Zwischen Institution und Utopie

Ein Freund aus Studientagen macht mich immer wieder darauf aufmerksam, dass ich mich früher feministisch positioniert hätte, in den letzten Jahren aber besonders familiäre Sorgearbeit in den Vordergrund gestellt hätte und sich für ihn die Frage stelle, wie das zusammenpasse – es besteht offenbar eine unüberwindbare Ambivalenz.

Ja, er hat recht, denn die Ambivalenz, mit der Eltern in einem Land mit derartig widersprüchlicher Familien- und Bildungspolitik konfrontiert sind, ist so groß, dass Scheitern an Idealen vorprogrammiert und/oder Anpassungen an die Verhältnisse erforderlich sind, um Kinder durch Corona-, Bildungs- und Care-Krise halbwegs vernünftig hindurch begleiten zu können. Diesen Ambivalenzen gilt es Beachtung zu schenken, etwa der konservativen Praxis steuerpolitischer Vergünstigungen von Zuverdienstmodellen (Ehegattensplitting) bei gleichzeitiger Ökonomisierung der Elternschaft durch z.B. das einkommensabhängige Elterngeld; oder das Mantra vom unerlässlichen Bildungserfolg herunterzubeten und gleichzeitig inadäquat ausgestattete Schulen inclusive Streiks, Personalnot und gesunkene Standards in der Ausbildung hinnehmen zu müssen – was die Privatisierung von Bildungsarbeit nach sich zieht (etwa durch Nachhilfe, Privatschulen oder/und eben in der Familie) und, wie PISA nun belegt, den Jugendlichen hierzulande einen grandiosen Nachteil beschert.

In Berlin wird zudem die Bildungspolitik der letzten Jahre abgestraft, die durch konsequente Ignoranz den größten Lehrer*innenmangel überhaupt an Schulen zu verantworten hat. Bevor ich (nach vier Wochen mit Streiktagen und Unterrichtsausfällen an der Grundschule) mich zu sehr hineinbegebe ins Alltagslamento möchte ich auf die drängenden Fragen und Widersprüche lieber an Utopisches denken, an die feministischen Idee, trotz aller Differenzen gemeinsam zu bleiben und weiter an feministischen Zukünften zu bauen.

Ein Veranstaltungshinweis über die Produktivität des Konflikts im feministischen Widerstreit – und über die Fähigkeit, Ambivalenzen auszuhalten und fruchtbar zu machen.

https://sociohub-fid.de/file/file/download?guid=943b23c7-6e8a-4940-9b85-cbfdff9088fc&hash_sha1=881d40ba

Veröffentlicht von stadtlandfrau

Inga Haese, Prof. Dr. rer. pol., ist Soziologin, Gärtnerin, Leserin, Mutter, Feministin, Kirchenaktivistin. Lebt in Berlin und bei Storkow in Brandenburg.

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