#14 +++Corona-Blog+++

Corona, FürSorge

Menschlichkeit ohne Mensch? Der Versuch, meiner Großmutter nah zu sein

Meine Großmutter ist 89 Jahre alt. Sie verließ vor zwei Jahren ihre Heimat, gemeinsam mit meinem Großvater, und zog in ein Pflegeheim. Nah bei meiner Mutter.

Wir gewöhnten uns schnell an das neue Zimmer von Großmutter. Wir konnten uns nicht an das von Großvater gewöhnen. Er starb. In diesem Jahr wird sich sein Todestag zum zweiten Mal jähren.

Jetzt ist sie allein, aber nicht nur ohne ihren Mann: Meine Großmutter ist jetzt ohne Berührungen, Besuche, eine Brise frischer Luft. Sie hat ein schönes Zimmer. Mit einer gemütlichen Dachschräge, Bildern ihrer Familie auf der Kommode. Mit Blick in die Gärten einer hübschen Kleinstadt, die zufällig auch ein Wallfahrtsort ist, an dem oft die Glocken läuten und in dem es viele katholische Schwestern und Pflegerinnen gibt. Gott sei Dank, Gott Lob. Hier ist das wörtlich gemeint.

Aber es herrscht auch dort Corona. Und zuletzt sah ich meine Großmutter Anfang Februar. Es ist nicht so, dass ich sie ständig besuche. Uns trennen mehr als 500 Kilometer voneinander. Aber ich fahre, wann immer es die Zeit zulässt, zu ihr. Die Osterferien wären sicher so ein Anlass gewesen. Auch Pfingsten, die Sommerferien, manchmal ein kurzes Wochenende zwischendurch. Vor allem ist es immer die Freude auf das Wiedersehen, die uns über die vielen Kilometer hinweg tröstet.

Jetzt haben wir nur noch das Telefon. Und natürlich die Post, zum Glück liefert sie noch aus. Ob mein Paket zu Ostern erst desinfiziert wird, frage ich mich bange. Denn an den möglicherweise kontaminierten Inhalt habe ich nicht gedacht. Alles steht plötzlich auf dem Prüfstand, Selbstverständliches.

Jeder, der einen Angehörigen im Pflegeheim hat, teilt diese Sorgen. Pflegeheime können zu Orten des einsamen Sterbens werden, seitdem Corona über die Welt herfällt, und niemand von den Schwächsten ist davor geschützt. Ich habe Angst um meine Großmutter. Aber das Schlimmste ist, aushalten zu müssen, dass sie alleine ist. Dass keine tröstende Umarmung gespendet werden kann. Kein Kuss, kein direktes Wort. Menschlichkeit bekommt durch die Corona-Hölle eine zweite Bedeutung, sie ist mehr als Freundlichkeit und Zugewandheit: Menschlichkeit ist auch Nähe teilen und sein Gesicht Zeigen-dürfen. Vielleicht wird diese körperliche Seite von Menschlichkeit gerade besonders deutlich, weil sie sonst nie in Frage steht.

Diese selbstverständlichste aller Gesten, sein Gesicht zu zeigen und damit Nähe zu teilen, ist verboten. Mumifiziert und verhüllt könnte ich vielleicht vor meine Großmutter treten, aber was hätte sie von einer solchen Begegnung? Wir könnten nichts teilen. Es wäre ein Schreckensmoment statt der eines Trostes. Ein Schock, der die Unentrinnbarkeit der gesundheitlichen Notsituation erst recht manifestierte.

Darüber hinaus ist Besuch auch mit Schutzkleidung verboten. Wobei es weniger um das Verbot geht, eher um ein Ge-bot, nämlich das der Vernunft. Ich will meine Großmutter nicht gefährden, und so stecke ich im Zwiespalt aus dem Bedürfnis nach Nähe zu ihr und dem Wunsch, sie zu schützen. Dem Wunsch, das Virus möge an ihrem Stift nicht Halt machen und einfach weiterziehen.

Angehörige sind in Sorge, weil sie wissen, dass ihre Eltern, Großeltern, Urgroßeltern in Lebensgefahr schweben. Und ich bin in Sorge um meine Großmutter, weil ich weiß, dass sie ohnehin schwer an ihrem Los trägt, ihre kontaktreiche Heimat verlassen zu haben. Jetzt frage ich mich, wie sie es aushalten kann, dass niemand mehr sie besuchen darf. Auf unbestimmte Zeit allein. Am Telefon ist sie tapfer. „Ich bin ja nicht alleine. Es sind noch andere hier.“ Aber in den vielen einsamen Stunden?

Meine Großmutter sagte früher, als ich auf einer weiten Reise war, zu mir: „Wenn ich den Mond anschaue, weiß ich, dass du ihn auch siehst.“ Jetzt kann ich es zu ihr sagen. Aber es fühlt sich fürchterlich an.

#13+++Corona-Blog+++

Berlin, Corona

Woche 3: Mode in Zeiten von Corona

Wenn ich Menschen von Woche 2 des Ausnahmezustands sprechen höre, sind das offenbar Menschen ohne Schulkinder im Haushalt. Denn die Schulschließungen befinden sich nun in der dritten Woche und langsam geht auch den zähen, lehrerfahrenen Eltern die Luft aus. Wären wir Marathonläufer:innen, dann sind wir jetzt mindestens bei Kilometer 30 angekommen, aber eine Ziellinie ist einfach nicht in Sicht.

Gestern erreichte uns ein Schreiben der Schulleitung, die pro forma von einer weiteren Verlängerung der Schulschließung nach den Osterferien ausgeht – so lange nichts Gegenteiliges verlautet wird, gehen wir besser vom Schlimmsten aus, so die Botschaft. Das heißt für uns: Weiter Strukturen schaffen, die es nicht gibt. Wie der 10-Uhr-Spaziergang mit meinem Sohn, endlich mal die Wohnung verlassen, die leere Straße bestaunen, eine Runde durch den Park. Und am Wedding – Gala – Outfitter „Kaska Hass“ vorbeikommen: Bräute mit Chiffonmundschutz sind da im Schaufenster zu sehen. Wir sind beeindruckt, in welcher Geschwindigkeit Mode auf Politik reagieren kann.

Weniger beeindruckt ist die Chefin von unserem Ecklokal Rosengarten, das den besten Wein in Kreuzberg ausschenkt (Weingut Anselmann, Pfalz). Denn der Shutdown macht ihrem Familienbetrieb ernstlich zu schaffen. Sie freut sich über unsere Anteilnahme und hofft, in Kürze auf Lieferbetrieb umstellen zu können. Denn ihre ganze Familie steht zur Zeit ohne Einnahmen da. Die versprochene Sofortunterstützung vom Senat, die sie beantragt hat, reiche für einen Monat Miete, immerhin. Aber nicht genug. Sie hofft auf ein baldiges Ende des Shutdowns und lächelt dabei.

Ich habe mir vorsorglich einen Schal vor den Mund gebunden, falls ich Husten bekomme oder einfach um zu demonstrieren, dass ich andere schützen möchte. Zu Hause gibt es bereits einen selbstgenähten Mundschutz, allerdings wartet er auf seine erste 60-Grad-Wäsche und ist somit unbrauchbar. Aber was mich nachdenklich macht, sind all die Einwegmasken, die ich sehe. Da waren wir gesellschaftlich gerade erst (vor Corona, also gefühlt letztes Jahr) soweit gekommen, unser Müllproblem ernst zu nehmen, hatten gerade erst die Plastiktüten und -Verpackungen verbannt und begonnen, den Einzelhandel darauf einzuschwören – und jetzt werden uns massenhaft hellgrüne, virenbehaftete Faltobjekte in der Umwelt begegnen, deren Recyclingcharakter niemandem bekannt ist, weil nie jemand danach gefragt hat.

So sieht es aus, wenn ein Mensch mit Corona-Angst durch die letzten Brachen der Stadt streunt. Zu hoffen bleibt, dass diese Praxis nie in Mode kommt.

#12 +++Corona-Blog+++

Arbeit, Corona

Woche 2 endet: „Isolationsmüdigkeit“

Der Sonntag beginnt mit einer Einschätzung von Heinz Bude: Wir sind langsam isolationsmüde. Der Tag zeigt auf ganzer Linie, wie Recht er hat. Nicht, weil heute die Hausaufgaben überfordernd, das Homeoffice geöffnet oder die Kinder übermüdet wären, nein. Auch nicht, weil die kalten Graupelschauer einen Spaziergang vereitelt hätten.

Heute war ein Sonntag, der zeigt, dass seit zwei Wochen jeder Tag Sonntag ist und dass man als Elternpaar nur noch wenig Muße hat, die Kontaktsperre mit guter Laune über sich ergehen zu lassen. Wo man sich dabei ertappt, stoisch sogar ohne Kinder am Wohnzimmertisch eine Bastelvorlage nachzubasteln. Denn die Kinder haben sich mit Hörspielen ins Zimmer verzogen. Familie nervt einfach langsam. Die Witzvideos sind bereits mit allen Menschen ausgiebig ausgetauscht worden und der Humor ist langsam ausgeschöpft.

Armin Laschet hat in Angst um Kinder und Frauen, die Gewalt in den eigenen vier Wänden ausgesetzt sind, gar eine Lockerung der Ausgangsbeschränkungen gefordert. Ich finde aber, dass das Aufeinandergesperrtsein eine Herausforderung für jeden Haussegen ist, auch ohne Ohrfeigen oder Wut. Vermutlich schrauben sich Aggressionsspiralen in kleinen Wohnungen gerade reihenweise hoch – man kann sich schlicht nicht aus dem Weg gehen, wenn man genervt ist.

Dazu kommt: So langsam sickert in die Köpfe der Menschen ein, dass die Corona-Beschränkungen keine kurze Ausnahmeerscheinung sind. Die Zahlen der Welt zeigen, dass Corona überall Staaten in die Knie zwingt, Südafrika, Indien, USA. Nachrichten aus Italien und Spanien lassen einem die Tränen in die Augen treten und immer wieder die unfassbaren Bilder von Moria, wo die hoffenden Kinder nun nicht ausgeflogen werden, sondern alle dabei zusehen, wie die Zeitbombe dort weiter tickt.

Europa gleicht derzeit einem Scherbenhaufen. Wer letztes Jahr noch freudig auf die erste Amtszeit einer Kommissionspräsidentin geblickt hat, der reibt sich jetzt ungläubig die Augen. Beinah vier Wochen hat es gedauert, bis die Staaten ihre Hilfe füreinander wieder entdeckt haben. Die geschlossenen Grenzen symbolisieren eine Kapitulation vor dem Virus, aber auch eine Resignation in Europa, die kaum jemand noch vor einem Monat für möglich gehalten hatte.

Ausgerechnet die Corona-Krise als Weltkrise ist die Reinkarnation des Nationalstaates, dessen Zeitalter viele für tot erklärt hatten. Während die an Covid-19 Erkrankten intubiert werden müssen, beatmet das Virus die Kleinstaaterei. Jedes Land holt seine als Landsleute bezeichneten Bürger:innen in seine eigenen Grenzen zurück. Europa und Weltgesellschaft war gestern, heute heißt es zurück zur Nation.

Die Hilfen europäisch zu bündeln wäre ein Weg, dem zu entkommen. Aber die Server der Hilfsaufkommen für Betriebe sind schon in Berlin heillos überlastet. Ein Freund, der als Solo-Selbständiger Einnahmeausfälle hinnehmen muss, hat Wartenummer 10.000. So stellt sich die staatliche Hilfsbereitschaft selbst ein Bein, denn das Prinzip, das in dieser Krisenbewältigung scheinbar die Oberhand gewinnt, ist das Prinzip des Zufalls. Zufällig gerettet.

Aber der Abend bringt diese düsteren Erkenntnisse ob der Aussicht mit sich, dass morgen die Woche wieder beginnt. Wieder mit Homeschool. Wieder ohne Ablenkungen. Wieder mit Eltern-Homeoffice. Letzte Woche habe ich noch herzlich über die Wochenshow gelacht, in der meine Lieblingskaberettistin im gespielten Homeoffice durchdreht und alle anmotzt. Heute ahne ich, dass Witze besonders gut sind, wenn sie hauchdünn an der Realität vorbeischrammende Übertreibungen sind. „Isolationsmüdigkeit“ trifft meine momentane Stimmungsbeschreibung ziemlich auf den Punkt.

#11+++Corona-Blog+++

Allgemein, Corona

Woche 2: ZOOM-Sport in Zeiten von Corona

Der Corona-Virus bringt nicht nur Schreckensnachrichten mit sich, sondern im Kleinen auch etwas Gutes, das erfuhr ich heute in einem Radiointerview mit Sawsan Chebli, Staatssekretärin in Berlin. Sie betont die Nachbarschaftshilfe und die Bereitschaft von Vielen, ihren Mitmenschen durch die Krisenzeit helfen zu wollen. Heute denke ich, dass mein Nachbar mit seiner verunglückten Mitteilung an die Hausgemeinschaft genau das signalisieren wollte. Manchmal verunglückt das Gutgemeinte.

Was im Kleinen auch gut läuft ist das Ausprobieren von Neuem. Krisenzeiten laden immer zum Experimentieren ein. Ohne Experimente würde mein Sportverein, der Schokosport e.V., nicht überleben. Übrigens auch die Musikschule, die in ihrem amtlichen Schreiben sogar einen freundschaftlichen Ton anschlägt, vom gemeinsamen Ausprobieren neuer Wege ist da die Rede. Sympathisch. Musikunterricht per Videotelefonie.

Kein Wunder, dass Peter Altmaier hingerissen ist vom Digitalisierungsschub für die Unternehmen, bei allen negativen Nachrichten derzeit. Und so machte ich gestern meinen ersten digitalen Sportkurs über die Plattform zoom. Skypen war früher, heute wird gezoomt.

Das Programm ist ideal für Video-Meetings aller Art und mein Sportverein, der seinen Mitgliedern ein Online-Angebot machen möchte, geht mit Meeting-ID und Zugangs-Passwort auf Nummer sicher, dass nur die Angemeldeten teilnehmen können.

Neben der Kursleiterin ist nur eine weitere Teilnehmerin dabei, ich sehe sie und ihr Wohnzimmer samt Hängematte in einem kleinen Fenster. Hübsche Einrichtungsidee, ein Kachelofen, der zum Regal umfunktioniert wurde. Ich muss mich erstmal eingrooven, zuerst ist meine Internetverbindung zu schlecht, dann ziehe ich auch ins Wohnzimmer. Jetzt habe ich weniger Platz und bin zwischen Sofa, Tür und Tisch eingeklemmt, aber hier kann ich immerhin das ungewohnte Sport-Programm im Homemodus starten.

Tatsächlich entsteht ein virtueller Sportraum durch uns drei Teilnehmenden, aber in meinem Kopf entsteht ein ganz neuer Raum, in dem ich mich nur auf die Bewegungen konzentriere, ein imaginierter Sportraum, losgelöst vom realen Raum, in dem ich mich befinde. Das Wohnzimmer verschwindet um mich herum und ist in diesem imaginierten Sportraum nicht mehr existent, eine faszinierende Erfahrung.

Und noch etwas fällt mir hinterher auf: Eine Liveschalte ist tausendmal motivierender als ein YouTube-Video, bei dem die Trainer:in einen nicht sieht oder hört. Durch die Kommunikation mit den anderen während der Videokonferenz entsteht eine stärkere Teilnahme, Geräusche, Lachen, Zustimmung, all das wirkt sich positiv auf meine Anstrengungsbereitschaft aus. Bis die Tür aufgeht und die Kinder mich fassungslos anstarren. Aber sie sind nur für einen kurzen Moment überrascht. Es bringt sie zu Zeit nichts mehr wirklich aus dem Konzept, Alltag war gestern. Heute ist sowieso alles anders.

#10+++Corona-Blog+++

Corona

Woche 2: Wenn das Virus im eigenen Haus wohnt

Heute zog es mir beim Gang an die frische Luft glatt die Schuhe aus: Da versucht man tagelang, die empfohlenen Distanz-, Abstands- und Ausgangsregeln einzuhalten, um niemanden anstecken zu können und sich selbst auch nicht anzustecken — und der Virenherd, der einen angesteckt haben könnte, wohnt im eigenen Haus und sagt wochenlang keinen Piep. Nein, erst heute, wo er nun „immun“ gegen Corona ist wegen der durchstandenen Infektion, wendet er sich niedlicherweise an die Hausgemeinschaft mit einem aufgehängten Zettel und den Worten, er „hatte früh Corona“ und sei seit heute aus der Isolation.

Ich versuche auszurechnen, wann ich ihn an der Haustür getroffen habe, dummerweise damals noch mit kaum nennenswertem Sicherheitsabstand. Na gut, wir haben nicht viel mehr als „Guten Tag“ gesagt. Das war ungefähr vor 10 Tagen, sprich genau in der ansteckenden Zeit. Und ich hatte noch überlegt, ob ich die Türklinke so gedankenlos benutzen solle…

Ironischerweise hatten alle Mitglieder der Hausgemeinschaft Tipps für unsere Italienrückkehrerin zur Hand, die sich selbstverständlich und prompt – ich erwähnte es jüngst – in die selbstauferlegte Quarantäne begab; niemand traute sich zu ihr, Teller mit Essensspenden hinterließen wir vorsichtshalber vor ihrer Tür. Und das alles nur, um jetzt mutmaßlich von „Ich-bin-Millenial“-Dan angesteckt worden zu sein?! So nenne ich ihn, seitdem er sich dieses Etikett selbst gegeben hat.

Mein Mann und ich treffen „Ich-bin-Millenial“-Dan im Hof und können mit unserer Empörung nicht so richtig hinterm Berg halten. Schließlich liegt ein weiterer Tag Homeschooling nebst Homeoffice hinter uns. „Sag mal, warum hast du nicht früher Bescheid gegeben? Seit wann weißt du denn, dass du Corona hattest?“ fragen wir ihn mit gebührender Distanz, obwohl diese sich jetzt erübrigen würde. Dan schaut schuldbewusst: Angesteckt habe er sich am 7. März, sagt er. Er wisse es aber erst seit dem 16.! Also ab dem Tag #1, an dem die Maßnahmen zur Seucheneindämmung griffen und wir uns in den Kontakteinschränkungsmodus begaben. Er gehörte also zu den ersten 48 Berliner Fällen, deren Umfeld angeblich informiert wurde.

Den Müll hat „Ich-bin-Millenial“-Dan genauso in den Haus-Mülleimern entsorgt wie sonst auch, ohne Handschuhe und Desinfektionsmittel – und ohne uns zu fragen, ob wir ihm helfen. Dass wir vermutlich alle in Quarantäne gehörten seit dem Tag, an dem ich ihm an der Haustür begegnet bin, sage ich ihm. Nein, Dan wehrt entschieden ab, das Virus übertrage sich nur, wenn man mindestens eine Viertelstunde Kontakt gehabt habe. Das habe ihm seine Mutter gesagt, und die sei Ärztin. Komisch, dass die Tester:innen dann alle in Schutzkleidung herumlaufen und ein geforderter Sicherheitsabstand zwei Meter beträgt. Ist das also völlig übertrieben? Oder bin ich jetzt übertrieben ängstlich, oder rege ich mich zurecht über „Ich-bin-Millenial“-Dan auf?

Nun gut, es ist jetzt so wie es ist, und es sei ja schön, dass es ihm wieder gut gehe, schließe ich dann beschwichtigend ab, denn was gibt es im Nachhinein noch zu ändern. Trotzdem bin ich sauer, dass der Nachbar hinterher das ganze Haus verrückt macht – dann hätte er es sich auch ganz sparen können. Ich trage jedenfalls ab jetzt einen selbstgenähten Mundschutz. Grünblau mit Sternen.

Parallel zur Ungewissheit, ob die Pandemie ihren Höhepunkt in Deutschland bereits erreicht hat oder ob das Schlimmste erst noch bevorsteht, wächst die Ergebenheit in unser neues Schicksal. Mein Mann ist nun Homeschoolofficer, besonders für die beiden Grundschulkinder im eigenen Haushalt. Um 8:30 beginnt der Unterricht mit Unterweisungen im Tagesablauf: Nein, Hörspiele sind nicht erlaubt während der Schulzeit, und nein, Inlineskates sind jetzt nicht das richtige Instrument, um den Unterrichtsstoff adäquat zu vertiefen. Um 9:30 gibt es – tatsächlich haben wir Zeit und Vokabular übernommen – die erste Pause, also Frischluftzufuhr im Innenhof.

Wir stellen fest: Die Kinder erweisen sich als sehr kooperativ, wenn der Wortschatz aus der Schule auftaucht und eine deutlich gefühlte Grenze zur sonstigen in Haus und Hof verbrachten Freizeit definiert. Die Entgrenzung von Arbeit und Leben mag in der heutigen, auf Selbstverwirklichung abzielenden Arbeitswelt, für manch Erwachsene normal sein – auch wenn er oder sie mit Haut und Haaren von Arbeit gefressen wird – aber dass schon Kinder diese Entgrenzung von Arbeit und Freizeit massenhaft kennenlernen, das ist ein Novum und eigentlich ein Phänomen, das nur den privilegierten Reichen erlaubt ist, die sich Hauslehrer:in und Hausmusik leisten können – oder den Hippiefamilien.

Und spätestens jetzt wird auch klar, warum sich die breite Masse dieses Konzept nicht leisten kann: Für derartige Entfaltungsmöglichkeiten individueller Fertigkeiten benötigt man Platz und geschultes Personal. Nicht nur Lehrpersonal, auch Kochpersonal und ein Hauswirtschafter, und dann funktioniert das Konzept HomeschoolOffice. Denn als eierlegende Wollmilchsau hält es niemand lange durch.

Aber jetzt hoffen wir erstmal, dass „Ich-bin-Millenial“-Dan uns nicht angesteckt hat.

#9+++Corona-Blog+++

Berlin, Corona

Tag 9: Das Adrenalin der Provokation

Ein sonniger Tag in Berlin, ich fahre mit dem Rad am Mauerstreifen entlang an allerlei touristischen Hotspots vorbei. Vom Axel-Springer-Verlag bis zum Gleisdreieck Touristenleere an den sonst gut gefüllten Orten: Checkpoint Charlie, DDR-Museum, Topographie des Terrors, Martin-Gropius-Bau, keine reisebusseweise sich schiebenden Massen, Menschentrauben, Busstaus. Von März bis September hatten wir uns an sie gewöhnt im letzten Jahrzehnt, jetzt: wie ein Spuk vorbei. Die Straßen sind so leer wie in den 1990ern, nur ohne dass Brachen brach liegen, und die Fassaden sind poliert statt schmutziggrau.

Nur die Bauarbeiter bauen unbeeindruckt von allen Abstandsgeboten weiter. Der Park am Gleisdreieck beherbergt so viele Hobbysportler:innen wie noch nie an einem gewöhnlichen Vormittag.

Und Social Media meldet neben all den witzigen auch doofe Posts von Menschen, die sich aufregen und aufregen und noch mehr aufregen über politische Entscheidungen. Vielleicht sind sie selbst von der Krise betroffen und können nicht anders als polemisch zu reagieren. „Merkel tötet“ schreibt einer tatsächlich, er regt sich über die „unfähige Regierung“ auf, denn hätte man, dann wäre nicht etc. Ich verstehe Menschen, die jetzt extrem verunsichert sind: Die Lackritzhändlerin, die schon im letzten Jahr nur knapp über die Runden kam; das kleine Bistro nebenan, das keinerlei Rücklagen hat; der Taxifahrer, der vier Kinder ernährt. Eine existenzbedrohende Lage, auch für Lagerarbeiter:innen, Verkäufer:innen und Servierer:innen. Aber was bringt der Onlinehass diesen Menschen? Zumal es meist nicht die Betroffenen selbst sind, die solcherlei Kübel ausschütten.

Aber wer Parolen wie „Merkel tötet“ in die Welt setzt, der säht Hass und kippt gleich badewannenweise Wasser auf die Mühlen der AfD.

Machen Leute das, weil die Aufmerksamkeitsökonomie ihnen recht gibt? Oder weil das Adrenalin der Provokation momentan ein einfaches Mittel der Problembewältigung ist, leichter zumindest als das Aushalten des Nichts-tun-Könnens? Psychologen sprechen von Coping-Strategien in Momenten der Hilflosigkeit, um diese bewältigen zu können. Isolation und Einsamkeit sind solche Momente. Meine Strategie ist dann wohl, zu bloggen. Aber soziale Netzwerke können in einer krisenhaften Situation regelrecht als Aggressionsventil von fehlgeleitetem Frust missbraucht werden, das wissen alle aktiven und ehemaligen Politiker:innen, Renate Künast voran.

So zeigt sich die Corona-Krise als Brennglas und Brandbeschleuniger, nicht nur für E-Commerce, digitale Bezahlung und die Digitalisierung des Lernens, und nicht nur für die Solidarität in Nachbarschaften und zwischen den Generationen, sondern leider auch für hasserfülltes Denken.

„Hoffentlich, hoffentlich werden so viele Menschen wie möglich, am besten alle, vor dem Scheißvirus gerettet. Sehr gerne sterben darf aber endlich das Wettrennen in der Aufmerksamkeitsökonomie, das Bärtekraulen in eilfertigen Talkshows und die unheilige Magie der Medienwarenwirtschaft, per Eilmeldungsgeschwindigkeit schon Millisekunden vor Eintreten eines Ereignisses alles darüber gewusst zu haben“ schreibt Jaspar Nicolaisen sehr treffend über die herrschende mediale Situation.

Stattdessen hilft manchmal auch, Vertrauen in die Regierungsfähigkeit und die Problemlösekompetenz der Handelnden zu haben. Jedenfalls lautet so mein Resümee für heute.

#8+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 8: Eine Woche Ausnahmezustand

Der Tag beginnt mit der Frage, wie die politischen Vorgaben zu deuten sind. Düften wir jetzt noch mit dem Auto zum Park fahren? Mit den Nachbarskindern eine Schatzsuche machen? Oder nur noch zum Einkaufen oder zur Arbeit, wie es der Freund orthodox interpretiert?

Wir schwanken kurz, dann aber ist klar: Die Schatzsuche mit den beiden Kindern aus der Hausgemeinschaft kann keine Kontaktsperre der Welt verbieten. Es geht mit Knobelaufgaben in den Park, wo sich heute ein ganz anderes Bild als am gestrigen Sonntag bietet: Jugendliche hängen auf den Tischtennisplatten rum, eine Mädelsgäng lümmelt auf dem gesperrten Spielplatz. Meine Kinder sind empört: „Mama, warum dürfen die das?“ Ich erkläre ihnen, dass sie das gar nicht nicht dürften, sondern einfach machten und dass darin der kleine Unterschied bestehe. „Also werden die verhaftet wenn die Polizei kommt?“ „Die kriegen Ärger wenn die Polizei kommt.“ Ehrfürchtig und mit großen Augen gehen sie weiter. Mein Sohn hat das Spiel aber durchschaut: „Die Polizei kommt hier sowieso nicht.“ Er hat vermutlich recht.

Die Nachmittage als Familie ziehen sich zugegebenermaßen in die Länge, wenn schon die Vormittage mit selbstgebastelten Strukturhilfen in die Kurven gehen. Vom schulpsychologischen Beratungszentrum (SIBUZ) gibt es jetzt Unterstützung: Dort erfahren Eltern auf 3 Seiten im Crashkurs, mit welchen Methoden sie sich als Hauslehrer:innen am besten ausstatten. Der Tip Berlin stellte in seiner Online-Ausgabe die gute Frage, ob wir jetzt alle Quereinsteiger:innen werden müssen. Vormittags Lehrerin, mittags Koch und nachmittags endlich mal selbst an den Schreibtisch. In einer Reportage wurde eine alleinerziehende Mutter von 3 Kindern in ihrem hoffnungslos überforderten Homeofficezustand gezeigt und ich frage mich, ob wir nicht bald statt der chronisch erschöpften Mütter oder Väter auch noch eine Burnoutkurve haben werden, die ganz steil nach oben zeigt. Dann hilft bei #flattenthecurve allerdings kein Social Distancing mehr.

Was all diese Nachrichten bringen: Einen Heidenrespekt vor den Spanier:innen und Italiener:innen, die schon länger weitaus rigidere Umstände überleben und immer noch Freude am Musizieren haben.

Aber so ein Corona-Geburtstag bringt auch besondere Anteilnahme und außergewöhnliche Ideen mit sich. Ganz rührend war am Abend das Geburtstagsleuchten für meine Tochter von den Hausbewohnerinnen, die sich in Quarantäne oder in „Distance“ befinden. Von ihnen gab es ein wunderschönes Wunderkerzenkonzert aus den Fenstern.

#7+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 7: Die Ruhe vor dem Sturm?

Der Sonntag versickert im Gebot, die Wohnung zu hüten. Ein verzagter Spaziergang am Vormittag. Kein Mensch auf den Straßen, der Park ist leer. Die balkonverzierten Häuserfassaden verraten nicht, ob hinter ihnen gelebt wird, gekauert, verhauen, gelacht oder getrunken. Oder ob einfach niemand mehr da ist. Berlin fühlt sich einsam an. Ein ganz neues Gefühl in der sonst so quirligen Stadt und in meinem Viertel zwischen Mitte und Kreuzberg, in dessen Ex-Mauerbrache in den letzten Jahren so viele Baukräne beheimatet waren wie am Potsdamer Platz in den 90ern. Inzwischen haben hinter der Bundesdruckerei so viele Verlage ihren Sitz, dass man ständig Schriftsteller:innen über den Weg läuft. Aber jetzt ist Schluss damit. Alles steht still.

Die Märzsonne leuchtet, die Forsythien stehen in voller Blüte und es ist kalt. Ein Vater spielt mit seinem Sohn Fußball und ein anderer Tischtennis. Sonst genießt niemand die kühle Luft und den blauen Himmel. Das Gespenstische, das die ersten Tage den öffentlichen Lockdown begleitet hatte, es ist einer Trägheit gewichen, die man von den ausgestorbenen Straßen Südeuropas kennt, wo die einzige Antwort auf eine zu große Mittagshitze die Verbarrikadierung zur Siesta in den kühleren Wohnungen ist. Nur gibt es keine Hitze, die droht. Sondern Covid.

Angela Merkel wendet sich erneut an die Bevölkerung. Der Ernst der Lage erfordert ihre Präsenz, und die Bundesländer erlassen ein Kontaktverbot, das morgen in Kraft tritt. Die Bewegung an der frischen Luft bleibt für Einzelne erlaubt, auch für ganze Familien. Es ist eine letzte Vorstufe vor einer Ausgangssperre. Ich bin froh, dann können wir morgen zum Geburtstag meiner Tochter wenigstens in den Park. Die Freundinnen dürfen jetzt allerdings nicht mehr mit. Seuchenschutz geht vor.

Ich höre im Radio, dass auch Merkel nun in Quarantäne ist: Sie hatte Kontakt zu einem Corona-positiven Arzt. Der Virus macht vor Ämtern, Macht und Reichtum nicht Halt. Aber besonders die Älteren unter uns müssen ihn fürchten, und noch Ältere wie meine Großmutter. Sie ist 89 und jetzt allein, unbesucht. Sie wird von der Besuchssperre beschützt und ist doch schutzlos.

Ich rufe sie an, sie hat Verständnis, weiß um die unbestimmte Gefahr, sogar die Sonntagsmesse wurde abgesagt. Aber so ganz kann sie die Aufregung nicht nachvollziehen, dass es jetzt wie im Krieg sei. Sie warnt mich vor denen, die jetzt alles stehlen würden und rät mir, Kartoffeln und Mehl zu lagern, denn damit könne man am meisten anstellen. Vermutlich hat sie recht, aber es ist nicht wie im Krieg. Es wird alles geliefert. Es ist nur sehr schnell ausverkauft.

#6+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 6: Italienische Zustände

Der Samstagseinkauf erweist sich wie es zu erwarten war als Durchwurschtelaktion. Der Edeka: Leergekauft. Die Fleischtheke: Nicht mehr besetzt. Der Biomarkt: Noch zwei Liter Milch im Kühlregal. Mehl existiert nur noch in der Phantasie. Frisches Gemüse: Überall Fehlanzeige, außer auf dem Wochenmarkt (!). Und vor dem Supermarkt: Eine Warteschlange aus Menschen mit Mundschutz. Bilder, die wir bis letzte Woche mit Italien und Wuhan in Verbindung brachten, sie haben unseren Alltag erreicht, jedenfalls im Stadtzentrum.

Double-Income-No-Kids-Paare gehen gemeinsam einkaufen und sehen so aus, als machten sie das zum ersten Mal. Zumindest im Laden. Wenn sie ihren SUVs entsteigen, reicht sie ihm routiniert das Handdesinfektionsmittel rüber, oder umgekehrt. Wo zum Teufel haben die das Zeug her? Ob die auch Klopapier zu Hause haben?

Und woher bekomme ich jetzt die ersehnten Nürnberger Würstchen, die meine Tochter sich zum Geburtstagsfrühstück wünscht? Wer kam überhaupt auf die Idee mit dem englischen Frühstück, die muss eindeutig noch aus Vor-Corona-Zeiten stammen.

Die Tochter wird übermorgen 8. Ein unpassendes Alter, um Einschränkungen am Geburtstag hinzunehmen. Doch sie hat vorausschauend vorgesorgt, ist in der letzten Woche schon mit dem Papa losgezogen und hat zumindest auf zwei Geschenken bestanden, die vorrätig sein sollten. Sie war es auch, die als erste begriff, dass sie niemanden ihrer Freund:innen einladen darf — wir übten uns im Beschwichtigen, aber Kinder haben Instinkte wie Katzen. Tatsächlich wird nun, wenn es gut läuft, die Nachbarin kommen. Ich sattel um auf Wiener Böden, dann krieg ich die Torte ohne Eier und Mehl hin.

Die Einkaufssituation in der Berliner Innenstadt, Momentaufnahme dieser Woche, erinnert tatsächlich an eine Herausforderung, die es seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr gab: Lebensmittelengpässe. Glück hat jetzt, wer außerhalb des S-Bahnrings wohnt. Eine Umkehrung der Verhältnisse, auch für Vermietende. Wer sich bis vor zwei Wochen noch glücklich schätzen konnte, innerhalb des S-Bahnrings eine bezahlbare Wohnung zu haben, steht nun vor ganz neuen Herausforderungen neben den Mietsteigerungen — diese will, genauso wie Mietausfälle, der Senat bis September übernehmen. Sprich: Private Spekulanten und Immobilienunternehmen haben die Mieten ins Exorbitante gesteigert, damit der Staat im Fall von Mietrückständen nun die Ausgleichszahlungen übernehmen darf.

Übersetzt heißt das mal wieder, Gewinne bleiben privatisiert, Verluste werden kollektiviert. Vielleicht gibt es angesichts der großen Solidarität der Vielen auch mal ein Zeichen der Solidarität von z.B. der Deutschen Wohnen oder anderer Marktakteure, auch zugunsten von Ateliers, Geschäftsräumen, Gewerbe.

An der Kasse bei Edeka bedankt sich die Verkäuferin mit dem violetten Lippenstift gut gelaunt für meinen Einkauf bei ihr. Sie entschuldigt sich, dass die Eingabetasten am Kartenlesegerät, auf dem ich meine Geheimnummer gerade eintippe, so eine unverschämte Virenschleuder sei. „Aber wissen Se, ick mach dit auch von Zeit zu Zeit sauber, keene Sorge. Und bleiben Se jesund.“ Ich bin ganz gerührt von soviel Umsicht. Die Dame trägt keinen Mundschutz, sie ist allen ausgeliefert. Aber Ihre Freundlichkeit und meine, ihre Sorge um ihre Kundschaft und meine Sorge um ihre Gesundheit steigern sich gegenseitig in nur einem Bruchteil einer Minute zu einem am Ende beinah freundschaftlichem beiderseitigem Wunsch eines schönen und gesunden Wochenendes. Die Wertschätzung, die da politisch ausgedrückt wurde, sie hat schon jetzt in den Alltag eingegriffen und den Menschen ein Stück Größe zurückgegeben.

#5+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 5: Gespenstische Ruhe in Berlin

„Es ist wie auf dem Land hier!“ jauchzt meine Tochter beim morgendlichen Fitnessprogramm, als wir die große Straße überqueren. Es geht zum Joggen in den Park, und kaum ein Auto fährt über den Moritzplatz. Sonst ist hier ein Verkehrsknotenpunkt. Meine Kinder sind begeistert von der Ruhe, „Mama, gar keine Abgase!“ Berlin-Kreuzberg und auch Mitte sind heute gespenstisch still, Restaurants, Cafés, Spielplätze, Geschäfte: geschlossen.

Eine Freundin meldet sich aus der Isolation in Dresden; sie sorgt sich um ihre Cousine, die in Tansania festsitzt. Rückflüge nach Deutschland: Fehlanzeige. Das Gesundheitssystem in Tansania ist mit 15 Intensivbetten im Land völlig überfordert mit der drohenden Pandemie, aber so geht es nicht nur Tansania. Eine andere Freundin sitzt in Guatemala fest, und wieder eine andere hat Leukämie. Damit gehört sie zur absoluten Risikogruppe. Mal wieder sehe ich, wie gut wir es haben: Wir langweilen uns bloß in städtischen Wohnungen mit perfekter Versorgungslage herum.

Aber der Tag geht weiter. Nachmittags wollen wir bewusst die Restaurants in der Nachbarschaft unterstützen. Zwei, die wir ansteuern, haben schon geschlossen. Eines verkündet geänderte Öffnungszeiten wegen Corona, von 13 bis 18 Uhr. Die Straßen sind ausgestorben, denn wo sonst Touristen in Überzahl herumwuseln und in Gruppen die Gehwege blockieren, herrscht jetzt fast bedrohliche Leere.

Ich fühle mich an Tel Aviv erinnert, wenn Schabbat ist: Kein Bus fährt, wenige Autos, und nur vereinzelte Spaziergänger:innen begegnen einem dort – ein Ausnahmezustand, ein Pausenmodus, Ruhezeit für alle. Nur: Das hier ist das echte Leben und kein Ruhetag.

Die Betreiberin der Kleinen Markthalle ist ideenlos, es kommt kaum noch ein Gast: Drei besetzte Tische, das waren ihre Einnahmen für heute. „Am Montag soll die Ausgangssperre kommen und dann machen wir ganz zu. Morgen muss ich alles wegwerfen.“ Ein Gast schlägt ihr vor, die Lebensmittel am Kotti zu verteilen: „Die Tafeln mussten ja alle zumachen, weil die Helfer über 65 sind.“ Die Chefin winkt ab: Am Montag sind die Sachen verdorben. Wie es weitergehen soll, keine Ahnung. Und das versprochene Hilfspaket des Senats über viele Millionen? Wieder winkt die Frau ab. Bis das bei ihr ankommt hat sie längst dicht gemacht, sagt sie achselzuckend.

Trotz aller Ängste steht die solidarische und wohlmeinende Stimmung im Vordergrund: Wir spenden Trost, kommen ins Gespräch, auch mit anderen – physisch distanziert natürlich. Statt Social Distance gibt es hier nur die körperliche Distanz, der Begriff des SoDiMo führt also nicht nur in die Irre, er stimmt einfach nicht. PhyDiMo, so sollte es heißen.

Wie auch immer, die Gewerbetreibenden sind sich einig, dass am Montag die Ausgangssperre kommt. Und was dann wird, das weiß keiner. Mit soviel Überzeugung erzählt unser Nachbar, ein Galerist, von der Ausgangssperre, dass sie so gut wie beschlossen scheint. Aber noch ist Freitag. Und jetzt schon schlägt die IHK Alarm, die Börsen krachen abwärts, und die Rezession ist unvermeidlich. Humor ist, wenn man trotzdem lacht, das machen die Betroffenen zur Zeit. Nur: wie lange können sie das durchhalten?

Auch die Kinder haben sich in die Situation eingefügt, sie genießen nun, dass es „so gemütlich ist“. Immerhin, wir scheinen als Eltern Ruhe auszustrahlen und keine Panik. Mein Mann hat bereits den ersten Kollateralschaden vom Homeoffice davon getragen: Die Lendenwirbelsäule schmerzt. Und heute las ich, dass jetzt in China die Scheidungsrate in die Höhe schnellt, wo das Ende der Quarantänezeit erreicht ist. Wir stehen erst am Anfang, da braucht es möglichst viel Luft nach oben, wenn doch mal Frust aufkommen sollte. Eine Möglichkeit zum Versüßen der Zeit ist das Ausprobieren von lange vor sich hergeschobenen Kochrezepten.

Im Radio hieß es, auch die Frauenhäuser litten unter extremem Zulauf: Häusliche Gewalt gegen Frauen nähme zu, wenn Familien sich so dicht auf die Pelle rückten. Was für eine fiese Folge von SoDiMo. Zudem ist es vermutlich so, dass Menschen in prekären Lagen, Armut oder (drohender) Arbeitslosigkeit jetzt doppelt unter den staatlichen Corona-Maßnahmen leiden: Die Entbehrungen der Situation treffen jemanden härter, wenn er oder sie schon grundsätzlich ein entbehrungsreicheres Leben führen muss. Und sei es die Entbehrung eines sicheren Einkommens, einer bezahlbaren Wohnung oder Zuneigung. Dann ist der Wunsch nach dem Ausprobieren eines Kochrezeptes bereits Luxus.

Hoffen wir, dass die digitalen Ablenkungsmöglichkeiten all jenen hilft, die sich einsam und verlassen fühlen. Die nächsten Wochen werden hart, heute war nur eine kleine Kostprobe.