die Lockerungen der Corona-Pandemie erfordern ihren Tribut. Dabei klingt „Lockerung“ so vielversprechend, nach Freiheit, nach Laisser-faire – es könnte „zurück auf LOS“ heißen, wo wir 2000 Euro kassieren, oder einfach „jetzt geht es wieder los“, also alles: das Leben, die Freude.

Doch nichts dergleichen ist mit dem Wort gemeint, wenn schulpflichtige Kinder zur Familie gehören. Während andere freudestrahlend die Geschäfte in der Oranienstraße stürmen (ich meine natürlich: vermummt betreten), vergleichen wir mühsam die tagtäglich eintrudelnden Stundenpläne (für deren minutiöse Erstellung ich selbstverständlich hochgradig dankbar bin!), nur um festzustellen, dass Tochter und Sohn in der Feiertagswoche genau drei Stunden gemeinsam in die Schule gehen werden, in der Restzeit ist weiterhin Homeschooling angesagt – und die Folgewoche sieht noch schlimmer aus, nämlich wie das reinste Chaos.

Statt der versprochenen „Lockerungen“ haben wir Eltern (meistens: die Mütter) es nun mit albtraumhaften Dreifachfallstricken zu tun, als da wären: Immer noch die eigene Arbeit mit der Homeschool vereinbaren (was unmöglich ist im Homeoffice), inklusive Performance als Chef de la cuisine, zweitens innerhalb der drei Stunden Schulprogramm zweimal zur Schule fahren und das jüngere Kind an die Corona-verordnete Bringstelle verfrachten und dort pünktlich wieder abholen, drittens die neuen Stundenpläne und alle Aufgaben FÜR DEN NÄCHSTEN TAG per E-Mail lesen, verstehen und mit den Kindern abarbeiten. Nicht zu vergessen: Sämtliche Hygieneregeln besprechen und unterschreiben, dass man sie WIRKLICH besprochen hat.

Mittagessen in der Schule: Fehlanzeige! Wegen des Abstandsgebotes gibt es – wenig überraschend – nicht genügend Plätze für die Einnahme des Mittagessens. Wer da nicht systemrelevant beruflich eingebunden ist, hat wenig Chancen auf ein Mittagessen. Was okay ist, klar, ich koche gern Spaghetti Bolo und meine neuste Entdeckung sind Tiefkühl-Marillenknödel. Die schmecken super und sind in 12 Minuten fertig. Es ist nur eine Frage logistischer Finesse, mehr nicht!

Aber Lockerung, das klingt anders. Das klingt besser. Das klingt nach Spaß! Für Eltern ist die Situation tatsächlich nur mit sehr viel Humor zu ertragen, wahlweise mit viel Musik oder was anderen Menschen auch immer einfallen mag, um bei Laune zu bleiben, obwohl man am liebsten laut schreiend einmal um den Block rennen würde.

Umso schlimmer, dass sich die Gelangweilten (oder schon-immer-Wütenden oder Genervten oder Verschwörungstheorieliebhabenden) an den Wochenenden zu Hygiene-Demos zusammentun und die Existenz des Virus leugnen: Ihnen gehen die Lockerungen nicht schnell genug, die politischen Verordnungen seien undemokratisch und hinter allem würde Bill Gates stecken, der die Weltbevölkerung dezimieren wolle. Impfgegner:innen, lese ich, finden sich auf dem Alex ein, um gegen die Regierung oder die „Elite“ oder „die Politiker“ zu protestieren. In der Heute-Show gibt ein Teilnehmer zu Protokoll, dass er dieses ominöse Virus endlich mal sehen wolle, er glaube sonst einfach nicht daran!

Mir fällt es hingegen schwer zu glauben, dass das Zeitalter der Aufklärung bereits hinter uns liegt. Hat eigentlich jemand von den Hygieniker:innen verstanden, worum es bei der repräsentativen Demokratie geht, die sie gerade als gestorben beweinen? Ein Blick in die USA lohnt sich allenfalls. Dort sind die Früchte zu bewundern, die jahrelanges Anti- und Wut-Staatsangst-Geheul bewirken und was dieses mit der repräsentativen Demokratie zu machen imstande ist. Wem da kein Schauer über den Rücken läuft, der solle gern am nächsten Samstag zum Rosa-Luxemburg-Platz hygienisch demonstrieren gehen.

Ich mache derweil Sachkunde-Experimente mit meiner Tochter, lerne Englisch-Vokabeln mit meinem Sohn und warte darauf, dass die Lockerungen auch für mich locker werden. So ein bisschen Lockerheit hat noch niemandem geschadet.

#15+++Corona-Blog+++

Allgemein, Corona, FürSorge, Solidarische Politik

Sind die Lobbyforderungen nach Coronahilfe angemessen? Wie Corona den Finger in viele offene Wunden der Gesellschaft legt

Der Corona-Alltag ist zur Routine geworden: Desinfektionsspray und Mundschutz gehören zur Normalausstattung beim Schulbesuch (der natürlich nur zwecks Austausch von Arbeitsmaterial stattfindet), jetzt sogar beim Einkauf oder beim Arzt. An die bunten Gesichtsbedeckungen haben wir uns schneller gewöhnt, so scheint es, als an das Tragen von Fahrradhelmen beim Radeln. Vor nicht einmal sechs Wochen hätte das niemand für möglich gehalten. Die Abstandsregeln sind selbstverständlich geworden, ein Ausweichen wird nicht mehr mit argwöhnischem Blick beäugt. Im Supermarkt in der Markthalle 9 wurden Kund:innen gestern erstmals hinaus gebeten, die ohne Mundbedeckung wagten, einzutreten. Sogar Berlin macht ernst. Zeit also, um sich andere Pandemiegedanken zu machen als nur über Ansteckungszahlen.

Etwa darüber, mit welcher beachtlichen Selbstverständlichkeit Lobbygruppen staatliche Hilfe einklagen. Es ist nicht nur das Hotel- und Gaststättengewerbe; und auch nicht die Autobranche allein, wobei der VW-Vorstandschef im Tagesthemen-Interview kürzlich den Vogel abschoss mit seinem hilflosen Herumgeeier zur Boni- und Dividenden-Kürzung. Nach bühnenreifem Gestammel brachte er über die Lippen, als „letztes Mittel“ würde dies vielleicht irgendwann doch noch in Betracht gezogen. Eine zweifelhafte Einstellung, wenn der Staat gerade die Gehälter der Angestellten übernimmt. Es ist auch nicht nur die finanzielle Staatshilfe für Lufthansa, die von dem Luftfahrtkonzern nur ohne staatliche Aufsichtsratsmitglieder in Kauf genommen würde. Also vermutlich lieber Insolvenz (dann spart sich der Konzern die Pensionsansprüche von Mitarbeitenden).

Die Handlungsmaxime, die dahinterliegt: Den Staat maximal zur Kasse zu bitten

Nein, es ist die Summe, die den Braten fett macht, und zwar das Kalkül und die Handlungsmaxime, die dahinterliegen, nämlich den Staat maximal zur Kasse zu bitten, ohne dafür auch nur kleine Stellschrauben im Prozedere verändern zu wollen. Plötzlich hören wir Sätze wie „Das Kurzarbeitergeld steht uns zu, das haben wir jahrelang eingezahlt“ von Arbeitgeber:innen. Gerade so, als wäre der Sozialstaat ein nach Gusto einsetzbares Gewürz für Konzerne, das diese für ihre Speisen nur dann gerne verwenden, wenn es den Geschmack ihres Gerichts nicht verändert.

Corona-Elterngeld: Ein Segen für Kinder

Es gibt auch andere Forderungen, etwa der Elternlobby. Sie fordern im Gleichklang mit dem DIW ein Corona-Elterngeld, das die Vielfachbelastung berufstätiger Eltern anerkennt und vor allem die Nöte der Kinder berücksichtigt. Das Corona-Elterngeld soll es Eltern ermöglichen, ihre Arbeitszeit ohne Lohnabzüge zu reduzieren. Der Aufruf des DIW setzt sich für Familien und Alleinerziehende ein, in denen „beide Elternteile gemeinsam 40 Stunden arbeiten“. Schade, dass dieser Aufruf erst so spät an Aufmerksamkeit gewinnt, jetzt, wo die Kitas bald wieder öffnen.

Eine weitere Lobbygruppe, der zu Beginn des Shutdowns viel Aufmerksamkeit gewidmet war, sind die so genannten Soloselbständigen und Freiberufler:innen. Ich gehöre auch dazu, kann mich aber glücklicherweise nicht über Auftragseinbrüche beklagen. Andere aber sehr wohl. Facebook-Freund:innen rufen mich momentan dazu auf, die Corona-Soforthilfen für Selbständige mit einer Petition zu beanstanden. Denn die ausgezahlte Mindesthilfe über 5000 Euro ist an betriebliche Ausgaben geknüpft. Dass, so die Petition, sei nicht in Ordnung, denn die Solo-Selbstständigen können mit dem Geld weder Miete, Essen oder andere Lebensmittel bezahlen. Die Ausgaben werden nämlich später überprüft, es handelt sich also weder um staatlich geschenktes Geld noch um eine dicke Sozialhilfe. Das Argument der Kritiker:innen ist, dass viele durch das ALG-2-Raster fallen würden. Im Klartext: Es besteht kein Anspruch auf Hartz-IV, aber genug Geld für die Miete ist auch nicht drin. Ich kenne einige, die darunter fallen.

Corona zeigt neue politische Wege, die jenseits von stigmatisierendem Hartz-IV und sozialstaatsaus-hebelndem Grundeinkommen liegen können

Aber Fakt ist auch, dass es ihnen ohne Corona schon so ging, entweder weil der Partner oder die Partnerin zu viel verdienen oder weil das Ersparte gegen einen Hartz-IV-Antrag spricht, oder auch schlicht, weil das Stigma Hartz-IV nicht auszuhalten ist. Es ist fragwürdig, ob eine Corona-Soforthilfe als Sozialhilfe hier das Mittel der Wahl sein kann. Im Grunde zeigt die Problematik auf ein soziales Problem, das auch vor Corona bestand, dass nämlich viele fleißige Menschen von ihrem Schreiben und Übersetzen, ihrer Kunst und Kultur nicht überleben können, aber verständlicherweise kein Hart-IV beantragen wollen. Es ist kein Wunder, dass diese Lobby auch ohne Corona laut nach einem Grundeinkommen verlangt. Problematisch ist daran, dass der Sozialstaat von dieser Lobby unwissentlich und unabsichtlich untergraben wird. Der Grundkonflikt, der dann immer noch zwischen Kapital und Arbeit bestünde, würde mit einem Grundeinkommen zugedeckt und jegliche Instrumente, die der Sozialstaat zur Konfliktbefriedung ausgebildet hat, würden als überflüssig erachtet. Eine Lösung könnte ein staatlicher Zuschuss für Solo-Selbständige sein, so wie jetzt die Corona-Soforthilfe. Die Krise zeigt tatsächlich neue politische Wege auf, die jenseits von stigmatisierendem Hartz-IV und sozialstaatsaushebelndem Grundeinkommen liegen könnten.

Corona legt den Finger in viele offene Wunden der Gesellschaft

Aber wie sieht eigentlich der Alltag als soloselbständige Mutter mit zwei Kindern in der Homeschool aus? Wäre ich alleinerziehend, es ginge mir arg an den Kragen, nicht nur finanziell und arbeitstechnisch. Mein Mann kann besser homeschoolen als ich. Meine Kinder finden, er habe mehr Geduld. Nur leider muss er (oder darf?) öfter zur Arbeit. Dann stehe ich da und versuche, die Tochter zum Rechnen zu überreden und gleichzeitig Mittagessen zu kochen. Wenn ich es an den Schreibtisch schaffe, müssen nebenbei Streitereien geschlichtet, Bleistifte angespitzt und Arbeitsanweisungen nachvollzogen werden. Da mein Problem nicht die Auftragslage ist, besteht es momentan eher in der Ausführungslage. Wie soll ich meine Arbeit bewältigen, wenn ich gleichzeitig Grundschullehrerin spiele? Sorgearbeit und Arbeitsleben, es zeigt sich einmal mehr in seiner Unvereinbarkeit. So legt Corona den Finger in viele offene Wunden unserer Gesellschaft.

Zu Ostern eine Hommage an die Stadt. Eine Erinnerung an die van-Eyck-Ausstellung vor Corona

Corona, Stadt & Architektur

Vor einer gefühlten Ewigkeit, im Februar, war das Leben in Europa noch durch Reisen und den Besuch von Kunstausstellungen geprägt – es war selbstverständlich, nach Gent in Belgien zu fahren und die sagenhafte Ausstellung von Jan van Eyck zu besuchen. In Corona-Zeiten wird diese Selbstverständlichkeit zur wehmütigen Erinnerung, aber gleichzeitig lassen sich neue Parallelen zum Leben des Künstlers van Eyck ziehen, dessen Schaffen jäh durch eine in Europa wütende Epidemie beendet wurde: Der Pest.

Bevor diese Seuche Hunderttausende das Leben kostete und Städte als Brutstätten von Krankheit und Tod verunglimpfte, war das belgische Gent eine der größten und reichsten Städte der Welt. Bis heute atmet die Stadt historisches Bewusstsein aus jeder Pore ihrer mittelalterlichen Gassen und zählt eine Fülle alter Kirchen, Altäre, Gemälde und Burgmauern zu ihren Schätzen – freilich ohne dabei rückständig zu wirken, denn Gent ist gleichzeitig eine gemütliche Studentenstadt.

„Eine optische Revolution“ und das van-Eyck-Jahr fallen Corona zum Opfer

Die groß aufgemachte Jan-van-Eyck-Ausstellung „Eine optische Revolution“ ist ein Teil des Bildes, das Gent zur Zeit von sich selbst zeichnet. Die Ausstellung ist bzw. war eine Weltsensation, denn sie zeigte erstmalig zwölf Werke des Ausnahmekünstlers aus dem 15. Jahrhundert unter einem Dach. Anlass ist das diesjährige van-Eyck-Jahr, das nun tragisch im Corona-Schock versinkt. Allein für dieses Jubiläumsjahr wurden die Gemälde des Hauptwerks van Eycks, der Genter Altar, aufwändig restauriert: Acht Jahre lang legte ein internationales Expertenteam aus Restaurator:innen und Kunsthistoriker:innen Schicht für Schicht der Farbenpracht frei, die vor mehr als vier Jahrhunderten in den Werkstatträumen der Brüder van Eyck in Gent auf die Tafeln aufgetragen wurde.

Entsprechend bemühten sich die Kuratoren, alle zwölf ausgestellten Werke gründlich einzubetten und die Welt des Jan van Eyck verständlich zu machen. Und mit ihrer Liebe zum Detail, etwa die originalen Bodenfliesen oder Waschutensilien und Gefäße aus jener Zeit zu präsentieren, gelang dieses Vorhaben gut.

Das österliche „Lamm Gottes“

Der Flügelaltar, an dem die Brüder Hubert und Jan van Eyck bis 1432 arbeiteten, stellt in der Hauptsache die Anbetungsszene des „Lamm Gottes“ aus der Offenbarung des Johannes dar – das österliche Bildnis schlechthin. Die Haupttafeln auf der Innenseite des Altars sind weiterhin in der mächtigen St. Bavo-Kathedrale in der Altstadt Gents zu bewundern, hinter Glas, wohltemperiert und ausgeleuchtet. Dafür bereichern die Gemälde der zugeklappten Altarseite momentan das Kunstmuseum. Zwei dieser ausdrucksstarken Gemälde sind die Bildnisse von Adam und Eva. Und beide sind von atemberaubender Schönheit und zeugen von beeindruckendem künstlerischen Geschick. Die Gestalten sind in einer Feinheit abgebildet, die die Nacktheit und Verletzlichkeit der ersten Menschen so realistisch und damit für jene Zeit überaus kühn wiedergeben, dass diese Bildnisse allein schon eine Sensation der Kunstgeschichte sind.

Van Eyck verneigt sich vor der mittelalterlichen Großstadt

Aber wer Gent als Stadt besucht, versteht die Kunst van Eycks auch als eine Homage an die mittelalterliche Großstadt. Denn van Eyck, der aus der holländischen Provinz erst nach Brügge, dann nach Gent kam, muss schwer beeindruckt von der Größe und Vielfalt der flämischen Städte gewesen sein. Kein Wunder, unvorstellbar groß war Gent für die damalige Zeit: 50 bis 60 000 Menschen lebten und arbeiteten in der Stadt, der Handel mit allen Teilen der Welt florierte; die erste Welle der Globalisierung brachte Wohlstand, verschiedenartige kulturelle Einflüsse und Annehmlichkeiten für Handwerker und Geschäftsleute mit sich. Der Reichtum ist bis heute in den prunkvollen Inneneinrichtungen zu bestaunen, tatsächlich erweist sich die St. Bavo-Kathedrale als so reich an Schätzen, dass sie als kleine Schwester des Petersdoms durchgehen könnte.

Die Städte Gent und Brügge mit ihren Baukunstwerken, aber auch ihrer Vielfalt und Größe sind es, die van Eyck bewunderte und die in beinah jedem seiner Werke zu sehen sind. Die herangezogenen Vergleichskunstwerke, die neben den van-Eyck Stücken zu sehen sind, machen darauf aufmerksam, was in den anderen Heiligendarstellungen jener Zeit fehlte: die Stadt im Hintergrund als Verweis auf eine von Menschen geschaffene göttliche Ordnung auf der Erde. Van Eycks Bildsprache ist nicht nur das detailgetreue und farbenprächtige Abbild von Bodenfliesen, Umhangfalten und Zehnägeln geglückt, sondern in all seine Darstellungen fließt der Stolz auf die Errungenschaften der flämischen Städte mit ein. Auf dem Genter Altar finden sich gleich zwei Stadtansichten, die van Eyck als einen der ersten Großstadtbewunderer erscheinen lassen: sein Jerusalem heißt Gent.

Van Eyck starb vermutlich an der Pest

Auch andere Werke van Eycks, etwa das des heiligen Christopherus, lassen im Hintergrund die Skyline des mittelalterlichen Gent und Brügge als eine Kulisse wirken, die der ganzen Szenerie etwas beinah Surreales verleiht. Diese Kunst ist großartig und wirklich revolutionär. Denn weit über die liebevolle Arbeit an den Figuren und den berühmten Engelsflügeln hinaus zeigt uns van Eyck eine städtische und architektonische Utopie, die im krassen Gegensatz zu den hygienischen und lebensweltlichen Umständen steht, die in den realen Städten des 15. Jahrhunderts ebenfalls das Bild der großen Stadt prägten. So ist van Eycks Blick etwa in der Szene, in der die Taube als Heiliger Geist über Maria kommt und den Bildvordergrund dominiert, auf eine gewöhnliche Stadtansicht im Hintergrund gerichtet, die einfache Mietshäuser mit beinah modern anmutender Straßenschlucht zeigt. Was für ein revolutionär Akt für jene fromme Zeit!

Van Eyck selbst ist vermutlich – genaue Zeugnisse fielen einem Brand zum Opfer – später an der Pest gestorben, die alle europäischen Städte in der Mitte des 15. Jahrhunderts aufs Verderblichste heimgesucht hat. So stehen die Verheißungen städtischer Größe und Schönheit, wie sie in den Bildern van Eycks zu erkennen sind, als Ausrufezeichen bis heute in seinen Bildern.

Dass ausgerechnet diese Ausstellung vor der Corona-Ausbreitung geschlossen werden musste, ja, das ganze van-Eyck-Jahr durch die virusbedingte Reisebeschränkung ins Wasser fallen muss, wirkt wie böse Schicksalsironie. Aber es ist eine Erinnerung daran, dass die Menschen auch im 21. Jahrhundert nichts anderes sind als verwundbare Kreaturen, immer noch eng verwandt mit ihren verletzlichen, mittelalterlichen Vorfahren.

#14 +++Corona-Blog+++

Corona, FürSorge

Menschlichkeit ohne Mensch? Der Versuch, meiner Großmutter nah zu sein

Meine Großmutter ist 89 Jahre alt. Sie verließ vor zwei Jahren ihre Heimat, gemeinsam mit meinem Großvater, und zog in ein Pflegeheim. Nah bei meiner Mutter.

Wir gewöhnten uns schnell an das neue Zimmer von Großmutter. Wir konnten uns nicht an das von Großvater gewöhnen. Er starb. In diesem Jahr wird sich sein Todestag zum zweiten Mal jähren.

Jetzt ist sie allein, aber nicht nur ohne ihren Mann: Meine Großmutter ist jetzt ohne Berührungen, Besuche, eine Brise frischer Luft. Sie hat ein schönes Zimmer. Mit einer gemütlichen Dachschräge, Bildern ihrer Familie auf der Kommode. Mit Blick in die Gärten einer hübschen Kleinstadt, die zufällig auch ein Wallfahrtsort ist, an dem oft die Glocken läuten und in dem es viele katholische Schwestern und Pflegerinnen gibt. Gott sei Dank, Gott Lob. Hier ist das wörtlich gemeint.

Aber es herrscht auch dort Corona. Und zuletzt sah ich meine Großmutter Anfang Februar. Es ist nicht so, dass ich sie ständig besuche. Uns trennen mehr als 500 Kilometer voneinander. Aber ich fahre, wann immer es die Zeit zulässt, zu ihr. Die Osterferien wären sicher so ein Anlass gewesen. Auch Pfingsten, die Sommerferien, manchmal ein kurzes Wochenende zwischendurch. Vor allem ist es immer die Freude auf das Wiedersehen, die uns über die vielen Kilometer hinweg tröstet.

Jetzt haben wir nur noch das Telefon. Und natürlich die Post, zum Glück liefert sie noch aus. Ob mein Paket zu Ostern erst desinfiziert wird, frage ich mich bange. Denn an den möglicherweise kontaminierten Inhalt habe ich nicht gedacht. Alles steht plötzlich auf dem Prüfstand, Selbstverständliches.

Jeder, der einen Angehörigen im Pflegeheim hat, teilt diese Sorgen. Pflegeheime können zu Orten des einsamen Sterbens werden, seitdem Corona über die Welt herfällt, und niemand von den Schwächsten ist davor geschützt. Ich habe Angst um meine Großmutter. Aber das Schlimmste ist, aushalten zu müssen, dass sie alleine ist. Dass keine tröstende Umarmung gespendet werden kann. Kein Kuss, kein direktes Wort. Menschlichkeit bekommt durch die Corona-Hölle eine zweite Bedeutung, sie ist mehr als Freundlichkeit und Zugewandheit: Menschlichkeit ist auch Nähe teilen und sein Gesicht Zeigen-dürfen. Vielleicht wird diese körperliche Seite von Menschlichkeit gerade besonders deutlich, weil sie sonst nie in Frage steht.

Diese selbstverständlichste aller Gesten, sein Gesicht zu zeigen und damit Nähe zu teilen, ist verboten. Mumifiziert und verhüllt könnte ich vielleicht vor meine Großmutter treten, aber was hätte sie von einer solchen Begegnung? Wir könnten nichts teilen. Es wäre ein Schreckensmoment statt der eines Trostes. Ein Schock, der die Unentrinnbarkeit der gesundheitlichen Notsituation erst recht manifestierte.

Darüber hinaus ist Besuch auch mit Schutzkleidung verboten. Wobei es weniger um das Verbot geht, eher um ein Ge-bot, nämlich das der Vernunft. Ich will meine Großmutter nicht gefährden, und so stecke ich im Zwiespalt aus dem Bedürfnis nach Nähe zu ihr und dem Wunsch, sie zu schützen. Dem Wunsch, das Virus möge an ihrem Stift nicht Halt machen und einfach weiterziehen.

Angehörige sind in Sorge, weil sie wissen, dass ihre Eltern, Großeltern, Urgroßeltern in Lebensgefahr schweben. Und ich bin in Sorge um meine Großmutter, weil ich weiß, dass sie ohnehin schwer an ihrem Los trägt, ihre kontaktreiche Heimat verlassen zu haben. Jetzt frage ich mich, wie sie es aushalten kann, dass niemand mehr sie besuchen darf. Auf unbestimmte Zeit allein. Am Telefon ist sie tapfer. „Ich bin ja nicht alleine. Es sind noch andere hier.“ Aber in den vielen einsamen Stunden?

Meine Großmutter sagte früher, als ich auf einer weiten Reise war, zu mir: „Wenn ich den Mond anschaue, weiß ich, dass du ihn auch siehst.“ Jetzt kann ich es zu ihr sagen. Aber es fühlt sich fürchterlich an.

#13+++Corona-Blog+++

Berlin, Corona

Woche 3: Mode in Zeiten von Corona

Wenn ich Menschen von Woche 2 des Ausnahmezustands sprechen höre, sind das offenbar Menschen ohne Schulkinder im Haushalt. Denn die Schulschließungen befinden sich nun in der dritten Woche und langsam geht auch den zähen, lehrerfahrenen Eltern die Luft aus. Wären wir Marathonläufer:innen, dann sind wir jetzt mindestens bei Kilometer 30 angekommen, aber eine Ziellinie ist einfach nicht in Sicht.

Gestern erreichte uns ein Schreiben der Schulleitung, die pro forma von einer weiteren Verlängerung der Schulschließung nach den Osterferien ausgeht – so lange nichts Gegenteiliges verlautet wird, gehen wir besser vom Schlimmsten aus, so die Botschaft. Das heißt für uns: Weiter Strukturen schaffen, die es nicht gibt. Wie der 10-Uhr-Spaziergang mit meinem Sohn, endlich mal die Wohnung verlassen, die leere Straße bestaunen, eine Runde durch den Park. Und am Wedding – Gala – Outfitter „Kaska Hass“ vorbeikommen: Bräute mit Chiffonmundschutz sind da im Schaufenster zu sehen. Wir sind beeindruckt, in welcher Geschwindigkeit Mode auf Politik reagieren kann.

Weniger beeindruckt ist die Chefin von unserem Ecklokal Rosengarten, das den besten Wein in Kreuzberg ausschenkt (Weingut Anselmann, Pfalz). Denn der Shutdown macht ihrem Familienbetrieb ernstlich zu schaffen. Sie freut sich über unsere Anteilnahme und hofft, in Kürze auf Lieferbetrieb umstellen zu können. Denn ihre ganze Familie steht zur Zeit ohne Einnahmen da. Die versprochene Sofortunterstützung vom Senat, die sie beantragt hat, reiche für einen Monat Miete, immerhin. Aber nicht genug. Sie hofft auf ein baldiges Ende des Shutdowns und lächelt dabei.

Ich habe mir vorsorglich einen Schal vor den Mund gebunden, falls ich Husten bekomme oder einfach um zu demonstrieren, dass ich andere schützen möchte. Zu Hause gibt es bereits einen selbstgenähten Mundschutz, allerdings wartet er auf seine erste 60-Grad-Wäsche und ist somit unbrauchbar. Aber was mich nachdenklich macht, sind all die Einwegmasken, die ich sehe. Da waren wir gesellschaftlich gerade erst (vor Corona, also gefühlt letztes Jahr) soweit gekommen, unser Müllproblem ernst zu nehmen, hatten gerade erst die Plastiktüten und -Verpackungen verbannt und begonnen, den Einzelhandel darauf einzuschwören – und jetzt werden uns massenhaft hellgrüne, virenbehaftete Faltobjekte in der Umwelt begegnen, deren Recyclingcharakter niemandem bekannt ist, weil nie jemand danach gefragt hat.

So sieht es aus, wenn ein Mensch mit Corona-Angst durch die letzten Brachen der Stadt streunt. Zu hoffen bleibt, dass diese Praxis nie in Mode kommt.

#12 +++Corona-Blog+++

Arbeit, Corona

Woche 2 endet: „Isolationsmüdigkeit“

Der Sonntag beginnt mit einer Einschätzung von Heinz Bude: Wir sind langsam isolationsmüde. Der Tag zeigt auf ganzer Linie, wie Recht er hat. Nicht, weil heute die Hausaufgaben überfordernd, das Homeoffice geöffnet oder die Kinder übermüdet wären, nein. Auch nicht, weil die kalten Graupelschauer einen Spaziergang vereitelt hätten.

Heute war ein Sonntag, der zeigt, dass seit zwei Wochen jeder Tag Sonntag ist und dass man als Elternpaar nur noch wenig Muße hat, die Kontaktsperre mit guter Laune über sich ergehen zu lassen. Wo man sich dabei ertappt, stoisch sogar ohne Kinder am Wohnzimmertisch eine Bastelvorlage nachzubasteln. Denn die Kinder haben sich mit Hörspielen ins Zimmer verzogen. Familie nervt einfach langsam. Die Witzvideos sind bereits mit allen Menschen ausgiebig ausgetauscht worden und der Humor ist langsam ausgeschöpft.

Armin Laschet hat in Angst um Kinder und Frauen, die Gewalt in den eigenen vier Wänden ausgesetzt sind, gar eine Lockerung der Ausgangsbeschränkungen gefordert. Ich finde aber, dass das Aufeinandergesperrtsein eine Herausforderung für jeden Haussegen ist, auch ohne Ohrfeigen oder Wut. Vermutlich schrauben sich Aggressionsspiralen in kleinen Wohnungen gerade reihenweise hoch – man kann sich schlicht nicht aus dem Weg gehen, wenn man genervt ist.

Dazu kommt: So langsam sickert in die Köpfe der Menschen ein, dass die Corona-Beschränkungen keine kurze Ausnahmeerscheinung sind. Die Zahlen der Welt zeigen, dass Corona überall Staaten in die Knie zwingt, Südafrika, Indien, USA. Nachrichten aus Italien und Spanien lassen einem die Tränen in die Augen treten und immer wieder die unfassbaren Bilder von Moria, wo die hoffenden Kinder nun nicht ausgeflogen werden, sondern alle dabei zusehen, wie die Zeitbombe dort weiter tickt.

Europa gleicht derzeit einem Scherbenhaufen. Wer letztes Jahr noch freudig auf die erste Amtszeit einer Kommissionspräsidentin geblickt hat, der reibt sich jetzt ungläubig die Augen. Beinah vier Wochen hat es gedauert, bis die Staaten ihre Hilfe füreinander wieder entdeckt haben. Die geschlossenen Grenzen symbolisieren eine Kapitulation vor dem Virus, aber auch eine Resignation in Europa, die kaum jemand noch vor einem Monat für möglich gehalten hatte.

Ausgerechnet die Corona-Krise als Weltkrise ist die Reinkarnation des Nationalstaates, dessen Zeitalter viele für tot erklärt hatten. Während die an Covid-19 Erkrankten intubiert werden müssen, beatmet das Virus die Kleinstaaterei. Jedes Land holt seine als Landsleute bezeichneten Bürger:innen in seine eigenen Grenzen zurück. Europa und Weltgesellschaft war gestern, heute heißt es zurück zur Nation.

Die Hilfen europäisch zu bündeln wäre ein Weg, dem zu entkommen. Aber die Server der Hilfsaufkommen für Betriebe sind schon in Berlin heillos überlastet. Ein Freund, der als Solo-Selbständiger Einnahmeausfälle hinnehmen muss, hat Wartenummer 10.000. So stellt sich die staatliche Hilfsbereitschaft selbst ein Bein, denn das Prinzip, das in dieser Krisenbewältigung scheinbar die Oberhand gewinnt, ist das Prinzip des Zufalls. Zufällig gerettet.

Aber der Abend bringt diese düsteren Erkenntnisse ob der Aussicht mit sich, dass morgen die Woche wieder beginnt. Wieder mit Homeschool. Wieder ohne Ablenkungen. Wieder mit Eltern-Homeoffice. Letzte Woche habe ich noch herzlich über die Wochenshow gelacht, in der meine Lieblingskaberettistin im gespielten Homeoffice durchdreht und alle anmotzt. Heute ahne ich, dass Witze besonders gut sind, wenn sie hauchdünn an der Realität vorbeischrammende Übertreibungen sind. „Isolationsmüdigkeit“ trifft meine momentane Stimmungsbeschreibung ziemlich auf den Punkt.

#11+++Corona-Blog+++

Allgemein, Corona

Woche 2: ZOOM-Sport in Zeiten von Corona

Der Corona-Virus bringt nicht nur Schreckensnachrichten mit sich, sondern im Kleinen auch etwas Gutes, das erfuhr ich heute in einem Radiointerview mit Sawsan Chebli, Staatssekretärin in Berlin. Sie betont die Nachbarschaftshilfe und die Bereitschaft von Vielen, ihren Mitmenschen durch die Krisenzeit helfen zu wollen. Heute denke ich, dass mein Nachbar mit seiner verunglückten Mitteilung an die Hausgemeinschaft genau das signalisieren wollte. Manchmal verunglückt das Gutgemeinte.

Was im Kleinen auch gut läuft ist das Ausprobieren von Neuem. Krisenzeiten laden immer zum Experimentieren ein. Ohne Experimente würde mein Sportverein, der Schokosport e.V., nicht überleben. Übrigens auch die Musikschule, die in ihrem amtlichen Schreiben sogar einen freundschaftlichen Ton anschlägt, vom gemeinsamen Ausprobieren neuer Wege ist da die Rede. Sympathisch. Musikunterricht per Videotelefonie.

Kein Wunder, dass Peter Altmaier hingerissen ist vom Digitalisierungsschub für die Unternehmen, bei allen negativen Nachrichten derzeit. Und so machte ich gestern meinen ersten digitalen Sportkurs über die Plattform zoom. Skypen war früher, heute wird gezoomt.

Das Programm ist ideal für Video-Meetings aller Art und mein Sportverein, der seinen Mitgliedern ein Online-Angebot machen möchte, geht mit Meeting-ID und Zugangs-Passwort auf Nummer sicher, dass nur die Angemeldeten teilnehmen können.

Neben der Kursleiterin ist nur eine weitere Teilnehmerin dabei, ich sehe sie und ihr Wohnzimmer samt Hängematte in einem kleinen Fenster. Hübsche Einrichtungsidee, ein Kachelofen, der zum Regal umfunktioniert wurde. Ich muss mich erstmal eingrooven, zuerst ist meine Internetverbindung zu schlecht, dann ziehe ich auch ins Wohnzimmer. Jetzt habe ich weniger Platz und bin zwischen Sofa, Tür und Tisch eingeklemmt, aber hier kann ich immerhin das ungewohnte Sport-Programm im Homemodus starten.

Tatsächlich entsteht ein virtueller Sportraum durch uns drei Teilnehmenden, aber in meinem Kopf entsteht ein ganz neuer Raum, in dem ich mich nur auf die Bewegungen konzentriere, ein imaginierter Sportraum, losgelöst vom realen Raum, in dem ich mich befinde. Das Wohnzimmer verschwindet um mich herum und ist in diesem imaginierten Sportraum nicht mehr existent, eine faszinierende Erfahrung.

Und noch etwas fällt mir hinterher auf: Eine Liveschalte ist tausendmal motivierender als ein YouTube-Video, bei dem die Trainer:in einen nicht sieht oder hört. Durch die Kommunikation mit den anderen während der Videokonferenz entsteht eine stärkere Teilnahme, Geräusche, Lachen, Zustimmung, all das wirkt sich positiv auf meine Anstrengungsbereitschaft aus. Bis die Tür aufgeht und die Kinder mich fassungslos anstarren. Aber sie sind nur für einen kurzen Moment überrascht. Es bringt sie zu Zeit nichts mehr wirklich aus dem Konzept, Alltag war gestern. Heute ist sowieso alles anders.

#10+++Corona-Blog+++

Corona

Woche 2: Wenn das Virus im eigenen Haus wohnt

Heute zog es mir beim Gang an die frische Luft glatt die Schuhe aus: Da versucht man tagelang, die empfohlenen Distanz-, Abstands- und Ausgangsregeln einzuhalten, um niemanden anstecken zu können und sich selbst auch nicht anzustecken — und der Virenherd, der einen angesteckt haben könnte, wohnt im eigenen Haus und sagt wochenlang keinen Piep. Nein, erst heute, wo er nun „immun“ gegen Corona ist wegen der durchstandenen Infektion, wendet er sich niedlicherweise an die Hausgemeinschaft mit einem aufgehängten Zettel und den Worten, er „hatte früh Corona“ und sei seit heute aus der Isolation.

Ich versuche auszurechnen, wann ich ihn an der Haustür getroffen habe, dummerweise damals noch mit kaum nennenswertem Sicherheitsabstand. Na gut, wir haben nicht viel mehr als „Guten Tag“ gesagt. Das war ungefähr vor 10 Tagen, sprich genau in der ansteckenden Zeit. Und ich hatte noch überlegt, ob ich die Türklinke so gedankenlos benutzen solle…

Ironischerweise hatten alle Mitglieder der Hausgemeinschaft Tipps für unsere Italienrückkehrerin zur Hand, die sich selbstverständlich und prompt – ich erwähnte es jüngst – in die selbstauferlegte Quarantäne begab; niemand traute sich zu ihr, Teller mit Essensspenden hinterließen wir vorsichtshalber vor ihrer Tür. Und das alles nur, um jetzt mutmaßlich von „Ich-bin-Millenial“-Dan angesteckt worden zu sein?! So nenne ich ihn, seitdem er sich dieses Etikett selbst gegeben hat.

Mein Mann und ich treffen „Ich-bin-Millenial“-Dan im Hof und können mit unserer Empörung nicht so richtig hinterm Berg halten. Schließlich liegt ein weiterer Tag Homeschooling nebst Homeoffice hinter uns. „Sag mal, warum hast du nicht früher Bescheid gegeben? Seit wann weißt du denn, dass du Corona hattest?“ fragen wir ihn mit gebührender Distanz, obwohl diese sich jetzt erübrigen würde. Dan schaut schuldbewusst: Angesteckt habe er sich am 7. März, sagt er. Er wisse es aber erst seit dem 16.! Also ab dem Tag #1, an dem die Maßnahmen zur Seucheneindämmung griffen und wir uns in den Kontakteinschränkungsmodus begaben. Er gehörte also zu den ersten 48 Berliner Fällen, deren Umfeld angeblich informiert wurde.

Den Müll hat „Ich-bin-Millenial“-Dan genauso in den Haus-Mülleimern entsorgt wie sonst auch, ohne Handschuhe und Desinfektionsmittel – und ohne uns zu fragen, ob wir ihm helfen. Dass wir vermutlich alle in Quarantäne gehörten seit dem Tag, an dem ich ihm an der Haustür begegnet bin, sage ich ihm. Nein, Dan wehrt entschieden ab, das Virus übertrage sich nur, wenn man mindestens eine Viertelstunde Kontakt gehabt habe. Das habe ihm seine Mutter gesagt, und die sei Ärztin. Komisch, dass die Tester:innen dann alle in Schutzkleidung herumlaufen und ein geforderter Sicherheitsabstand zwei Meter beträgt. Ist das also völlig übertrieben? Oder bin ich jetzt übertrieben ängstlich, oder rege ich mich zurecht über „Ich-bin-Millenial“-Dan auf?

Nun gut, es ist jetzt so wie es ist, und es sei ja schön, dass es ihm wieder gut gehe, schließe ich dann beschwichtigend ab, denn was gibt es im Nachhinein noch zu ändern. Trotzdem bin ich sauer, dass der Nachbar hinterher das ganze Haus verrückt macht – dann hätte er es sich auch ganz sparen können. Ich trage jedenfalls ab jetzt einen selbstgenähten Mundschutz. Grünblau mit Sternen.

Parallel zur Ungewissheit, ob die Pandemie ihren Höhepunkt in Deutschland bereits erreicht hat oder ob das Schlimmste erst noch bevorsteht, wächst die Ergebenheit in unser neues Schicksal. Mein Mann ist nun Homeschoolofficer, besonders für die beiden Grundschulkinder im eigenen Haushalt. Um 8:30 beginnt der Unterricht mit Unterweisungen im Tagesablauf: Nein, Hörspiele sind nicht erlaubt während der Schulzeit, und nein, Inlineskates sind jetzt nicht das richtige Instrument, um den Unterrichtsstoff adäquat zu vertiefen. Um 9:30 gibt es – tatsächlich haben wir Zeit und Vokabular übernommen – die erste Pause, also Frischluftzufuhr im Innenhof.

Wir stellen fest: Die Kinder erweisen sich als sehr kooperativ, wenn der Wortschatz aus der Schule auftaucht und eine deutlich gefühlte Grenze zur sonstigen in Haus und Hof verbrachten Freizeit definiert. Die Entgrenzung von Arbeit und Leben mag in der heutigen, auf Selbstverwirklichung abzielenden Arbeitswelt, für manch Erwachsene normal sein – auch wenn er oder sie mit Haut und Haaren von Arbeit gefressen wird – aber dass schon Kinder diese Entgrenzung von Arbeit und Freizeit massenhaft kennenlernen, das ist ein Novum und eigentlich ein Phänomen, das nur den privilegierten Reichen erlaubt ist, die sich Hauslehrer:in und Hausmusik leisten können – oder den Hippiefamilien.

Und spätestens jetzt wird auch klar, warum sich die breite Masse dieses Konzept nicht leisten kann: Für derartige Entfaltungsmöglichkeiten individueller Fertigkeiten benötigt man Platz und geschultes Personal. Nicht nur Lehrpersonal, auch Kochpersonal und ein Hauswirtschafter, und dann funktioniert das Konzept HomeschoolOffice. Denn als eierlegende Wollmilchsau hält es niemand lange durch.

Aber jetzt hoffen wir erstmal, dass „Ich-bin-Millenial“-Dan uns nicht angesteckt hat.

#9+++Corona-Blog+++

Berlin, Corona

Tag 9: Das Adrenalin der Provokation

Ein sonniger Tag in Berlin, ich fahre mit dem Rad am Mauerstreifen entlang an allerlei touristischen Hotspots vorbei. Vom Axel-Springer-Verlag bis zum Gleisdreieck Touristenleere an den sonst gut gefüllten Orten: Checkpoint Charlie, DDR-Museum, Topographie des Terrors, Martin-Gropius-Bau, keine reisebusseweise sich schiebenden Massen, Menschentrauben, Busstaus. Von März bis September hatten wir uns an sie gewöhnt im letzten Jahrzehnt, jetzt: wie ein Spuk vorbei. Die Straßen sind so leer wie in den 1990ern, nur ohne dass Brachen brach liegen, und die Fassaden sind poliert statt schmutziggrau.

Nur die Bauarbeiter bauen unbeeindruckt von allen Abstandsgeboten weiter. Der Park am Gleisdreieck beherbergt so viele Hobbysportler:innen wie noch nie an einem gewöhnlichen Vormittag.

Und Social Media meldet neben all den witzigen auch doofe Posts von Menschen, die sich aufregen und aufregen und noch mehr aufregen über politische Entscheidungen. Vielleicht sind sie selbst von der Krise betroffen und können nicht anders als polemisch zu reagieren. „Merkel tötet“ schreibt einer tatsächlich, er regt sich über die „unfähige Regierung“ auf, denn hätte man, dann wäre nicht etc. Ich verstehe Menschen, die jetzt extrem verunsichert sind: Die Lackritzhändlerin, die schon im letzten Jahr nur knapp über die Runden kam; das kleine Bistro nebenan, das keinerlei Rücklagen hat; der Taxifahrer, der vier Kinder ernährt. Eine existenzbedrohende Lage, auch für Lagerarbeiter:innen, Verkäufer:innen und Servierer:innen. Aber was bringt der Onlinehass diesen Menschen? Zumal es meist nicht die Betroffenen selbst sind, die solcherlei Kübel ausschütten.

Aber wer Parolen wie „Merkel tötet“ in die Welt setzt, der säht Hass und kippt gleich badewannenweise Wasser auf die Mühlen der AfD.

Machen Leute das, weil die Aufmerksamkeitsökonomie ihnen recht gibt? Oder weil das Adrenalin der Provokation momentan ein einfaches Mittel der Problembewältigung ist, leichter zumindest als das Aushalten des Nichts-tun-Könnens? Psychologen sprechen von Coping-Strategien in Momenten der Hilflosigkeit, um diese bewältigen zu können. Isolation und Einsamkeit sind solche Momente. Meine Strategie ist dann wohl, zu bloggen. Aber soziale Netzwerke können in einer krisenhaften Situation regelrecht als Aggressionsventil von fehlgeleitetem Frust missbraucht werden, das wissen alle aktiven und ehemaligen Politiker:innen, Renate Künast voran.

So zeigt sich die Corona-Krise als Brennglas und Brandbeschleuniger, nicht nur für E-Commerce, digitale Bezahlung und die Digitalisierung des Lernens, und nicht nur für die Solidarität in Nachbarschaften und zwischen den Generationen, sondern leider auch für hasserfülltes Denken.

„Hoffentlich, hoffentlich werden so viele Menschen wie möglich, am besten alle, vor dem Scheißvirus gerettet. Sehr gerne sterben darf aber endlich das Wettrennen in der Aufmerksamkeitsökonomie, das Bärtekraulen in eilfertigen Talkshows und die unheilige Magie der Medienwarenwirtschaft, per Eilmeldungsgeschwindigkeit schon Millisekunden vor Eintreten eines Ereignisses alles darüber gewusst zu haben“ schreibt Jaspar Nicolaisen sehr treffend über die herrschende mediale Situation.

Stattdessen hilft manchmal auch, Vertrauen in die Regierungsfähigkeit und die Problemlösekompetenz der Handelnden zu haben. Jedenfalls lautet so mein Resümee für heute.

#8+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 8: Eine Woche Ausnahmezustand

Der Tag beginnt mit der Frage, wie die politischen Vorgaben zu deuten sind. Düften wir jetzt noch mit dem Auto zum Park fahren? Mit den Nachbarskindern eine Schatzsuche machen? Oder nur noch zum Einkaufen oder zur Arbeit, wie es der Freund orthodox interpretiert?

Wir schwanken kurz, dann aber ist klar: Die Schatzsuche mit den beiden Kindern aus der Hausgemeinschaft kann keine Kontaktsperre der Welt verbieten. Es geht mit Knobelaufgaben in den Park, wo sich heute ein ganz anderes Bild als am gestrigen Sonntag bietet: Jugendliche hängen auf den Tischtennisplatten rum, eine Mädelsgäng lümmelt auf dem gesperrten Spielplatz. Meine Kinder sind empört: „Mama, warum dürfen die das?“ Ich erkläre ihnen, dass sie das gar nicht nicht dürften, sondern einfach machten und dass darin der kleine Unterschied bestehe. „Also werden die verhaftet wenn die Polizei kommt?“ „Die kriegen Ärger wenn die Polizei kommt.“ Ehrfürchtig und mit großen Augen gehen sie weiter. Mein Sohn hat das Spiel aber durchschaut: „Die Polizei kommt hier sowieso nicht.“ Er hat vermutlich recht.

Die Nachmittage als Familie ziehen sich zugegebenermaßen in die Länge, wenn schon die Vormittage mit selbstgebastelten Strukturhilfen in die Kurven gehen. Vom schulpsychologischen Beratungszentrum (SIBUZ) gibt es jetzt Unterstützung: Dort erfahren Eltern auf 3 Seiten im Crashkurs, mit welchen Methoden sie sich als Hauslehrer:innen am besten ausstatten. Der Tip Berlin stellte in seiner Online-Ausgabe die gute Frage, ob wir jetzt alle Quereinsteiger:innen werden müssen. Vormittags Lehrerin, mittags Koch und nachmittags endlich mal selbst an den Schreibtisch. In einer Reportage wurde eine alleinerziehende Mutter von 3 Kindern in ihrem hoffnungslos überforderten Homeofficezustand gezeigt und ich frage mich, ob wir nicht bald statt der chronisch erschöpften Mütter oder Väter auch noch eine Burnoutkurve haben werden, die ganz steil nach oben zeigt. Dann hilft bei #flattenthecurve allerdings kein Social Distancing mehr.

Was all diese Nachrichten bringen: Einen Heidenrespekt vor den Spanier:innen und Italiener:innen, die schon länger weitaus rigidere Umstände überleben und immer noch Freude am Musizieren haben.

Aber so ein Corona-Geburtstag bringt auch besondere Anteilnahme und außergewöhnliche Ideen mit sich. Ganz rührend war am Abend das Geburtstagsleuchten für meine Tochter von den Hausbewohnerinnen, die sich in Quarantäne oder in „Distance“ befinden. Von ihnen gab es ein wunderschönes Wunderkerzenkonzert aus den Fenstern.

#7+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 7: Die Ruhe vor dem Sturm?

Der Sonntag versickert im Gebot, die Wohnung zu hüten. Ein verzagter Spaziergang am Vormittag. Kein Mensch auf den Straßen, der Park ist leer. Die balkonverzierten Häuserfassaden verraten nicht, ob hinter ihnen gelebt wird, gekauert, verhauen, gelacht oder getrunken. Oder ob einfach niemand mehr da ist. Berlin fühlt sich einsam an. Ein ganz neues Gefühl in der sonst so quirligen Stadt und in meinem Viertel zwischen Mitte und Kreuzberg, in dessen Ex-Mauerbrache in den letzten Jahren so viele Baukräne beheimatet waren wie am Potsdamer Platz in den 90ern. Inzwischen haben hinter der Bundesdruckerei so viele Verlage ihren Sitz, dass man ständig Schriftsteller:innen über den Weg läuft. Aber jetzt ist Schluss damit. Alles steht still.

Die Märzsonne leuchtet, die Forsythien stehen in voller Blüte und es ist kalt. Ein Vater spielt mit seinem Sohn Fußball und ein anderer Tischtennis. Sonst genießt niemand die kühle Luft und den blauen Himmel. Das Gespenstische, das die ersten Tage den öffentlichen Lockdown begleitet hatte, es ist einer Trägheit gewichen, die man von den ausgestorbenen Straßen Südeuropas kennt, wo die einzige Antwort auf eine zu große Mittagshitze die Verbarrikadierung zur Siesta in den kühleren Wohnungen ist. Nur gibt es keine Hitze, die droht. Sondern Covid.

Angela Merkel wendet sich erneut an die Bevölkerung. Der Ernst der Lage erfordert ihre Präsenz, und die Bundesländer erlassen ein Kontaktverbot, das morgen in Kraft tritt. Die Bewegung an der frischen Luft bleibt für Einzelne erlaubt, auch für ganze Familien. Es ist eine letzte Vorstufe vor einer Ausgangssperre. Ich bin froh, dann können wir morgen zum Geburtstag meiner Tochter wenigstens in den Park. Die Freundinnen dürfen jetzt allerdings nicht mehr mit. Seuchenschutz geht vor.

Ich höre im Radio, dass auch Merkel nun in Quarantäne ist: Sie hatte Kontakt zu einem Corona-positiven Arzt. Der Virus macht vor Ämtern, Macht und Reichtum nicht Halt. Aber besonders die Älteren unter uns müssen ihn fürchten, und noch Ältere wie meine Großmutter. Sie ist 89 und jetzt allein, unbesucht. Sie wird von der Besuchssperre beschützt und ist doch schutzlos.

Ich rufe sie an, sie hat Verständnis, weiß um die unbestimmte Gefahr, sogar die Sonntagsmesse wurde abgesagt. Aber so ganz kann sie die Aufregung nicht nachvollziehen, dass es jetzt wie im Krieg sei. Sie warnt mich vor denen, die jetzt alles stehlen würden und rät mir, Kartoffeln und Mehl zu lagern, denn damit könne man am meisten anstellen. Vermutlich hat sie recht, aber es ist nicht wie im Krieg. Es wird alles geliefert. Es ist nur sehr schnell ausverkauft.

#6+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 6: Italienische Zustände

Der Samstagseinkauf erweist sich wie es zu erwarten war als Durchwurschtelaktion. Der Edeka: Leergekauft. Die Fleischtheke: Nicht mehr besetzt. Der Biomarkt: Noch zwei Liter Milch im Kühlregal. Mehl existiert nur noch in der Phantasie. Frisches Gemüse: Überall Fehlanzeige, außer auf dem Wochenmarkt (!). Und vor dem Supermarkt: Eine Warteschlange aus Menschen mit Mundschutz. Bilder, die wir bis letzte Woche mit Italien und Wuhan in Verbindung brachten, sie haben unseren Alltag erreicht, jedenfalls im Stadtzentrum.

Double-Income-No-Kids-Paare gehen gemeinsam einkaufen und sehen so aus, als machten sie das zum ersten Mal. Zumindest im Laden. Wenn sie ihren SUVs entsteigen, reicht sie ihm routiniert das Handdesinfektionsmittel rüber, oder umgekehrt. Wo zum Teufel haben die das Zeug her? Ob die auch Klopapier zu Hause haben?

Und woher bekomme ich jetzt die ersehnten Nürnberger Würstchen, die meine Tochter sich zum Geburtstagsfrühstück wünscht? Wer kam überhaupt auf die Idee mit dem englischen Frühstück, die muss eindeutig noch aus Vor-Corona-Zeiten stammen.

Die Tochter wird übermorgen 8. Ein unpassendes Alter, um Einschränkungen am Geburtstag hinzunehmen. Doch sie hat vorausschauend vorgesorgt, ist in der letzten Woche schon mit dem Papa losgezogen und hat zumindest auf zwei Geschenken bestanden, die vorrätig sein sollten. Sie war es auch, die als erste begriff, dass sie niemanden ihrer Freund:innen einladen darf — wir übten uns im Beschwichtigen, aber Kinder haben Instinkte wie Katzen. Tatsächlich wird nun, wenn es gut läuft, die Nachbarin kommen. Ich sattel um auf Wiener Böden, dann krieg ich die Torte ohne Eier und Mehl hin.

Die Einkaufssituation in der Berliner Innenstadt, Momentaufnahme dieser Woche, erinnert tatsächlich an eine Herausforderung, die es seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr gab: Lebensmittelengpässe. Glück hat jetzt, wer außerhalb des S-Bahnrings wohnt. Eine Umkehrung der Verhältnisse, auch für Vermietende. Wer sich bis vor zwei Wochen noch glücklich schätzen konnte, innerhalb des S-Bahnrings eine bezahlbare Wohnung zu haben, steht nun vor ganz neuen Herausforderungen neben den Mietsteigerungen — diese will, genauso wie Mietausfälle, der Senat bis September übernehmen. Sprich: Private Spekulanten und Immobilienunternehmen haben die Mieten ins Exorbitante gesteigert, damit der Staat im Fall von Mietrückständen nun die Ausgleichszahlungen übernehmen darf.

Übersetzt heißt das mal wieder, Gewinne bleiben privatisiert, Verluste werden kollektiviert. Vielleicht gibt es angesichts der großen Solidarität der Vielen auch mal ein Zeichen der Solidarität von z.B. der Deutschen Wohnen oder anderer Marktakteure, auch zugunsten von Ateliers, Geschäftsräumen, Gewerbe.

An der Kasse bei Edeka bedankt sich die Verkäuferin mit dem violetten Lippenstift gut gelaunt für meinen Einkauf bei ihr. Sie entschuldigt sich, dass die Eingabetasten am Kartenlesegerät, auf dem ich meine Geheimnummer gerade eintippe, so eine unverschämte Virenschleuder sei. „Aber wissen Se, ick mach dit auch von Zeit zu Zeit sauber, keene Sorge. Und bleiben Se jesund.“ Ich bin ganz gerührt von soviel Umsicht. Die Dame trägt keinen Mundschutz, sie ist allen ausgeliefert. Aber Ihre Freundlichkeit und meine, ihre Sorge um ihre Kundschaft und meine Sorge um ihre Gesundheit steigern sich gegenseitig in nur einem Bruchteil einer Minute zu einem am Ende beinah freundschaftlichem beiderseitigem Wunsch eines schönen und gesunden Wochenendes. Die Wertschätzung, die da politisch ausgedrückt wurde, sie hat schon jetzt in den Alltag eingegriffen und den Menschen ein Stück Größe zurückgegeben.

#5+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 5: Gespenstische Ruhe in Berlin

„Es ist wie auf dem Land hier!“ jauchzt meine Tochter beim morgendlichen Fitnessprogramm, als wir die große Straße überqueren. Es geht zum Joggen in den Park, und kaum ein Auto fährt über den Moritzplatz. Sonst ist hier ein Verkehrsknotenpunkt. Meine Kinder sind begeistert von der Ruhe, „Mama, gar keine Abgase!“ Berlin-Kreuzberg und auch Mitte sind heute gespenstisch still, Restaurants, Cafés, Spielplätze, Geschäfte: geschlossen.

Eine Freundin meldet sich aus der Isolation in Dresden; sie sorgt sich um ihre Cousine, die in Tansania festsitzt. Rückflüge nach Deutschland: Fehlanzeige. Das Gesundheitssystem in Tansania ist mit 15 Intensivbetten im Land völlig überfordert mit der drohenden Pandemie, aber so geht es nicht nur Tansania. Eine andere Freundin sitzt in Guatemala fest, und wieder eine andere hat Leukämie. Damit gehört sie zur absoluten Risikogruppe. Mal wieder sehe ich, wie gut wir es haben: Wir langweilen uns bloß in städtischen Wohnungen mit perfekter Versorgungslage herum.

Aber der Tag geht weiter. Nachmittags wollen wir bewusst die Restaurants in der Nachbarschaft unterstützen. Zwei, die wir ansteuern, haben schon geschlossen. Eines verkündet geänderte Öffnungszeiten wegen Corona, von 13 bis 18 Uhr. Die Straßen sind ausgestorben, denn wo sonst Touristen in Überzahl herumwuseln und in Gruppen die Gehwege blockieren, herrscht jetzt fast bedrohliche Leere.

Ich fühle mich an Tel Aviv erinnert, wenn Schabbat ist: Kein Bus fährt, wenige Autos, und nur vereinzelte Spaziergänger:innen begegnen einem dort – ein Ausnahmezustand, ein Pausenmodus, Ruhezeit für alle. Nur: Das hier ist das echte Leben und kein Ruhetag.

Die Betreiberin der Kleinen Markthalle ist ideenlos, es kommt kaum noch ein Gast: Drei besetzte Tische, das waren ihre Einnahmen für heute. „Am Montag soll die Ausgangssperre kommen und dann machen wir ganz zu. Morgen muss ich alles wegwerfen.“ Ein Gast schlägt ihr vor, die Lebensmittel am Kotti zu verteilen: „Die Tafeln mussten ja alle zumachen, weil die Helfer über 65 sind.“ Die Chefin winkt ab: Am Montag sind die Sachen verdorben. Wie es weitergehen soll, keine Ahnung. Und das versprochene Hilfspaket des Senats über viele Millionen? Wieder winkt die Frau ab. Bis das bei ihr ankommt hat sie längst dicht gemacht, sagt sie achselzuckend.

Trotz aller Ängste steht die solidarische und wohlmeinende Stimmung im Vordergrund: Wir spenden Trost, kommen ins Gespräch, auch mit anderen – physisch distanziert natürlich. Statt Social Distance gibt es hier nur die körperliche Distanz, der Begriff des SoDiMo führt also nicht nur in die Irre, er stimmt einfach nicht. PhyDiMo, so sollte es heißen.

Wie auch immer, die Gewerbetreibenden sind sich einig, dass am Montag die Ausgangssperre kommt. Und was dann wird, das weiß keiner. Mit soviel Überzeugung erzählt unser Nachbar, ein Galerist, von der Ausgangssperre, dass sie so gut wie beschlossen scheint. Aber noch ist Freitag. Und jetzt schon schlägt die IHK Alarm, die Börsen krachen abwärts, und die Rezession ist unvermeidlich. Humor ist, wenn man trotzdem lacht, das machen die Betroffenen zur Zeit. Nur: wie lange können sie das durchhalten?

Auch die Kinder haben sich in die Situation eingefügt, sie genießen nun, dass es „so gemütlich ist“. Immerhin, wir scheinen als Eltern Ruhe auszustrahlen und keine Panik. Mein Mann hat bereits den ersten Kollateralschaden vom Homeoffice davon getragen: Die Lendenwirbelsäule schmerzt. Und heute las ich, dass jetzt in China die Scheidungsrate in die Höhe schnellt, wo das Ende der Quarantänezeit erreicht ist. Wir stehen erst am Anfang, da braucht es möglichst viel Luft nach oben, wenn doch mal Frust aufkommen sollte. Eine Möglichkeit zum Versüßen der Zeit ist das Ausprobieren von lange vor sich hergeschobenen Kochrezepten.

Im Radio hieß es, auch die Frauenhäuser litten unter extremem Zulauf: Häusliche Gewalt gegen Frauen nähme zu, wenn Familien sich so dicht auf die Pelle rückten. Was für eine fiese Folge von SoDiMo. Zudem ist es vermutlich so, dass Menschen in prekären Lagen, Armut oder (drohender) Arbeitslosigkeit jetzt doppelt unter den staatlichen Corona-Maßnahmen leiden: Die Entbehrungen der Situation treffen jemanden härter, wenn er oder sie schon grundsätzlich ein entbehrungsreicheres Leben führen muss. Und sei es die Entbehrung eines sicheren Einkommens, einer bezahlbaren Wohnung oder Zuneigung. Dann ist der Wunsch nach dem Ausprobieren eines Kochrezeptes bereits Luxus.

Hoffen wir, dass die digitalen Ablenkungsmöglichkeiten all jenen hilft, die sich einsam und verlassen fühlen. Die nächsten Wochen werden hart, heute war nur eine kleine Kostprobe.

#4+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 4. SODIMO: Ein neuer Begriff am Arbeitshimmel

Die beruhigende Stimme von Angela Merkel im Ohr, so bin ich eingeschlafen und mit einer Einladung der BuReg zum Hackathon wieder aufgewacht. Jetzt also schlägt sie, die Stunde der kreativen Problemlösungen und der ungewöhnlichen Wege, eine Krise zu bewältigen.

Ich muss zum Arzt, nicht wegen Corona, sondern weil ich eine Allergie habe. Auch nicht schön. Das Wartezimmer ist so leer wie noch nie. Normalerweise stehen die Patient:innen in einer 10-Meter-langen Schlange vor dem Tresen, aber seitdem sich kilometerlange Schlangen vor anderen Übergängen bilden, sind auch die Arztpraxen leer. Ich werde weder gefragt, ob ich „Symptome“ habe, noch gibt es andere Vorsichtsmaßnahmen, niemand trägt einen Mundschutz. Ich vermute bzw. hoffe, dass sich keine Corona-Verdachtsfälle in die Praxis begeben.

Auf den Straßen Berlins zeigt sich am Vormittag endlich ein anderes Bild als an den Tagen zuvor, so als hätte die Kanzlerin tatsächlich allen mit ihrer Ansprache ins Gewissen geredet: Es sind nur wenige Menschen unterwegs, und die Entgegenkommenden wahren den gebotenen Abstand. Doch als ich die Apotheke betrete, da trifft mich fast der Schlag: Provisorisch wurden Plexiglasscheiben über die Verkaufstresen gehängt und alle Apotheker:innen tragen jetzt Atemschutzmasken. Ich denke kurz, ich stehe in Italien. Dann besinne ich mich, ich benötige hochdosiertes Calcium. Die Apothekerin sieht mich über ihre Maske hinweg bekümmert an: „Calcium ist gerade nicht lieferbar. Es tut mir leid.“ Ich bin irritiert, aber sie rät mir dazu, mein Glück in einer Drogerie zu aber suchen. Draußen blüht der Frühling, so als würde ihn all das nichts angehen, und zeigt sich von seiner schönsten und lautesten Seite.

In der Drogerie habe ich noch Glück, aber Handwaschmittel, Klopapier und alles, was mit Wischen zu tun hat, ist ausverkauft. Also zurück ins Homeoffice, wo sich die Kids erfolgreich selbst beschulen. Zum Glück hat meine Tochter eine vernünftige Lehrerin, denn sie schreibt allen Eltern eine E-Mail, in der sie uns rät, Stundenpläne für das strukturierte Lernen zu Hause einzurichten und abgearbeitete Lehrpläne mit einer Sondersendung „Sendung mit der Maus“ zu belohnen. Außerdem plädiert sie dafür, ganz einfache Handarbeiten wie Stricken, Nähen und Häkeln mit den Kindern zu entdecken (vielleicht hilft mir da ein Online-Tutorial weiter…?). Zusätzlich hat sie es geschafft, allen Schüler:innen rechtzeitig ein Antolin-Konto einzurichten. Meine Tochter, Zweitklässlerin, hat sofort zwei Bücher verschlungen, damit sie auf der Online-Plattform alle Fragen zu den Texten beantworten kann. Tatsächlich werden wir Antolin von nun an mit der Corona-Krise in Verbindung bringen.

Mein Sohn hat noch keine digitalen Aufgaben erhalten, aber auch er lernt nun den Arbeitsalltag eines Home-Offices kennen, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Der Nachteil ist eindeutig, dass wir uns körperliche Bewegung in den „Stundenplan“ hineinschreiben müssen und keine Pausenglocke diese einfordert. Hilfreich sind Ausnahmeangebote für Kinder und Jugendliche (ALBA Berlin hat eine virtuelle Sportstunde ins Leben gerufen: „ALBAs tägliche Sportstunde“, findet je nach Altersgruppe zu unterschiedlichen Uhrzeiten statt, wurde von der Berliner Bildungssenatorin empfohlen), leitet mir eine befreundete Mutter weiter.

Das Motto der Krisen-Selbstbewältigung heißt also, das richtige Maß zwischen analogen Tätigkeiten und digitalem Programm zu finden und diszipliniert genug zu sein, sich nicht permanent ablenken zu lassen.

Natürlich lasse ich mich permanent ablenken. Der Ist-Zustand in Deutschland in Sachen digitaler Schulausstattung sei unzumutbar, so lese ich in sozialen Netzwerken, auch weil tausende Eltern plötzlich zuviel Zeit haben, sich darüber Gedanken zu machen. Mein Mann, Gymnasiallehrer, lehrt nun von zu Hause aus. Seine Plattform: Die Internetseite der Schule. Eine Mutter fragt ihn per E-Mail, warum die Schüler:innen eine veraltete Homepage als Kommunikationsmittel nutzen würden und ob die Lehrer:innen keine modernen Plattformen wie etwa Twitch oder Skype benutzen könnten, um die Schüler:innen live zu erreichen. Keine schlechte Idee, findet mein Mann. Nur spreche vermutlich die Datenschutzverordnung dagegen, eine App wie Twitch zu nutzen.

Dabei, welch Ironie, würde sich gerade jetzt die Möglichkeit bieten, dass wir uns ganz echt und unvirtuell mit den Kindern beschäftigen. Aber wir im Home-Office festsitzenden Eltern machen uns Gedanken darüber, wie wir unsere Schreibtätigkeit in der Küche ausführen und gleichzeitig die Kinder bespaßen können. Arbeitgeber propagieren angesichts von Corona den „SODIMO“, lerne ich heute von einer Freundin, den „Social Distancing Mode“ (klingt ähnlich rationalisiert wie Work-Life-Balance) und schicken ihre Mitarbeiter reihenweise an die Heim-PC’s. Vereinbarkeit von Beruf und Familie bekommt jetzt eine ganz neue Dimension! Wie schaffe ich Arbeit, Mittagessen zubereiten und Schulaufgaben dirigieren gleichzeitig?

Derweil schreibt meine Kollegin aus den USA, dass ihr Flug gestrichen wurde und sie früher als geplant abreisen müsse – und das, obwohl sie ihr Zimmer in Deutschland untervermietet hat. Auch in Kalifornien ist der Alltag ausgebremst, es gehört zu den Corona-Risikogebieten. Unsere gemeinsame Arbeit wird nun auch betroffen sein: Die geplante Feldforschung kann nicht stattfinden, reisen ist ausgeschlossen.

Die Pandemie trifft die Welt, auch die Brasilianer:innen. Ein Freund meiner Tochter, der vergangenes Jahr nach São Paulo gezogen ist, schickt eine Sprachnachricht: Auch dort sind die Schulen dicht. Aber es sei Sommer und die Geschäfte haben geöffnet. Klingt irgendwie unbekümmert, aber der Junge ist auch erst neun. Mein Sohn ist schon 11, aber er klettert trotzdem durch die Gärten zu seinem Kumpel. Was soll ich ihm sagen? Denk dran, was die Bundeskanzlerin gesagt hat?

Angela Merkel hat mit ihrer Ansprache dafür gesorgt, dass mehr Menschen die Virus-Gefahr ernst nehmen und die drastischen politischen Maßnahmen besser verstehen. Und sie hat dafür gesorgt, dass viele froh sind, eine besonnene Kanzlerin zu haben statt eines, sagen wir, Donald Trumps.

WirVsVirus

http://www.youtube.com/albaberlin

#3+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 3: Stadtflucht

Heute Morgen heißt es, alle Geschäfte außer Baumärkte, Lebensmittelläden und Friseure seien geschlossen. Friseur – ein krisensicherer Beruf, wer hätte das gedacht. Ich muss ein Gerät bei Saturn umtauschen, morgen läuft die Rückgabefrist ab. Im Netz steht „Ihr Saturn hat geöffnet“. In gewisser Weise verkauft Saturn ja auch Dinge des täglichen Bedarfs, Smartphones, Computer, Kühlschränke. Dennoch rufe ich zur Sicherheit die Hotline an. „Hat Ihre Filiale am Alex heute geöffnet?“ frage ich. „Heute sind alle Märkte in Berlin geschlossen“, erfahre ich von einer freundlichen Frauenstimme. Ich trage mein Anliegen vor, was ist nun mit dem Umtausch? Tatsächlich kann mir die Frau nichts dazu sagen. „Rufen Sie ab 16:00 Uhr nochmal an. Dann haben wir dazu eine Regelung. Im Moment haben wir nichts.“

Ich bin, gelinde gesagt, sprachlos. Erstens, weil Kapitalinteressen WIRKLICH hinter der Virusverbreitung zurückstehen. Der Wahnsinn. Ich muss mir kurz die Augen reiben. Und zweitens, weil Bürokratien noch keine Lösung für die Umtauschfristen in der Schublade haben. In Deutschland, dem Land der Verordnungen und Vorschriften, gibt es genau 6 Stunden lang keine Idee eines Marktriesen, wie mit den Geschäftsschließungen rechtlich und verbraucherfreundlich umgegangen werden soll. Plan B wurde offenbar noch nie durchgespielt.

Jetzt wird es langweilig in der Stadt. Die beiden Antolin-Bücher hat meine Tochter bereits durchgearbeitet und online alle Fragen beantwortet. Ein Hoch auf die digitale Bildung. Sobald mein Mann seinen Schüler-Blog mit genügend Aufgaben gefüttert hat, fahren wir raus aufs Land. Was für ein Privileg, keine Existenzsorgen zu haben trotz allgemeinem Lockdown – und noch „rausfahren“ zu können.

Auf der Fahrt ein Telefonat mit einem guten Freund: Er geht nicht mehr raus, hat aber eine Verabredung zum Skype-Dinner. Ich bin beeindruckt. Er nimmt die Kontaktsperre wirklich ernst. Wir verabreden uns auf einen virtuellen Kaffee am Wochenende. Inzwischen befahren wir die „Autobahn der Freiheit“ (sie heißt wirklich so) Richtung Polen. Schon weit vor Storkow stauen sich die LKWs, obwohl die polnische Grenze noch fast 50 Kilometer entfernt ist. Brummifahrer brauchen jetzt Nerven wie Drahtseile. Wie passend, dass die ARD die Serie „Auf Achse“ mit Manfred Krug aus dem Archiv geholt hat. Damals gab es auch noch den eisernen Vorhang und stundenlange Grenzkontrollen.

Nach der Gartenarbeit (wirklich, es gibt nichts besseres als einsame Gartenarbeit in Brandenburg während in Berlin Corona-Partystimmung herrscht – vor allem mit Kindern im verabredungs-wütigen Alter) hat sich die Situation für die LKW-Fahrenden eindeutig verschlechtert. Bis zu den Toren Berlins an der A 10 stehen sie jetzt, vermutlich noch die ganze Nacht. Manche haben Klappstühle rausgeholt. Was bleibt ihnen übrig?Erinnert sich noch jemand an die Zeit, als die Grenze zu Polen geschlossen war? Und warum gab es eigentlich noch keine Innovation seit Manfred Krug, die diesen logistischen Wahnsinn auf Rädern revolutioniert hat? Wir passieren tausende Kraftfahrer auf ihren Böcken, die ihre Zeit nun mit Stillstand vergeuden.

Zurück in Berlin: Weniger Abstand, und tausend Menschen auf dem Tempelhofer Feld. Bei RadioEins geht es um das alte Lied: Kommt bald die Ausgangssperre, wenn die U30-jährigen nicht ihren Egoismus zurückfahren? Reporter berichten von großen Gruppentreffen im Mauerpark. Wer trotz Corona feiern und für die ohnehin bedrohte Clubszene Berlins spenden will, der kann das Online tun: https://www.unitedwestream.berlin/

So, jetzt wird sich die Familie vorm Fernseher versammeln und die Ansprache der Kanzlerin wahrnehmen. Es fühlt sich ein bisschen wie früher an, als es noch analoges Fernsehen gab. Trotz der Vereinzelung scheint Corona eine vergemeinschaftende Wirkung zu haben: Wir sitzen schließlich alle in einem Boot. Merkel: „Es ist ernst.“

#2+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 2: Renitenz in Berlin

Systemrelevante Berufe scheint es haufenweise zu geben. Zumindest in Berlin. Denn das öffentliche Leben geht relativ uneingeschränkt weiter, in der Tür des Eisladens hängt der rebellische Satz gekrakelt „Wir haben weiterhin geöffnet bis es zu Zwangsmaßnahmen kommt + evtl. darüber hinaus.“ Ist das jetzt die berühmte Kreuzberger Anti-Haltung oder ist das schlicht unsolidarisch? Die Menschen nehmen es hin, niemand wahrt den gebotenen Abstand von zwei Metern. Ich vermute, es soll Coolnees demonstrieren, aber ich finde es sehr unerwachsen und sehe mit Sorge einem nahenden Ausgehverbot entgegen. Denn was bleibt, wenn die freiwillige Selbstbeschränkung nicht die gewünschten Erfolge bringt? Wir sehen es in Spanien, Österreich, Italien.

Mein Vater, eindeutig Risikogruppe, winkt ab und sendet den gleichen dubiosen YouTube-Clip wie eine Freundin: Alles völlig übertrieben, es gibt gar keine Pandemie. Nur Panik. Das Virus sei eine absolut zufällige Entdeckung, nichts rechtfertige die Katastrophenmaßnahmen der BuReg, so ätzt dort ein weißhaariger Mann ins Cyberoff eines Skypeinterviews. Abgesehen von der miesen Bildqualität stört mich, dass der Lungenarzt in Griechenland sitzt, von wo aus er sich besseren Abstand erhofft. Rechenfehler von Lungenärzten haben uns schon manche Fakenews beschert, denke ich.

Ich muss nochmal los, Besorgungen machen. Hinter mir ein dunkler Kleinwagen, am Steuer eine Frau, vollausgestattet mit Mundschutz und blauen Plastikhandschuhen. Ob das jetzt übertrieben ist? Beim Abbiegen kommt mir wieder eine Frau am Steuer mit Mundschutz entgegen, auf der Straße tragen ihn nur Vereinzelte, vor allem Ältere.

Die einen übertreiben mit ihrer Angst, die anderen übertreiben ihre Sorglosigkeit. Wo ist das gesunde Dazwischen, die besonnene Vorsicht? Immerhin gibt es auch Leute wie meine Nachbarin, die aus Italien kam und sich sofort in Quarantäne begab, ohne dass Jens Spahn sie dazu auffordern musste; es gibt Familien, die ihren Kindern einschärfen, sich die Hände zu waschen (das Motto lautet Geduld und stoische Wiederholung) und Menschen, die trotz frühlingshaftem Sonnenschein das Café meiden.

Die Gesprächsthemen aller vorübereilenden Passanten ist sowieso nur eines: Corona. Der abgesagte Job. „Alles gecancelt“, „alles abgesagt“. Ich fühle mich unwillkürlich an den 11. September 2001 erinnert, das waren auch so Tage, an denen alle, die einem begegneten – in der U-Bahn, beim Vorüberhasten oder beim Bäcker – vom gleichen Ereignis sprachen. Niemand konnte an etwas anderes denken, es dominierte die Welt.

Ein Freund aus Köln ruft an, in der Filmbranche geht nichts mehr. Drehs werden abgebrochen, Budgets sind eingefroren. Dann die Nachricht: Die Fußball-EM wird auf 2021 verschoben. Eine weitere Nachricht: Für 30 Tage werden die EU-Außengrenzen dicht gemacht. Eigentlich das Schlimmste: Noch mehr syrische Bürgerkriegsopfer werden auf den Inseln festsitzen. Der Kanzleramtsminister warnt, dass jetzt Menschen kommen und unser Gesundheitssystem ausnutzen könnten. Solidarität macht offenbar wieder an nationalen Grenzen halt.

Eine Bekannte kommt vorbei, sie wollte eigentlich noch ein Häuschen in Brandenburg mieten. Aber auch das wurde untersagt. Pensionen und Hotels, das gesamte Gaststättengewerbe: eine einzige totale Talfahrt ins Ungewisse.

Ein Lichtblick kommt aus dem Radio: es gibt schon Ideen, das Lieblingskino durch Onlinereservierungen und die Theater durch „Leerkäufe“ zu unterstützen. Das gleiche können wir auch mit der Lieblingskneipe oder dem Lieblingsitaliener machen. Sie alle sind jetzt auf Spenden angewiesen. Immerhin können die, die systemrelevantes Geld verdienen, jetzt die andere Hälfte, die sonst für ihre Unterhaltung oder Verpflegung und Verköstigung sorgt, solidarisch unterstützen. Allein deshalb sollten sowieso alle so solidarisch wie möglich mit allen sein, denn heute die, morgen du.

#1+++Coronablog+++

Corona

Tag 1: Berlin im Ausnahmezustand

Heute ist der letzte Schultag. Gefühlt wie vor den Sommerferien. Die morgendliche Ansprache an die Kinder klingt dann so: „Und macht eure Fächer sauber. Denkt an das Sportzeug!“ SMS von einer Mutter: „David ist krank, also nur Bauchweh, aber er kann nicht zur Schule. Kann dein Sohn das Aufgabenblatt für David mitnehmen?“ Ja, mein Sohn kann. Obwohl ich ihn am liebsten auch zu Hause lassen würde. Aber solche Vorsichtsmaßnahmen sieht er überhaupt nicht ein.

Also gehen die Kids hin, wobei schon klar ist, dass die Rate an Berliner Corona-Fällen in Wirklichkeit 10 mal so hoch sein dürfte wie die Zahl von 268, die am Wochenende kursierte. Die Wahrscheinlichkeit, dass im Nachhinein ein Mitschüler oder eine Mitschülerin meiner Kinder positiv auf Corona getestet werden, ist also groß. Außerdem ein Schüler meines Mannes dessen Vater: positiv. Eine Lehrerin des Kindes meiner Nachbarn: positiv. Und was nun? Niemand meldet sich, es gibt keine Quarantäne-Anordnung. Alle möchten sich mit Besonnenheit überbieten. Ich finde das grotesk. Oder bin ich panisch?

Ich gehe zum Edeka um die Ecke, es ist 9:30. Erstaunlich viele Kinder unter 10 in Begleitung ihrer Väter sind unterwegs. „Jetzt schlägt sie: Die Stunde der Väter“ erzähle ich später meinem Mann, der natürlich auch zu Hause geblieben ist. Mein Mann sagt: „Aha. Heute gibt’s Lasagne.“ Ich freue mich. Bei Edeka komme ich aber trotzdem nicht rein. Eine lange Schlange bildet sich. „Ich kann niemanden rein lassen wenn die Kassen voll sind. Da müssen erstmal ein paar raus“, entschuldigt sich der große Mann mit Mütze und Parker im Eingang. Ich hatte ihn schon beinah zu den Herumlungernden gezählt, aber er ist der neue Türsteher. Es stellen sich immer mehr Leute an, Frauen, Männer, Alte. Keiner hält das Abstandsgebot von 2 Metern ein. Ich schere aus. Gehe zum Blumenstand. Hier ist kein Mensch. Niemand interessiert sich noch für Blumen wenn es um Nudeln, Klopapier und das nackte Überleben geht.

Der Blumenhändler kommt aus China. Er flucht. Seine beiden Restaurants werfen normalerweise 2000 Euro ab, jetzt 200. Eine ganz doofe Zeit sei das gerade, Ende nicht absehbar. Ich spende ihm Trost. Aber er winkt ab, viel zu spät seien die Deutschen dran, viel zu spät. In seiner Heimat Wuhan war ganz früh alles dicht. Es wird alles noch viel schlimmer kommen, sagt er, dabei lacht er verzweifelt. Ich bezahle meine Frühlingsblume und überlasse ihn der Einsamkeit.

Dafür bekomme ich jetzt eine Mail von meinem Sportverein „Schokosport“, der einträgliche Arm des Frauenzentrums. „Bitte zahlt eure Beiträge weiter, unsere Existenz und die unserer Trainerinnen hängen davon ab.“ Natürlich. In Zeiten von Corona werden alle Karten neu gemischt. Krisensicher ist ein Job plötzlich, wenn er von zu Hause ausgeführt werden kann, ohne Körperkontakt, und ohne, sagen wir, das Messegewerbe als Auftraggeber.

Die Kids kommen nach Hause. „Es waren nur 6 Kinder da!“ ruft die Jüngste. Und hat einen Zettel dabei, um den Bedarf der Notfallbetreuung zu eruieren. Es geht um systemrelevante Berufe – die sind auf jeden Fall krisensicher.

Stadt in Zeiten von Corona

Allgemein, Berlin, Corona

Wir erleben gerade, wie städtisches Leben zum Erliegen kommt, obwohl kein Krieg, keine Vertreibung, keine Wirtschaftskrise die Menschen aus der Stadt gedrängt haben. Mit dem Corona-Virus erleben wir ein städtisches Shutdown von Innen heraus, ein herbeigeführter, planvoller Herzstillstand eines voll funktionsfähigen städtischen Körpers.

Das Urbane lebt von den möglichen Begegnungen einander fremder Menschen, sei es mit der von Georg Simmel beschriebenen Blasiertheit und der Reserviertheit der Großstädter, oder in der Vielfalt eines Mosaiks fremder Welten, das die Chicagoer Schule einst beschwor. Wie auch immer das Urbane charakterisiert wird, ohne das Aufeinandertreffen von vielerlei unterschiedlichen Menschen existiert keine Urbanität. Oder doch? Was passiert mit der Stadt in Zeiten von Corona?

Orte spielen keine Rolle mehr

Das öffentliche Leben wird in den nächsten Wochen still stehen. Clubs, Cafés, Theater, Schulen und Bibliotheken in Berlin werden schließen. Ein einmaliger, nie dagewesener Zustand, noch nicht einmal zu Wendezeiten gab es einen solchen Einschnitt. Der private Raum wird die Öffentlichkeit ersetzen: Journalistinnen und Journalisten, Politikerinnen und Politiker, alle Arten von Medienschaffende und andere Arbeitnehmer:innen agieren von zu Hause aus. Orte spielen keine Rolle mehr: der Lehrer kann seine Schulklasse trotz Schulschließung per Computer erreichen, genauso wie die Chefin ihr Team. Die Digitalisierung ermöglicht die Suspendierung der räumlichen Kategorie aus unserem Leben, aber gleichzeitig wird diese räumliche Komponente so bedeutsam wie nie zuvor in der Frage, wie sich das Corona-Virus ausbreitet.

Heute haben sich die Orte des Elends aus den Städten an die Peripherie Europas verlagert

Die Stadt ist räumlich betrachtet tatsächlich die ideale Brutstätte von Epidemien, und das ist sie schon immer gewesen. Die Geschichte der Stadtforschung, großartig nacherzählt von Rolf Lindner, zeigt die Spuren von Cholera-Epidemien und den Kampf um kontrollierende Hygienemaßnahmen als Geburtsstunde der Stadtforschung. Damals, zu Beginn der Industrialisierung und des explosionsartigen Stadtwachstums, waren die Armen- und Arbeiterquartiere von London und Paris berüchtigt. Friedrich Engels schrieb im 19. Jahrhundert beeindruckende und schauderhafte Reportagen über das Elend im verslumten London. Alles, was uns heute in Sicherheit wiegt, gab es nicht: Genügend Krankenhäuser, Krankenversicherungen, Hygieneregeln und fließendes (Ab-)Wasser in den Wohnungen. Heute haben sich die Orte des Elends aus den Städten an die Peripherie Europas verlagert, sie heißen Lesbos und Moria und sind die wahrhaft bedrohten Räume, wenn das Virus zuschlägt. Die Vulnerabilität dieser peripheren und provisorischen Städte ist beschämend und ihre Verdrängung aus dem öffentlichen Diskurs genauso.

Die Digitalisierung ermöglicht das Aufrechterhalten einer Scheinnormalität

Was in den urbanen Zentren hingegen entscheidende Sicherheit verschafft, ist die Digitalisierung. Durch sie sind Menschen den früheren Epidemie-Zuständen weit überlegen: Die Nachrichten erreichen heute nahezu jeden von uns sekündlich bis stündlich, und vielerlei Arbeit ist vom Home-Office aus zu erledigen. Kinder und Studierende erhalten Online-Tutorials, Videokonferenzen erleichtern Teamabsprachen und ersetzen ganze Meetings – welch Ironie, dass so manch konservativ handelnder Verband erst jetzt einsehen wird, dass eine Skypekonferenz den Inlandsflug ersetzen kann. Denn in Arbeitsfragen sind oft gar keine dreidimensionalen Treffen nötig, um Inhaltliches zu regeln. Die Digitalisierung ermöglicht das Aufrechterhalten einer Scheinnormalität. In Lebensfragen ist das etwas anderes: Hier geht es um Berührungen, um das Berührt-Werden. Ein Leben ohne Berührungen, das ist wie ein Wald ohne Bäume. Berührung ist lebensnotwendig, und der Austausch, die Begegnungen zwischen Menschen sind schon immer der Motor für jegliche Art des Fortschritts gewesen.

Corona zeigt uns deutlich, was das Urbane ausmacht, weil es abwesend sein wird

Insofern zeigt uns Corona in aller Deutlichkeit, was das Urbane ausmacht. Das Urbane ist das, was in den kommenden Wochen abwesend sein wird: Der öffentliche Raum für spontane Begegnungen und Austausch, das Zusammenkommen zur Unterhaltung, zum Informationsaustausch, zum Tanzen, zur Kinderbetreuung, zur Beratung, zum Beten, zum Lernen, zur Bewegung, zum Kulturkonsum, kurz: zum gemeinsamen Erlebnis mit allen Sinnen. Die digitale Begegnung ist kein adäquater Ersatz und wird es nie sein, denn sie hält nur zwei Facetten der Begegnung für uns parat – das ist die verbale, und zwar die eindimensionale, verbale Begegnung, und die zweite Facette kann das Visuelle sein. Interaktive Begegnungen im Netz können verbal und visuell sein, aber sie sind immer darauf begrenzt. Selbst wenn eine Cyberbrille im Spiel ist, bleiben die restlichen Sinne weitgehend unberührt, der Kasten des Geschehens bleibt bei aller Illusion des Berührtseins und der Involviertheit die Cyberbrille. Die Rede von „Sinnlosigkeit“ bekommt so seine ursprüngliche Bedeutung zurück.

Urbanität braucht den ganzen Menschen

Das urbane Moment der Vielfalt, die Möglichkeit des zufälligen Aufeinandertreffens von unterschiedlichsten Individuen, ist in digitalen Öffentlichkeiten nicht vorgesehen. Urbanität bedeutet nicht nur Vielfalt, sondern auch körperliches Aufeinandertreffen. Stadt kann also nie nur digital oder virtuell sein, Urbanität braucht den ganzen Menschen oder bildlich gesprochen den ganzen Leib.

Was heißt das nun für die Stadt? Ihre sinnlichen Vorzüge werden nunmehr virtuell und damit verkürzt erlebt (etwa die Übertragung eines Konzertes aus der Elbphilharmonie per Livestream oder die Einrichtung einer digitalen Concert Hall der Philharmoniker), die sinnlichen Nachteile (Autoverkehr, Lärm und Luftverschmutzung) werden abnehmen. Aber die Stadt als Lebens- und Erfahrungsraum wird vorübergehend stillgelegt. Wenn man so will, lähmt das Virus die Stadt, wenn die Stadt das Virus lähmen will.

Praktiken des nachbarschaftlichen Miteinanders ersetzen im städtischen Ausnahmezustand die urbane Anonymität

Andererseits wächst eine neue Art nachbarschaftlicher Solidarität. Die Jüngeren erledigen Einkäufe für Ältere, klopfen an und fragen, ob sie helfen können. Die Anonymität der Großstadt weicht einer nachbarschaftlichen Praxis kleinräumiger Hilfe. Der vielbeschäftigte Vater von nebenan ruft an und fragt, ob die Kinder in den nächsten Tagen miteinander spielen können. Die Mutter von oben organisiert eine Kinderbetreuung für die erste schulfreie Woche. Es sind diese Praktiken des Miteinanders, die das suspendierte Urbane auffangen und zeigen, wie Stadt in Zeiten von Corona funktionieren kann.

Das wichtigste für die SPD: Esken und Walter-Borjans sind ein gutes Team

Allgemein, Solidarische Politik, SPD

Die Medien reagierten am Wochenende mit Häme auf die Wahl von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans zum neuen Führungsduo der SPD. Dabei ist das reflexartige SPD-Bashing von Journalist*innen (Cicero, ZEIT, FAZ etc.) und ehemaligen SPD-Chefs (etwa von Gerhard Schröder, Martin Schulz oder die „Warnung“ von Franz Müntefering im Tagesspiegel) zu einem so mantrahaften Ritual verkommen, dass wirklich jedem Beobachtenden des Zeitgeschehens klar wird: Es kann nur gut für die SPD sein, was sie sich selbst soeben verordnet hat.

Risiken einzugehen ist seit jeher ein gutes Mittel, um Gefolgschaften zu beeindrucken

Nämlich ein Ende des Weiter-so. Ein Wagnis. Ein Experiment mit einer Außenseiter-Doppelspitze. Wir müssen keine Expert*innen von Charisma-Diskursen sein, um zu erkennen, dass die SPD-Mitglieder auf eine krisenhafte Situation mit einer richtigen Entscheidung reagiert haben. Risiken einzugehen ist seit jeher ein gutes Mittel, um Gefolgschaften zu beeindrucken und Bindungskräfte zu entfesseln. Mit dem Ausstrahlen von Charisma haben es die alten Volksparteien seit Jahren immer schwerer. Ihre uncharismatischen Führungsfiguren sind mit ein Grund für ihre Misere. Aber diese wird in den Parteien selbst produziert. Die vorgezeichneten, mit Mühsal von Parteiebene zu Parteiebene weisenden Aufstiegswege von pragmatisch-berechnenden Politiker*innen (die früher männlichzentriert allen Ernstes „Ochsentour“ genannt wurde) zeigen uns nämlich weder, wie fähig und widerstandsfähig, noch wie moderierend oder mit welchem inhaltlichen Instinkt das Parteispitzenpersonal am Ende dieses Weges ausgestattet sein wird. Das einzige, was dieser Weg wirklich zeigt, ist die beachtliche Leidensfähigkeit und Beharrlichkeit, die Politiker*innen bekanntlich auch brauchen. Aber wo frühere Parteivorsitzende die Klaviatur der Machtspiele mit Bravour beherrschen mussten, sind heute andere Skills gefragt: Teamfähigkeit etwa. Oder ein Gespür für die richtigen Themen zum richtigen Zeitpunkt und – siehe Angela Merkels Stuhlkleber – Moderationsfähigkeit.

Franziska Giffey ist das jüngste Beispiel, dass der klassische Karriereweg in der Politik ausgedient hat

Der Eindruck, dass klassische Parteikarrierewege ausgedient haben, wenn es um Beliebtheit und Wähler*innengunst geht, ist kein neuer Befund: Franziska Giffey ist das jüngste Beispiel dafür. Von der Bürgermeisterin eines Berliner Stadtteils wurde sie zur Bundesministerin – und dort hat sie sich in kurzer Zeit enormen Respekt verdient. Zuletzt bewies sie mit ihrem klugen Abwarten, was die Entscheidung über die Plagiatsvorwürfe ihrer Dissertation betraf, politisches Geschick. Auch Manuela Schwesig musste sich erst anhören, wie unerfahren sie sei, bevor ihr im Nachgang großes politisches Talent attestiert wurde. Annalena Baerbock und Robert Habeck sind weitere Beispiele von steilen Karrieren, die niemand vorausahnen konnte. Bleibt man bei den Grünen, dann zeigt sich ihr momentaner Erfolg als eine Mischung aus Glaubwürdigkeit beim Themenschwerpunkt Klimawandel und ihrem Spitzenteam Baerbock/Habeck, das unbeirrt kooperativ und loyal miteinander umgeht und für das Thema anstatt gegeneinander kämpft.

Wenn eine solch kooperative Performance mit dem Etikett SPD versehen wird, dann können inhaltliche Debatten viel konstruktiver geführt werden als es bislang der Fall war

Die Unerfahrenheit und die Linkslastigkeit des neuen Spitzen-Tandems der SPD erklärt nicht allein, wieso mit deren Wahl (mal wieder) der Untergang und das Ende der SPD herbeigeredet wird. Denn in einer solch krisenhaften Situation, in der die SPD schon unter die 10%-Marke bei Landtagswahlen abrutschte, ist es völlig legitim, Risiken zu wagen und Neues auszuprobieren. Wer hat wahrhaftig in Olaf Scholz einen Retter der SPD gesehen? Dessen Tandempartnerin wie eine Quotenfrau behandelt wurde? Ein „Weiter-wie-bisher, aber mit Pauken und Trompeten“, hätte es geheißen. Die Schlagzeilen über den Abgesang einer Scholz-SPD wären vermutlich nicht weniger verheerend ausgefallen, mit dem Ergebnis, dass die SPD mit Olaf Scholz demnächst einen weiteren führenden Politiker weniger gehabt hätte. Zuletzt erging es so Andrea Nahles, von der man gar nichts mehr hört. Nein, das Team aus Esken und Walter-Borjans ist in seiner Unbekanntheit geradezu erfrischend für die SPD, und unbekannt bedeutet nicht unerfahren. Walter-Borjans kann regieren, Esken kann Bildungspolitik moderieren, sie kann Bundestag und Digitales und hat trotzdem drei Kinder. Beide haben ihren ersten Tandem-Auftritt bei Anne Will souverän gemeistert, und zwar als echtes Team: Einander zugewandt, sich gegenseitig unterstützend, loyal und einander ergänzend. Bei Anne Will überwog der Eindruck: Wenn das die neue SPD-Spitze wird, dann performt sie ein Füreinander anstatt das ewig gewohnte Gegeneinander. Wenn eine solch kooperative Performance mit dem Etikett SPD versehen wird, dann können inhaltliche Debatten viel konstruktiver geführt werden als es bislang der Fall war.

Der Abgesang auf die SPD gleicht einer Beschwörungsformel, die nun hohl geworden ist – und als solche plötzlich sichtbar wird

Und ihren Patzer bei einem geradezu höhnischen Markus Lanz darf man Saskia Esken demnach auch verzeihen. Mediale Unbedarftheit bedeutet nicht gleich Unfähigkeit. Schaut man sich Eskens Internetauftritt an, dann kommt die Frau bodenständig-symphatisch rüber, mit Gitarre in der Hand. Sie steht zu ihrer langen Kinder-Auszeit, auch das ist für die SPD ein Gewinn. Und an alle Genoss*innen, die es kaum erwarten können, ihre eigenen Leute schlecht zu reden: Wartet doch erst mal ab, ob nicht eine Frau, die es in der SPD-Fraktion schwer hat, genau die richtige ist, um der Partei die nötige Glaubwürdigkeit zurückgeben zu können.

Die unerwünschten Nebeneffekte urbaner Wohnlösungen oder: Der Tag, an dem mein Display zerbarst

Allgemein, Berlin, Gentrifizierung, Stadt & Architektur

Mit Familie in Berlin zu leben heißt, erfinderisch zu sein. Mit heranwachsenden Kindern wohnt nur komfortabel, wer kreative Lösungen für die zu eng gewordene Wohnung sucht – umziehen kann sich in Berlin sowieso niemand leisten, der durchschnittlich verdient und der Innenstadt treu bleiben möchte. Zu Beginn der Familienphase bedeutet die klassische Kinderzimmerlösung in allen Wohnungen der urbanen Mittelschicht: Hochbett. Und ganz speziell in dem Umfeld, in dem ich Kinderzimmer 4-köpfiger Familien besucht habe: Billy-Bolly-Hochbett.

Es hat eine Rutsche und einen Balken mit Tarzanseil und ist so etwas wie das Must-have der urbanen Mittelklassefamilie: Das Billy-Bolly-Hochbett

Es hat eine Rutsche und einen Balken mit Tarzanseil und ist so etwas wie das Must-have der urbanen Mittelklassefamilie, so wie früher der Reanult Espace. Vielleicht stimmt das vor allem für das liberale und alternative Milieu, aber neulich hat ein Bekannter stolz ein Foto von seinem neu erworbenem Billy-Bolly-Hochbett gepostet, und der gehört eher zum modernen Arbeitnehmermilieu. So ein Abenteuer-Hochbett aus Holz steht nämlich symbolisch für viel mehr als nur die Schlafstätte der Kinder: Es zeigt, dass man sich pädagogisch wertvolle Gedanken um die maximale Bewegungs- und Spielmöglichkeiten der Kinder macht, und zwar der wohnungsbedingten Enge zum Trotz. Es zeigt, dass man auf Naturmaterialien setzt, weil einem das wichtig ist und man es kann. Es zeigt, dass man verstanden hat, was Kinder wollen und wie wichtig einem die Wünsche der Kinder sind. In den meisten Fällen wollte man früher selbst so ein Hochbett mit Rutsche haben. Durfte man aber nicht. Dann wäre das Billy-Bolly-Hochbett ein urbanes Familiensymbol des sozialen Aufstiegs, aber darüber führe ich noch eine innere Diskussion.

Natürlich wollten meine Kinder auch so ein tolles Rutsch-Abenteuer-Hochbett. Durften sie aber nicht. Dafür haben wir jetzt eine Hochebene, kreative Lösung Nummer 2 in Berliner Altbauwohnungen, wenn die Kinder aus dem Hochbettalter rausgewachsen sind. Sie ist ein herrlicher Raumgewinn. In meiner ersten Berliner Wohnung, einer 8er WG in einer Fabriketage, gab es gar eine ganze Hochetage nur für Kinder, mit Türen und Klappen zum durchklettern – ein Überbleibsel der Kommunebewegung aus den 1970er Jahren.

Die Schicksale von urbanem Arbeitsgerät und urbaner Wohnlösung kreuzten sich unerquicklich

Jetzt also freuen wir uns über unsere eigene Hochetage, auch wenn sie vor allem ein großes Bett ist. Aber so eine urbane Raumwunderlösung hat auch ihre Tücken. Vorgestern nämlich ist mein Smartphone von dort oben runtergefallen. Wie auch immer es geschehen konnte, es kam zu dieser Verkettung unglücklicher Umstände, die unweigerlich das worst-case-Szenario herbeiführte. Die Schicksale von urbanem Arbeitsgerät und urbaner Wohnlösung kreuzten sich unerquicklich. Das intelligente Telefon rutschte mit Display voran zwischen dem Geländer hindurch und ein kurzer, völlig unangemessen leiser Knall kündigte seine Landung auf dem harten Fußboden an. Das Display war zerborsten, aber noch schlimmer sahen die wie mit schwarzer Tinte gefüllten Reste auf dem Bildschirm aus: Als hätte jemand das Nildelta bei Nacht auf mein Display projiziert, und leider war die ganze untere Hälfte das Nildelta. Also schwarz. Mit sanften, bunten Digitalstreifen durchzogen. Ich konnte es nicht fassen und versuchte fieberhaft, die letzten Chats noch einmal zu lesen, die ich als nächstes hätte beantworten wollen. Immerhin funktioniert der Touchscreen noch! jubelte ich. Aber wem nützt das schon, wenn eine Hälfte des Spielfelds unkenntlich schwarz bleibt? Durch das jahrelang eingeübte blinde Eintippen meines sechs-stelligen Codes konnte ich das Telefon immerhin im Handumdrehen entsperren. Also kann es auch nicht so schwer sein, eine Nachricht zu versenden, frohlockte ich.

Unsere urbane Raumlösung hat mich vermutlich ins soziale Abseits katapultiert

Da war nämlich dieser Elternsprecherchat aus der Jül-Klasse, den musste ich noch unbedingt beantworten! Ich lese: „Wer kann am Dienstag zur Gesamtelternversammlung gehen?“ „Ich nicht!“ „Ich leider auch nicht, sorry.“ (Wir sind wirklich zu viert!) Aber ich kann. Ich muss diese 2 Worte bloß irgendwie auf das Display phantasieren. Es geht bestimmt! Also bemühe ich mich, wo war noch das i und wo das k? Gott sei Dank gibt es diese automatische Worterkennung, da brauche ich nicht alle Buchstaben. Aber immer wieder erscheinen die falschen Buchstaben im Textfeld. Ich suche die Löschtaste, natürlich ist auch die im schwarzen Nildelta verschwunden. Irgendwann habe ich es geschafft, und zwar die beiden Worte: ich geh ! Ich drücke den imaginierten Sendebutton. (Dass all das überhaupt möglich ist nach einem 2,50-Meter-Sturz!)

Es scheint zu klappen, die obere Hälfte zeigt mir eine abgeschickte Nachricht. Aber dann scrolle ich durch das Nachrichtenfeld und sehe, was ich da gerade abgeschickt habe. Wirklich unglaublich, was mein kaputtes Display da macht. Unsere urbane Raumlösung hat mich vermutlich ins soziale Abseits katapultiert. Ich sehe also meine Nachricht:

Und

 

M

 

Ö

 

U

 

U

 

Umm

 

Ich geh !

Im Grunde eine clevere Lösung: Schlafen im Arbeitszimmer.

Extinction Rebellion – Gedanken zum Ausnahmezustand in Berlin

Berlin, Klimaschutz, Solidarische Politik, Stadt & Architektur

Seit Tagen legen Protestierende von Extinction Rebellion die Stadt lahm. Die bunten Aktionen rufen Erinnerungen an den Uni-Streik von 2004 wach, als die ganze Stadt mit einem kreativen Kampf gegen Studiengebühren bespielt wurde. Vom Spreebaden über das Abseilen vom Willy-Brandt-Haus bis hin zum Wegtragenlassen aus Senatorenbüros war damals alles geboten – wir waren hier, wir waren laut, weil man uns die Bildung klaut. Die Ideen und sicher auch einige Protagonisten von damals leben im friedlichen Blokadeprotest fort. Ob occupy oder Hambacher Forst, Seebrücke oder G8-Gipfel: Die Bewegung lebt, sie ist hier und sie ist laut.

Unvorbereitet und naiv setzte ich mich ins Auto

Es gab allerdings einen Moment am gestrigen Tag, an dem ich den Aktionismus von Extinction Rebellion zutiefst mißbilligt habe. Es war kurz nach der Entscheidung, mich von den Blockierern aus gesehen auf die falsche Seite zu begeben. Ich saß nämlich im Auto, mit dem ich meine Tochter weggebracht hatte, und wollte zurück nach Kreuzberg. In meinen Kiez. Unvorbereitet und naiv, muss ich zugeben, denn wie sonst hätte ich gestern das Auto nehmen können? Ich nehme innerstädtisch selten das Auto, ständig steht es herum und nimmt öffentlichen Raum zum Parken weg. Wer die Verkehrslage rund um Moritz- und Oranienplatz kennt, weiß, warum das Auto hier besser steht als fährt: In den letzten Jahren hat sich die Verkehrsdichte verdoppelt. Und trotzdem bestehe ich auf das individuelle Fahren, wenn es die Situation verlangt. Etwa, wenn meine kranken Kinder zum Kinderarzt müssen, wenn meine kniekranke Mutter zu Besuch kommt oder schwere Lasten bewegt werden. Dann ist es ungemein praktisch, sich nicht in den überfüllten Untergrund der Stadt begeben zu müssen, sondern ein Auto zu haben. Das Radio einzuschalten. Loszufahren. Sicher, es ist ein Privileg, denn nicht nur Benzin und Unterhalt, auch Reparatur und Wartung verschlingen Unmengen an Geld, das man bereit sein muss, für die ausgewählten Momente der Freiheit hinzublättern. Übrigens auch für das Privileg, sein privates Chaos im Auto zu hinterlassen, oder sogar: Schwimmzeug und warme Jacken immer parat zu haben. Dieser kleine, unvernünftige Luxus ist für mich unverzichtbar. Und obwohl ich mit der Klimabewegung sympathisiere, kann ich nicht anders. Denn es gibt auch Argumente, die für den Individualverkehr sprechen: Gerade für kranke und alte Menschen, die aus physischen oder psychischen Gründen nur schwer in U- und S-Bahn-Wägen hinein gelangen, ist die Radikalität der Verkehrswende-Aktivisten unbegreiflich. Meiner 89-jährigen Oma ist es kaum zuzumuten, auf Rad oder Tretroller zu ihren Arztterminen zu fahren.

Jannowitzbrücke und Oberbaumbrücke blockiert

Aber zurück zum Tag gestern. Nun hatte ich also das Auto gewählt, und so stand ich gestern um 17:00 Uhr in der Rudi-Dutschke-Straße Richtung Osten, eingeklemmt zwischen hundert anderen Autos, deren Fahrer entnervt die Hupen drückten und ab und zu unvermittelt ihr Fahrzeug wendeten und mit quietschenden Reifen in Gegenrichtung davonbrausten. Eine solche Lösung kam für mich nicht in Frage – ich musste nach Hause. Was sich als unmöglich herausstellte: Die Jannowitzbrücke und die Oberbaumbrücke wurden gerade blockiert, informierte mich das Radio, ganz Kreuzberg sei dicht. Ich schmunzelte und gratulierte innerlich der Bewegung, dass sie solch wichtige Orte besetzt hielt. Nach einer halben Stunde und 50 gekrochenen Metern weiter, kurz vor der Kreuzung Oranienstraße Ecke Lindenstraße, freute ich mich noch für den Erfolg der Blockierer, auch wenn ich Verständnis für die anderen gefangenen Autofahrer hatte, deren Nerven blank lagen. Vielleicht hatten sie einen dringenden Termin, und jetzt saßen sie hier fest, natürlich wächst bei ihnen die Wut auf herumsitzende Straßenblockierer und der Zorn entlädt sich wenigstens in Schimpftiraden auf Radfahrende.

1:0 für Extinction Rebellion, frohlockte die Klimaschützerin in mir

Der Verkehr in Richtung Moritzplatz war vollständig zum Erliegen gekommen, Busse mussten umkehren. Ich entschied kurzerhand, statt weiter im Chaos zu stehen, mein Auto in der Ritterstraße stehen zu lassen, um zu Fuß weiterzukommen. Eins zu null für Extinction Rebellion, frohlockte die Klimaschützerin in mir. Ich überquerte die hübschen Hinterhöfe der Wohnanlage Ritterstraße-Nord, ein wunderschönes Relikt aus einer experimentierfreudigen Stadtentwicklungsphase in den 1980er Jahren. Welch schöne Nebeneffekte so ein Spaziergang doch haben kann. Doch dann gelangte ich wieder an die vollgestopfte Oranienstraße, die Autos wie Wasser bei einer Überschwemmung in die Seitenstraßen drückte, allerdings in Zeitlupe. Überall brummten und qualmten die wartenden Blechkisten. Die Luft war grau und stickig, etwa wie in Santiago de Chile an einem versmogten Wintertag.

Mein Verständnis schmolz mit jedem Schritt, den ich in der abgasverseuchten Luft tat, dahin

Mein Verständnis für die Blockaden schmolz mit jedem Schritt, den ich in der abgasverseuchten Luft tat, dahin: Das also soll das Ergebnis der Aktion sein? Die Stadt wird noch mehr verpestet, niemand kann mehr atmen, meine Kinder kriegen Asthma. Weil gefühlte 10.000 qualmende und brummende Autos in sämtlichen Straßen von Kreuzberg mit laufenden Motoren herumstehen. Schon klar: Genau dieses Dilemma zu produzieren ist der Punkt der Aktion. Seht her, das richten eure stinkenden Blechkisten an! Zu dem Preis, dass noch viel mehr von dem giftigen Zeug verbrannt wird als sonst und die Umwelt schädigt. Aber warum blockieren diese Protestler ausgerechnet hier die Kreuzungen, schießt es meinem Kreuzberger Ich durch den Kopf. Können die nicht einmal nach Zehlendorf gehen? Oder Wilmersdorf? Nein, es muss immer Friedrichshain-Kreuzberg sein, grollt es in mir, als ich den Moritzplatz erreiche, an dem die Autofahrer*innen ihre Karren besser stehen lassen würden, statt weiter darauf zu warten, dass irgendwo ein Knoten platzt.

Können die nicht mal den Ku’damm lahm legen, denke ich genervt.

Ich steige in die U-Bahn und fahre nach Charlottenburg, dort bin ich mit meinem Mann im „est.“ verabredet (empfehlenswert: japanische und südamerikanische Fusionsküche!). Am Ku’damm. Können die nicht mal den Ku’damm lahmlegen, denke ich genervt. Bei den Wohlhabenden und Kosumierenden der Luxusmeile bringt’s doch viel mehr als im abgehängten Kreuzberg. Denn entgegen aller Mietspiegel wohnen hier natürlich noch die meisten Transferbezieher*innen und viel mehr arme Kinder als in den reichen Westbezirken, vom Migrationsanteil ganz zu schweigen. Aber nein, in Wilmersdorf und Charlottenburg will keiner demonstrieren, da gibt es auch nichts Bezahlbares zu essen und die WG ist so weit weg, man kennt das ja noch. Am 1. Mai habe ich früher jedes Jahr den Kopf über all die zerschlagenen Scheiben in Kreuzberg geschüttelt: Warum muss man ausgerechnet sein eigenes Quartier so leiden lassen? Wo die Menschen doch schon das ganze Jahr den Müll und Dreck ertragen müssen und es Monate dauert, bis die Scheiben der Bushaltestelle wieder eingesetzt werden. So ähnlich fühlt sich das mit der Verkehrsblockade an: Als Transitbezirk sind wir Kreuzberger*innen sowieso schon maximal belastet, und dann tut uns Extinction Rebellion das an. Soviel CO2 wie in den wenigen Stunden gestern hat der Bezirk vermutlich in zwei Monaten nicht geatmet. Nein, die Kreuzbergerin in mir glaubt keinesfalls an ein 1:0 für die Bewegung.

Eine tolle Party für den Klimaschutz vor dem Café Kranzler, mit Blick auf die Gedächtniskirche. Neugierig geselle ich mich dazu

Ich steige am Bahnhof Zoo aus dem Untergrund aus, Ausgang Hardenbergstraße, Ecke Joachimsthaler. Und ich traue meinen Augen kaum: Die Joachimsthaler Straße ist gesperrt! Ich gehe weiter, vorbei an urbanen Discountboutiquen wie Primark. Am Ende der Straße sehe ich sie: Extinction Rebellion blockieren den Ku’damm. Mir fällt ein Stein der Erleichterung vom Herzen. Ich hatte vorschnell gegrollt. Es werden große Seifenblasen in die Luft geschleudert, elektronische Musik lädt zum Tanzen ein. Eine tolle Party für den Klimaschutz vor dem Café Kranzler, mit Blick auf die Gedächtniskirche. Neugierig geselle ich mich dazu. So bequem sind sie gar nicht, die Blockierer*innen, denke ich besänftigt. Sie zeigen auch den Charlottenburger*innen, was die Freiheit des Fußgängers bedeuten kann. Na gut, ihr habt doch gewonnen, denkt die Kreuzbergerin in mir, zumindest für heute.

#extinctionrebellion #klimastreik

Eribons Präsident. Eine Diskussion mit Didier Eribon und Edouard Louis in der Paul-Simon-Galerie über Macron

Allgemein, Berlin, Solidarische Politik, Stadt & Architektur

Im Rahmen des Literaturfestes wollte ich unbedingt Didier Eribon und Edouard Louis hören, die erfolgreichen französischen Autoren der Stunde. Das Buch „Das Ende von Eddie“ hatte ich gerade gelesen, und Eribons „Rückkehr nach Reims“ vor Jahren, beide werden in Berlin inzwischen am Theater gehypt. Die Veranstaltung fand am 19.9.2019 in der Paul-Simon-Galerie statt.

Zwar war mir schon die unerbittliche Haltung Eribons gegenüber seinem Vater in „Rückkehr nach Reims“ negativ aufgefallen. Offenbar hatte der ihm seine kleinbürgerliche Homophobie nie verzeihen können, auch nicht als Greis, und das fand ich klein, auf undurchsichtige Weise eitel – aber was diese Haltung, die dahinter steckte, dem Abend bringen würde, das sprengte doch meine Vorstellungskraft. Edouard Louis hingegen hatte mich beeindruckt durch seinen Mut zur Schonungslosigkeit in seiner autobiographischen Erzählung über das Ende von Eddie. Die räumlichen und sozialen Verhältnisse seiner Biographie entstehen grau und trist vor dem inneren Auge, seine Herkunft aus dem proletarischen Milieu in Nordfrankreich schildert er genauso ehrlich wie seine Not, seine Erniedrigung, seine Sehnsucht. Im Gegensatz zu Eribon erschien mir Louis auf erfrischende Weise uneitel.

So brilliant ihnen die Selbstbespiegelung in Romanform gelingt, so schlecht funktioniert diese als Methode zur politischen Analyse.

Nun war aber das Thema des Abends nicht das literarische Comingout homosexueller Aufsteiger (Eribon ist Soziologieprofessor) oder Studenten (Louis ist Mitte zwanzig), sondern Frankreich unter Macron. Und das war leider ein Verhängnis für die Schriftsteller im Auditorium der Paul-Simon-Galerie. Denn so brilliant ihnen die Selbstbespiegelung in Romanform gelingt, so schlecht funktioniert Selbstbespiegelung als Methode zur politischen Analyse. Mitdiskutant war der Autor Geoffroy de Lagasnerie, der ein wenig herausstach an diesem Abend.

Der Saal war ausverkauft, mehr als 400 Plätze besetzt. Übrigens ein eleganter Ort von außen, dieser neue Eingang zum Pergamonmuseum, aber das Auditorium erinnert sehr an einen Luftschutzbunker, aufgebaut wie ein Hörsaal, Sichtbeton ringsum, graue Tristesse. Die physische Beschaffenheit des Gebäudes stand symbolisch für den Abend: Die weißen Stelen der Paul-Simon-Galerie korrespondieren draußen klug und gewitzt mit den antiken Säulen der Museumsinsel, ihr Versprechen ist nicht mehr und nicht weniger als eine stilistische Brücke zwischen dem 21. und dem 18. Jahrhundert zu schlagen. Innen angekommen erweist sich die moderne Architektur ähnlich wie das politische Denken der französischen Literaten als Enttäuschung – Ideenlosigkeit und graue Betonplatten soweit das Auge reicht.

Bourgois und violant – die Worte des Abends

Im Grunde war das Desaster also vorprogrammiert. Erinnern wir uns an Eribons Aufruf, dass Macron nicht sein Präsident sei und auch in der Stichwahl gegen Marine Le Pen unwählbar bleibe. Schon damals befremdete mich die fehlende Besonnenheit, die ich von einem Intellektuellen erwarte. Und tatsächlich, Eribon wetterte gleich los, dieser Macron sei nicht jung, sondern alt, und alles, was er tue und wie er sich bewege sei bourgeois durch und durch. „Bourgeois“ ist das meistgenannte Wort des Abends, neben „violant“, gewalttätig. Macrons Gewalt würde hingenommen, so Eribon, während er selbst eine aristokratische Performance hinlege, die das Publikum blende. Die Polizeigewalt und Gewalt gegen die Gilles jaunes, die Gelbwesten, würde niemand thematisieren, aber Macron tötet, so die Meinung des Soziologen. Die Kahlschlagpolitik des Präsidenten, das sei auch Gewalt, es gebe in Frankreich keine Demokratie mehr, denn vor lauter Poizeigewalt traue er sich nicht mehr, zu demonstrieren.

Louis kann ihm nur zustimmen, gemeinsam reden sie sich in Rage: Macron tötet, weil er das medizinische System ruiniere, er tötet, weil er Flüchtlingscamps räumen lässt. Angela Merkel hingegen wird von Louis zur Ikone glorifiziert, die in einem Europa des Schreckens Menschenleben rettet – Kinder von Geflüchteten werden Angela genannt, so Louis mit einem Seitenhieb auf den tötenden Präsidenten Macron. (Aber mit deutscher Politik kenne er sich nicht gut aus, räumt er Gott sei Dank ein). Nein, die Autoren können diesem Bourgeois Macron nur Abscheu entgegenbringen, das wird deutlich. Er ist der kalte Kahlschlag-Macron in den schicken Anzügen, der sich wie ein König gibt, dazu gibt es keine Gegenrede. Über Macrons Einlenken was die geplanten Kürzungen betrifft, über seinen Dialog mit den Gelbwesten, über sein Vorpreschen für Europa gibt es hier nichts zu hören.

Cohn-Bendit ins Gesicht spucken

Louis mag man seine Rage verzeihen, er ist jung, er hat seine sehr linken Ideale noch nicht mit dem Pfund des demokratischen Aushandelns abgewogen. Eribon aber stünde eine sachliche Kritik besser zu Gesicht: Als gutverdienender Professor und Buchautor hackt er auf der Bourgeoisie herum und biedert sich den jungen Schriftstellern und den Gelbwesten an. Und als Opfer von Macrons „Kahlschlagpolitik“ ist seine Wut allzu selbstverliebt, am liebsten möchte man ihm zurufen: Es sind deine Pensionen, die Macron kürzen will! Und es ist dein Renteneintrittsalter, das erhöht werden soll! Du sollst den Gürtel enger schnallen, zugunsten der jungen Generation, die neben dir sitzt! Darum geht es! Stattdessen dürfen sich da vorn drei Macronhasser ungebremst in Rage reden, Europa verteufeln und den Einsatz von Tränengas als diktatorisches Mittel und Mordinstrument brandmarken. Wer am selben Tag eine Reportage über die jahrelang weggesperrten russischen Demonstranten gelesen hat, kann nur staunen.

Die Moderatorin war auf die Plattitüden schlecht vorbereitet, sie intervenierte kaum, ließ die unsachlichen Tiraden über dem Publikum ergehen, bis dieses nach einer Stunde endlich in die Diskussion eingeladen wurde. Die erste Frage war zwangsläufig die nach der Ausgewogenheit der Diskussion, warum gab es keine Diskussion über Macron? Eribons lapidare Antwort: Er diskutiere nicht mit Leuten, die für Macron sind. Das verächtliche Schnauben im Publikum demonstrierte aufgestaute Unzufriedenheit im Saal, und die Anschlussfrage, ob er auch nicht mit Daniel Cohn-Bendit diskutiere, wies Eribon von sich: Dem würde er „ins Gesicht spucken“.

Ihr Zorn von links erinnert zu sehr an den Zorn von rechts

Mit dieser pubertären Aussage reichte es mir. Ich erhob mich und verließ den Saal, weil ich die ungebremste Aggression nicht mehr aushielt. Ich blickte in die fassungslosen bis belustigten Gesichter der anderen, als ich von vorne bis nach oben die Reihen passierte, nahm Kopfschütteln über die Veranstaltung wahr. Schade. Ich hatte mich gefreut auf die Franzosen, aber die Erkenntnis des Abends war, dass sie nicht ernstzunehmen sind. Ihr Zorn von links erinnert zu sehr an den Zorn von rechts. Und das Argument, die politische Rechte – wir nennen sie Konservative – würde das rechtsextreme Aufbegehren zu ihren Gunsten ausschlachten, das ist so sehr Weimarer Republik, dass mir echt schlecht wird.

Beim Durchstörbern meines Schreibtisches fiel mir später ein Leserbrief in die Hände, den ich vor fast zwei Jahren an die Süddeutsche Zeitung geschrieben haben musste, nachdem ich darin einen Artikel von Didier Eribon gelesen hatte. Ich musste schmunzeln, weil er meine Gedanken von heute Abend vorwegnahm.

Zu: SZ vom 10.10.2017 „Das ist nicht mein Präsident“ von Didier Eribon

Lieber Herr Eribon,

bei aller Sympathie für linke Politik – Ihre Argumente laufen ins Leere! Denn die Beispiele, die Sie für Macrons Kahlschlagpolitik nennen, sind allesamt auf diejenigen mit den dicksten Bäuchen bezogen: Pensionäre, Beamte und Hochschullehrer. Ich sehe nicht, warum in Zeiten des demograhpischen Wandels die Generation der Sattesten geschont werden soll, ferner sehe ich nicht, warum das Beamtentum in Frankreich nicht den Gürtel enger schnallen sollte. Hier wird Ihr Stand getroffen, sicherlich, aber die Ärmsten der Armen werden in dieses Jammern auf hohem Niveau nicht einbozogen. Und rassistische Polizisten können Sie nicht Macron persönlich anlasten. Nein, Ihre Argumente klingen wie ein Gebet aus dem letzten Jahrhundert, das verzewifelt an den Privilegien des Status quo festhalten will. Sie liefern damit leider das Wasser auf die Mühlen derer, die die nötigen Einschnitte populistisch ausschlachten werden. Das ist schade.

Inga Haese

Schön schöner Schöneberg

Berlin, Gentrifizierung, Stadt & Architektur

Im August flieht die abgasgeplagte Kreuzbergerin, also ich, in einen der Nachbarbezirke, um das Schöne zu genießen. Die Sonne brennt, Scharen von Touristen bevölkern den Heimatkiez, aber zum Glück ist Schöneberg nicht weit. Nur einen Katzensprung vom Park am Gleisdreieck entfernt erreicht man den verschlafenen Winterfeldtplatz bequem mit dem Rad. Hier beginnt die Goltzstraße mit ihren zahlreichen Cafés und den bestaunenswerten Auslagen kleiner Geschäfte, die auf beiden Seiten die Straße säumen.

Die Gentrifizierung der Goltzstraße

Der Schöneberger Kiez besticht ja nicht nur durch Schönheit und Gediegenheit und seiner verträumten, zurückhaltenden Geschäftigkeit, sondern auch durch die traditionellen Strukturen eines bürgerlichen Viertels, das sich seit den 1970er Jahren durch subkulturelle und alternative Einflüsse hat einnehmen lassen. So erklärt sich etwa die interessante Nachbarschaft aus Goldschmiede, Weinhandlung und persischem Restaurant in der Goltzstraße. Doch die Vielfalt der Geschäfte hat hier in den letzten Jahren Einbußen hinnehmen müssen. Im Grunde kann man in der Goltzstraße sehr genau betrachten, wie die Spirale von Attraktivitätssteigerung, Mietpreiserhöhung und Verdrängung alt-eingesessener Geschäfts- und Mietermilieus funktioniert. Der Verdrängungsprozess wird heute gemeinhin Gentrifizierung genannt, aber gemeint ist eigentlich die Verkettung von subkultureller Aufwertung maroder Wohnungsbestände, deren günstige Mieten die Attraktivität für ein studentisches oder kreatives Milieu steigert. Die Künstler*innen ziehen Geschäfte für Künstler*innenbedarf nach sich, die wiederum die Nachfrage nach Cafés und Bistros steigen lässt. Den Rest der Spirale sieht man jetzt allerorten in der Innenstadt: Als nächstes folgen Starbucks und womöglich 15 weitere Foodstores, Eigentumswohnungen und Bürogebäude und die obligatorischen Scharen von internationalen (Feier-)Touristen.

In der Goltzstraße erwischte die Gentrifizierung im letzten Jahr das „Café Sorgenfrei“, das sich auf Einrichtungsgegenstände aus den 50er und 60er Jahren spezialisiert hatte und nebenbei Kaffee anbot. Es musste schließen – der Grund war eine saftige Mieterhöhung. Trotz medialer Aufmerksamkeit nahm der Vermieter die Forderung nach 57% mehr Miete nicht zurück. Ebenso erging es dem Antiquitätengeschäft „Das alte Bureau“ eine Tür weiter. Der Ladeninhaber, ein Mann jenseits der 60, erhielt hier seit den 1980er Jahren den Charme der alternativen Hausbesetzerzeit in der Straße aufrecht.

Nordliebe statt Sorgenfrei

Statt Sorgenfrei gibt es nun die Interieur-Design-Perle „Nordliebe“ in der ehemaligen Metzgerei, die das Trottoir der Goltzstraße zeitweilig zu einer Schöner-Wohnen-Landschaft verwandelt. Geschmackvoll werden hier skandinavische Körbe, Gießkannen und Kissen zwischen Blumen und Stauden drapiert, derart einladend, dass man den Cafébetrieb vermisst. Im Inneren begrüßen einen wie eh und je die Jugenstil-Kacheln mit ihren dezenten Blumenzeichnungen. Heute würde man dazu Blumenprint sagen und tatsächlich erweist sich der Zeichenstil der Jahrhundertwende als hochmodern, die angebotenen Gegenstände fließen in ihren dezenten Grün- und Grautönen geradezu in die Wanddekoration über. Kurz eine Prise creme- und pastellfarbiges Wohlfühl-Design einatmen, Stühle, Teppiche, Schüsseln bestaunen, und dann die Preise begutachten – und den Sinn von Gentrifizierung verstehen. Ein Wäschekorb für 59 Euro ist das günstigste, was ich entdecken kann. Die hohe Miete muss natürlich bezahlt werden, und wenn die jungen, weiblichen Protagonistinnen mit blonden Pferdeschwänzen und Sinn für nachhaltiges Design schaffen, was die Betreiber des „Café Sorgenfrei“ nicht schaffen konnten, dann liegt in der Hochpreisigkeit wohl ihr Erfolgsrezept. Wie exemplarisch stehen die männlichen Verlierer und die weiblichen Gewinner eigentlich für den urbanen Kapitalismus?

Ich werfe einen Blick über die Straße. Da ist an prominentester Stelle, beinah einen ganzen Häuserblock einnehmend, der Bastelbedarfladen „Hobbyshop Wilhelm Rüther“. Er will so gar nicht zu den Café- und Boutiquenfassaden in der Nachbarschaft passen, mit den grellen 80er-Jahre Schriftzügen und den altmodisch dekorierten Schaufenstern, die Schul- und Bastelwelt so hergeben. Der Hobbyshop bezeugt noch eine Zeit, in der Berlin für David Bowie ein Fremdwort war, es war die Zeit der Studentenunruhen, die Insel Westberlin von 1969. Das Geschäft, ein Familienbetrieb, von Wilhelm Rüther gegründet und von Martin Rüther fortgeführt, profitiert von einem Vermieter, der nicht auf Profite aus ist.

Wo sich Künstler*innen tummeln ist das Schöne zu Hause

Wie lange das so bleiben wird, das weiß Martin Rüther nicht. Doch feiert das Geschäft gerade sein 50-jähriges Bestehen, und hier gibt es wirklich alles, was das Deko- und Bastelherz begehrt, freundlicherweise sogar günstiger als die vergleichbare Auswahl beim IKEAesken „modulor“. Der Hobbyshop besticht mit seiner kruschigen Atmosphäre und seinen kompetenten Mitarbeitern, die einen hilfsbereit und humorvoll, manchmal im Pfälzer Dialekt, durch die Regale lotsen. Als Geheimtipp erweist sich die Ecke hinter der Hochzeitsdeko – hier gibt es günstige Puppenhausmöbel mit wirklich niedlichem Zubehör wie einem Mini-Teeservice aus Porzellan.

Neben dem Hobbyshop erstrecken sich zugehörig zum Bastelgeschäft noch der „Perlen-Center“ sowie ein Künstlerbedarfsladen: Hier ist die Ausgangslage der Gentrifizierung immerhin noch sichtbar. In solch guter Nachbarschaft sind seit den 1970er Jahren wie im Lehrbuch die tollsten Cafés und Restaurants gediehen, die von der angelockten Künstler*innenschaft und ihren Liebhaber*innen profitierten. Denn wo sich Künstler*innen tummlen, da ist das Schöne zu Hause. Und wo das Schöne weilt, da sind die Geschäftemachenden nicht weit, und so staune ich an diesem sonnigen Augusttag über die Designer-Läden, die hier wie Pilze aus dem Boden geschossen sind.

Weitere Juwelen der Schönheit in der Straße sind der Hochzeitsschneider „Chiton“ und das Kinkerlitzchen-Geschäft „Mobilien“, das durch eine bunte Mischung von Postkarten, Kinderkissen und Kinkerlitzchen lotst. Nicht zu vergessen das „House of Pfeiffer“, eine Lederwerkstatt mit Verkauf von handgemachtem Interieur und Modeaccessoirs – eine ästhetische Mischung aus Korbgeflecht, Textilem und Lederriemen, deren Anblick einem das Herz erwärmt. Bezahlbar ist das alles nicht, aber schön anzusehen. Und tatsächlich ist auch hier eine Inhaberin am Werk – das weibliche Gegenüber zu Martin Rüthers Bastelgeschäft lässt sich ihre Kunstwerke einiges kosten, und muss vermutlich genauso viel Miete zahlen wie die Inhaberin der „Nordliebe“.

Normalsterblichen bleibt, das Sale-Angebot von „UVR“ wahrzunehmen – auf der anderen Straßenseite hat das Berliner Modelabel seine Schöneberger Filiale. Hier wird der urbane Look gefeiert: Schlichte, weite Schnitte in gedeckten Farben und interessanten Plissee- und Brokatstoffen, und ab und zu lässt das Label kleine Ausnahmen springen und trumpft mit waghalsigen Prints auf. Aber jetzt reicht es mir mit den schnieken Läden, ich biege an der Barbarossastraße ab – das Café Bretagne lädt hier mit seiner kleinen Terrasse auf ein Croissant in der Sonne ein.

Die tragische Ambivalenz der Schönheit

Die Ruhe, die von den alten, hochgewachsenen Platanen ausgeht, die trägen Flaneure und die Tatsache, dass der touristische Hotspot jenseits dieser Straßen liegt, weist auf der Gentrifizierungsskala des Möglichen eindeutig auf die Luft nach oben hin, die hier wohl noch exisitiert. Denn natürlich ist es die Mischung aus dem Luxus des Schönen in Kombination mit dem Luxus des Herumtreibens, die ganz kurz vor dem Überkippen in die Exklusivität des Reichtums ihr spannendstes, flirrendstes Moment entfaltet. Es ist diese Melange, die Berlin in den letzten zehn, zwanzig Jahren so anziehend gemacht hat, und in diesem Moment in genau dieser Straße entfaltet der Prozess der Gentrifizierung seine tragische Schönheitsambivalenz. Das Nachbarhaus von Hobby Rüther ist noch nicht fertig saniert, die Plastikplanen in den Fenstern können noch nicht preisgeben, welche Drehung der Mietpreisspirale sich als nächstes hier zeigen wird – oder auch nicht -, der Atem scheint für diesen Moment stillzustehen, nur um mit dem nächsten Ausatmen einige Altmietparteien wieder auszuspeien, die für die Schönheit nichts mehr übrig haben. (Die Auflösung im Oktober 2019: Es ist die zweite Filiale des mailändischen Brotbäckers „Sironi“! Lieblingsbäcker aus der Markthalle 9!)

Und ich muss los, zurück nach Kreuzberg, mitten hinein in das touristische Getümmel, das Gottseidank, Schöneberg noch nicht eingenommen hat.

SPD verzweifelt gesucht!

Allgemein, Arbeit, FürSorge, Solidarische Politik

Andrea Nahles, die erste Frau an der Spitze der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, ist zurückgetreten und hinterlässt eine ratlose Leere. Noch durchdringender als die Fassungslosigkeit, die beim Abgang von Martin Schulz bereits entstanden war, wirkt dieser luftleere Raum, den Nahles nun hinterlässt. Nahles ist eine talentierte und erfahrene Politikerin, ihr Verlust ist der härteste, den die SPD bislang zu verkraften hatte. Denn sie war eine Hoffnungsträgerin: Als erste Frau, die den Parteivorsitz innehat und im mittleren Alter.

Seit Jahren fragt sich die Republik, mal drängend, mal resigniert, zuletzt beinah kondolierend: Was ist nur los mit dieser Partei, die einst so stolz in den Wahlkampf gezogen war, um nach 16 Jahren Kohl das Land umzugestalten? Wo auf dem Weg hat die SPD uns verloren, uns Wähler*innen von einst und sogar uns Genoss*innen von einst? Nach jeder Wahlschlappe wurden diese Fragen, Suchen und Analysen laut. Beantworten kann jeder nur für sich selbst, wo er oder sie die SPD verloren hat. Aber diese Antworten sind für die SPD überlebensnotwendig. Denn vielleicht führen sie dazu, dass die SPD wiedergefunden werden kann.

Sie war aufmüpfig und entschlossen

Niederrhein 1998. Ich war damals Juso-Bezirksmitglied im Kreis Kleve und 17jährig. Lauschte angestrengt den Worten von Andrea Nahles, der Juso-Bundesvorsitzenden, bei einer der Deligiertenkonferenzen. Wir saßen an schlichten Schulbänken, Andrea dozierte vor unseren Tischen, kämpferisch und im Eifeldialekt, warum wir das Wahlprogramm ablehnen würden. Gemessen an den Granden der Partei wie Müntefering, Rau und Schröder war sie aufmüpfig und entschlossen, ihre Energie war ansteckend. Gemessen an dem, was als cool bei uns Jugendlichen galt, wirkte sie zwar etwas bieder. Aber um Biederkeit und Frisuren ging es damals nicht, sondern um unseren entschlossenen Wahlkampf für mehr Gerechtigkeit.

Und wir kämpften wirklich bis aufs Blut, gegen die JU in der Fußgängerzone, mit Kampa-Slogans wie „Wir wollen nicht, dass man an Ihren Zähnen erkennt, ob Sie arm oder reich sind.“ Polarisierte Botschaften für soziale Gerechtigkeit eben. „Rot-Grün ist der Wechsel“ warben die Grünen damals. Heute unvorstellbar. 1998 fand ein Wahlkampf voller Enthusiasmus, Ideen und Aufbruchstimmung statt – jedenfalls für die aktiven Wahlkämpfer*innen, die wir trotz des Wahlprogramms waren. Ich war stolz auf mein Parteibuch. War von den Gedanken der Arbeiterwohlfahrt und des demokratischen Sozialismus fasziniert, dass Umverteilung zu mehr Chancengerechtigkeit führe. Ich empfand es außerdem als ungerecht, dass die Jungs in meinem Alter zum Wehrdienst eingezogen wurden und ich nur deshalb nicht den Dienst an der Waffe verweigern durfte, weil ich das falsche Genital habe. Soziale Gerechtigkeit hieß für mich selbstverständliche Gleichberechtigung, egal welche Hautfarbe, Geschlecht, Sexualität.

Von der Koalition des Aufbruchs zur Entgrenzung von allem

Was 1998 politisch geschah ist überall nachzulesen: Rot-Grüner Wahlsieg, Freudentaumel, die Koalition des Aufbruchs. Sozialdemokratische Bündnisse herrschten plötzlich über ganz Europa – außer in Frankreich. Und was machen die Sozen? Sie schwören auf die neoliberale Weltbankpolitik, beschließen Dienstleistungsabkommen mit den USA, Bologna wird zum Synonym für eine liberalisierte und modularisierte Bildungspolitik in einer wirtschaftszentrierten EU. Vom Aufbruch zum Umbau des beschworenen verkrusteten Sozialstaats dauerte es knapp sechs Jahre, uns wurde ein gesenkter Spitzensteuersatz sowie die Abschaffung der Vermögenssteuer beschert. Es gibt Analysen, die bestätigen ein goldenes Zeitalter für Vermögende just in der Schröder-Ära – und die Erschaffung eines riesigen Niedriglohnsektors, der seinesgleichen in Europa sucht. Für uns Wähler*innen fällt die Ehe von Schwulen und Lesben und die doppelte Staatsbürgerschaft in der politischen Bilanz plötzlich weniger ins Gewicht, denn die sozialkulturellen Errungenschaften von Rot-Grün wurden durch die Prekarisierung von Arbeitnehmer*innen teuer bezahlt. Der Konservatismus der Kohljahre war zwar passé, aber all die Entgrenzungen, die uns nun zugemutet wurden, erwiesen sich als zu negative Freiheiten.

Mein Parteibuch gab ich schon nach drei Jahren sozialdemokratischer Kanzlerschaft ab, im Jahr 2001. Ich fühlte mich betrogen von Schröder und Fischer und dem Egozentriker Lafontaine. Empörte mich über den allerersten Kriegseinsatz der Bundeswehr ausgerechnet unter Rot-Grün. Spürte, dass die Themen, die mich bewegten, kein Echo in dieser Partei fanden und war inzwischen auch nicht mehr am Niederrhein, wo die SPD angesichts des konservativen Umfelds für mich so etwas wie eine Revolutionsgarde dargestellt hatte, sondern in Berlin, wo linke und feministische Politik nichts mit der SPD zu tun hatten, sondern mit Politgruppen. Das, was heute mit Identitätspolitik bezeichnet wird, fand dort ihren Ursprung. Linkssein und SPD, das waren fortan zwei Welten, die auseinanderdrifteten. Strukturell bemerkbar wurde der Drift mit der Gründung der Wahlalternative WASG, später mündete er in die Linkspartei.

Es war die Zeit, bevor Frauenquoten in Führungsetagen in Erwägung gezogen wurden

Natürlich wählte ich zuerst noch meine alte Partei. Fühlte mich der SPD verbunden, schon aus einer Familientradition heraus. Aber es fiel mir schwerer. Und so machte ich 2005 mein Kreuzchen nach unendlichen Minuten in der Wahlkabine bei den Grünen. Schröder hatte einen Denkzettel verdient für seine neoliberale Pragmatik, und das dachten offenbar viele. Es kam der legendäre Wahlabend 2005, an dem Schröder keine Mehrheit mehr erreichte, obwohl er es selbst nicht glauben wollte. Ich verspürte ein wenig Schadenfreude, dass dieser chauvenistische Mann von einer drögen Frau Merkel abgelöst wurde. Sicher eine Frage der Zeit, bis sie von der eigenen Partei abgesägt wird, unkten die Medien im Subtext.

Es war die Zeit, bevor Frauenquoten in Führungsetagen in Erwägung gezogen wurden und als ein Bundeskanzler ungestraft von „Gedöns“ reden konnte, wenn er von Frauen-und Familienpolitik sprach. Welch fataler Irrtum. Hätten die Sozen damals den Zeitgeist erkannt, hätten sie sich die Mütterrente und das Elterngeld im Jahr 2000 auf die Fahnen geschrieben. Aber sozialdemokratische Politik war Bossengenossenpolitik: Arbeiter und Angestellte wurden immer noch männlich gedacht und Familie blieb unter Rot-Grün Frauensache, trotz anderweitiger Bekenntnisse. Die Aufwertung von Erziehungs- und Hausarbeit wurde entschieden abgelehnt und als Herdprämie verunglimpft – als wäre sie als Beleidigung für Frauen gedacht. In der SPD dürfen Männer offenbar nicht an den Herd, habe ich verstanden, und haderte auch deshalb mit der SPD.

Nahles zeterte und kritisierte wie sonst keine

Andrea Nahles verteidigte die Logik der sozialen Gerechtigkeit. Soziale Gerechtigkeit, das sollte durch Erwerbsarbeitspolitik hergestellt werden. Aber Frauen profitierten mehrheitlich nicht von diesem Verständnis. Zudem mussten sie sich nun blank machen für Hartz IV, wenn sie alleinerziehend waren. Und verdienten nicht mehr, wenn sie im Niedriglohnsektor schuften mussten, ihre Dienstleistungsarbeit wurde immer weniger wert statt mehr. Es profitierten Unternehmen, Arbeitgeber, Aktionäre und tariflich Beschäftigte. Nahles kritisierte die Agenda 2010, die Schröderpolitik war ihr zuwider. Das war ein Grund, weshalb sie in der SPD so wichtig wurde – sie zeterte und kritisierte wie sonst keine, sie stritt um das, was ihr wichtig erschien: Solidarität mit den kleinen Leuten. Sie bot den Herren in der SPD die Stirn, 1995 positionierte sie sich gegen Scharping, 2005 gegen Schröder und später gegen Müntefering. Alle von ihnen gingen, sie blieb. Aber sie war keine Sympathieträgerin, sie wurde in der Partei als Rumpelstilzchen wahrgenommen.

Die SPD ging in der ersten großen Koalition unter. Müntefering verließ als letzter Altgedienter die Bühne und es folgte das erste von vielen schädlichen Gemetzeln an der Parteispitze. Kurt Beck wurde duch illoyales Verhalten der Genoss*innen 2008 aus dem Amt gejagt. Es zeigten sich die späten Früchte der Enttäuschung aus der Schröder-Zeit: Neben der gereiften CDU wirkte die SPD wie ein Haufen pubertärer Singles auf Partnersuche, und an allen Vorsitzenden, die man kürte, fand man nach einer kurzwährenden Phase auf Wolke 7 etwas auszusetzen, was dann bereitwillig in die Öffentlichkeit getragen wurde – der nächste könnte ja noch besser sein.

2009 dann das Desaster: Nur 23% für die SPD unter Steinmeiers Kandidatur. Meine Stimme war darunter, aus Mitleid, nicht aus Überzeugung. Und wie viele Prozentpunkte wurden wohl aus reinem Mitleid mit der alten Tante SPD gewonnen? Die große Koalition und das SPD-Personal aus Steinmeier, Steinbrück und Ulla Schmidt konnten der SPD ihr Gesicht nicht zurückgeben. Mit den Hartz-Gesetzen hatte sie es verloren, mit ihrem neoliberalen Kurs während der Regierungsjahre jegliches Vertrauen verspielt. Die CDU heimste die Erfolgszahlen ein, die der Apparat der Arbeitsagenturen mit ihren Maßnahmen und Schlupflöchern geschaffen hatte. Die deutsche Wirtschaft brummte dank der EU-Osterweiterung und der Geschäfte mit China – und natürlich dank der SPD-Reformen. Angst vor der Wirtschaftskrise brauchten wir nicht zu hegen, sie wurde präzise verwaltet, und es darbten alle anderen: Griechen, Polen, Italiener. Nur: Die Wähler erkannten das nicht an. In unzähligen Talkshows mühten sich Genoss*innen ab, die Crux zu erklären, warum die Erfolge Merkel zugeschrieben, die Misserfolge an der SPD haften blieben. Teflon-Merkel wurde schon früh zum Namen dieses Phänomens.

Die SPD hatte mit dem Repertoire ihrer mittelalten Männer an der Spitze einen entscheidenden Schwenk zum ernstgemeinten Umbruch verpasst

Die SPD ging fortan in die Opposition und versuchte Wellness. Verkündete munter ihre gutgemeinte Politik, an die niemand mehr glauben wollte. Andrea Nahles saß an Gabriels Seite im Willy-Brand-Haus und rettete, was zu retten war. Aber uns SPD-Sympathisanten war das Personal nicht ganz geheuer. Wo war die muntere Schlitzohrigkeit eines Egon Bahrs, wo ein blitzgescheiter Stratege wie Helmut Schmidt? Statt brillianter Köpfe sammelten sich an der Spitze der SPD karrieristische Machtmänner, so schien es, und die laute Andrea Nahles neben ein paar neuen Frauen wie Manuela Schwesig, die aber noch zu neu war.

Außer Nahles, der Kämpfernatur, die mit ihrer Kandidatur zur Generalsekretärin zuvor den alten Münte aus dem Amt verjagt hatte, gab es keine Frau an der Spitze, die sich durchsetzen konnte oder wollte. Die SPD aber hatte mit dem Repertoire ihrer mittelalten Männer an der Spitze einen entscheidenden Schwenk zu ihrem ernstgemeinten Umbruch verpasst. Wäre die SPD wirklich bereit gewesen, sich zu erneuern, hätten die Genossen bereits damals eine Frau zur Parteichefin gekürt. Aber es gab keine, die Willens war – Hannelore Kraft hätte die notwendige Erfahrung und den Charakter dazu gehabt. Sie wollte nicht. Und Andrea Nahles war viel zu umstritten, als dass sich die Genossen getraut hätten, sie zur Chefin zu küren. Und so blieb es bei der SPD dabei, dass Frauen nur die zweite Reihe besetzten. Es war eine Reihe unglücklichen Nicht-Wollens und Nicht-Könnens, das die SPD-Spitze immer tiefer in die personelle Bredouille brachte.

Der lauteste Ton der Partei, der in den Medien wiedergegeben wurde, war Häme

Und es ging den Wähler*innen spätestens seit der Wirtschaftskrise von 2008 um Coolness und Souveränität. Und die lieferte auf unerklärliche Weise die gelassene Rautenkanzlerin. Die Männer der SPD hatten keine Chance. Auf Steinmeier folgte Steinbrück. Nahles blieb im Willy-Brand-Haus als die Frau an Gabriels Seite. Aber beide schafften es nicht, die SPD-Inhalte zu entstauben und souverän zu verkörpern. Zu nervös wurde jeder Schritt von den Genoss*innen selbst beäugt und kritisiert – erinnern wir uns an die parteiinterne Zerlegung von Steinbrück, weil er in Wirtschaftskreisen ein beliebter Redner war. Der lauteste Ton der Partei, der in den Medien wiedergegeben wurde, war Häme, wenn jemand scheinbar einen Fehler machte. Solidarität, der Begriff von 1998, war schon längst zu einer Worthülse verkommen, und die Medien spielten dankbar ihre Rolle als Steigbügelhalterin der Kanzlerin. Der leichte Zugewinn bei der Bundestagswahl 2013 war auf die Oppositionsrolle der SPD zurückzuführen, aber 25,7% reichten nicht, um das Wellness-Programm als Erfolg zu verstehen.

Ich wählte wieder Grün. Zu augenfällig schien mir die Klimakatastrophe vor der Tür zu stehen, als dass die Zeit für die Subventionierung von Industriearbeitsplätzen vergeudet werden konnte. Die SPD hatte das Thema 2013 noch nicht recht begriffen: Dass Umwelt- und Sozialpolitik dringend in ein Miteinander überführt werden müssen statt gegeneinander ausgespielt, und dass junge Eltern das Umweltthema viel ernster nehmen als die Senioren, die nun das klassische Wähler*innen-Milieu der SPD stellten. Der Spruch der Grünen „Umwelt ist vielleicht nicht alles, aber ohne Umwelt ist alles nichts“ verfängt nun einmal stärker als das abgedroschen klingende Mantra von sozialer Gerechtigkeit, die herzustellen der SPD nicht obliegt – wie auch in einer globalisierten Weltwirttschaft, deren Spielregeln andere schreiben.

Eine starke SPD ist wichtig für unsere Demokratie!

Inzwischen war ich Mutter geworden und mein persönlicher Umbruch spiegelte sich in meiner politischen Präferenz wider. Ich kehrte dem politischen Aktivismus den Rücken und empfand die Verantwortung, die bürgerliche Parteien übernahmen in ihrem Ringen um Kompromisse, mehr denn je als eine Errungenschaft, die es zu unterstützen galt. Ich verstand, warum Kompromisse in der Realpolitik entscheidend waren. Aber ich verstand auch, warum Elterngeld und Mütterrente eine gute Sache waren und die SPD leider reflexartig alles geißelte, was ansatzweise nach CDU aussah. Mit der reflexhaften Abwehr, die taub für jegliche argumentative Logik war, verlor die SPD weiter an Sympathiepunkten. Und natürlich mit der Entscheidung von Andrea Nahles, die abschlagsfreie Rente ab 63 einzuführen. Vermutlich war diese Entscheidung die schwerwiegendste, die Nahles in ihrer Zeit als Bundesministerin traf, denn sie brachte der SPD Bodenverlust bei den jüngeren Wähler*innen ein. Die einen ärgerten sich über die Hartz-IV-Gesetze, und die, die noch zu jung waren, schüttelten jetzt die Köpfe über die Seniorenpolitik der SPD.

Dann gab es den kurzen Überraschungsaufschwung von 2017: Martin Schulz übernahm das Steuer und für einen winzigen Moment herrschte wieder dieser Eindruck von Überlegenheit, von Wir-Können-Das-Besser, von Souveränität und Kraft. Dieser Kampa-Effekt, den die Medien mit Schulz-Zug meinten, hielt genau vier Wochen an. Dann verpuffte er wie eine Seifenblase. Der Tiefpunkt war der Rücktritt von Schulz, nachdem er sich verzockt hatte mit dem Griff zum Außenministerium. Leider. Denn trotz aller Schelte an Fehlentscheidungen und Eiertänzen an der Parteispitze: Nichts wurde nach den Bundestagswahlen 2017 deutlicher, als dass eine starke SPD wichtig ist für unsere Demokratie.

Mit der negativen bis zynischen Haltung der gesamten Politik gegenüber konnte die AfD groß und größer werden

Und heute? Das Lamento der populistischen Parteien von rechts wie links, die sich über die Kompromisse der großen Koalition aufregen, erscheint fadenscheinig. Und noch etwas, das sich in den Zeitgeist einschlich, ist fadenscheinig und bigott: Die Berichterstattung über die große Koalition und über die SPD im besonderen wurde über die Jahre immer abfälliger. Das Schimpfen auf die ausgehandelten Kompromisse wurde mehr und mehr zum Volkssport, demokratisches Ringen um die größtmögliche Berücksichtigung von verschiedenen Interessen geriet in Verruf. Überhaupt ist das Bashing alles „Bürgerlichen“ eine Lieblingsdisziplin von jenen, die sich politisch für links halten – oder rechts. Die bürgerliche Zivilgesellschaft, also der Mut zur Übernahme von Verantwortung, ist aber der Grundpfeiler unserer Demokratie.

Mit der negativen bis zynischen Haltung der gesamten Politik gegenüber konnte die AfD groß und größer werden. Eine schwache SPD bedeutet ja, dass bürgerliche Werte der CDU und den Grünen überlassen und mit dem Label konservativ versehen werden können, weil bürgerliche Werte im SPD-Lager nicht genügend wertgeschätzt werden. Genau diese Überheblichkeit aber ist Gift für die Zivilgesellschaft. Sowohl linke als auch rechte Populisten glauben, dass die demokratischen Kompromisse ihnen etwas vorenthalten würden, auf das sie ein Anrecht hätten. Die extremen Meinungen verkennen, welchen Stellenwert der Meinungsaustausch für das Funktionieren einer Demokratie hat. Sie gaukeln jenen, die sich abgehängt fühlen, ein Kollektiv unter dem Banner des Leids vor, der ihnen aber erst recht eine wirkliche Mitgestaltung vorenthält. Wer einmal in Parteistrukturen gearbeitet hat, weiß, wie mühsam Demokratie sein kann, die langen Sitzungen und das Ringen um Anträge sind zäh, Kompromisse aushandeln ist langwierig.

Mehr Demokratie wagen!

Im Grunde passt der Wahlspruch von Willy Brandt „mehr Demokratie wagen“ auf die Probleme unserer Zeit, und zwar in dem Sinne, dass die Bürger*innen des Landes sich wieder mehr Demokratie zutrauen müssen, sich der Zivilität und der Dialogfähigkeit wieder bemächtigen, anstatt den Populisten ihre Demokratie zu überlassen. Die SPD ist immer noch ein politischer Akteur in allen Regionen, auch wenn sie im Bund geschwächt ist. Die Leitmedien behaupten, die Definition der Volkspartei messe sich an den Wahlergebnissen und nicht an den lokalen Strukturen der Parteien – und die SPD hat das Zeug dazu, von den Jungen Menschen in Kleinstädten und auf dem Land als Anlaufstelle wahrgenommen zu werden.

Aber das geht nur, wenn die SPD sich ihrer zivilen, bürgerlichen Stärke bewusst ist und auch stolz darauf ist. Als Mutter lernte ich, dass Verantwortung zu übernehmen nachhaltiges Handeln voraussetzt. Wenn ich meinem Kind gegenüber nur situationsbezogen agiere, unter Stress oder unüberlegt, dann bekomme ich einen Tag oder einen Monat später die Rechnung präsentiert. Kinder aufziehen und Demokratie bringen ähnliche Strapazen mit sich: die unausweichliche Mühle des Immerwiederkehrenden, die Kompromisse im Alltag, die Quittungen für unüberlegtes Handeln und das Auszahlen von durchgerungenen und gut durchdachten Lösungen. Ich habe verstanden, warum Familie als Hort von Bürgerlichkeit gilt: weil es um Verlässlichkeit geht und um Zuwendung, um das Aushandeln von Bedürfnissen und das Zurückstecken eigener Befindlichkeiten, wenn es sein muss. Alles demokratische Tugenden, die offenbar viele verlernt haben oder nicht mehr für so wichtig erachten. Es wird dringend Zeit, dass die SPD sich das bewusst macht.

Wenn Kevin Kühnert heute davon spricht, dass nie wieder so miteinander umgegangen werden darf, solange man für Solidarität stehen will, dann ist das schonmal ein Anfang. Aber als zukünftige Wieder-Wählerin der SPD erwarte ich, dass sich die SPD mit dem Begriff der Solidarität beherzt auseinandersetzt. Solidarität, so Heinz Bude in seiner Monographie über die „Zukunft einer großen Idee“, ist eine Haltung, die Respekt in einer Welt der Ungleichheit ermöglicht. Und genau dieser Respekt ist es, den wir im Umgang miteinander brauchen. Auf, SPD.

 

 

 

Neulich in Kreuzberg: Von der Leyen zu Gast im Orania. Zeit für eine Hymne

Allgemein, Frauenpolitik

An ihrer Frisur erkannte ich sie sofort. Blond geföhnt. Grazil erklomm sie den Bordstein in Stöckelschuhen und Strumpfhosen, und zog die Schultern fröstelnd hoch: Es regnete an diesem Märznachmittag in Kreuzberg vorm Hotel Orania. Ursula von der Leyen. Unsere starke Frau der Bundeswehr. Erste Verteidigungsministerin der Bundesrepublik Deutschland. Die Heldin des Elterngeldes, Mutter von 6 oder 7 Kindern, Verfechterin der Frauenquote und des warmen Mittagessens für alle, Vorkämpferin für die Lebensleistungsrente. So verletzlich stand sie da, für genau 2 Sekunden, das helle Blau ihres Kostüms kontrastiert perfekt vor der grauen Kulisse des schmuddeligen Oranienplatzes.

Das helle Blau ihres Kostüms kontrastiert perfekt vor der grauen Kulisse des schmuddeligen Oranienplatzes

Hinter ihr entsteigen drei dunkel gekleidete Bodyguards den schwarzen Mercedes-Limousinen, und Ursula von der Leyen schaut sich suchend um – das also ist das hippe Kreuzberg, dabei ist es grau und hässlich, sagt ihr Blick. Im Orania, das umstrittene Hotel am Oranienplatz, sind die eingeschlagenen Scheiben noch nicht ausgewechselt worden.
Das Restaurant führt hochpreisige Kost. Viele Anwohner hatten sich aufgeregt, dass hier nach Jahren des Leerstandes ein Hotel einzieht. Und dann noch eines mit Pianist, offenem Kaminfeuer und einem Interieur, das im Kolonialstil gehalten ist. Sehr provozierend fanden das die Kreuzberger, ich fand das auch. Aber trotzdem mag ich die Existenz der Bar, denn sie steht in einem spannenden Gegensatz zu den touristischen, hippen und überlaufenen Cocktaillounges, die für die aufgeregte Oranienstraße sonst so prägend sind. Aber das Hotel Orania steht seit seinem Einzug symbolisch für die Gentrifizierung des Kiezes und die steigenden Mieten.

Unsere Verteidigungsministerin nimmt die Einschusslöcher zur Kenntnis, dann strafft sie die Schultern und blickt der geöffneten Tür entgegen

Und deshalb sind die geschliffenen und abgerundeten Scheiben mit hässlichen Einschusslöchern von Steinwürfen versehrt, die sich silbern von dem dunklen Glas abheben. Große und kleine Glaswunden, die sich spinnennetzartig ausbreiten. In ihnen spiegelt sich die Wut des Kiezes wider auf jene, die sich die Preise und die Mieten noch leisten können. Auch unsere Verteidigungsministerin nimmt sie zur Kenntnis, dann strafft sie die Schultern, und blickt der geöffneten Tür entgegen. Sie kennt sich aus mit Kampfspuren, nicht erst seit sie Ministerin für Verteidigung ist. Häme und Kritik bekam sie schon vorher zu spüren, für ihre sozialdemokratische Politik, für ihre kühle Art oder einfach, weil sie so viele Kinder hat. Ihr wird vorgeworfen, dass sie Probleme weglächelt. Wenn sie die Probleme so offen wie niemand zuvor anspricht, wird ihr das erst recht angekreidet. Dabei ist ihre Bilanz außergewöhnlich: Jedes Ministerium, das sie übernahm, hat sie mit so großen Projekten versorgt, dass sie noch heute nachhaltig unsere Realität verändern und nicht von Gegenreformen aus dem Weg geräumt werden konnten. Die Reform des Elterngeldes und von Hartz IV hat erst sie richtig angepackt, und die Untersuchung von rechten Strukuren in der Bundeswehr hat sie als erste angekündigt.

Wenn sie die Probleme so offen wie niemand zuvor anspricht, wird ihr das erst recht angekreidet.

Ob die Taten ihren Worten folgen können, das wird sich noch herausstellen. Aber von der Leyen spricht Unbequemes aus und lächelt trotzdem. Das ist ihre Stärke. Viele legen ihr das als Schwäche aus. Sie wird von allen Seiten kontinuierlich argwöhnisch beäugt. Aber Ursula von der Leyen ist alles andere als schwach, sie ist eine starke Frau, die eine großartige Vorbildfunktion hat. Sie zeigt den weiblichen Weg in einer männlich geprägten Kultur, und zwar mehr, als es Angela Merkel tut. Als Mutter kennt von der Leyen den Alltag und die Sorgen von Frauen mit und ohne Kindern, und das schwingt in all‘ ihren Reformen und Ansprachen mit. Sie steht für Weiblichkeit, auch weil sie es in ihren Auftritten bewusst verkörpert, und umso mehr wird ihre „kühle Art“ kritisiert. Angela Merkel hingegen kaschiert ihre Weiblichkeit und neutralisiert sie in ihren Auftritten. Denn offenbar ist es öffentlich immer noch unmöglich, ein weibliches Auftreten mit figurbewusstem Kostüm und Lippenstift und professionelles, politisches Handeln zusammenzudenken. Bei von der Leyen wurde oft ihre Professionalität mit Kühle gleichgesetzt und dann in einem Atemzug ihre Kinderzahl genannt, so als sei es ein absolutes Unding, als Mutter von so vielen Kindern die Unverfrorenheit zu besitzen, eine politische Karriere hinzulegen. Nach dem Motto: Da kann sie ja nur kalt sein, wenn sie so eine Rabenmutter ist.

Offenbar ist es öffentlich immer noch unmöglich, ein weibliches Auftreten mit figurbewusstem Kostüm und Lippenstift und professionelles, politisches Handeln zusammenzudenken.

Der WDR 2 strahlte in Nordrhein-Westfalen lange eine Satiresendung namens „Die von der Leyens“ aus, die genau diese Doppelrolle überzeichnete und damit den Finger darauf legte, was offenbar vielen suspekt ist: Eine Mutter zahlreicher Kinder, die erfolgreich die höchsten Ämter des Landes inne hat? Unfassbar. Unerhört. Das geht auch nur mit Humor. Ich muss gestehen, dass ich lange kritisch auf diese Frau geschaut habe, nicht nur weil sie für die CDU stand, sondern weil sie so mühelos eine Reform nach der anderen anschob. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Offenbar macht Ursula von der Leyens Bilanz anderen Angst. Wo ist der Haken bei dieser Frau? Dann wird sie belächelt, wenn sie sich um die Familienfreundlichkeit der Bundeswehr sorgt. Aber genau das ernstzunehmen ist feministische Politik. Das Tollste, was sie politisch zu verantworten hat: Die Mütterrente und die Frauenquote in Aufsichtsräten. Meilensteine in der gesellschaftlichen Anerkennung von weiblicher Lebens- und Arbeitsleistung. Diese kleine Frau ist, bei Licht betrachtet, ganz schön groß.

Diese kleine Frau ist, bei Licht betrachtet, ganz schön groß

Auch, wenn mir die Bundeswehr als militärische Institution suspekt ist: Ich verstehe, warum Merkel diese Frau als Verteidigungsministerin haben wollte. Denn sie setzt ihre Vorhaben knallhart durch. Der Verteidigungsetat wurde vergrößert, die marode Ausstattung der Bundeswehr wird modernisiert. Das mag für viele ein weiterer Dorn im Auge sein, wenn es um Ursula von der Leyen geht. Und man kann bei ihren Auftritten sehen, wie sie Federn gelassen hat in diesem Amt, vermutlich so viele wie nie zuvor. Denn der Gegenwind, der ihr als Verteidigungsministerin ins Gesicht schlägt, ist enorm, und das liegt nicht nur daran, dass das Militär in Deutschland wie ein Alien betrachtet wird und wir schon zuviel bekommen, wenn wir einen Werbetruck mit Bundeswehrlogo sehen. Es liegt auch daran, dass Ursula von der Leyen um dessen Ruf kämpft.

Die beiden großen, dunkel gekleideten Männer folgen jetzt der zierlichen Frau in Hellblau, die seit Jahrzehnten unsere Gesetze gestaltet, durch die geöffnete Tür des Orania. Auch, wenn das jetzt eine Feststellung ist, die bei Männern selten vorgenommen wird: Sie sieht noch immer nicht wie 60 aus. Jedenfalls nicht im Kreuzberger Märzregen.

Vom Recht auf Care

Arbeit, FürSorge, Frauenpolitik

 

Das Recht auf eine Gesellschaft, die sich ihrer Sorgeleistenden bewusst ist: Nicht mehr und nicht weniger fordert die Theologin Ina Praetorius mit ihrem Verein „Wirtschaft ist Care“ in der Schweiz.

Warum verdienen Waffenhersteller eigentlich mehr als Mütter oder Väter?

Nun ist ein hervorragendes Interview auf ZEIT Online erschienen, in dem die gebürtige Karlsruherin erklärt, was an der gesellschaftlichen Wertschätzung von Sorgearbeit feministisch ist und warum sie sich dafür einsetzt, dass eine kindaufziehende Person nicht weniger verdienen darf als etwa ein Waffenhersteller. Den ganzen Text findet ihr im Interview mit ZEIT Online.

Die Theologin hat auch eine eigene, originelle Website zu bieten. Dort macht sie sich z.B. über glamouröse Lebensläufe lustig und stellt einen solchen „A-Level-CV“ in den Kontext ihres „echten“ biologischen Lebenslaufs. Sehr lesenswert und hier zu finden.

Für StadtLandFrau ist das folgende Zitat von Ina Praetorius besonders bedeutsam, denn es bringt auf den Punkt, warum Feminismus nicht ohne die Aufwertung von Sorgearbeit auskommt:

Menschen, die Arbeit für ihre Familie leisten, müssen im Alter gut abgesichert sein – und zwar vergleichbar mit Erwerbstätigen. Dass sie bis heute nicht richtig honoriert werden, ist abstrus, aber historisch erklärbar. Familie kommt etymologisch von famulus, und das heißt „der Diener“. Die Kinder und die Frau galten lange als Besitz des Mannes. Daher galt die Arbeit, die zu Hause geleistet wurde, nicht als eigenständige Arbeit.

Der von Praetorius gegründete Verein „Wirtschaft ist Care“ setzt sich laut Webpage ein „für die Reorganisation der Ökonomie um ihr Kerngeschäft, die Befriedigung tatsächlicher menschlicher Bedürfnisse weltweit.“

Damit ist der Verein Teil des feministischen Netzwerks „Care Revolution“, die im Grunde für eine Neugestaltung der Gesellschaftsordnung kämpft: Nämlich für eine Neuordnung der Sorgebeziehungen und für eine „Care-Ökonomie“, die nicht Profitmaximierung, sondern die Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum stellt.

 

Danke für eine so wichtige Arbeit sagt StadtLandFrau.

 

 

 

Der 8. März. Vom Frauenkampftag zum Feiertag

Allgemein, Frauenpolitik

Die Berliner Behörden werden gerne belächelt: Behäbig, ineffizient und lahm seien sie. Doch nun ist ein politischer Coup geglückt: Der internationale Frauentag – der Weltfrauentag – wurde letzte Woche zum Feiertag erhoben, und schon in diesem Jahr soll er für uns ein freier Tag sein. Über die Verantwortung für ein gelingendes Feiern, das dem Frauenkampftag gerecht wird.

 

So gesehen ist es schon eine Zumutung, dass der Frauentag „nur“ im Land Berlin als Feiertag zu Ehren kommt. Einerseits.

 

Juhu, großer Jubel. Einerseits. Denn natürlich ist der 1910 von Clara Zetkin eingeforderte Frauentag ein Mememento für den harten Kampf um Frauenrechte, der seit seinem ersten Begehen 1911 viele gewonnene Schlachten zu feiern hat. Dehalb ist es nur folgerichtig, den Frauentag als Feiertag einem Muttertag gegenüberzustellen, der nur eine der möglichen Rollen von Frauen ehrt, und nicht an die vielen praktizierten Ungerechtigkeiten im Zusammenleben der Geschlechter erinnert. So gesehen ist es schon eine Zumutung, dass der Frauentag „nur“ im Land Berlin als Feiertag zu Ehren kommt, und nicht in ganz Deutschland.

 

Sexismus mit Sexismus zu bezahlen ist wie Gewalt mit Gewalt zu beantworten.

 

Aber, und das ist die Kehrseite der Medaille, bietet der Frauentag als Feiertag auch Anlass zur kritischen Betrachtung der bisher umgesetzten Geschlechtergleichstellung. Wenn nämlich, wie in Osteuropa der Fall, wo der Frauentag ehedem als sozialistischer Feiertag eingeführt wurde, eine Art Frauentags-Industrie entsteht, die dem Projekt Frauenkampftag zuwider läuft, ist Achtsamkeit geboten. In der osteuropäischen Praxis regt der Feiertag zu hedonistischem Feierkonsum an und die Frauen fühlen sich aufgerufen, eine Objektivierung von Männern als attraktivem Erotikspielzeug vorzunehmen. Ein Tag, an dem Stripper ausgebucht sind. Der Vorteil: Männern wird ein Spiegel ihrer sexistischen Rituale vorgehalten. Der Nachteil: So verliert der Frauentag seine emanzipatorische Bedeutung. Sein kämpferischer und zur Anprangerung von Ungerechtigkeit anstiftender Impetus wird nämlich dort durch die Praxis, mit der dieser Feiertag begangen wird, ins Leere geführt. Sexismus mit Sexismus zu bezahlen ist wie Gewalt mit Gewalt zu beantworten. Wie wir wissen, führt letzteres zu noch mehr Gewalt. Ersteres wird also nicht zu einer Abkehr von sexistischen Praktiken führen, sondern diese befeuern.

 

…es besteht die Gefahr, dass dieser „Männertag“ mit dem „Frauentag“ beantwortet werden wird. Der Frauenfeiertag ist nur dann ein Gewinn, wenn wir alle, Männer und Frauen, innehalten und uns fragen, wie wir Gleichberechtigung leben können und wollen.

 

Wild feiernde Frauengruppen, die am 8. März durch Berlin grölen, so wie sie es heute in Bukarest und Sofía tun, haben uns Berlinerinnen und Berlinern als Ergänzung zu fahrenden Bierbikes und Junggesellenabschieden nicht gerade gefehlt. Natürlich haben Frauen ein Recht darauf, sich am Frauentag zu feiern. Aber die Erhebung des Frauentages zum Feiertag unterzieht das bisher Erreichte einer Prüfung: Offenbar reicht es keinesfalls aus, um den Frauenkampftag überflüssig werden zu lassen. Und es reicht auch nicht aus, um die Praxis des „Vatertags“ in Frage zu stellen, an dem scharenweise biertrinkende Männer ihre Bollerwägen hinter sich her ziehen und für sich ein Recht auf Anbaggern einfordern. Sondern es besteht die Gefahr, dass dieser „Männertag“ mit dem „Frauentag“ beantwortet werden wird. Der Frauenfeiertag ist nur dann ein Gewinn, wenn wir alle, Männer und Frauen, innehalten und uns fragen, wie wir Gleichberechtigung leben können und wollen. Und die gegenseitige Objektivierung des anderen Geschlechts zum Sextoy ist sicher keine richtungsweisende Antwort (es ist nur die Ablenkung vom Eigentlichen).

 

Wir brauchen ein Aufeinanderzugehen

 

Vielmehr brauchen wir ein Aufeinanderzugehen: Ein Zuhören und Ausreden lassen am Frauenfeiertag, das wäre ein guter Anfang. Der Frauentag als Tag, an dem wir gemeinsam über Gleichberechtigung nachdenken, so stelle ich mir diesen Tag als Gewinn vor. Auf einer öffentlich zelebrierten Feier. Weil Frauen mit Kindern, ohne Kinder, mit Karriere, ohne Karriere, mit Geld und ohne Geld, mit Migrationshintergrund und ohne so verschiedene Leben beschreiben, dass es ohne Zuhören gar nicht geht. Wenn uns das an diesem Tag gelingt, dann wäre der Tag ein echter Feiertag.

Provinz und Charisma. Frauenbündnisse gegen alte Strukturen!

Allgemein, Arbeit, LandLeben

Am 30.11.2018 hielt Dr. Inga Haese einen Vortrag im Rahmen der Veranstaltung F wie Feiern in Großhennersdorf, Görlitz. Für alle, die ihr Nachdenken über Provinz und Charisma live verpasst haben, gibt es hier die schriftliche Version:

Provinz und Charisma. Frauenbündnisse gegen alte Strukturen!

 

„Was sonst können wir tun, als „feminine“ Praktiken zu etablieren – Kollaboration, Dialog, Horizontalität statt Wettbewerb, Hierarchie, Profitmaximierung – wenn unser Ziel die Vertiefung von demokratischer und emanzipatorischer Politik ist?“

Viel Spaß beim Lesen.

 

Morgens an den Butzke-Werken. Eine kurze Geschichte über den Zusammenprall urbaner Welten

Arbeit, Stadt & Architektur

Die Werkstatt macht um 9:00 Uhr auf. In der Lobeckstraße gibt es sie noch, die Anzeichen der Butzke-Werke, die alte Fabrik und den Autoschrauber, der auch TÜV abnimmt. Nebenan eine Tankstelle. Alles Zeichen einer Zeit, als es leer war um den Moritzplatz, als es noch keine Design-Academy gab, kein Aufbauhaus, kein Just Music. Und auch keine Work-Spaces und Labs in den Hallen der ehemaligen Butzke-Werke. Zuletzt wurde das Gelände von Robben und Wientjes verkauft, nebenan, Ecke Ritterstraße. Auf dem Grundstück liegen die kläglichen Reste, zusammengebrochen auf einem Haufen, die Reste einer Zeit, in der West-Berliner Studenten aus dem Nichts Imperien aufbauen konnten, die heute Millionen einbringen. Vermutlich wird es hier bald nicht mehr so viele Tankstellen geben, es wird ein neuer Hotel- und Einkaufstempel entstehen.

 

„In Istanbul würde ich keine Wohnung wollen, noch nicht mal geschenkt!“

 

Ich warte auf den alten Schlosser, der mein Auto begutachtet. Er kommt, im Blaumann mit reichlich Ölflecken. Berliner Schnauze, verschmitztes Lächeln, Michael-Müller-Gesicht. Ich solle das Auto irgendwo parken, aber bitte nicht in Potsdam: „Viel Glück beim Suchen“. Ein Mann, der mit mir wartet, ist mit seinem VW Touran extra aus dem Wedding hierher gefahren. Auf Empfehlung. Er trägt einen gepflegten, schwarzen Bart, ist etwa Mitte 40. Spricht mit einem türkischen Einschlag. Er hat freundliche, dunkle Augen. Wir ärgern uns gemeinsam über die Verkehrssituation in Berlin, wird jedes Jahr schlimmer, stimmen wir uns zu. Er hat eine Stunde gebraucht aus dem Wedding hierher, obwohl er alle Schleichwege kennt. Ich pflichte ihm bei, brauchte heute für 100 Meter zehn Minuten. Aber ob ich schon einmal in der Türkei war, fragt er. Ich bedaure. Er lacht. Im Vergleich zu Istanbul ist hier alles geordnet. Istanbul findet er schrecklich, diese riesen Stadt, 16 Millionen Einwohner! Einmal stand er ganze 7 Stunden im Stau, weil er die Bosporus-Brücke überqueren wollte, so ein heilloses Chaos herrsche dort. Selbst wenn ihm jemand eine Wohnung dort schenken wollte, er würde sie nicht nehmen, noch nicht einmal ein Haus!

 

Früher sind sie zur Fabrik gegangen und sahen alle gleich aus. Heute gehen sie in die Fabrik und tragen andere Uniformen

 

Er ist jetzt dran mit seinem Touran. Ich warte. Mir fallen die Trägerinnen von Einweg-Kaffeebechern auf, die in regelmäßigen Abständen meinen Warteplatz kreuzen, in Richtung der alten Butzke-Werke. Mir fallen auf: junge Mädchen, dünne, mit Blümchen bedruckte Röcke zu Leggins und hellen Sneakers, wildgemusterte, weite Blusonjacken, dazu gelbe Haarbänder, Sonnenbrillen trotz Oktober, und 70er-Jahre Handtaschen. Kopfhörer, überall Kopfhörer und mittelgroße Bildschirme in den Händen. Auch jungsche Männer in engen Jeans mit androgynen Frisuren. Auch: Junge Männer in unauffälligen Jeans und Pullovern mit stinknormalen Kurzhaarschnitten. Auffällig: Die Jungs kommen eher in Horden, die Mädchen allein. Düsen auf ihren Peugeot-Rädern an mir vorbei mit viel Rouge auf den Wangen. Ich denke: Früher sind sie zur Fabrik gegangen und sahen alle gleich aus. Heute gehen sie in die Fabrik und tragen andere Uniformen, besonders die Frauen drücken ihre Individualität durch auffällige Kleidung aus. Was hat sich eigentlich an ihrem gesellschaftlichen Status geändert? An meinem? Das postpostmoderne Proletariat arbeitet in Fabriklofts: Co-Working-Spaces, Labs oder factories. Kreativ, aber prekär. Boltanski und Chiapello lassen grüßen. Was ist eigentlich, wenn sie älter werden? Familien haben? Krank werden? Solche Menschen sehe ich kaum noch am Moritzplatz um 9 Uhr.

 

Smart und vernetzt, daneben mein dreckiger VW

 

Das kreative Proletariat ist jung und schick, vernetzt, online, smart, mobil, flexibel. Mein Auto, der alte VW, der gerade in die Werkstatt rollt: Das krasse Gegenteil zu ihrer Welt, ein stinkender, öliger Verbrennungsmotor, dreckig und alt, die Werkstatt ein Hort von Schmutz und Benzingestank. Alte Arbeitswelt trifft auf kreatives Proletariat. Und ich sehe: Saubere Arbeit trifft auf schmutzige, ich denke an den Hambacher Forst, welche Arbeit ist eigentlich sauberer? Die am Verbrennungsmotor, der unser Klima ruiniert, oder die am Laptop und Smartphone, vernetzt und mobil, für die all die Braunkohle verbrannt werden muss und Wälder gerodet? So sauber ist sie dann doch nicht, die kreative Arbeit. Es ist kompliziert.

Was ist eigentlich, wenn die jungen Smarten von heute später auch mal eine Werkstatt brauchen, im übertragenen Sinne? Einen Hort? Einen Zufluchtsort? Haben wir dafür eigentlich vorgesorgt? Aber dann fällt mir wieder Istanbul ein. Und ich muss lächeln.

Papst Franziskus ein Mann seines Wortes Filmkritik

Film: Wim Wenders „Ein Mann seines Wortes“ über Papst Franziskus

Allgemein, FürSorge

Der letzte Wenders-Film, den ich gesehen habe, war „Himmel über Berlin“. Er berauschte im sommerlichen Freiluftkino alle Sinne – diese Anmut, Schönheit, Rauhheit der Stadt, der verliebte Engel. Danach war klar: Wim Wenders hat eine Schwäche für übersinnliche Kräfte. Der Film über Franziskus bestätigt auf beeindruckende Weise diese Schwäche.

Eine Welle warmer, weicher Laute rollt in unsere Ohren

Die Präsenz von Papst Franziskus vor der Kamera ist überwältigend, es gibt keine Chance seinem Charme zu entkommen. Franziskus nimmt einen nicht nur durch seine Ausstrahlung und Wärme ein, es ist vor allem seine Sprache, die entzückt: Dieses weiche, argentinische Spanisch, eine melodische Mischung aus dem südamerikanischen Spanisch und dem eingewanderten Italienisch, das alle harten Silben verschluckt und eine Welle warmer, weicher Laute rollt mit seiner Stimme in die Ohren des Zuschauers.  In präzisen Worten formt Franziskus in dieser Sprache seine klaren, eigentlich schlichten Botschaften: Die Welt braucht Liebe, die Welt braucht Dialog, die Welt braucht weniger Waffen und mehr Klimaschutz, weniger Armut und mehr Solidarität, weniger Reichtum und mehr Zeit für die Familie, weniger Kapitalismus und mehr Nachhaltigkeit. So komplex sich diese Probleme für die Weltgemeinschaft auch darstellen mögen, so einfach und schlicht klingen sie aus dem Mund dieses Papstes, der wirklich meint, was er sagt: Mit anderen zu teilen. Weniger zu besitzen. Liebe zu anderen Menschen zu leben. Ihnen in ihrem Elend beizustehen, sie nicht allein zu lassen.

Ein Papst, der einer von uns ist

Natürlich sind seine Besuche auf Lampedusa und den Philippinen auch als symbolische Akte zu verstehen, wie sie Politiker/innen vorbehalten sind. Doch dieser Mensch hat mehr zu geben als Bilder mit Symbolkraft. Dieser Papst will den Menschen seine Zeit schenken, er will für sie da sein, er schenkt ihnen Nähe und er betet für sie. Er küsst ihre Füße, er gibt ihnen mit seinen Zeichen die Würde zurück, die sie unter den unwürdigsten Bedingungen ihres Daseins verloren zu haben glaubten. Wenders setzt eindrucksvoll in Szene, wie Franziskus durch südamerikanische und afrikanische Städte fährt, wo er empfangen wird wie – nun ja, eben wie ein Papst, der einer von uns ist, der den Menschen nah ist: Mit Verehrung und Jubel von Abertausenden, die wissen, wo er herkommt.

Trotz des Pathos, das im ganzen Film mitschwingt, wird dieser Papst nie kitschig, sondern er bleibt menschlich und hoffnungsvoll, wo andere nur noch den Untergang sehen.

Letztendlich prangert Franziskus eine Welt an, in der zu leben sich so viele von uns gewöhnt haben: Die Welt des Konsumierens und des Wegwerfens, des Abschottens und Mehr-haben-Wollens, des Egoismus. Franziskus‘ Botschaften spitzen deutlich zu, was die letzten Päpste bereits anklingen ließen: Dass die Ausbeutung, die sich der globale Kapitalismus auf die Fahnen geschrieben hat, mit der christlichen Kirche nicht zu vereinbaren ist. Die Botschaft der Kirche ist eine, und dafür steht Franziskus, die mehr denn je in diese Zeit gehört, gerade weil sie die Botschaft der Nächstenliebe und des Teilens ist. Weltkonzerne und politische Gebilde können diese Botschaften nicht (mehr) überzeugend verkörpern, geschweige denn eine solche Kraft entfalten. Wim Wenders hat damit ein beeindruckendes Porträt und denkwürdiges Zeitzeugnis geschaffen, und trotz des Pathos, das im ganzen Film mitschwingt, wird dieser Papst nie kitschig, sondern er bleibt menschlich und hoffnungsvoll, wo andere nur noch den Untergang sehen.

Feminismus ist trotzdem nötig!

An einer Stelle wuchs in mir, neben der gewaltigen Woge an Zustimmung, die ich während des Films verspürte, Widerspruch: Der Papst betonte die Wichtigkeit von Frauen für die Entwicklung der Menschheit. Dann sagte er: Wir kommen nicht weiter, wenn wir gegeneinander kämpfen. Nur gemeinsam, in Kooperation, schaffen wir es – Machismus und Feminismus bringen uns nicht weiter. Entschieden muss ich sagen, dass diese Gegenüberstellung nicht richtig ist: Machismus ist eine strukturelle Grundhaltung, die nur durch Feminismus bekämpft werden kann, bevor es an die Kooperation geht! Bei aller spiritueller Zustimmung sollten wir uns auch darauf besinnen.

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