#11+++Corona-Blog+++

Allgemein, Corona

Woche 2: ZOOM-Sport in Zeiten von Corona

Der Corona-Virus bringt nicht nur Schreckensnachrichten mit sich, sondern im Kleinen auch etwas Gutes, das erfuhr ich heute in einem Radiointerview mit Sawsan Chebli, Staatssekretärin in Berlin. Sie betont die Nachbarschaftshilfe und die Bereitschaft von Vielen, ihren Mitmenschen durch die Krisenzeit helfen zu wollen. Heute denke ich, dass mein Nachbar mit seiner verunglückten Mitteilung an die Hausgemeinschaft genau das signalisieren wollte. Manchmal verunglückt das Gutgemeinte.

Was im Kleinen auch gut läuft ist das Ausprobieren von Neuem. Krisenzeiten laden immer zum Experimentieren ein. Ohne Experimente würde mein Sportverein, der Schokosport e.V., nicht überleben. Übrigens auch die Musikschule, die in ihrem amtlichen Schreiben sogar einen freundschaftlichen Ton anschlägt, vom gemeinsamen Ausprobieren neuer Wege ist da die Rede. Sympathisch. Musikunterricht per Videotelefonie.

Kein Wunder, dass Peter Altmaier hingerissen ist vom Digitalisierungsschub für die Unternehmen, bei allen negativen Nachrichten derzeit. Und so machte ich gestern meinen ersten digitalen Sportkurs über die Plattform zoom. Skypen war früher, heute wird gezoomt.

Das Programm ist ideal für Video-Meetings aller Art und mein Sportverein, der seinen Mitgliedern ein Online-Angebot machen möchte, geht mit Meeting-ID und Zugangs-Passwort auf Nummer sicher, dass nur die Angemeldeten teilnehmen können.

Neben der Kursleiterin ist nur eine weitere Teilnehmerin dabei, ich sehe sie und ihr Wohnzimmer samt Hängematte in einem kleinen Fenster. Hübsche Einrichtungsidee, ein Kachelofen, der zum Regal umfunktioniert wurde. Ich muss mich erstmal eingrooven, zuerst ist meine Internetverbindung zu schlecht, dann ziehe ich auch ins Wohnzimmer. Jetzt habe ich weniger Platz und bin zwischen Sofa, Tür und Tisch eingeklemmt, aber hier kann ich immerhin das ungewohnte Sport-Programm im Homemodus starten.

Tatsächlich entsteht ein virtueller Sportraum durch uns drei Teilnehmenden, aber in meinem Kopf entsteht ein ganz neuer Raum, in dem ich mich nur auf die Bewegungen konzentriere, ein imaginierter Sportraum, losgelöst vom realen Raum, in dem ich mich befinde. Das Wohnzimmer verschwindet um mich herum und ist in diesem imaginierten Sportraum nicht mehr existent, eine faszinierende Erfahrung.

Und noch etwas fällt mir hinterher auf: Eine Liveschalte ist tausendmal motivierender als ein YouTube-Video, bei dem die Trainer:in einen nicht sieht oder hört. Durch die Kommunikation mit den anderen während der Videokonferenz entsteht eine stärkere Teilnahme, Geräusche, Lachen, Zustimmung, all das wirkt sich positiv auf meine Anstrengungsbereitschaft aus. Bis die Tür aufgeht und die Kinder mich fassungslos anstarren. Aber sie sind nur für einen kurzen Moment überrascht. Es bringt sie zu Zeit nichts mehr wirklich aus dem Konzept, Alltag war gestern. Heute ist sowieso alles anders.

#10+++Corona-Blog+++

Corona

Woche 2: Wenn das Virus im eigenen Haus wohnt

Heute zog es mir beim Gang an die frische Luft glatt die Schuhe aus: Da versucht man tagelang, die empfohlenen Distanz-, Abstands- und Ausgangsregeln einzuhalten, um niemanden anstecken zu können und sich selbst auch nicht anzustecken — und der Virenherd, der einen angesteckt haben könnte, wohnt im eigenen Haus und sagt wochenlang keinen Piep. Nein, erst heute, wo er nun „immun“ gegen Corona ist wegen der durchstandenen Infektion, wendet er sich niedlicherweise an die Hausgemeinschaft mit einem aufgehängten Zettel und den Worten, er „hatte früh Corona“ und sei seit heute aus der Isolation.

Ich versuche auszurechnen, wann ich ihn an der Haustür getroffen habe, dummerweise damals noch mit kaum nennenswertem Sicherheitsabstand. Na gut, wir haben nicht viel mehr als „Guten Tag“ gesagt. Das war ungefähr vor 10 Tagen, sprich genau in der ansteckenden Zeit. Und ich hatte noch überlegt, ob ich die Türklinke so gedankenlos benutzen solle…

Ironischerweise hatten alle Mitglieder der Hausgemeinschaft Tipps für unsere Italienrückkehrerin zur Hand, die sich selbstverständlich und prompt – ich erwähnte es jüngst – in die selbstauferlegte Quarantäne begab; niemand traute sich zu ihr, Teller mit Essensspenden hinterließen wir vorsichtshalber vor ihrer Tür. Und das alles nur, um jetzt mutmaßlich von „Ich-bin-Millenial“-Dan angesteckt worden zu sein?! So nenne ich ihn, seitdem er sich dieses Etikett selbst gegeben hat.

Mein Mann und ich treffen „Ich-bin-Millenial“-Dan im Hof und können mit unserer Empörung nicht so richtig hinterm Berg halten. Schließlich liegt ein weiterer Tag Homeschooling nebst Homeoffice hinter uns. „Sag mal, warum hast du nicht früher Bescheid gegeben? Seit wann weißt du denn, dass du Corona hattest?“ fragen wir ihn mit gebührender Distanz, obwohl diese sich jetzt erübrigen würde. Dan schaut schuldbewusst: Angesteckt habe er sich am 7. März, sagt er. Er wisse es aber erst seit dem 16.! Also ab dem Tag #1, an dem die Maßnahmen zur Seucheneindämmung griffen und wir uns in den Kontakteinschränkungsmodus begaben. Er gehörte also zu den ersten 48 Berliner Fällen, deren Umfeld angeblich informiert wurde.

Den Müll hat „Ich-bin-Millenial“-Dan genauso in den Haus-Mülleimern entsorgt wie sonst auch, ohne Handschuhe und Desinfektionsmittel – und ohne uns zu fragen, ob wir ihm helfen. Dass wir vermutlich alle in Quarantäne gehörten seit dem Tag, an dem ich ihm an der Haustür begegnet bin, sage ich ihm. Nein, Dan wehrt entschieden ab, das Virus übertrage sich nur, wenn man mindestens eine Viertelstunde Kontakt gehabt habe. Das habe ihm seine Mutter gesagt, und die sei Ärztin. Komisch, dass die Tester:innen dann alle in Schutzkleidung herumlaufen und ein geforderter Sicherheitsabstand zwei Meter beträgt. Ist das also völlig übertrieben? Oder bin ich jetzt übertrieben ängstlich, oder rege ich mich zurecht über „Ich-bin-Millenial“-Dan auf?

Nun gut, es ist jetzt so wie es ist, und es sei ja schön, dass es ihm wieder gut gehe, schließe ich dann beschwichtigend ab, denn was gibt es im Nachhinein noch zu ändern. Trotzdem bin ich sauer, dass der Nachbar hinterher das ganze Haus verrückt macht – dann hätte er es sich auch ganz sparen können. Ich trage jedenfalls ab jetzt einen selbstgenähten Mundschutz. Grünblau mit Sternen.

Parallel zur Ungewissheit, ob die Pandemie ihren Höhepunkt in Deutschland bereits erreicht hat oder ob das Schlimmste erst noch bevorsteht, wächst die Ergebenheit in unser neues Schicksal. Mein Mann ist nun Homeschoolofficer, besonders für die beiden Grundschulkinder im eigenen Haushalt. Um 8:30 beginnt der Unterricht mit Unterweisungen im Tagesablauf: Nein, Hörspiele sind nicht erlaubt während der Schulzeit, und nein, Inlineskates sind jetzt nicht das richtige Instrument, um den Unterrichtsstoff adäquat zu vertiefen. Um 9:30 gibt es – tatsächlich haben wir Zeit und Vokabular übernommen – die erste Pause, also Frischluftzufuhr im Innenhof.

Wir stellen fest: Die Kinder erweisen sich als sehr kooperativ, wenn der Wortschatz aus der Schule auftaucht und eine deutlich gefühlte Grenze zur sonstigen in Haus und Hof verbrachten Freizeit definiert. Die Entgrenzung von Arbeit und Leben mag in der heutigen, auf Selbstverwirklichung abzielenden Arbeitswelt, für manch Erwachsene normal sein – auch wenn er oder sie mit Haut und Haaren von Arbeit gefressen wird – aber dass schon Kinder diese Entgrenzung von Arbeit und Freizeit massenhaft kennenlernen, das ist ein Novum und eigentlich ein Phänomen, das nur den privilegierten Reichen erlaubt ist, die sich Hauslehrer:in und Hausmusik leisten können – oder den Hippiefamilien.

Und spätestens jetzt wird auch klar, warum sich die breite Masse dieses Konzept nicht leisten kann: Für derartige Entfaltungsmöglichkeiten individueller Fertigkeiten benötigt man Platz und geschultes Personal. Nicht nur Lehrpersonal, auch Kochpersonal und ein Hauswirtschafter, und dann funktioniert das Konzept HomeschoolOffice. Denn als eierlegende Wollmilchsau hält es niemand lange durch.

Aber jetzt hoffen wir erstmal, dass „Ich-bin-Millenial“-Dan uns nicht angesteckt hat.

#8+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 8: Eine Woche Ausnahmezustand

Der Tag beginnt mit der Frage, wie die politischen Vorgaben zu deuten sind. Düften wir jetzt noch mit dem Auto zum Park fahren? Mit den Nachbarskindern eine Schatzsuche machen? Oder nur noch zum Einkaufen oder zur Arbeit, wie es der Freund orthodox interpretiert?

Wir schwanken kurz, dann aber ist klar: Die Schatzsuche mit den beiden Kindern aus der Hausgemeinschaft kann keine Kontaktsperre der Welt verbieten. Es geht mit Knobelaufgaben in den Park, wo sich heute ein ganz anderes Bild als am gestrigen Sonntag bietet: Jugendliche hängen auf den Tischtennisplatten rum, eine Mädelsgäng lümmelt auf dem gesperrten Spielplatz. Meine Kinder sind empört: „Mama, warum dürfen die das?“ Ich erkläre ihnen, dass sie das gar nicht nicht dürften, sondern einfach machten und dass darin der kleine Unterschied bestehe. „Also werden die verhaftet wenn die Polizei kommt?“ „Die kriegen Ärger wenn die Polizei kommt.“ Ehrfürchtig und mit großen Augen gehen sie weiter. Mein Sohn hat das Spiel aber durchschaut: „Die Polizei kommt hier sowieso nicht.“ Er hat vermutlich recht.

Die Nachmittage als Familie ziehen sich zugegebenermaßen in die Länge, wenn schon die Vormittage mit selbstgebastelten Strukturhilfen in die Kurven gehen. Vom schulpsychologischen Beratungszentrum (SIBUZ) gibt es jetzt Unterstützung: Dort erfahren Eltern auf 3 Seiten im Crashkurs, mit welchen Methoden sie sich als Hauslehrer:innen am besten ausstatten. Der Tip Berlin stellte in seiner Online-Ausgabe die gute Frage, ob wir jetzt alle Quereinsteiger:innen werden müssen. Vormittags Lehrerin, mittags Koch und nachmittags endlich mal selbst an den Schreibtisch. In einer Reportage wurde eine alleinerziehende Mutter von 3 Kindern in ihrem hoffnungslos überforderten Homeofficezustand gezeigt und ich frage mich, ob wir nicht bald statt der chronisch erschöpften Mütter oder Väter auch noch eine Burnoutkurve haben werden, die ganz steil nach oben zeigt. Dann hilft bei #flattenthecurve allerdings kein Social Distancing mehr.

Was all diese Nachrichten bringen: Einen Heidenrespekt vor den Spanier:innen und Italiener:innen, die schon länger weitaus rigidere Umstände überleben und immer noch Freude am Musizieren haben.

Aber so ein Corona-Geburtstag bringt auch besondere Anteilnahme und außergewöhnliche Ideen mit sich. Ganz rührend war am Abend das Geburtstagsleuchten für meine Tochter von den Hausbewohnerinnen, die sich in Quarantäne oder in „Distance“ befinden. Von ihnen gab es ein wunderschönes Wunderkerzenkonzert aus den Fenstern.

#5+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 5: Gespenstische Ruhe in Berlin

„Es ist wie auf dem Land hier!“ jauchzt meine Tochter beim morgendlichen Fitnessprogramm, als wir die große Straße überqueren. Es geht zum Joggen in den Park, und kaum ein Auto fährt über den Moritzplatz. Sonst ist hier ein Verkehrsknotenpunkt. Meine Kinder sind begeistert von der Ruhe, „Mama, gar keine Abgase!“ Berlin-Kreuzberg und auch Mitte sind heute gespenstisch still, Restaurants, Cafés, Spielplätze, Geschäfte: geschlossen.

Eine Freundin meldet sich aus der Isolation in Dresden; sie sorgt sich um ihre Cousine, die in Tansania festsitzt. Rückflüge nach Deutschland: Fehlanzeige. Das Gesundheitssystem in Tansania ist mit 15 Intensivbetten im Land völlig überfordert mit der drohenden Pandemie, aber so geht es nicht nur Tansania. Eine andere Freundin sitzt in Guatemala fest, und wieder eine andere hat Leukämie. Damit gehört sie zur absoluten Risikogruppe. Mal wieder sehe ich, wie gut wir es haben: Wir langweilen uns bloß in städtischen Wohnungen mit perfekter Versorgungslage herum.

Aber der Tag geht weiter. Nachmittags wollen wir bewusst die Restaurants in der Nachbarschaft unterstützen. Zwei, die wir ansteuern, haben schon geschlossen. Eines verkündet geänderte Öffnungszeiten wegen Corona, von 13 bis 18 Uhr. Die Straßen sind ausgestorben, denn wo sonst Touristen in Überzahl herumwuseln und in Gruppen die Gehwege blockieren, herrscht jetzt fast bedrohliche Leere.

Ich fühle mich an Tel Aviv erinnert, wenn Schabbat ist: Kein Bus fährt, wenige Autos, und nur vereinzelte Spaziergänger:innen begegnen einem dort – ein Ausnahmezustand, ein Pausenmodus, Ruhezeit für alle. Nur: Das hier ist das echte Leben und kein Ruhetag.

Die Betreiberin der Kleinen Markthalle ist ideenlos, es kommt kaum noch ein Gast: Drei besetzte Tische, das waren ihre Einnahmen für heute. „Am Montag soll die Ausgangssperre kommen und dann machen wir ganz zu. Morgen muss ich alles wegwerfen.“ Ein Gast schlägt ihr vor, die Lebensmittel am Kotti zu verteilen: „Die Tafeln mussten ja alle zumachen, weil die Helfer über 65 sind.“ Die Chefin winkt ab: Am Montag sind die Sachen verdorben. Wie es weitergehen soll, keine Ahnung. Und das versprochene Hilfspaket des Senats über viele Millionen? Wieder winkt die Frau ab. Bis das bei ihr ankommt hat sie längst dicht gemacht, sagt sie achselzuckend.

Trotz aller Ängste steht die solidarische und wohlmeinende Stimmung im Vordergrund: Wir spenden Trost, kommen ins Gespräch, auch mit anderen – physisch distanziert natürlich. Statt Social Distance gibt es hier nur die körperliche Distanz, der Begriff des SoDiMo führt also nicht nur in die Irre, er stimmt einfach nicht. PhyDiMo, so sollte es heißen.

Wie auch immer, die Gewerbetreibenden sind sich einig, dass am Montag die Ausgangssperre kommt. Und was dann wird, das weiß keiner. Mit soviel Überzeugung erzählt unser Nachbar, ein Galerist, von der Ausgangssperre, dass sie so gut wie beschlossen scheint. Aber noch ist Freitag. Und jetzt schon schlägt die IHK Alarm, die Börsen krachen abwärts, und die Rezession ist unvermeidlich. Humor ist, wenn man trotzdem lacht, das machen die Betroffenen zur Zeit. Nur: wie lange können sie das durchhalten?

Auch die Kinder haben sich in die Situation eingefügt, sie genießen nun, dass es „so gemütlich ist“. Immerhin, wir scheinen als Eltern Ruhe auszustrahlen und keine Panik. Mein Mann hat bereits den ersten Kollateralschaden vom Homeoffice davon getragen: Die Lendenwirbelsäule schmerzt. Und heute las ich, dass jetzt in China die Scheidungsrate in die Höhe schnellt, wo das Ende der Quarantänezeit erreicht ist. Wir stehen erst am Anfang, da braucht es möglichst viel Luft nach oben, wenn doch mal Frust aufkommen sollte. Eine Möglichkeit zum Versüßen der Zeit ist das Ausprobieren von lange vor sich hergeschobenen Kochrezepten.

Im Radio hieß es, auch die Frauenhäuser litten unter extremem Zulauf: Häusliche Gewalt gegen Frauen nähme zu, wenn Familien sich so dicht auf die Pelle rückten. Was für eine fiese Folge von SoDiMo. Zudem ist es vermutlich so, dass Menschen in prekären Lagen, Armut oder (drohender) Arbeitslosigkeit jetzt doppelt unter den staatlichen Corona-Maßnahmen leiden: Die Entbehrungen der Situation treffen jemanden härter, wenn er oder sie schon grundsätzlich ein entbehrungsreicheres Leben führen muss. Und sei es die Entbehrung eines sicheren Einkommens, einer bezahlbaren Wohnung oder Zuneigung. Dann ist der Wunsch nach dem Ausprobieren eines Kochrezeptes bereits Luxus.

Hoffen wir, dass die digitalen Ablenkungsmöglichkeiten all jenen hilft, die sich einsam und verlassen fühlen. Die nächsten Wochen werden hart, heute war nur eine kleine Kostprobe.