#18+++Corona-Blog+++

Allgemein, Corona, FürSorge

Die Angst vor der zweiten Welle oder das lange Warten auf ein Testergebnis

Vor vier Tagen rief die Lehrerin des großen Sohnes bei uns an. Was an sich bereits alarmierend ist: Es war ein Sonntag. Die Mutter einer Schülerin in seiner Lerngruppe sei positiv auf Corona getestet worden. Es obliege nun uns, wie wir mit der Nachricht umgingen, ob wir unseren Sohn weiter zur Schule schicken würden oder nicht, das Gesundheitsamt mache keine Vorgaben in einem solchen Fall. Die Senatsverwaltung offenbar auch nicht: Es gab weder eine Verhaltensempfehlung noch wurde uns nahegelegt, die betroffenen Eltern in der halbierten Lerngruppe zu kontaktieren oder einen Corona-Test zu machen. Auch nach drei Monaten Pandemieerfahrung wurde offenbar noch kein allgemeingültiger Leitfaden für Berliner Schulen und deren Betroffene entwickelt, wie im Fall eines Corona-Verdachts auch an alle gedacht werden kann.

Halsschmerzen

Nun saß ausgerechnet die betreffende Schülerin nah bei meinem Sohn, gleich vor ihm. Und ausgerechnet an dem Morgen dieses Tages klagte mein Sohn über Halsschmerzen, und wenn auch nicht nachhaltig, so versetzte diese Klage meine Mutterohren in absolute Aufregung. In der Presse war viel von Gütersloh die Rede und auch von Neukölln, wo ein Wohnblock mit Corona-Infektionen Aufmerksamkeit erregte. Von Kreuzberg aber sprach niemand, von Schulen erst recht nicht, aber jetzt waren wir Eltern in höchste Alarmbereitschaft versetzt und ließen unsere beiden Kinder am folgenden Morgen freiwillig zu Hause. Das Schuljahr war mit dieser Gemengelage für sie frühzeitig beendet. Auch für meinen Mann war es das. Ihm wurde immerhin geraten, zu Hause zu bleiben.

Unsere Priorität: Möglichst keinem Corona-Fall begegnen und zu viert getestet werden

Für unsere Familie begann eine unschöne, über 72-Stunden währende Zeit des Wartens und der Unsicherheit. Ob die Länge dieses Zeitraums von schlaueren Handlungsalternativen hätte verkürzt werden können, mögen Expert:innen beurteilen. Wir Corona-Laien jedenfalls stolperten blindlings in die Mühlen des Berliner Behörden- und Gesundheitsdschungels hinein, als wir beschlossen, einen Corona-Test machen zu wollen. Dabei, so versicherten Menschen außerhalb Berlins, können Testergebnisse inzwischen binnen zwei bis zwölf Stunden vorliegen. Optimistisch startete ich also am Montagmorgen meine Anrufserie, um uns einen Termin im Neuköllner Estrel-Hotel zu besorgen, dem einzigen „Drive-In“ für Corona-Tests, den ich in Berlin finden konnte. Unsere Priorität war nämlich, möglichst keinem Corona-Fall zu begegnen und zu viert getestet zu werden. Der freundliche Mitarbeiter des Gesundheitsamtes Neukölln wies mich jedoch sofort ab, da wir weder im Bezirk wohnten noch dort arbeiten würden: „Setzen Sie sich mit dem Gesundheitsamt Friedrichshain-Kreuzberg in Verbindung, die sind für Sie zuständig und sagen Ihnen dann, wo Sie sich testen lassen können.“ Er nannte mir eine Telefonnummer. Ich wählte. Am anderen Ende lief die automatisierte Ansage einer freundlichen Dame: „Zur Zeit ist niemand erreichbar.“ Ich probierte, schon weniger optimistisch, auch die im Internet angegebene Telefonnummer des Gesundheitsamtes und erreichte: Niemanden. Ich rief entnervt unseren Kinderarzt an. Wenn uns jemand weiterhelfen konnte, dann doch der zuständige Arzt! Die Sprechstundenhilfe klang erfahren: „Hier können Sie Ihren Sohn nicht testen lassen, aber da wenden Sie sich ganz einfach an die Corona-Teststellen in den Notaufnahmen der Krankenhäuser. Es gibt folgende Corona-Ambulanzen.“ Sie ratterte routiniert eine Liste ab und ich legte zufrieden auf. Ich beratschlagte mit meinem Mann, wo es wohl am unkompliziertesten, sprich am wenigsten überlaufen sein würde und wir entschieden uns für die Klinik Havelhöhe, ein unter Kreuzberger Schwangeren beliebtes, weil anthroposophisches Krankenhaus. Es erschien mir äußerst logisch, dass dort wenige Menschen zusammenlaufen, um sich testen zu lassen. Dafür ist es einfach zu weit.

Über dem Schild zur „Corona-Ambulanz“ klebte der Aufkleber „geschlossen“

Der Ritt zur Havelhöhe erwies sich als lang und anstrengend. Aus Berlins Mitte raus, immer geradeaus, sämtliche Prachtstraßen entlang, dann die Heerstraße runter, schließlich links ab Richtung Kladow. Die Sonne schien. Leider durften wir wegen des Corona-Verdachtes weder das schöne Wetter noch die Landschaft genießen, wie wir recht schnell feststellten. Die Kinder begannen nämlich plötzlich von ihrem Ausflug an den Badesee zu schwärmen, während wir den Kladower Damm runterschlichen und die Schiffchen an der Havel den Kids Ferien verhießen. Als wir die Klinik erreichten war ziemlich schnell der emotionale Tiefpunkt unseres „Ausflugs“ erreicht: Über dem Schild zur „Corona-Ambulanz“ klebte der Aufkleber „geschlossen“. Mir rutschte kurz das Herz in die Kniekehle, aber so schnell würden wir nicht aufgeben. Also fuhren wir vor zum Haupteingang, schließlich hatten wir die Information von unserem seriösen Kinderarzt erhalten, dass wir hier richtig seien! Nur, um einen Blick auf das Klinikgelände zu werfen, war die einstündige Fahrt eindeutig zu aufwändig gewesen. Zugegeben: Die geschwungenen Wege und die Weleda-Schrift überall, die üppigen Lupinen und der Rittersporn waren bildschön und auf ihren scheinbar ungepflegten Inseln so kühn bewässert und in Schach gehalten, dass der Park wild und anmutig zugleich erschien und die zwischen Kiefernwäldchen gelegenen Einrichtungen am Havelufer ließen zumindest ahnen, warum hier so viele Hauptstadt-Mütter ihren Kindern das erste Licht der Welt zeigen wollten: Es erinnert in keiner Weise an die große, laute Stadt nebenan.

„Also, wenn Sie jetzt noch kein Corona haben, kriegen Sie es spätestens, wenn Sie sich hier testen lassen.“

Nur hatte ich für diese Ideen im Moment keinen Sinn. Ich hatte plötzlich Halsschmerzen, womöglich Corona? Und vielleicht war meine ganze Familie infiziert, und jetzt testete uns niemand hier in dieser anthroposophischen Spielzeugwelt? Ein unwirkliches Gefühl, eine paradoxe Situation. Wir bekamen einen Zettel mit weiteren Aufzählungsadressen und Telefonnummern in die Hand gedrückt. Klar war, dass wir mit unserer einstündigen Wegstrecke in die Stadt hinein keine Ambulanz mehr erwischen würden, denn die Hälfte schließt um 13 Uhr. Wütend tippte ich eine Email in mein Handy, die an die Sprechstundenhilfe gerichtet war: Können Sie es bitte unterlassen, Patient:innen zur Havelhöhe zu schicken? HIER WIRD NICHT GETESTET! Seit Anfang Mai, wie sich herausstellte, war die anthroposophische Corona-Ambulanz geschlossen. Also Kompassnadel neu ausrichten, diesmal traf es die Wenckebachklinik. Aber erst anrufen! Die freundliche Stimme riet uns davon ab, die Corona-Ambulanz aufzusuchen: „Also, wenn Sie jetzt noch kein Corona haben, kriegen Sie es spätestens, wenn Sie sich hier testen lassen.“ Mit Verlaub, aber nach dieser Aussage schleppe ich meine Kinder bestimmt nicht zum Testen in irgendeine der angegebenen Teststellen Berlins. Im Streit mit meinem Mann und mit mürrischen Kindern, die baden wollten, mussten wir uns auf den Heimweg machen, unverrichteter Dinge und ohne Aussicht auf Besserung.

Tag 1 der Quarantäne nahm bereits seinen nervtötenden Lauf, Tag 2 war damit vorprogrammiert

Zunächst als Glücksfall erwies sich dann ein Anruf meines Mannes beim MVZ Kreuzberg: Dort wäre man bereit, uns auf dem Hof zu testen, ohne Wartezimmer und die ganze Familie zusammen. Einziger Haken: Wir müssten bis zum nächsten Morgen warten, Termin ist um 10:00. Das Ergebnis gäbe es nach 24 Stunden. Tag 1 der Quarantäne nahm bereits seinen nervtötenden Lauf, Tag 2 war damit vorprogrammiert. Aber wir nahmen den Termin trotzdem dankbar an, immerhin versprach er einen Test und ein Ergebnis. Bis dahin würden wir die Zeit schon umbringen. Unsere Nachbarn sprachen mit uns durch das offene Fenster und nahmen eine Milchbestellung entgegen. Es gab die letzten Scheiben Toastbrot und am nächsten Morgen setzten wir uns erneut ins Auto, diesmal zum MVZ. Ich lenkte den Wagen durch eine schmale Toreinfahrt auf einen Kreuzberger Hinterhof. „Desk to go“ stand da, verschiedene Start-Ups, ein Weinhandel und ein Reifenhandel teilten sich den schmucklosen Hof. Die neue Kreuzberger Mischung. Das Laufpublikum war Ende 30, jugendlich gekleidet und überwiegend männlich. Nach zehn Minuten Wartezeit kam eine weiß bekittelte Frau mit medizinischem Mundschutz aus einem der Treppenaufgänge. Ich verließ den Wagen und die Frau sammelte unsere Krankenkassenkarten ein, dann verschwand sie wieder. Nach einer weiteren Viertelstunde kam sie zurück und hatte jetzt lauter Plastiktüten, Röhrchen und Aufkleber dabei. Das Laufpublikum schaute neugierig, als die Frau mir empfahl, meinen Mundschutz abzunehmen, damit sie mir ein Stäbchen in den Mund stecken könnte.

Die absurdeste Situation meines Lebens: In einem Berliner Hinterhof vor den Augen von Start-Up-Mitarbeitenden und Weinhändlern einen Rachenabstrich von einer jungen Lady mit Dutt und Turnschuhen in medizinischer Berufskleidung verpasst zu bekommen

Die Anweisung war, den Mund locker aufzumachen, die Zunge nach vorn zu schieben, dann kam das Kitzelstäbchen. Das Publikum schien interessiert. Mir war klar, dass dies die absurdeste Situation meines Lebens war: In einem Berliner Hinterhof vor den Augen von Start-Up-Mitarbeitenden und Weinhändlern einen Rachenabstrich von einer jungen Lady mit Dutt und Turnschuhen in medizinischer Berufskleidung verpasst zu bekommen gehörte bis dahin nicht ins Repertoire meiner Erfahrungen. Als nächstes kam das Nasenstäbchen dran, das besonders kitzelig wirkte. Ich hüpfte vor Lachen mehrmals zurück. Nach mir war mein Mann an der Reihe, und dann waren die Kinder dran. Die fanden das Stäbchen nicht so witzig, ich hielt sie nacheinander aufmunternd an ihren Schultern fest. Schließlich waren alle Proben in ihren doppelt eingetüten Plastikfolien (der ganze Müll! Corona verursacht so viel zusätzlichen Müll! Danke, ihr Fledermäuse!) verstaut und wir hatten unsere Tests gleichzeitig und ohne weitere Ansteckungsgefahr hinter uns gebracht, wenn auch auf einem Kreuzberger Hinterhof vor laufendem Publikum. Die Anweisung von der medizinischen Fachkraft klang noch lange in unseren Ohren nach: Ab jetzt begeben Sie sich bitte in Ihre Wohnung, Sie dürfen Ihre Wohnung nicht verlassen, auch nicht zum Einkaufen – bis das Ergebnis nach 24 Stunden vorliegt. (Ich wies die Dame an, es für die Kinder noch einmal zu wiederholen.)

Nichts ist schlimmer, als in Quarantäne zu sein, während alle anderen NICHT zu Hause bleiben müssen

Es stellte sich heraus, dass nichts schlimmer ist, als in Quarantäne zu sein, während alle anderen NICHT zu Hause bleiben müssen. Es macht psychologisch einfach einen Unterschied, ob man sich allein mit einer absurden, blöden, nervtötenden Situation abfinden muss oder ob man viele andere um sich herum in der gleichen Situation weiß. Plötzlich erschien es uns und besonders den Kindern unerträglich, dass die anderen draußen grillten oder mit einem Erdbeerkuchen am Fenster vorbeiliefen, dass die Nachbarjungs Roller fahren durften oder die Freundin auf dem Hof vorm Fenster Fangen spielte. Wir blieben drinnen, und zumindest für einen Tag müsste das doch gelassen möglich sein. Tag 3 begann entsprechend spät, ich versuchte mich wie gewohnt am Homeoffice und wären da nicht die unausgelasteten Kinder gewesen, es hätte ein Tag wie jeder andere sein können, nur mit etwas mehr Meinungsverschiedenheiten um den Wohnungsputz und noch mehr Ermahnungen an die Adresse der tabletspielenden Kids. Aus den verbliebenen Lebensmitteln bekam ich immerhin noch Pfannkuchen für alle hin, das Mittagessen war gesichert. Doch dann kam sie, die schlechte Nachricht. Die schlechteste aller schlechten: Nicht etwa ein positives Testergebnis, nein – schlimmer! Es würde heute kein Ergebnis mehr reinkommen! Das Labor käme nicht hinterher, das Corona-Testergebnis wird noch einen Tag auf sich warten lassen. Die zu Beginn glückliche Fügung mit dem Hinterhof-Test erwies sich nun rückblickend als zeitraubend, als denkbar schlechteste Wahl von allen, vermutlich hätten wir überall sonst innerhalb von 24 Stunden ein Ergebnis bekommen! Jetzt hatten wir die Quittung für unser naives Handeln, dass unsere Priorität die Vermeidung von Kontakt zu möglichen Corona-Fällen war, das uns noch einen ganzen Tag länger in der unsicheren und quälenden Quarantäne-Situation belassen würde. Oder war das reine Schikane, um den R-Wert für Berlin weiterhin niedrig halten zu können, unkte die innere Kritikerin in mir. Und wenn nicht, dann ist es doch ein Armutszeignis, dass die Labore überfordert sind, schimpfte sie weiter. An einen entspannten Ferienanfang war nicht mehr zu denken. Entnervt bestellte ich Pizza zum Abendbrot und alle durften stundenlang Harry Potter gucken. Immerhin, damit war die Laune für den Abend gerettet.

Tag 4 der selbstauferlegten Corona-Verdachtsquarantäne begann mit einem Desaster

Tag 4 in selbstauferlegter Corona-Verdachtsquarantäne begann mit einem Desaster: Die Arztpraxis bestätigte, dass ein Test-Ergebnis frühestens um 15:00 vorliegen würde. Ich stöhnte. Der erste Sommerferientag war verhagelt. Mein Sohn warf sich blindlings aufs Sofa und wütete, denn er konnte es keine Minute mehr ohne seine Freunde aushalten. Zu allem Überfluss rief dann auch noch ein Kumpel an und bat meinen Mann, ihn irgendwo hin zu fahren. Corona sei ihm egal. Mein Mann wusste: Er würde nie wieder einen Corona-Test machen. Immerhin erfuhren wir nach einigen Telefonaten, dass wir nicht die einzigen in der ungewissen Situation waren: Die Eltern eines Schulkameraden meines Sohnes warteten ebenfalls auf ein Testergebnis, und sie hatten ihren Sohn wiederum zu einer anderen Teststelle fahren müssen, alle Ergebnisse stünden noch aus. Geteiltes Leid, soviel ist sicher, ist halbes Leid. Das Wissen, man ist nicht allein mit seiner nervtötenden und belasteten Situation ist, entspannt erhitzte Gemüter. Und dann kam sie endlich, früher als gedacht: Um elf Uhr gabe es überraschend Entwarnung für uns alle, viermal negative Testergebnisse. Unsere Angst vor der zweiten Welle ist erstmal ausgestanden. Ein wenig zu spät kam die Mail der Lehrerin um 13 Uhr: Offenbar sei die Nachricht untergegangen, dass das betroffene Mädchen aus der Lerngruppe meines Sohnes negativ getestet worden sei (!).

Viel Lärm um nichts also, das lernen wir daraus, und dass Lehrer:innen vernünftige Corona-Leitfäden zur Hand bekommen sollten. Und noch eins: Vielleicht sind Kinder tatsächlich seltener Virusüberträger.

#17 +++Corona-Blog+++

Allgemein, Corona, FürSorge

Prädikat wertvoll: Das Corona-Zeugnis oder kein Bock mehr auf die Coronaschool

Langsam reicht‘s. Corona geht mir wirklich auf die Nerven. Heute kam ein Haufen Zettel aus der Schule zurück: „Warum ist davon so wenig bearbeitet, zu viel, zu schwer?“ Vermerk: Bitte nachfragen. Ich komme mir vor wie eine überforderte, berufstätige Mutter, die das Schulgeschehen ihrer Tochter vernachlässigt. Dann fällt mir ein: Ich bin eine überforderte, berufstätige Mutter, die das Schulgeschehen ihrer Kinder (jedenfalls zeitweise seit vier bis sechs bis elf Wochen!) vernachlässigt, also nicht die perfekt-perfekte Homeschoolmutter, sondern sagen wir mal: Note befriedigend.

Im meinem Zeugnis zum Schuljahresende wird stehen: Immerhin schafft Inga es, die Kinder pünktlich zu den richtigen, alternierenden Stunden in die Schule zu schicken, mit Frühstück und Aussicht auf ein meistens sogar warmes Mittagessen. Sie überblickt, dass der Sohn seine Hausaufgaben erledigt und dass die Tochter schreiben und lesen lernt in befriedigendem Maß. Mathematik kommt bei ihr definitiv zu kurz. Das liegt ihr zwar, aber es hat ihr noch nie Spaß gemacht. Geometrie hingegen, da leuchten ihre Augen. Das kann sie sehr gut, also macht sie sich mit ihrer Tochter auf die Suche: Wo finden wir in der Wohnung Dreiecke, Pyramiden, Würfel und Quader? Ist der Apfel eine Kugel? Aber was ist mit der Olive? Und dann schneiden wir aus Moosgummi geometrische Formen aus, die kleben wir auf Gegenstände und stempeln damit herum. Denn Kunst war schon immer Ingas Lieblingsfach. Und Deutsch. Geschichten schreiben. Deshalb ist Inga leider sehr ungeduldig mit ihrem Sohn, wenn er immer noch die Satzanfänge klein schreibt und sie nicht klimaktisch ordnen kann. Nein, wirklich, in Geduld gibt es höchstens ein Ausreichend bei Inga. Mit minus.

NaWi ist wiederum mit gut bis befriedigend zu bewerten, da bemüht sich Inga und geht mit ihrem Sohn Sand für Experimente suchen (bevor sie Interviews führen muss); die Kinder dürfen Öl mit Wasser mischen und Pizza backen (während ein Text korrigiert werden muss), und sie lernen gemeinsam Blütenpflanzen kennen. Inga weiß jetzt sogar wieder, wie das mit der Fotosynthese war (trotz Verlagsdeadline). Komisch, dass Inga immer das Gefühl hat, nichts so richtig machen zu können und stets ihren Ansprüchen hinterher zu hängen.

Extrapunkte konnte Inga durch das Vorleben eines nachhaltigen Lebensstils sammeln. Leider fließen diese nicht in die Gesamtnote ein, aber sie werden in einer Siegerurkunde erwähnt: Gemüseanbau und -Verwertung, das fällt in den Nachmittagsbereich, das weite Feld der AG’s. Und nicht zu vergessen die digitale Bildung, die Inga ihrem Sohn vermittelt – leider irrelevant fürs Zeugnis, aber sonst und vielleicht in Zukunft seeeeehr wertvoll. Die tut hier nichts zur Sache, es geht um eine Gesamtnote für dieses Schuljahr, und da zählen nunmal die Hauptfächer! Und besonders zählen die Zettel und die Hefte. Also weniger Phantasie und mehr Handfestes. Schade, Inga! Insgesamt kann sich das Kollegium auf ein (noch) befriedigend einigen, auch wenn wir die Bemühungen und die Belastung erkennen‚ unter der sie- und dann noch ein systemrelevanter Mann, na, das hat schon für Diskussionen unter den Fachlehrer:innen gesorgt, da ging es um die Tendenz, ob die jetzt nach unten zeige. Aber keine Sorge: Die Versetzung ist nicht gefährdet. (Aber diese Zettel. Diese blöden, doofen zuvielen Zettel. Eindeutige negative Tendenz, dass die jetzt nicht geschafft sind…)

Und trotzdem fragt man sich sogar: Was hätten die Kinder alles verpasst, wenn Corona nicht gewesen wäre? Was haben sie alles gelernt? Und wie hat Corona sie verändert?

Noch knapp drei Wochen, dann ist es soweit: Dann wird belohnt, was wir Eltern geleistet haben oder auch nicht. Zum Glück sind die Verschlechterungen qua Homeschool von vorn herein verboten worden. Wobei: Jetzt wurden notenrelevante Tests in der 5. Klasse geschrieben – wozu, wenn nicht um unsere Hauslehrer:innenqualitäten abzuprüfen? Ich bin angesichts der hanebüchenen Umstände mit meiner 3- jedenfalls zufrieden. Alles andere wäre gesundheitsschädlich.

#12 +++Corona-Blog+++

Arbeit, Corona

Woche 2 endet: „Isolationsmüdigkeit“

Der Sonntag beginnt mit einer Einschätzung von Heinz Bude: Wir sind langsam isolationsmüde. Der Tag zeigt auf ganzer Linie, wie Recht er hat. Nicht, weil heute die Hausaufgaben überfordernd, das Homeoffice geöffnet oder die Kinder übermüdet wären, nein. Auch nicht, weil die kalten Graupelschauer einen Spaziergang vereitelt hätten.

Heute war ein Sonntag, der zeigt, dass seit zwei Wochen jeder Tag Sonntag ist und dass man als Elternpaar nur noch wenig Muße hat, die Kontaktsperre mit guter Laune über sich ergehen zu lassen. Wo man sich dabei ertappt, stoisch sogar ohne Kinder am Wohnzimmertisch eine Bastelvorlage nachzubasteln. Denn die Kinder haben sich mit Hörspielen ins Zimmer verzogen. Familie nervt einfach langsam. Die Witzvideos sind bereits mit allen Menschen ausgiebig ausgetauscht worden und der Humor ist langsam ausgeschöpft.

Armin Laschet hat in Angst um Kinder und Frauen, die Gewalt in den eigenen vier Wänden ausgesetzt sind, gar eine Lockerung der Ausgangsbeschränkungen gefordert. Ich finde aber, dass das Aufeinandergesperrtsein eine Herausforderung für jeden Haussegen ist, auch ohne Ohrfeigen oder Wut. Vermutlich schrauben sich Aggressionsspiralen in kleinen Wohnungen gerade reihenweise hoch – man kann sich schlicht nicht aus dem Weg gehen, wenn man genervt ist.

Dazu kommt: So langsam sickert in die Köpfe der Menschen ein, dass die Corona-Beschränkungen keine kurze Ausnahmeerscheinung sind. Die Zahlen der Welt zeigen, dass Corona überall Staaten in die Knie zwingt, Südafrika, Indien, USA. Nachrichten aus Italien und Spanien lassen einem die Tränen in die Augen treten und immer wieder die unfassbaren Bilder von Moria, wo die hoffenden Kinder nun nicht ausgeflogen werden, sondern alle dabei zusehen, wie die Zeitbombe dort weiter tickt.

Europa gleicht derzeit einem Scherbenhaufen. Wer letztes Jahr noch freudig auf die erste Amtszeit einer Kommissionspräsidentin geblickt hat, der reibt sich jetzt ungläubig die Augen. Beinah vier Wochen hat es gedauert, bis die Staaten ihre Hilfe füreinander wieder entdeckt haben. Die geschlossenen Grenzen symbolisieren eine Kapitulation vor dem Virus, aber auch eine Resignation in Europa, die kaum jemand noch vor einem Monat für möglich gehalten hatte.

Ausgerechnet die Corona-Krise als Weltkrise ist die Reinkarnation des Nationalstaates, dessen Zeitalter viele für tot erklärt hatten. Während die an Covid-19 Erkrankten intubiert werden müssen, beatmet das Virus die Kleinstaaterei. Jedes Land holt seine als Landsleute bezeichneten Bürger:innen in seine eigenen Grenzen zurück. Europa und Weltgesellschaft war gestern, heute heißt es zurück zur Nation.

Die Hilfen europäisch zu bündeln wäre ein Weg, dem zu entkommen. Aber die Server der Hilfsaufkommen für Betriebe sind schon in Berlin heillos überlastet. Ein Freund, der als Solo-Selbständiger Einnahmeausfälle hinnehmen muss, hat Wartenummer 10.000. So stellt sich die staatliche Hilfsbereitschaft selbst ein Bein, denn das Prinzip, das in dieser Krisenbewältigung scheinbar die Oberhand gewinnt, ist das Prinzip des Zufalls. Zufällig gerettet.

Aber der Abend bringt diese düsteren Erkenntnisse ob der Aussicht mit sich, dass morgen die Woche wieder beginnt. Wieder mit Homeschool. Wieder ohne Ablenkungen. Wieder mit Eltern-Homeoffice. Letzte Woche habe ich noch herzlich über die Wochenshow gelacht, in der meine Lieblingskaberettistin im gespielten Homeoffice durchdreht und alle anmotzt. Heute ahne ich, dass Witze besonders gut sind, wenn sie hauchdünn an der Realität vorbeischrammende Übertreibungen sind. „Isolationsmüdigkeit“ trifft meine momentane Stimmungsbeschreibung ziemlich auf den Punkt.

#10+++Corona-Blog+++

Corona

Woche 2: Wenn das Virus im eigenen Haus wohnt

Heute zog es mir beim Gang an die frische Luft glatt die Schuhe aus: Da versucht man tagelang, die empfohlenen Distanz-, Abstands- und Ausgangsregeln einzuhalten, um niemanden anstecken zu können und sich selbst auch nicht anzustecken — und der Virenherd, der einen angesteckt haben könnte, wohnt im eigenen Haus und sagt wochenlang keinen Piep. Nein, erst heute, wo er nun „immun“ gegen Corona ist wegen der durchstandenen Infektion, wendet er sich niedlicherweise an die Hausgemeinschaft mit einem aufgehängten Zettel und den Worten, er „hatte früh Corona“ und sei seit heute aus der Isolation.

Ich versuche auszurechnen, wann ich ihn an der Haustür getroffen habe, dummerweise damals noch mit kaum nennenswertem Sicherheitsabstand. Na gut, wir haben nicht viel mehr als „Guten Tag“ gesagt. Das war ungefähr vor 10 Tagen, sprich genau in der ansteckenden Zeit. Und ich hatte noch überlegt, ob ich die Türklinke so gedankenlos benutzen solle…

Ironischerweise hatten alle Mitglieder der Hausgemeinschaft Tipps für unsere Italienrückkehrerin zur Hand, die sich selbstverständlich und prompt – ich erwähnte es jüngst – in die selbstauferlegte Quarantäne begab; niemand traute sich zu ihr, Teller mit Essensspenden hinterließen wir vorsichtshalber vor ihrer Tür. Und das alles nur, um jetzt mutmaßlich von „Ich-bin-Millenial“-Dan angesteckt worden zu sein?! So nenne ich ihn, seitdem er sich dieses Etikett selbst gegeben hat.

Mein Mann und ich treffen „Ich-bin-Millenial“-Dan im Hof und können mit unserer Empörung nicht so richtig hinterm Berg halten. Schließlich liegt ein weiterer Tag Homeschooling nebst Homeoffice hinter uns. „Sag mal, warum hast du nicht früher Bescheid gegeben? Seit wann weißt du denn, dass du Corona hattest?“ fragen wir ihn mit gebührender Distanz, obwohl diese sich jetzt erübrigen würde. Dan schaut schuldbewusst: Angesteckt habe er sich am 7. März, sagt er. Er wisse es aber erst seit dem 16.! Also ab dem Tag #1, an dem die Maßnahmen zur Seucheneindämmung griffen und wir uns in den Kontakteinschränkungsmodus begaben. Er gehörte also zu den ersten 48 Berliner Fällen, deren Umfeld angeblich informiert wurde.

Den Müll hat „Ich-bin-Millenial“-Dan genauso in den Haus-Mülleimern entsorgt wie sonst auch, ohne Handschuhe und Desinfektionsmittel – und ohne uns zu fragen, ob wir ihm helfen. Dass wir vermutlich alle in Quarantäne gehörten seit dem Tag, an dem ich ihm an der Haustür begegnet bin, sage ich ihm. Nein, Dan wehrt entschieden ab, das Virus übertrage sich nur, wenn man mindestens eine Viertelstunde Kontakt gehabt habe. Das habe ihm seine Mutter gesagt, und die sei Ärztin. Komisch, dass die Tester:innen dann alle in Schutzkleidung herumlaufen und ein geforderter Sicherheitsabstand zwei Meter beträgt. Ist das also völlig übertrieben? Oder bin ich jetzt übertrieben ängstlich, oder rege ich mich zurecht über „Ich-bin-Millenial“-Dan auf?

Nun gut, es ist jetzt so wie es ist, und es sei ja schön, dass es ihm wieder gut gehe, schließe ich dann beschwichtigend ab, denn was gibt es im Nachhinein noch zu ändern. Trotzdem bin ich sauer, dass der Nachbar hinterher das ganze Haus verrückt macht – dann hätte er es sich auch ganz sparen können. Ich trage jedenfalls ab jetzt einen selbstgenähten Mundschutz. Grünblau mit Sternen.

Parallel zur Ungewissheit, ob die Pandemie ihren Höhepunkt in Deutschland bereits erreicht hat oder ob das Schlimmste erst noch bevorsteht, wächst die Ergebenheit in unser neues Schicksal. Mein Mann ist nun Homeschoolofficer, besonders für die beiden Grundschulkinder im eigenen Haushalt. Um 8:30 beginnt der Unterricht mit Unterweisungen im Tagesablauf: Nein, Hörspiele sind nicht erlaubt während der Schulzeit, und nein, Inlineskates sind jetzt nicht das richtige Instrument, um den Unterrichtsstoff adäquat zu vertiefen. Um 9:30 gibt es – tatsächlich haben wir Zeit und Vokabular übernommen – die erste Pause, also Frischluftzufuhr im Innenhof.

Wir stellen fest: Die Kinder erweisen sich als sehr kooperativ, wenn der Wortschatz aus der Schule auftaucht und eine deutlich gefühlte Grenze zur sonstigen in Haus und Hof verbrachten Freizeit definiert. Die Entgrenzung von Arbeit und Leben mag in der heutigen, auf Selbstverwirklichung abzielenden Arbeitswelt, für manch Erwachsene normal sein – auch wenn er oder sie mit Haut und Haaren von Arbeit gefressen wird – aber dass schon Kinder diese Entgrenzung von Arbeit und Freizeit massenhaft kennenlernen, das ist ein Novum und eigentlich ein Phänomen, das nur den privilegierten Reichen erlaubt ist, die sich Hauslehrer:in und Hausmusik leisten können – oder den Hippiefamilien.

Und spätestens jetzt wird auch klar, warum sich die breite Masse dieses Konzept nicht leisten kann: Für derartige Entfaltungsmöglichkeiten individueller Fertigkeiten benötigt man Platz und geschultes Personal. Nicht nur Lehrpersonal, auch Kochpersonal und ein Hauswirtschafter, und dann funktioniert das Konzept HomeschoolOffice. Denn als eierlegende Wollmilchsau hält es niemand lange durch.

Aber jetzt hoffen wir erstmal, dass „Ich-bin-Millenial“-Dan uns nicht angesteckt hat.

#9+++Corona-Blog+++

Berlin, Corona

Tag 9: Das Adrenalin der Provokation

Ein sonniger Tag in Berlin, ich fahre mit dem Rad am Mauerstreifen entlang an allerlei touristischen Hotspots vorbei. Vom Axel-Springer-Verlag bis zum Gleisdreieck Touristenleere an den sonst gut gefüllten Orten: Checkpoint Charlie, DDR-Museum, Topographie des Terrors, Martin-Gropius-Bau, keine reisebusseweise sich schiebenden Massen, Menschentrauben, Busstaus. Von März bis September hatten wir uns an sie gewöhnt im letzten Jahrzehnt, jetzt: wie ein Spuk vorbei. Die Straßen sind so leer wie in den 1990ern, nur ohne dass Brachen brach liegen, und die Fassaden sind poliert statt schmutziggrau.

Nur die Bauarbeiter bauen unbeeindruckt von allen Abstandsgeboten weiter. Der Park am Gleisdreieck beherbergt so viele Hobbysportler:innen wie noch nie an einem gewöhnlichen Vormittag.

Und Social Media meldet neben all den witzigen auch doofe Posts von Menschen, die sich aufregen und aufregen und noch mehr aufregen über politische Entscheidungen. Vielleicht sind sie selbst von der Krise betroffen und können nicht anders als polemisch zu reagieren. „Merkel tötet“ schreibt einer tatsächlich, er regt sich über die „unfähige Regierung“ auf, denn hätte man, dann wäre nicht etc. Ich verstehe Menschen, die jetzt extrem verunsichert sind: Die Lackritzhändlerin, die schon im letzten Jahr nur knapp über die Runden kam; das kleine Bistro nebenan, das keinerlei Rücklagen hat; der Taxifahrer, der vier Kinder ernährt. Eine existenzbedrohende Lage, auch für Lagerarbeiter:innen, Verkäufer:innen und Servierer:innen. Aber was bringt der Onlinehass diesen Menschen? Zumal es meist nicht die Betroffenen selbst sind, die solcherlei Kübel ausschütten.

Aber wer Parolen wie „Merkel tötet“ in die Welt setzt, der säht Hass und kippt gleich badewannenweise Wasser auf die Mühlen der AfD.

Machen Leute das, weil die Aufmerksamkeitsökonomie ihnen recht gibt? Oder weil das Adrenalin der Provokation momentan ein einfaches Mittel der Problembewältigung ist, leichter zumindest als das Aushalten des Nichts-tun-Könnens? Psychologen sprechen von Coping-Strategien in Momenten der Hilflosigkeit, um diese bewältigen zu können. Isolation und Einsamkeit sind solche Momente. Meine Strategie ist dann wohl, zu bloggen. Aber soziale Netzwerke können in einer krisenhaften Situation regelrecht als Aggressionsventil von fehlgeleitetem Frust missbraucht werden, das wissen alle aktiven und ehemaligen Politiker:innen, Renate Künast voran.

So zeigt sich die Corona-Krise als Brennglas und Brandbeschleuniger, nicht nur für E-Commerce, digitale Bezahlung und die Digitalisierung des Lernens, und nicht nur für die Solidarität in Nachbarschaften und zwischen den Generationen, sondern leider auch für hasserfülltes Denken.

„Hoffentlich, hoffentlich werden so viele Menschen wie möglich, am besten alle, vor dem Scheißvirus gerettet. Sehr gerne sterben darf aber endlich das Wettrennen in der Aufmerksamkeitsökonomie, das Bärtekraulen in eilfertigen Talkshows und die unheilige Magie der Medienwarenwirtschaft, per Eilmeldungsgeschwindigkeit schon Millisekunden vor Eintreten eines Ereignisses alles darüber gewusst zu haben“ schreibt Jaspar Nicolaisen sehr treffend über die herrschende mediale Situation.

Stattdessen hilft manchmal auch, Vertrauen in die Regierungsfähigkeit und die Problemlösekompetenz der Handelnden zu haben. Jedenfalls lautet so mein Resümee für heute.

#7+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 7: Die Ruhe vor dem Sturm?

Der Sonntag versickert im Gebot, die Wohnung zu hüten. Ein verzagter Spaziergang am Vormittag. Kein Mensch auf den Straßen, der Park ist leer. Die balkonverzierten Häuserfassaden verraten nicht, ob hinter ihnen gelebt wird, gekauert, verhauen, gelacht oder getrunken. Oder ob einfach niemand mehr da ist. Berlin fühlt sich einsam an. Ein ganz neues Gefühl in der sonst so quirligen Stadt und in meinem Viertel zwischen Mitte und Kreuzberg, in dessen Ex-Mauerbrache in den letzten Jahren so viele Baukräne beheimatet waren wie am Potsdamer Platz in den 90ern. Inzwischen haben hinter der Bundesdruckerei so viele Verlage ihren Sitz, dass man ständig Schriftsteller:innen über den Weg läuft. Aber jetzt ist Schluss damit. Alles steht still.

Die Märzsonne leuchtet, die Forsythien stehen in voller Blüte und es ist kalt. Ein Vater spielt mit seinem Sohn Fußball und ein anderer Tischtennis. Sonst genießt niemand die kühle Luft und den blauen Himmel. Das Gespenstische, das die ersten Tage den öffentlichen Lockdown begleitet hatte, es ist einer Trägheit gewichen, die man von den ausgestorbenen Straßen Südeuropas kennt, wo die einzige Antwort auf eine zu große Mittagshitze die Verbarrikadierung zur Siesta in den kühleren Wohnungen ist. Nur gibt es keine Hitze, die droht. Sondern Covid.

Angela Merkel wendet sich erneut an die Bevölkerung. Der Ernst der Lage erfordert ihre Präsenz, und die Bundesländer erlassen ein Kontaktverbot, das morgen in Kraft tritt. Die Bewegung an der frischen Luft bleibt für Einzelne erlaubt, auch für ganze Familien. Es ist eine letzte Vorstufe vor einer Ausgangssperre. Ich bin froh, dann können wir morgen zum Geburtstag meiner Tochter wenigstens in den Park. Die Freundinnen dürfen jetzt allerdings nicht mehr mit. Seuchenschutz geht vor.

Ich höre im Radio, dass auch Merkel nun in Quarantäne ist: Sie hatte Kontakt zu einem Corona-positiven Arzt. Der Virus macht vor Ämtern, Macht und Reichtum nicht Halt. Aber besonders die Älteren unter uns müssen ihn fürchten, und noch Ältere wie meine Großmutter. Sie ist 89 und jetzt allein, unbesucht. Sie wird von der Besuchssperre beschützt und ist doch schutzlos.

Ich rufe sie an, sie hat Verständnis, weiß um die unbestimmte Gefahr, sogar die Sonntagsmesse wurde abgesagt. Aber so ganz kann sie die Aufregung nicht nachvollziehen, dass es jetzt wie im Krieg sei. Sie warnt mich vor denen, die jetzt alles stehlen würden und rät mir, Kartoffeln und Mehl zu lagern, denn damit könne man am meisten anstellen. Vermutlich hat sie recht, aber es ist nicht wie im Krieg. Es wird alles geliefert. Es ist nur sehr schnell ausverkauft.

#6+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 6: Italienische Zustände

Der Samstagseinkauf erweist sich wie es zu erwarten war als Durchwurschtelaktion. Der Edeka: Leergekauft. Die Fleischtheke: Nicht mehr besetzt. Der Biomarkt: Noch zwei Liter Milch im Kühlregal. Mehl existiert nur noch in der Phantasie. Frisches Gemüse: Überall Fehlanzeige, außer auf dem Wochenmarkt (!). Und vor dem Supermarkt: Eine Warteschlange aus Menschen mit Mundschutz. Bilder, die wir bis letzte Woche mit Italien und Wuhan in Verbindung brachten, sie haben unseren Alltag erreicht, jedenfalls im Stadtzentrum.

Double-Income-No-Kids-Paare gehen gemeinsam einkaufen und sehen so aus, als machten sie das zum ersten Mal. Zumindest im Laden. Wenn sie ihren SUVs entsteigen, reicht sie ihm routiniert das Handdesinfektionsmittel rüber, oder umgekehrt. Wo zum Teufel haben die das Zeug her? Ob die auch Klopapier zu Hause haben?

Und woher bekomme ich jetzt die ersehnten Nürnberger Würstchen, die meine Tochter sich zum Geburtstagsfrühstück wünscht? Wer kam überhaupt auf die Idee mit dem englischen Frühstück, die muss eindeutig noch aus Vor-Corona-Zeiten stammen.

Die Tochter wird übermorgen 8. Ein unpassendes Alter, um Einschränkungen am Geburtstag hinzunehmen. Doch sie hat vorausschauend vorgesorgt, ist in der letzten Woche schon mit dem Papa losgezogen und hat zumindest auf zwei Geschenken bestanden, die vorrätig sein sollten. Sie war es auch, die als erste begriff, dass sie niemanden ihrer Freund:innen einladen darf — wir übten uns im Beschwichtigen, aber Kinder haben Instinkte wie Katzen. Tatsächlich wird nun, wenn es gut läuft, die Nachbarin kommen. Ich sattel um auf Wiener Böden, dann krieg ich die Torte ohne Eier und Mehl hin.

Die Einkaufssituation in der Berliner Innenstadt, Momentaufnahme dieser Woche, erinnert tatsächlich an eine Herausforderung, die es seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr gab: Lebensmittelengpässe. Glück hat jetzt, wer außerhalb des S-Bahnrings wohnt. Eine Umkehrung der Verhältnisse, auch für Vermietende. Wer sich bis vor zwei Wochen noch glücklich schätzen konnte, innerhalb des S-Bahnrings eine bezahlbare Wohnung zu haben, steht nun vor ganz neuen Herausforderungen neben den Mietsteigerungen — diese will, genauso wie Mietausfälle, der Senat bis September übernehmen. Sprich: Private Spekulanten und Immobilienunternehmen haben die Mieten ins Exorbitante gesteigert, damit der Staat im Fall von Mietrückständen nun die Ausgleichszahlungen übernehmen darf.

Übersetzt heißt das mal wieder, Gewinne bleiben privatisiert, Verluste werden kollektiviert. Vielleicht gibt es angesichts der großen Solidarität der Vielen auch mal ein Zeichen der Solidarität von z.B. der Deutschen Wohnen oder anderer Marktakteure, auch zugunsten von Ateliers, Geschäftsräumen, Gewerbe.

An der Kasse bei Edeka bedankt sich die Verkäuferin mit dem violetten Lippenstift gut gelaunt für meinen Einkauf bei ihr. Sie entschuldigt sich, dass die Eingabetasten am Kartenlesegerät, auf dem ich meine Geheimnummer gerade eintippe, so eine unverschämte Virenschleuder sei. „Aber wissen Se, ick mach dit auch von Zeit zu Zeit sauber, keene Sorge. Und bleiben Se jesund.“ Ich bin ganz gerührt von soviel Umsicht. Die Dame trägt keinen Mundschutz, sie ist allen ausgeliefert. Aber Ihre Freundlichkeit und meine, ihre Sorge um ihre Kundschaft und meine Sorge um ihre Gesundheit steigern sich gegenseitig in nur einem Bruchteil einer Minute zu einem am Ende beinah freundschaftlichem beiderseitigem Wunsch eines schönen und gesunden Wochenendes. Die Wertschätzung, die da politisch ausgedrückt wurde, sie hat schon jetzt in den Alltag eingegriffen und den Menschen ein Stück Größe zurückgegeben.

#5+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 5: Gespenstische Ruhe in Berlin

„Es ist wie auf dem Land hier!“ jauchzt meine Tochter beim morgendlichen Fitnessprogramm, als wir die große Straße überqueren. Es geht zum Joggen in den Park, und kaum ein Auto fährt über den Moritzplatz. Sonst ist hier ein Verkehrsknotenpunkt. Meine Kinder sind begeistert von der Ruhe, „Mama, gar keine Abgase!“ Berlin-Kreuzberg und auch Mitte sind heute gespenstisch still, Restaurants, Cafés, Spielplätze, Geschäfte: geschlossen.

Eine Freundin meldet sich aus der Isolation in Dresden; sie sorgt sich um ihre Cousine, die in Tansania festsitzt. Rückflüge nach Deutschland: Fehlanzeige. Das Gesundheitssystem in Tansania ist mit 15 Intensivbetten im Land völlig überfordert mit der drohenden Pandemie, aber so geht es nicht nur Tansania. Eine andere Freundin sitzt in Guatemala fest, und wieder eine andere hat Leukämie. Damit gehört sie zur absoluten Risikogruppe. Mal wieder sehe ich, wie gut wir es haben: Wir langweilen uns bloß in städtischen Wohnungen mit perfekter Versorgungslage herum.

Aber der Tag geht weiter. Nachmittags wollen wir bewusst die Restaurants in der Nachbarschaft unterstützen. Zwei, die wir ansteuern, haben schon geschlossen. Eines verkündet geänderte Öffnungszeiten wegen Corona, von 13 bis 18 Uhr. Die Straßen sind ausgestorben, denn wo sonst Touristen in Überzahl herumwuseln und in Gruppen die Gehwege blockieren, herrscht jetzt fast bedrohliche Leere.

Ich fühle mich an Tel Aviv erinnert, wenn Schabbat ist: Kein Bus fährt, wenige Autos, und nur vereinzelte Spaziergänger:innen begegnen einem dort – ein Ausnahmezustand, ein Pausenmodus, Ruhezeit für alle. Nur: Das hier ist das echte Leben und kein Ruhetag.

Die Betreiberin der Kleinen Markthalle ist ideenlos, es kommt kaum noch ein Gast: Drei besetzte Tische, das waren ihre Einnahmen für heute. „Am Montag soll die Ausgangssperre kommen und dann machen wir ganz zu. Morgen muss ich alles wegwerfen.“ Ein Gast schlägt ihr vor, die Lebensmittel am Kotti zu verteilen: „Die Tafeln mussten ja alle zumachen, weil die Helfer über 65 sind.“ Die Chefin winkt ab: Am Montag sind die Sachen verdorben. Wie es weitergehen soll, keine Ahnung. Und das versprochene Hilfspaket des Senats über viele Millionen? Wieder winkt die Frau ab. Bis das bei ihr ankommt hat sie längst dicht gemacht, sagt sie achselzuckend.

Trotz aller Ängste steht die solidarische und wohlmeinende Stimmung im Vordergrund: Wir spenden Trost, kommen ins Gespräch, auch mit anderen – physisch distanziert natürlich. Statt Social Distance gibt es hier nur die körperliche Distanz, der Begriff des SoDiMo führt also nicht nur in die Irre, er stimmt einfach nicht. PhyDiMo, so sollte es heißen.

Wie auch immer, die Gewerbetreibenden sind sich einig, dass am Montag die Ausgangssperre kommt. Und was dann wird, das weiß keiner. Mit soviel Überzeugung erzählt unser Nachbar, ein Galerist, von der Ausgangssperre, dass sie so gut wie beschlossen scheint. Aber noch ist Freitag. Und jetzt schon schlägt die IHK Alarm, die Börsen krachen abwärts, und die Rezession ist unvermeidlich. Humor ist, wenn man trotzdem lacht, das machen die Betroffenen zur Zeit. Nur: wie lange können sie das durchhalten?

Auch die Kinder haben sich in die Situation eingefügt, sie genießen nun, dass es „so gemütlich ist“. Immerhin, wir scheinen als Eltern Ruhe auszustrahlen und keine Panik. Mein Mann hat bereits den ersten Kollateralschaden vom Homeoffice davon getragen: Die Lendenwirbelsäule schmerzt. Und heute las ich, dass jetzt in China die Scheidungsrate in die Höhe schnellt, wo das Ende der Quarantänezeit erreicht ist. Wir stehen erst am Anfang, da braucht es möglichst viel Luft nach oben, wenn doch mal Frust aufkommen sollte. Eine Möglichkeit zum Versüßen der Zeit ist das Ausprobieren von lange vor sich hergeschobenen Kochrezepten.

Im Radio hieß es, auch die Frauenhäuser litten unter extremem Zulauf: Häusliche Gewalt gegen Frauen nähme zu, wenn Familien sich so dicht auf die Pelle rückten. Was für eine fiese Folge von SoDiMo. Zudem ist es vermutlich so, dass Menschen in prekären Lagen, Armut oder (drohender) Arbeitslosigkeit jetzt doppelt unter den staatlichen Corona-Maßnahmen leiden: Die Entbehrungen der Situation treffen jemanden härter, wenn er oder sie schon grundsätzlich ein entbehrungsreicheres Leben führen muss. Und sei es die Entbehrung eines sicheren Einkommens, einer bezahlbaren Wohnung oder Zuneigung. Dann ist der Wunsch nach dem Ausprobieren eines Kochrezeptes bereits Luxus.

Hoffen wir, dass die digitalen Ablenkungsmöglichkeiten all jenen hilft, die sich einsam und verlassen fühlen. Die nächsten Wochen werden hart, heute war nur eine kleine Kostprobe.