#17 +++Corona-Blog+++

Allgemein, Corona, FürSorge

Prädikat wertvoll: Das Corona-Zeugnis oder kein Bock mehr auf die Coronaschool

Langsam reicht‘s. Corona geht mir wirklich auf die Nerven. Heute kam ein Haufen Zettel aus der Schule zurück: „Warum ist davon so wenig bearbeitet, zu viel, zu schwer?“ Vermerk: Bitte nachfragen. Ich komme mir vor wie eine überforderte, berufstätige Mutter, die das Schulgeschehen ihrer Tochter vernachlässigt. Dann fällt mir ein: Ich bin eine überforderte, berufstätige Mutter, die das Schulgeschehen ihrer Kinder (jedenfalls zeitweise seit vier bis sechs bis elf Wochen!) vernachlässigt, also nicht die perfekt-perfekte Homeschoolmutter, sondern sagen wir mal: Note befriedigend.

Im meinem Zeugnis zum Schuljahresende wird stehen: Immerhin schafft Inga es, die Kinder pünktlich zu den richtigen, alternierenden Stunden in die Schule zu schicken, mit Frühstück und Aussicht auf ein meistens sogar warmes Mittagessen. Sie überblickt, dass der Sohn seine Hausaufgaben erledigt und dass die Tochter schreiben und lesen lernt in befriedigendem Maß. Mathematik kommt bei ihr definitiv zu kurz. Das liegt ihr zwar, aber es hat ihr noch nie Spaß gemacht. Geometrie hingegen, da leuchten ihre Augen. Das kann sie sehr gut, also macht sie sich mit ihrer Tochter auf die Suche: Wo finden wir in der Wohnung Dreiecke, Pyramiden, Würfel und Quader? Ist der Apfel eine Kugel? Aber was ist mit der Olive? Und dann schneiden wir aus Moosgummi geometrische Formen aus, die kleben wir auf Gegenstände und stempeln damit herum. Denn Kunst war schon immer Ingas Lieblingsfach. Und Deutsch. Geschichten schreiben. Deshalb ist Inga leider sehr ungeduldig mit ihrem Sohn, wenn er immer noch die Satzanfänge klein schreibt und sie nicht klimaktisch ordnen kann. Nein, wirklich, in Geduld gibt es höchstens ein Ausreichend bei Inga. Mit minus.

NaWi ist wiederum mit gut bis befriedigend zu bewerten, da bemüht sich Inga und geht mit ihrem Sohn Sand für Experimente suchen (bevor sie Interviews führen muss); die Kinder dürfen Öl mit Wasser mischen und Pizza backen (während ein Text korrigiert werden muss), und sie lernen gemeinsam Blütenpflanzen kennen. Inga weiß jetzt sogar wieder, wie das mit der Fotosynthese war (trotz Verlagsdeadline). Komisch, dass Inga immer das Gefühl hat, nichts so richtig machen zu können und stets ihren Ansprüchen hinterher zu hängen.

Extrapunkte konnte Inga durch das Vorleben eines nachhaltigen Lebensstils sammeln. Leider fließen diese nicht in die Gesamtnote ein, aber sie werden in einer Siegerurkunde erwähnt: Gemüseanbau und -Verwertung, das fällt in den Nachmittagsbereich, das weite Feld der AG’s. Und nicht zu vergessen die digitale Bildung, die Inga ihrem Sohn vermittelt – leider irrelevant fürs Zeugnis, aber sonst und vielleicht in Zukunft seeeeehr wertvoll. Die tut hier nichts zur Sache, es geht um eine Gesamtnote für dieses Schuljahr, und da zählen nunmal die Hauptfächer! Und besonders zählen die Zettel und die Hefte. Also weniger Phantasie und mehr Handfestes. Schade, Inga! Insgesamt kann sich das Kollegium auf ein (noch) befriedigend einigen, auch wenn wir die Bemühungen und die Belastung erkennen‚ unter der sie- und dann noch ein systemrelevanter Mann, na, das hat schon für Diskussionen unter den Fachlehrer:innen gesorgt, da ging es um die Tendenz, ob die jetzt nach unten zeige. Aber keine Sorge: Die Versetzung ist nicht gefährdet. (Aber diese Zettel. Diese blöden, doofen zuvielen Zettel. Eindeutige negative Tendenz, dass die jetzt nicht geschafft sind…)

Und trotzdem fragt man sich sogar: Was hätten die Kinder alles verpasst, wenn Corona nicht gewesen wäre? Was haben sie alles gelernt? Und wie hat Corona sie verändert?

Noch knapp drei Wochen, dann ist es soweit: Dann wird belohnt, was wir Eltern geleistet haben oder auch nicht. Zum Glück sind die Verschlechterungen qua Homeschool von vorn herein verboten worden. Wobei: Jetzt wurden notenrelevante Tests in der 5. Klasse geschrieben – wozu, wenn nicht um unsere Hauslehrer:innenqualitäten abzuprüfen? Ich bin angesichts der hanebüchenen Umstände mit meiner 3- jedenfalls zufrieden. Alles andere wäre gesundheitsschädlich.

#15+++Corona-Blog+++

Allgemein, Corona, FürSorge, Solidarische Politik

Sind die Lobbyforderungen nach Coronahilfe angemessen? Wie Corona den Finger in viele offene Wunden der Gesellschaft legt

Der Corona-Alltag ist zur Routine geworden: Desinfektionsspray und Mundschutz gehören zur Normalausstattung beim Schulbesuch (der natürlich nur zwecks Austausch von Arbeitsmaterial stattfindet), jetzt sogar beim Einkauf oder beim Arzt. An die bunten Gesichtsbedeckungen haben wir uns schneller gewöhnt, so scheint es, als an das Tragen von Fahrradhelmen beim Radeln. Vor nicht einmal sechs Wochen hätte das niemand für möglich gehalten. Die Abstandsregeln sind selbstverständlich geworden, ein Ausweichen wird nicht mehr mit argwöhnischem Blick beäugt. Im Supermarkt in der Markthalle 9 wurden Kund:innen gestern erstmals hinaus gebeten, die ohne Mundbedeckung wagten, einzutreten. Sogar Berlin macht ernst. Zeit also, um sich andere Pandemiegedanken zu machen als nur über Ansteckungszahlen.

Etwa darüber, mit welcher beachtlichen Selbstverständlichkeit Lobbygruppen staatliche Hilfe einklagen. Es ist nicht nur das Hotel- und Gaststättengewerbe; und auch nicht die Autobranche allein, wobei der VW-Vorstandschef im Tagesthemen-Interview kürzlich den Vogel abschoss mit seinem hilflosen Herumgeeier zur Boni- und Dividenden-Kürzung. Nach bühnenreifem Gestammel brachte er über die Lippen, als „letztes Mittel“ würde dies vielleicht irgendwann doch noch in Betracht gezogen. Eine zweifelhafte Einstellung, wenn der Staat gerade die Gehälter der Angestellten übernimmt. Es ist auch nicht nur die finanzielle Staatshilfe für Lufthansa, die von dem Luftfahrtkonzern nur ohne staatliche Aufsichtsratsmitglieder in Kauf genommen würde. Also vermutlich lieber Insolvenz (dann spart sich der Konzern die Pensionsansprüche von Mitarbeitenden).

Die Handlungsmaxime, die dahinterliegt: Den Staat maximal zur Kasse zu bitten

Nein, es ist die Summe, die den Braten fett macht, und zwar das Kalkül und die Handlungsmaxime, die dahinterliegen, nämlich den Staat maximal zur Kasse zu bitten, ohne dafür auch nur kleine Stellschrauben im Prozedere verändern zu wollen. Plötzlich hören wir Sätze wie „Das Kurzarbeitergeld steht uns zu, das haben wir jahrelang eingezahlt“ von Arbeitgeber:innen. Gerade so, als wäre der Sozialstaat ein nach Gusto einsetzbares Gewürz für Konzerne, das diese für ihre Speisen nur dann gerne verwenden, wenn es den Geschmack ihres Gerichts nicht verändert.

Corona-Elterngeld: Ein Segen für Kinder

Es gibt auch andere Forderungen, etwa der Elternlobby. Sie fordern im Gleichklang mit dem DIW ein Corona-Elterngeld, das die Vielfachbelastung berufstätiger Eltern anerkennt und vor allem die Nöte der Kinder berücksichtigt. Das Corona-Elterngeld soll es Eltern ermöglichen, ihre Arbeitszeit ohne Lohnabzüge zu reduzieren. Der Aufruf des DIW setzt sich für Familien und Alleinerziehende ein, in denen „beide Elternteile gemeinsam 40 Stunden arbeiten“. Schade, dass dieser Aufruf erst so spät an Aufmerksamkeit gewinnt, jetzt, wo die Kitas bald wieder öffnen.

Eine weitere Lobbygruppe, der zu Beginn des Shutdowns viel Aufmerksamkeit gewidmet war, sind die so genannten Soloselbständigen und Freiberufler:innen. Ich gehöre auch dazu, kann mich aber glücklicherweise nicht über Auftragseinbrüche beklagen. Andere aber sehr wohl. Facebook-Freund:innen rufen mich momentan dazu auf, die Corona-Soforthilfen für Selbständige mit einer Petition zu beanstanden. Denn die ausgezahlte Mindesthilfe über 5000 Euro ist an betriebliche Ausgaben geknüpft. Dass, so die Petition, sei nicht in Ordnung, denn die Solo-Selbstständigen können mit dem Geld weder Miete, Essen oder andere Lebensmittel bezahlen. Die Ausgaben werden nämlich später überprüft, es handelt sich also weder um staatlich geschenktes Geld noch um eine dicke Sozialhilfe. Das Argument der Kritiker:innen ist, dass viele durch das ALG-2-Raster fallen würden. Im Klartext: Es besteht kein Anspruch auf Hartz-IV, aber genug Geld für die Miete ist auch nicht drin. Ich kenne einige, die darunter fallen.

Corona zeigt neue politische Wege, die jenseits von stigmatisierendem Hartz-IV und sozialstaatsaus-hebelndem Grundeinkommen liegen können

Aber Fakt ist auch, dass es ihnen ohne Corona schon so ging, entweder weil der Partner oder die Partnerin zu viel verdienen oder weil das Ersparte gegen einen Hartz-IV-Antrag spricht, oder auch schlicht, weil das Stigma Hartz-IV nicht auszuhalten ist. Es ist fragwürdig, ob eine Corona-Soforthilfe als Sozialhilfe hier das Mittel der Wahl sein kann. Im Grunde zeigt die Problematik auf ein soziales Problem, das auch vor Corona bestand, dass nämlich viele fleißige Menschen von ihrem Schreiben und Übersetzen, ihrer Kunst und Kultur nicht überleben können, aber verständlicherweise kein Hart-IV beantragen wollen. Es ist kein Wunder, dass diese Lobby auch ohne Corona laut nach einem Grundeinkommen verlangt. Problematisch ist daran, dass der Sozialstaat von dieser Lobby unwissentlich und unabsichtlich untergraben wird. Der Grundkonflikt, der dann immer noch zwischen Kapital und Arbeit bestünde, würde mit einem Grundeinkommen zugedeckt und jegliche Instrumente, die der Sozialstaat zur Konfliktbefriedung ausgebildet hat, würden als überflüssig erachtet. Eine Lösung könnte ein staatlicher Zuschuss für Solo-Selbständige sein, so wie jetzt die Corona-Soforthilfe. Die Krise zeigt tatsächlich neue politische Wege auf, die jenseits von stigmatisierendem Hartz-IV und sozialstaatsaushebelndem Grundeinkommen liegen könnten.

Corona legt den Finger in viele offene Wunden der Gesellschaft

Aber wie sieht eigentlich der Alltag als soloselbständige Mutter mit zwei Kindern in der Homeschool aus? Wäre ich alleinerziehend, es ginge mir arg an den Kragen, nicht nur finanziell und arbeitstechnisch. Mein Mann kann besser homeschoolen als ich. Meine Kinder finden, er habe mehr Geduld. Nur leider muss er (oder darf?) öfter zur Arbeit. Dann stehe ich da und versuche, die Tochter zum Rechnen zu überreden und gleichzeitig Mittagessen zu kochen. Wenn ich es an den Schreibtisch schaffe, müssen nebenbei Streitereien geschlichtet, Bleistifte angespitzt und Arbeitsanweisungen nachvollzogen werden. Da mein Problem nicht die Auftragslage ist, besteht es momentan eher in der Ausführungslage. Wie soll ich meine Arbeit bewältigen, wenn ich gleichzeitig Grundschullehrerin spiele? Sorgearbeit und Arbeitsleben, es zeigt sich einmal mehr in seiner Unvereinbarkeit. So legt Corona den Finger in viele offene Wunden unserer Gesellschaft.

#14 +++Corona-Blog+++

Corona, FürSorge

Menschlichkeit ohne Mensch? Der Versuch, meiner Großmutter nah zu sein

Meine Großmutter ist 89 Jahre alt. Sie verließ vor zwei Jahren ihre Heimat, gemeinsam mit meinem Großvater, und zog in ein Pflegeheim. Nah bei meiner Mutter.

Wir gewöhnten uns schnell an das neue Zimmer von Großmutter. Wir konnten uns nicht an das von Großvater gewöhnen. Er starb. In diesem Jahr wird sich sein Todestag zum zweiten Mal jähren.

Jetzt ist sie allein, aber nicht nur ohne ihren Mann: Meine Großmutter ist jetzt ohne Berührungen, Besuche, eine Brise frischer Luft. Sie hat ein schönes Zimmer. Mit einer gemütlichen Dachschräge, Bildern ihrer Familie auf der Kommode. Mit Blick in die Gärten einer hübschen Kleinstadt, die zufällig auch ein Wallfahrtsort ist, an dem oft die Glocken läuten und in dem es viele katholische Schwestern und Pflegerinnen gibt. Gott sei Dank, Gott Lob. Hier ist das wörtlich gemeint.

Aber es herrscht auch dort Corona. Und zuletzt sah ich meine Großmutter Anfang Februar. Es ist nicht so, dass ich sie ständig besuche. Uns trennen mehr als 500 Kilometer voneinander. Aber ich fahre, wann immer es die Zeit zulässt, zu ihr. Die Osterferien wären sicher so ein Anlass gewesen. Auch Pfingsten, die Sommerferien, manchmal ein kurzes Wochenende zwischendurch. Vor allem ist es immer die Freude auf das Wiedersehen, die uns über die vielen Kilometer hinweg tröstet.

Jetzt haben wir nur noch das Telefon. Und natürlich die Post, zum Glück liefert sie noch aus. Ob mein Paket zu Ostern erst desinfiziert wird, frage ich mich bange. Denn an den möglicherweise kontaminierten Inhalt habe ich nicht gedacht. Alles steht plötzlich auf dem Prüfstand, Selbstverständliches.

Jeder, der einen Angehörigen im Pflegeheim hat, teilt diese Sorgen. Pflegeheime können zu Orten des einsamen Sterbens werden, seitdem Corona über die Welt herfällt, und niemand von den Schwächsten ist davor geschützt. Ich habe Angst um meine Großmutter. Aber das Schlimmste ist, aushalten zu müssen, dass sie alleine ist. Dass keine tröstende Umarmung gespendet werden kann. Kein Kuss, kein direktes Wort. Menschlichkeit bekommt durch die Corona-Hölle eine zweite Bedeutung, sie ist mehr als Freundlichkeit und Zugewandheit: Menschlichkeit ist auch Nähe teilen und sein Gesicht Zeigen-dürfen. Vielleicht wird diese körperliche Seite von Menschlichkeit gerade besonders deutlich, weil sie sonst nie in Frage steht.

Diese selbstverständlichste aller Gesten, sein Gesicht zu zeigen und damit Nähe zu teilen, ist verboten. Mumifiziert und verhüllt könnte ich vielleicht vor meine Großmutter treten, aber was hätte sie von einer solchen Begegnung? Wir könnten nichts teilen. Es wäre ein Schreckensmoment statt der eines Trostes. Ein Schock, der die Unentrinnbarkeit der gesundheitlichen Notsituation erst recht manifestierte.

Darüber hinaus ist Besuch auch mit Schutzkleidung verboten. Wobei es weniger um das Verbot geht, eher um ein Ge-bot, nämlich das der Vernunft. Ich will meine Großmutter nicht gefährden, und so stecke ich im Zwiespalt aus dem Bedürfnis nach Nähe zu ihr und dem Wunsch, sie zu schützen. Dem Wunsch, das Virus möge an ihrem Stift nicht Halt machen und einfach weiterziehen.

Angehörige sind in Sorge, weil sie wissen, dass ihre Eltern, Großeltern, Urgroßeltern in Lebensgefahr schweben. Und ich bin in Sorge um meine Großmutter, weil ich weiß, dass sie ohnehin schwer an ihrem Los trägt, ihre kontaktreiche Heimat verlassen zu haben. Jetzt frage ich mich, wie sie es aushalten kann, dass niemand mehr sie besuchen darf. Auf unbestimmte Zeit allein. Am Telefon ist sie tapfer. „Ich bin ja nicht alleine. Es sind noch andere hier.“ Aber in den vielen einsamen Stunden?

Meine Großmutter sagte früher, als ich auf einer weiten Reise war, zu mir: „Wenn ich den Mond anschaue, weiß ich, dass du ihn auch siehst.“ Jetzt kann ich es zu ihr sagen. Aber es fühlt sich fürchterlich an.

#7+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 7: Die Ruhe vor dem Sturm?

Der Sonntag versickert im Gebot, die Wohnung zu hüten. Ein verzagter Spaziergang am Vormittag. Kein Mensch auf den Straßen, der Park ist leer. Die balkonverzierten Häuserfassaden verraten nicht, ob hinter ihnen gelebt wird, gekauert, verhauen, gelacht oder getrunken. Oder ob einfach niemand mehr da ist. Berlin fühlt sich einsam an. Ein ganz neues Gefühl in der sonst so quirligen Stadt und in meinem Viertel zwischen Mitte und Kreuzberg, in dessen Ex-Mauerbrache in den letzten Jahren so viele Baukräne beheimatet waren wie am Potsdamer Platz in den 90ern. Inzwischen haben hinter der Bundesdruckerei so viele Verlage ihren Sitz, dass man ständig Schriftsteller:innen über den Weg läuft. Aber jetzt ist Schluss damit. Alles steht still.

Die Märzsonne leuchtet, die Forsythien stehen in voller Blüte und es ist kalt. Ein Vater spielt mit seinem Sohn Fußball und ein anderer Tischtennis. Sonst genießt niemand die kühle Luft und den blauen Himmel. Das Gespenstische, das die ersten Tage den öffentlichen Lockdown begleitet hatte, es ist einer Trägheit gewichen, die man von den ausgestorbenen Straßen Südeuropas kennt, wo die einzige Antwort auf eine zu große Mittagshitze die Verbarrikadierung zur Siesta in den kühleren Wohnungen ist. Nur gibt es keine Hitze, die droht. Sondern Covid.

Angela Merkel wendet sich erneut an die Bevölkerung. Der Ernst der Lage erfordert ihre Präsenz, und die Bundesländer erlassen ein Kontaktverbot, das morgen in Kraft tritt. Die Bewegung an der frischen Luft bleibt für Einzelne erlaubt, auch für ganze Familien. Es ist eine letzte Vorstufe vor einer Ausgangssperre. Ich bin froh, dann können wir morgen zum Geburtstag meiner Tochter wenigstens in den Park. Die Freundinnen dürfen jetzt allerdings nicht mehr mit. Seuchenschutz geht vor.

Ich höre im Radio, dass auch Merkel nun in Quarantäne ist: Sie hatte Kontakt zu einem Corona-positiven Arzt. Der Virus macht vor Ämtern, Macht und Reichtum nicht Halt. Aber besonders die Älteren unter uns müssen ihn fürchten, und noch Ältere wie meine Großmutter. Sie ist 89 und jetzt allein, unbesucht. Sie wird von der Besuchssperre beschützt und ist doch schutzlos.

Ich rufe sie an, sie hat Verständnis, weiß um die unbestimmte Gefahr, sogar die Sonntagsmesse wurde abgesagt. Aber so ganz kann sie die Aufregung nicht nachvollziehen, dass es jetzt wie im Krieg sei. Sie warnt mich vor denen, die jetzt alles stehlen würden und rät mir, Kartoffeln und Mehl zu lagern, denn damit könne man am meisten anstellen. Vermutlich hat sie recht, aber es ist nicht wie im Krieg. Es wird alles geliefert. Es ist nur sehr schnell ausverkauft.

#6+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 6: Italienische Zustände

Der Samstagseinkauf erweist sich wie es zu erwarten war als Durchwurschtelaktion. Der Edeka: Leergekauft. Die Fleischtheke: Nicht mehr besetzt. Der Biomarkt: Noch zwei Liter Milch im Kühlregal. Mehl existiert nur noch in der Phantasie. Frisches Gemüse: Überall Fehlanzeige, außer auf dem Wochenmarkt (!). Und vor dem Supermarkt: Eine Warteschlange aus Menschen mit Mundschutz. Bilder, die wir bis letzte Woche mit Italien und Wuhan in Verbindung brachten, sie haben unseren Alltag erreicht, jedenfalls im Stadtzentrum.

Double-Income-No-Kids-Paare gehen gemeinsam einkaufen und sehen so aus, als machten sie das zum ersten Mal. Zumindest im Laden. Wenn sie ihren SUVs entsteigen, reicht sie ihm routiniert das Handdesinfektionsmittel rüber, oder umgekehrt. Wo zum Teufel haben die das Zeug her? Ob die auch Klopapier zu Hause haben?

Und woher bekomme ich jetzt die ersehnten Nürnberger Würstchen, die meine Tochter sich zum Geburtstagsfrühstück wünscht? Wer kam überhaupt auf die Idee mit dem englischen Frühstück, die muss eindeutig noch aus Vor-Corona-Zeiten stammen.

Die Tochter wird übermorgen 8. Ein unpassendes Alter, um Einschränkungen am Geburtstag hinzunehmen. Doch sie hat vorausschauend vorgesorgt, ist in der letzten Woche schon mit dem Papa losgezogen und hat zumindest auf zwei Geschenken bestanden, die vorrätig sein sollten. Sie war es auch, die als erste begriff, dass sie niemanden ihrer Freund:innen einladen darf — wir übten uns im Beschwichtigen, aber Kinder haben Instinkte wie Katzen. Tatsächlich wird nun, wenn es gut läuft, die Nachbarin kommen. Ich sattel um auf Wiener Böden, dann krieg ich die Torte ohne Eier und Mehl hin.

Die Einkaufssituation in der Berliner Innenstadt, Momentaufnahme dieser Woche, erinnert tatsächlich an eine Herausforderung, die es seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr gab: Lebensmittelengpässe. Glück hat jetzt, wer außerhalb des S-Bahnrings wohnt. Eine Umkehrung der Verhältnisse, auch für Vermietende. Wer sich bis vor zwei Wochen noch glücklich schätzen konnte, innerhalb des S-Bahnrings eine bezahlbare Wohnung zu haben, steht nun vor ganz neuen Herausforderungen neben den Mietsteigerungen — diese will, genauso wie Mietausfälle, der Senat bis September übernehmen. Sprich: Private Spekulanten und Immobilienunternehmen haben die Mieten ins Exorbitante gesteigert, damit der Staat im Fall von Mietrückständen nun die Ausgleichszahlungen übernehmen darf.

Übersetzt heißt das mal wieder, Gewinne bleiben privatisiert, Verluste werden kollektiviert. Vielleicht gibt es angesichts der großen Solidarität der Vielen auch mal ein Zeichen der Solidarität von z.B. der Deutschen Wohnen oder anderer Marktakteure, auch zugunsten von Ateliers, Geschäftsräumen, Gewerbe.

An der Kasse bei Edeka bedankt sich die Verkäuferin mit dem violetten Lippenstift gut gelaunt für meinen Einkauf bei ihr. Sie entschuldigt sich, dass die Eingabetasten am Kartenlesegerät, auf dem ich meine Geheimnummer gerade eintippe, so eine unverschämte Virenschleuder sei. „Aber wissen Se, ick mach dit auch von Zeit zu Zeit sauber, keene Sorge. Und bleiben Se jesund.“ Ich bin ganz gerührt von soviel Umsicht. Die Dame trägt keinen Mundschutz, sie ist allen ausgeliefert. Aber Ihre Freundlichkeit und meine, ihre Sorge um ihre Kundschaft und meine Sorge um ihre Gesundheit steigern sich gegenseitig in nur einem Bruchteil einer Minute zu einem am Ende beinah freundschaftlichem beiderseitigem Wunsch eines schönen und gesunden Wochenendes. Die Wertschätzung, die da politisch ausgedrückt wurde, sie hat schon jetzt in den Alltag eingegriffen und den Menschen ein Stück Größe zurückgegeben.