#17 +++Corona-Blog+++

Allgemein, Corona, FürSorge

Prädikat wertvoll: Das Corona-Zeugnis oder kein Bock mehr auf die Coronaschool

Langsam reicht‘s. Corona geht mir wirklich auf die Nerven. Heute kam ein Haufen Zettel aus der Schule zurück: „Warum ist davon so wenig bearbeitet, zu viel, zu schwer?“ Vermerk: Bitte nachfragen. Ich komme mir vor wie eine überforderte, berufstätige Mutter, die das Schulgeschehen ihrer Tochter vernachlässigt. Dann fällt mir ein: Ich bin eine überforderte, berufstätige Mutter, die das Schulgeschehen ihrer Kinder (jedenfalls zeitweise seit vier bis sechs bis elf Wochen!) vernachlässigt, also nicht die perfekt-perfekte Homeschoolmutter, sondern sagen wir mal: Note befriedigend.

Im meinem Zeugnis zum Schuljahresende wird stehen: Immerhin schafft Inga es, die Kinder pünktlich zu den richtigen, alternierenden Stunden in die Schule zu schicken, mit Frühstück und Aussicht auf ein meistens sogar warmes Mittagessen. Sie überblickt, dass der Sohn seine Hausaufgaben erledigt und dass die Tochter schreiben und lesen lernt in befriedigendem Maß. Mathematik kommt bei ihr definitiv zu kurz. Das liegt ihr zwar, aber es hat ihr noch nie Spaß gemacht. Geometrie hingegen, da leuchten ihre Augen. Das kann sie sehr gut, also macht sie sich mit ihrer Tochter auf die Suche: Wo finden wir in der Wohnung Dreiecke, Pyramiden, Würfel und Quader? Ist der Apfel eine Kugel? Aber was ist mit der Olive? Und dann schneiden wir aus Moosgummi geometrische Formen aus, die kleben wir auf Gegenstände und stempeln damit herum. Denn Kunst war schon immer Ingas Lieblingsfach. Und Deutsch. Geschichten schreiben. Deshalb ist Inga leider sehr ungeduldig mit ihrem Sohn, wenn er immer noch die Satzanfänge klein schreibt und sie nicht klimaktisch ordnen kann. Nein, wirklich, in Geduld gibt es höchstens ein Ausreichend bei Inga. Mit minus.

NaWi ist wiederum mit gut bis befriedigend zu bewerten, da bemüht sich Inga und geht mit ihrem Sohn Sand für Experimente suchen (bevor sie Interviews führen muss); die Kinder dürfen Öl mit Wasser mischen und Pizza backen (während ein Text korrigiert werden muss), und sie lernen gemeinsam Blütenpflanzen kennen. Inga weiß jetzt sogar wieder, wie das mit der Fotosynthese war (trotz Verlagsdeadline). Komisch, dass Inga immer das Gefühl hat, nichts so richtig machen zu können und stets ihren Ansprüchen hinterher zu hängen.

Extrapunkte konnte Inga durch das Vorleben eines nachhaltigen Lebensstils sammeln. Leider fließen diese nicht in die Gesamtnote ein, aber sie werden in einer Siegerurkunde erwähnt: Gemüseanbau und -Verwertung, das fällt in den Nachmittagsbereich, das weite Feld der AG’s. Und nicht zu vergessen die digitale Bildung, die Inga ihrem Sohn vermittelt – leider irrelevant fürs Zeugnis, aber sonst und vielleicht in Zukunft seeeeehr wertvoll. Die tut hier nichts zur Sache, es geht um eine Gesamtnote für dieses Schuljahr, und da zählen nunmal die Hauptfächer! Und besonders zählen die Zettel und die Hefte. Also weniger Phantasie und mehr Handfestes. Schade, Inga! Insgesamt kann sich das Kollegium auf ein (noch) befriedigend einigen, auch wenn wir die Bemühungen und die Belastung erkennen‚ unter der sie- und dann noch ein systemrelevanter Mann, na, das hat schon für Diskussionen unter den Fachlehrer:innen gesorgt, da ging es um die Tendenz, ob die jetzt nach unten zeige. Aber keine Sorge: Die Versetzung ist nicht gefährdet. (Aber diese Zettel. Diese blöden, doofen zuvielen Zettel. Eindeutige negative Tendenz, dass die jetzt nicht geschafft sind…)

Und trotzdem fragt man sich sogar: Was hätten die Kinder alles verpasst, wenn Corona nicht gewesen wäre? Was haben sie alles gelernt? Und wie hat Corona sie verändert?

Noch knapp drei Wochen, dann ist es soweit: Dann wird belohnt, was wir Eltern geleistet haben oder auch nicht. Zum Glück sind die Verschlechterungen qua Homeschool von vorn herein verboten worden. Wobei: Jetzt wurden notenrelevante Tests in der 5. Klasse geschrieben – wozu, wenn nicht um unsere Hauslehrer:innenqualitäten abzuprüfen? Ich bin angesichts der hanebüchenen Umstände mit meiner 3- jedenfalls zufrieden. Alles andere wäre gesundheitsschädlich.

#15+++Corona-Blog+++

Allgemein, Corona, FürSorge, Solidarische Politik

Sind die Lobbyforderungen nach Coronahilfe angemessen? Wie Corona den Finger in viele offene Wunden der Gesellschaft legt

Der Corona-Alltag ist zur Routine geworden: Desinfektionsspray und Mundschutz gehören zur Normalausstattung beim Schulbesuch (der natürlich nur zwecks Austausch von Arbeitsmaterial stattfindet), jetzt sogar beim Einkauf oder beim Arzt. An die bunten Gesichtsbedeckungen haben wir uns schneller gewöhnt, so scheint es, als an das Tragen von Fahrradhelmen beim Radeln. Vor nicht einmal sechs Wochen hätte das niemand für möglich gehalten. Die Abstandsregeln sind selbstverständlich geworden, ein Ausweichen wird nicht mehr mit argwöhnischem Blick beäugt. Im Supermarkt in der Markthalle 9 wurden Kund:innen gestern erstmals hinaus gebeten, die ohne Mundbedeckung wagten, einzutreten. Sogar Berlin macht ernst. Zeit also, um sich andere Pandemiegedanken zu machen als nur über Ansteckungszahlen.

Etwa darüber, mit welcher beachtlichen Selbstverständlichkeit Lobbygruppen staatliche Hilfe einklagen. Es ist nicht nur das Hotel- und Gaststättengewerbe; und auch nicht die Autobranche allein, wobei der VW-Vorstandschef im Tagesthemen-Interview kürzlich den Vogel abschoss mit seinem hilflosen Herumgeeier zur Boni- und Dividenden-Kürzung. Nach bühnenreifem Gestammel brachte er über die Lippen, als „letztes Mittel“ würde dies vielleicht irgendwann doch noch in Betracht gezogen. Eine zweifelhafte Einstellung, wenn der Staat gerade die Gehälter der Angestellten übernimmt. Es ist auch nicht nur die finanzielle Staatshilfe für Lufthansa, die von dem Luftfahrtkonzern nur ohne staatliche Aufsichtsratsmitglieder in Kauf genommen würde. Also vermutlich lieber Insolvenz (dann spart sich der Konzern die Pensionsansprüche von Mitarbeitenden).

Die Handlungsmaxime, die dahinterliegt: Den Staat maximal zur Kasse zu bitten

Nein, es ist die Summe, die den Braten fett macht, und zwar das Kalkül und die Handlungsmaxime, die dahinterliegen, nämlich den Staat maximal zur Kasse zu bitten, ohne dafür auch nur kleine Stellschrauben im Prozedere verändern zu wollen. Plötzlich hören wir Sätze wie „Das Kurzarbeitergeld steht uns zu, das haben wir jahrelang eingezahlt“ von Arbeitgeber:innen. Gerade so, als wäre der Sozialstaat ein nach Gusto einsetzbares Gewürz für Konzerne, das diese für ihre Speisen nur dann gerne verwenden, wenn es den Geschmack ihres Gerichts nicht verändert.

Corona-Elterngeld: Ein Segen für Kinder

Es gibt auch andere Forderungen, etwa der Elternlobby. Sie fordern im Gleichklang mit dem DIW ein Corona-Elterngeld, das die Vielfachbelastung berufstätiger Eltern anerkennt und vor allem die Nöte der Kinder berücksichtigt. Das Corona-Elterngeld soll es Eltern ermöglichen, ihre Arbeitszeit ohne Lohnabzüge zu reduzieren. Der Aufruf des DIW setzt sich für Familien und Alleinerziehende ein, in denen „beide Elternteile gemeinsam 40 Stunden arbeiten“. Schade, dass dieser Aufruf erst so spät an Aufmerksamkeit gewinnt, jetzt, wo die Kitas bald wieder öffnen.

Eine weitere Lobbygruppe, der zu Beginn des Shutdowns viel Aufmerksamkeit gewidmet war, sind die so genannten Soloselbständigen und Freiberufler:innen. Ich gehöre auch dazu, kann mich aber glücklicherweise nicht über Auftragseinbrüche beklagen. Andere aber sehr wohl. Facebook-Freund:innen rufen mich momentan dazu auf, die Corona-Soforthilfen für Selbständige mit einer Petition zu beanstanden. Denn die ausgezahlte Mindesthilfe über 5000 Euro ist an betriebliche Ausgaben geknüpft. Dass, so die Petition, sei nicht in Ordnung, denn die Solo-Selbstständigen können mit dem Geld weder Miete, Essen oder andere Lebensmittel bezahlen. Die Ausgaben werden nämlich später überprüft, es handelt sich also weder um staatlich geschenktes Geld noch um eine dicke Sozialhilfe. Das Argument der Kritiker:innen ist, dass viele durch das ALG-2-Raster fallen würden. Im Klartext: Es besteht kein Anspruch auf Hartz-IV, aber genug Geld für die Miete ist auch nicht drin. Ich kenne einige, die darunter fallen.

Corona zeigt neue politische Wege, die jenseits von stigmatisierendem Hartz-IV und sozialstaatsaus-hebelndem Grundeinkommen liegen können

Aber Fakt ist auch, dass es ihnen ohne Corona schon so ging, entweder weil der Partner oder die Partnerin zu viel verdienen oder weil das Ersparte gegen einen Hartz-IV-Antrag spricht, oder auch schlicht, weil das Stigma Hartz-IV nicht auszuhalten ist. Es ist fragwürdig, ob eine Corona-Soforthilfe als Sozialhilfe hier das Mittel der Wahl sein kann. Im Grunde zeigt die Problematik auf ein soziales Problem, das auch vor Corona bestand, dass nämlich viele fleißige Menschen von ihrem Schreiben und Übersetzen, ihrer Kunst und Kultur nicht überleben können, aber verständlicherweise kein Hart-IV beantragen wollen. Es ist kein Wunder, dass diese Lobby auch ohne Corona laut nach einem Grundeinkommen verlangt. Problematisch ist daran, dass der Sozialstaat von dieser Lobby unwissentlich und unabsichtlich untergraben wird. Der Grundkonflikt, der dann immer noch zwischen Kapital und Arbeit bestünde, würde mit einem Grundeinkommen zugedeckt und jegliche Instrumente, die der Sozialstaat zur Konfliktbefriedung ausgebildet hat, würden als überflüssig erachtet. Eine Lösung könnte ein staatlicher Zuschuss für Solo-Selbständige sein, so wie jetzt die Corona-Soforthilfe. Die Krise zeigt tatsächlich neue politische Wege auf, die jenseits von stigmatisierendem Hartz-IV und sozialstaatsaushebelndem Grundeinkommen liegen könnten.

Corona legt den Finger in viele offene Wunden der Gesellschaft

Aber wie sieht eigentlich der Alltag als soloselbständige Mutter mit zwei Kindern in der Homeschool aus? Wäre ich alleinerziehend, es ginge mir arg an den Kragen, nicht nur finanziell und arbeitstechnisch. Mein Mann kann besser homeschoolen als ich. Meine Kinder finden, er habe mehr Geduld. Nur leider muss er (oder darf?) öfter zur Arbeit. Dann stehe ich da und versuche, die Tochter zum Rechnen zu überreden und gleichzeitig Mittagessen zu kochen. Wenn ich es an den Schreibtisch schaffe, müssen nebenbei Streitereien geschlichtet, Bleistifte angespitzt und Arbeitsanweisungen nachvollzogen werden. Da mein Problem nicht die Auftragslage ist, besteht es momentan eher in der Ausführungslage. Wie soll ich meine Arbeit bewältigen, wenn ich gleichzeitig Grundschullehrerin spiele? Sorgearbeit und Arbeitsleben, es zeigt sich einmal mehr in seiner Unvereinbarkeit. So legt Corona den Finger in viele offene Wunden unserer Gesellschaft.

#12 +++Corona-Blog+++

Arbeit, Corona

Woche 2 endet: „Isolationsmüdigkeit“

Der Sonntag beginnt mit einer Einschätzung von Heinz Bude: Wir sind langsam isolationsmüde. Der Tag zeigt auf ganzer Linie, wie Recht er hat. Nicht, weil heute die Hausaufgaben überfordernd, das Homeoffice geöffnet oder die Kinder übermüdet wären, nein. Auch nicht, weil die kalten Graupelschauer einen Spaziergang vereitelt hätten.

Heute war ein Sonntag, der zeigt, dass seit zwei Wochen jeder Tag Sonntag ist und dass man als Elternpaar nur noch wenig Muße hat, die Kontaktsperre mit guter Laune über sich ergehen zu lassen. Wo man sich dabei ertappt, stoisch sogar ohne Kinder am Wohnzimmertisch eine Bastelvorlage nachzubasteln. Denn die Kinder haben sich mit Hörspielen ins Zimmer verzogen. Familie nervt einfach langsam. Die Witzvideos sind bereits mit allen Menschen ausgiebig ausgetauscht worden und der Humor ist langsam ausgeschöpft.

Armin Laschet hat in Angst um Kinder und Frauen, die Gewalt in den eigenen vier Wänden ausgesetzt sind, gar eine Lockerung der Ausgangsbeschränkungen gefordert. Ich finde aber, dass das Aufeinandergesperrtsein eine Herausforderung für jeden Haussegen ist, auch ohne Ohrfeigen oder Wut. Vermutlich schrauben sich Aggressionsspiralen in kleinen Wohnungen gerade reihenweise hoch – man kann sich schlicht nicht aus dem Weg gehen, wenn man genervt ist.

Dazu kommt: So langsam sickert in die Köpfe der Menschen ein, dass die Corona-Beschränkungen keine kurze Ausnahmeerscheinung sind. Die Zahlen der Welt zeigen, dass Corona überall Staaten in die Knie zwingt, Südafrika, Indien, USA. Nachrichten aus Italien und Spanien lassen einem die Tränen in die Augen treten und immer wieder die unfassbaren Bilder von Moria, wo die hoffenden Kinder nun nicht ausgeflogen werden, sondern alle dabei zusehen, wie die Zeitbombe dort weiter tickt.

Europa gleicht derzeit einem Scherbenhaufen. Wer letztes Jahr noch freudig auf die erste Amtszeit einer Kommissionspräsidentin geblickt hat, der reibt sich jetzt ungläubig die Augen. Beinah vier Wochen hat es gedauert, bis die Staaten ihre Hilfe füreinander wieder entdeckt haben. Die geschlossenen Grenzen symbolisieren eine Kapitulation vor dem Virus, aber auch eine Resignation in Europa, die kaum jemand noch vor einem Monat für möglich gehalten hatte.

Ausgerechnet die Corona-Krise als Weltkrise ist die Reinkarnation des Nationalstaates, dessen Zeitalter viele für tot erklärt hatten. Während die an Covid-19 Erkrankten intubiert werden müssen, beatmet das Virus die Kleinstaaterei. Jedes Land holt seine als Landsleute bezeichneten Bürger:innen in seine eigenen Grenzen zurück. Europa und Weltgesellschaft war gestern, heute heißt es zurück zur Nation.

Die Hilfen europäisch zu bündeln wäre ein Weg, dem zu entkommen. Aber die Server der Hilfsaufkommen für Betriebe sind schon in Berlin heillos überlastet. Ein Freund, der als Solo-Selbständiger Einnahmeausfälle hinnehmen muss, hat Wartenummer 10.000. So stellt sich die staatliche Hilfsbereitschaft selbst ein Bein, denn das Prinzip, das in dieser Krisenbewältigung scheinbar die Oberhand gewinnt, ist das Prinzip des Zufalls. Zufällig gerettet.

Aber der Abend bringt diese düsteren Erkenntnisse ob der Aussicht mit sich, dass morgen die Woche wieder beginnt. Wieder mit Homeschool. Wieder ohne Ablenkungen. Wieder mit Eltern-Homeoffice. Letzte Woche habe ich noch herzlich über die Wochenshow gelacht, in der meine Lieblingskaberettistin im gespielten Homeoffice durchdreht und alle anmotzt. Heute ahne ich, dass Witze besonders gut sind, wenn sie hauchdünn an der Realität vorbeischrammende Übertreibungen sind. „Isolationsmüdigkeit“ trifft meine momentane Stimmungsbeschreibung ziemlich auf den Punkt.

#11+++Corona-Blog+++

Allgemein, Corona

Woche 2: ZOOM-Sport in Zeiten von Corona

Der Corona-Virus bringt nicht nur Schreckensnachrichten mit sich, sondern im Kleinen auch etwas Gutes, das erfuhr ich heute in einem Radiointerview mit Sawsan Chebli, Staatssekretärin in Berlin. Sie betont die Nachbarschaftshilfe und die Bereitschaft von Vielen, ihren Mitmenschen durch die Krisenzeit helfen zu wollen. Heute denke ich, dass mein Nachbar mit seiner verunglückten Mitteilung an die Hausgemeinschaft genau das signalisieren wollte. Manchmal verunglückt das Gutgemeinte.

Was im Kleinen auch gut läuft ist das Ausprobieren von Neuem. Krisenzeiten laden immer zum Experimentieren ein. Ohne Experimente würde mein Sportverein, der Schokosport e.V., nicht überleben. Übrigens auch die Musikschule, die in ihrem amtlichen Schreiben sogar einen freundschaftlichen Ton anschlägt, vom gemeinsamen Ausprobieren neuer Wege ist da die Rede. Sympathisch. Musikunterricht per Videotelefonie.

Kein Wunder, dass Peter Altmaier hingerissen ist vom Digitalisierungsschub für die Unternehmen, bei allen negativen Nachrichten derzeit. Und so machte ich gestern meinen ersten digitalen Sportkurs über die Plattform zoom. Skypen war früher, heute wird gezoomt.

Das Programm ist ideal für Video-Meetings aller Art und mein Sportverein, der seinen Mitgliedern ein Online-Angebot machen möchte, geht mit Meeting-ID und Zugangs-Passwort auf Nummer sicher, dass nur die Angemeldeten teilnehmen können.

Neben der Kursleiterin ist nur eine weitere Teilnehmerin dabei, ich sehe sie und ihr Wohnzimmer samt Hängematte in einem kleinen Fenster. Hübsche Einrichtungsidee, ein Kachelofen, der zum Regal umfunktioniert wurde. Ich muss mich erstmal eingrooven, zuerst ist meine Internetverbindung zu schlecht, dann ziehe ich auch ins Wohnzimmer. Jetzt habe ich weniger Platz und bin zwischen Sofa, Tür und Tisch eingeklemmt, aber hier kann ich immerhin das ungewohnte Sport-Programm im Homemodus starten.

Tatsächlich entsteht ein virtueller Sportraum durch uns drei Teilnehmenden, aber in meinem Kopf entsteht ein ganz neuer Raum, in dem ich mich nur auf die Bewegungen konzentriere, ein imaginierter Sportraum, losgelöst vom realen Raum, in dem ich mich befinde. Das Wohnzimmer verschwindet um mich herum und ist in diesem imaginierten Sportraum nicht mehr existent, eine faszinierende Erfahrung.

Und noch etwas fällt mir hinterher auf: Eine Liveschalte ist tausendmal motivierender als ein YouTube-Video, bei dem die Trainer:in einen nicht sieht oder hört. Durch die Kommunikation mit den anderen während der Videokonferenz entsteht eine stärkere Teilnahme, Geräusche, Lachen, Zustimmung, all das wirkt sich positiv auf meine Anstrengungsbereitschaft aus. Bis die Tür aufgeht und die Kinder mich fassungslos anstarren. Aber sie sind nur für einen kurzen Moment überrascht. Es bringt sie zu Zeit nichts mehr wirklich aus dem Konzept, Alltag war gestern. Heute ist sowieso alles anders.

#7+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 7: Die Ruhe vor dem Sturm?

Der Sonntag versickert im Gebot, die Wohnung zu hüten. Ein verzagter Spaziergang am Vormittag. Kein Mensch auf den Straßen, der Park ist leer. Die balkonverzierten Häuserfassaden verraten nicht, ob hinter ihnen gelebt wird, gekauert, verhauen, gelacht oder getrunken. Oder ob einfach niemand mehr da ist. Berlin fühlt sich einsam an. Ein ganz neues Gefühl in der sonst so quirligen Stadt und in meinem Viertel zwischen Mitte und Kreuzberg, in dessen Ex-Mauerbrache in den letzten Jahren so viele Baukräne beheimatet waren wie am Potsdamer Platz in den 90ern. Inzwischen haben hinter der Bundesdruckerei so viele Verlage ihren Sitz, dass man ständig Schriftsteller:innen über den Weg läuft. Aber jetzt ist Schluss damit. Alles steht still.

Die Märzsonne leuchtet, die Forsythien stehen in voller Blüte und es ist kalt. Ein Vater spielt mit seinem Sohn Fußball und ein anderer Tischtennis. Sonst genießt niemand die kühle Luft und den blauen Himmel. Das Gespenstische, das die ersten Tage den öffentlichen Lockdown begleitet hatte, es ist einer Trägheit gewichen, die man von den ausgestorbenen Straßen Südeuropas kennt, wo die einzige Antwort auf eine zu große Mittagshitze die Verbarrikadierung zur Siesta in den kühleren Wohnungen ist. Nur gibt es keine Hitze, die droht. Sondern Covid.

Angela Merkel wendet sich erneut an die Bevölkerung. Der Ernst der Lage erfordert ihre Präsenz, und die Bundesländer erlassen ein Kontaktverbot, das morgen in Kraft tritt. Die Bewegung an der frischen Luft bleibt für Einzelne erlaubt, auch für ganze Familien. Es ist eine letzte Vorstufe vor einer Ausgangssperre. Ich bin froh, dann können wir morgen zum Geburtstag meiner Tochter wenigstens in den Park. Die Freundinnen dürfen jetzt allerdings nicht mehr mit. Seuchenschutz geht vor.

Ich höre im Radio, dass auch Merkel nun in Quarantäne ist: Sie hatte Kontakt zu einem Corona-positiven Arzt. Der Virus macht vor Ämtern, Macht und Reichtum nicht Halt. Aber besonders die Älteren unter uns müssen ihn fürchten, und noch Ältere wie meine Großmutter. Sie ist 89 und jetzt allein, unbesucht. Sie wird von der Besuchssperre beschützt und ist doch schutzlos.

Ich rufe sie an, sie hat Verständnis, weiß um die unbestimmte Gefahr, sogar die Sonntagsmesse wurde abgesagt. Aber so ganz kann sie die Aufregung nicht nachvollziehen, dass es jetzt wie im Krieg sei. Sie warnt mich vor denen, die jetzt alles stehlen würden und rät mir, Kartoffeln und Mehl zu lagern, denn damit könne man am meisten anstellen. Vermutlich hat sie recht, aber es ist nicht wie im Krieg. Es wird alles geliefert. Es ist nur sehr schnell ausverkauft.

#5+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 5: Gespenstische Ruhe in Berlin

„Es ist wie auf dem Land hier!“ jauchzt meine Tochter beim morgendlichen Fitnessprogramm, als wir die große Straße überqueren. Es geht zum Joggen in den Park, und kaum ein Auto fährt über den Moritzplatz. Sonst ist hier ein Verkehrsknotenpunkt. Meine Kinder sind begeistert von der Ruhe, „Mama, gar keine Abgase!“ Berlin-Kreuzberg und auch Mitte sind heute gespenstisch still, Restaurants, Cafés, Spielplätze, Geschäfte: geschlossen.

Eine Freundin meldet sich aus der Isolation in Dresden; sie sorgt sich um ihre Cousine, die in Tansania festsitzt. Rückflüge nach Deutschland: Fehlanzeige. Das Gesundheitssystem in Tansania ist mit 15 Intensivbetten im Land völlig überfordert mit der drohenden Pandemie, aber so geht es nicht nur Tansania. Eine andere Freundin sitzt in Guatemala fest, und wieder eine andere hat Leukämie. Damit gehört sie zur absoluten Risikogruppe. Mal wieder sehe ich, wie gut wir es haben: Wir langweilen uns bloß in städtischen Wohnungen mit perfekter Versorgungslage herum.

Aber der Tag geht weiter. Nachmittags wollen wir bewusst die Restaurants in der Nachbarschaft unterstützen. Zwei, die wir ansteuern, haben schon geschlossen. Eines verkündet geänderte Öffnungszeiten wegen Corona, von 13 bis 18 Uhr. Die Straßen sind ausgestorben, denn wo sonst Touristen in Überzahl herumwuseln und in Gruppen die Gehwege blockieren, herrscht jetzt fast bedrohliche Leere.

Ich fühle mich an Tel Aviv erinnert, wenn Schabbat ist: Kein Bus fährt, wenige Autos, und nur vereinzelte Spaziergänger:innen begegnen einem dort – ein Ausnahmezustand, ein Pausenmodus, Ruhezeit für alle. Nur: Das hier ist das echte Leben und kein Ruhetag.

Die Betreiberin der Kleinen Markthalle ist ideenlos, es kommt kaum noch ein Gast: Drei besetzte Tische, das waren ihre Einnahmen für heute. „Am Montag soll die Ausgangssperre kommen und dann machen wir ganz zu. Morgen muss ich alles wegwerfen.“ Ein Gast schlägt ihr vor, die Lebensmittel am Kotti zu verteilen: „Die Tafeln mussten ja alle zumachen, weil die Helfer über 65 sind.“ Die Chefin winkt ab: Am Montag sind die Sachen verdorben. Wie es weitergehen soll, keine Ahnung. Und das versprochene Hilfspaket des Senats über viele Millionen? Wieder winkt die Frau ab. Bis das bei ihr ankommt hat sie längst dicht gemacht, sagt sie achselzuckend.

Trotz aller Ängste steht die solidarische und wohlmeinende Stimmung im Vordergrund: Wir spenden Trost, kommen ins Gespräch, auch mit anderen – physisch distanziert natürlich. Statt Social Distance gibt es hier nur die körperliche Distanz, der Begriff des SoDiMo führt also nicht nur in die Irre, er stimmt einfach nicht. PhyDiMo, so sollte es heißen.

Wie auch immer, die Gewerbetreibenden sind sich einig, dass am Montag die Ausgangssperre kommt. Und was dann wird, das weiß keiner. Mit soviel Überzeugung erzählt unser Nachbar, ein Galerist, von der Ausgangssperre, dass sie so gut wie beschlossen scheint. Aber noch ist Freitag. Und jetzt schon schlägt die IHK Alarm, die Börsen krachen abwärts, und die Rezession ist unvermeidlich. Humor ist, wenn man trotzdem lacht, das machen die Betroffenen zur Zeit. Nur: wie lange können sie das durchhalten?

Auch die Kinder haben sich in die Situation eingefügt, sie genießen nun, dass es „so gemütlich ist“. Immerhin, wir scheinen als Eltern Ruhe auszustrahlen und keine Panik. Mein Mann hat bereits den ersten Kollateralschaden vom Homeoffice davon getragen: Die Lendenwirbelsäule schmerzt. Und heute las ich, dass jetzt in China die Scheidungsrate in die Höhe schnellt, wo das Ende der Quarantänezeit erreicht ist. Wir stehen erst am Anfang, da braucht es möglichst viel Luft nach oben, wenn doch mal Frust aufkommen sollte. Eine Möglichkeit zum Versüßen der Zeit ist das Ausprobieren von lange vor sich hergeschobenen Kochrezepten.

Im Radio hieß es, auch die Frauenhäuser litten unter extremem Zulauf: Häusliche Gewalt gegen Frauen nähme zu, wenn Familien sich so dicht auf die Pelle rückten. Was für eine fiese Folge von SoDiMo. Zudem ist es vermutlich so, dass Menschen in prekären Lagen, Armut oder (drohender) Arbeitslosigkeit jetzt doppelt unter den staatlichen Corona-Maßnahmen leiden: Die Entbehrungen der Situation treffen jemanden härter, wenn er oder sie schon grundsätzlich ein entbehrungsreicheres Leben führen muss. Und sei es die Entbehrung eines sicheren Einkommens, einer bezahlbaren Wohnung oder Zuneigung. Dann ist der Wunsch nach dem Ausprobieren eines Kochrezeptes bereits Luxus.

Hoffen wir, dass die digitalen Ablenkungsmöglichkeiten all jenen hilft, die sich einsam und verlassen fühlen. Die nächsten Wochen werden hart, heute war nur eine kleine Kostprobe.