Inga Haese stadtlandfrau

Das kleinkarierte Aufrechnen. Oder: Warum Einlenken gestattet sein muss

Arbeit, FürSorge

Meine Freundin Line ist regelmäßig entsetzt. „Warum gehst du denn schon wieder einkaufen? Und die Kinder hast du auch ins Bett gebracht“, dazu ein vorwurfsvoller Blick, der sagt: Warum kämpfst du nicht? Für mehr Freiraum, für dein Ding, für die absolute 50-50-Aufteilung im  Haushalt mit zwei Kindern? Line hat keine Kinder. Sie lebt allein. Ihr Kühlschrank ist immer mit dem gefüllt, was sie eingekauft hat, das Waschbecken ausschließlich mit Haaren voll, die sie verloren hat. Vor Line kommt es mir wie eine Niederlage vor.

Familie bedeutet, sich auch mal zurückzustellen

Ja, warum kämpfe ich eigentlich nicht mit beharrlicher Zähigkeit für mehr Freiheit und Selbstbestimmung? Die Antwort war mir zuerst selbst nicht ganz geheuer. Bin ich zu konfliktscheu, harmoniesüchtig gar? Die Antwortsuche im klassischen Selber-Schuld-Modus also. Dass die Antwort schlicht lautet: Weil ich eine Familie haben möchte – darauf kam ich zunächst nicht. Familie, das bedeutet, sich auch mal selbst zurückzustellen, ohne sich dabei gleich zu vergessen. Es bedeutet, Kompromisse auszuhandeln und über Fehler großzügig hinwegzusehen. Nachsicht gehört zum Programm jeder Familie. Und der Haushalt gehört eben auch dazu – das bedeutet, immer wieder die gleichen, unsichtbaren Dinge zu erledigen, auf die niemand Lust hat. Ich teile viel mit meinem Mann auf, aber das 50-50-Modell können wir trotzdem nicht leben. Wir sind beide etwas chaotisch und gerne spontan. Uns fordern im Alltag bereits die starren Regeln, die durch Arbeit und Schule gegeben werden.

Line und ich kennen genügend Frauen, deren Familien zerbrochen sind, weil die Elternpaare an ihren hohen Ansprüchen an sich selbst und den Partner gescheitert sind. Weil der durchgetaktete Alltag keinen Raum mehr für Liebe und Spaß gelassen hat. Also kann ich Line selbstbewusst antworten: Wir stehen füreinander ein in unserer Familie. Und Familie heißt, nicht alles aufzurechnen. Genau deshalb ist die Familie die kleinste christliche Kommune: Der Quell von Zuwendung, Liebe und Fürsorge.

Die Gesellschaft, in der ich leben will, ist solidarisch und fürsorglich

Ich muss Line also widersprechen: Die Gesellschaft, in der ich leben will, ist statt von kleinkariertem Aufrechnen persönlich geleisteter Arbeitsstunden im Dienste der Fürsorge eine solidarische Gesellschaft, in der Fürsorge ein Wert an sich ist – und keine Währung, mit der ich für meine Individualität bezahle.

Das 50-50-Modell führt auf lange Sicht nicht in eine gleichberechtigte Gesellschaft, sondern in eine Gesellschaft der vereinsamten Individuen ohne Beziehungen und Liebe, deren Freiheit sich letztendlich auf nichts mehr beziehen kann. Das beste Beispiel ist mein kranker Sohn, der zwei Wochen lang mit Grippe im Bett liegt. In der 50-50-Welt wird erörtert und abgewogen, wer mehr auf der Arbeit zu tun hat, wer wann zu Hause bleibt und bis wann. Der kranke Sohn ist plötzlich ein dysfunktionaler Faktor, ein Fehler im durchgetakteten Alltag. In einer fürsorglichen Familie aber können wir sagen: du brauchst mich und ich bin für dich da, es geht jetzt um dich. Wenn unsere Kinder diese Fürsorge nicht mehr erleben und erlernen dürfen, wie soll dann die solidarische und fürsorgliche Gesellschaft von morgen entstehen?

Bevor wir den Geschlechterkampf in unseren Familien austragen und immer mehr alleinerziehende Familien hervorbringen, sollten wir uns an eine ganz alte Botschaft erinnern und der Versuchung widerstehen, uns immer nur selbst verwirklichen zu wollen.

Der Frieden von morgen braucht die Fürsorge von heute

Das sollte natürlich nicht einseitig und auf die Kosten von Frauen gehen. Nur zu gerne wird das Plädoyer für mehr Nächstenliebe und Fürsorge patriarchalisch umgedeutet. Das kann keinesfalls in unserem Interesse sein. Aber wir sind Vorbilder für unsere Kinder. Das dürfen wir bei all den Kämpfen, die gekämpft werden müssen, nicht vergessen. Und eine friedliche Gesellschaft von morgen braucht den Frieden, aber auch die Fürsorge von heute. Das kann auch mal ein Einlenken bedeuten…

 

 

Stadtlandfrau Inga Haese

StadtLandFrau #literarisch

Allgemein


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Immer ist Arbeit da für die Stadtlandfrau

Überall wohnen wir und arbeiten: Wir sind StadtLandFrau mit Familie und ohne allein und zu zweit in Gemeinschaft und ohne aber immer ist Arbeit da für die StadtLandFrau, denn sie baut Gemüse an oder Blumen oder sie kocht Spargelsuppe und erntet Tomaten vom Balkon oder es gibt Fertigpizza aus dem Ofen, manchmal frische Marmelade, der Frühstückstisch muss abgeräumt werden, die Wäsche aufgehängt und das Tagwerk kann beginnen.

Wir sind komplexe Arbeiterinnen, denn unsere Arbeit ist nicht selten unsichtbar und immer noch wird sie wenig bis nie repräsentiert,

in der Stadt nicht

auf dem Land nicht.

Wir sind Putzfrauen, Köchinnen und Angestellte, manche mussten ihre Heimaten verlassen und lassen Kinder zurück, nur um arbeiten zu können, damit andere besser bezahlt noch mehr arbeiten können

manche arbeiten zu Hause, manche haben keine Kinder und verstehen das Problem trotzdem, die Arbeitswelt macht sich darüber jedenfalls keine Gedanken

in der Stadt nicht

auf dem Land nicht

Trotzdem wollen wir arbeiten und tun das heute immer noch oft schlecht bezahlt und prekär, in der Stadt und auf dem Land. Hat sich das Verhältnis zwischen Stadt und Land vielleicht sogar umgekehrt?

Eigentlich war StadtLandFrau ein Buch. Es hieß Stadt, Land, Frau und war von Kerstin Dörhöfer und aus dem Jahr 1990. Ich las es während des Studiums und fand es sehr einprägsam und erhellend, was die Frauen dort über feministische Planunungsansätze in der Stadt geschreiben haben, darüber, wie Raum Geschlecht macht und Geschlecht Raum. Die Stadt schien der Ort zu sein, an dem Frauen endlich frei sein können, wo es kollektive und kooperative Lösungen gibt, Kitas und Arbeit, Ganztagsbetreuung für die Kinder und gut bezahlte Jobs statt dörflicher Strukturen und Geschlechterklischees, in die hineinzupassen schmerzt. Feministische Stadtkrititk, der Schlüssel zu den urbanen Problemen.

Aber dann wurde die Frau Mutter und die Stadt der Freiheit schien es nur im privilegierten Studentinnenleben gegeben zu haben. Familie in der Stadt schien plötzlich noch unmöglicher zu sein als im Dorf. Bezahlte Kitaplätze allein machen noch längst keine Freiheit. Im Gegenteil, sie pressen unsere kleinen Familien in das enge Korsett, das die Lohnarbeit uns schnürt, die unser Leben bestimmen soll, sie schnürt den Kindern die Luft zum Atmen ab; die kreativen Berufe der Eltern zerstören plötzlich die Entfaltung des Gemeinsamen. Drumherum herrscht Lärm und Luftverschmutzung, wenn man nicht bewusst andere Routen wählt und grüne Oasen aufsucht. All das kostet Energie, und am Ende ist sie überlastet, die Mutter in der Stadt, und findet das Land viel schöner. Aber es gibt auch dort kein Happy End.

Nur die Sehnsucht nach dem besseren Ort. Und das ist das Gute:

Es ist Raum für Utopien da

in der Stadt

auf dem Land

Und manchmal treffen sie sich in der StadtLandFrau.

Wir teilen eines: Die Lebenserfahrung, Frau geworden zu sein.

Ich möchte hier über das Leben von Frauen in Stadt und Land schreiben. Nicht nur über Frauen, sondern auch von Frauen. Was sie umtreibt mitten in der Großstadt. Und auf dem Dorf. Denn der explizite Blick von Frauen auf Frauenleben und über Frauenleben ist längst nicht dort wo wir ihn uns wünschen –

in der hegemonialen Weltsicht angekommen.

Immer noch müssen wir auf die Lebensrealitäten von StadtLandFrauen hinweisen. Welche Unterschiede und welche Gemeinsamkeiten sie auch teilen mögen, sie alle teilen eins: Die Lebenserfahrung, Frau geworden zu sein – in Anlehnung an Simone de Beauvoir. Also lasst uns nicht schweigen!