Sippenhaft für Frau Minister?

Berlin, Frauenpolitik, Solidarische Politik, SPD

Erzählt doch keine Märchen! Warum nur sind die Medien so scharf auf das Fehlverhalten von Franziska Giffeys Ehemann? Der Hauptstadtpresse fehlen mal wieder die deutschen Royals, so scheint es.

Lorenz Maroldt und Jörg Thadeusz sind alte Buddies. So jedenfalls kommt ihr Gespräch auf radioeins rüber, das sie am vergangenen Freitag öffentlich austrugen. Es geht um Franziska Giffey. Lorenz Maroldt, Chefredakteur vom Tagesspiegel, ist sich über eines im Klaren: Frau Giffey muss jetzt ganz scharf beobachtet werden, denn ihr Mann, ein Veterinärmediziner, wurde aus dem Beamtenverhältnis entfernt. Amüsiert höre ich den beiden Kumpels zu, wie sie die Causa Giffey unter sich besprechen, denn es fühlt sich an, als sitze ich bei ihnen im Wohnzimmer. Doch der Inhalt ihres Gesprächs friert mir das Lächeln im Gesicht ein, denn im Laufe des Dialogs wird klar: Maroldt will Giffey am Pranger sehen.

Indem Plagiatsaffäre und Betrug in einem Atemzug genannt werden, rückt das Fehlverhalten des Ehemannes ganz nah an Giffeys persönliches Verhalten

Franziska Giffey müsse jetzt reagieren, denn die Öffentlichkeit habe ein großes Interesse daran, was das Berliner Verwaltungsgericht ihrem Ehemann vorwirft. Nichts Genaues weiß man nicht, aber allein die Tatsache, dass der Ehemann einer ranghohen Politikerin aus dem Beamtenverhältnis entfernt wurde (die Berufung steht jedoch noch aus), rechtfertige auch im Stadium der Mutmaßungen bereits ein großes journalistisches Interesse. Denn die Reaktion der Ministerin lasse eindeutige Rückschlüsse auf ihre Persönlichkeit (sprich: persönliche Eignung) zu. Vor allem, und hier wird Maroldt ganz streng, habe sich die Ministerin in der Plagiatsaffäre schlecht benommen: Anstatt, dass sie ihren Titel einfach abgelegt hätte, habe sie sich hinter der „amerikanischen Zitierweise versteckt.“

Zwei Dinge gefallen mir nicht am Umgang mit Franziska Giffey. Erstens Häme und Neid, die mal wieder zwischen den Zeilen durchscheinen, und dann die Unterstellungen: Den Doktortitel braucht diese Frau ja wohl nicht. Den hätte sie doch easy abgeben können, darauf verzichten, was soll denn dieses titelverliebte Getue. So der Anwurf. Sprich: Die Frau ist mindestens größenwahnsinnig und selbstverliebt. Ich verstehe: Wenn jemand eine Doktorarbeit geschrieben hat, im Schweiße seines Angesichts, nach bestem Wissen und Gewissen – so versichert es die/derjenige – dann soll er oder sie unter den bloßen Vorwürfen eines Plagiats einknicken und sich nicht mehr zu seiner geleisteten Arbeit bekennen? Das wäre der richtige Weg gewesen? Entschuldigung, aber in diesem Fall wirkt Herr Maroldt neidisch, so nennt man das, wenn man anderen ihren Erfolg mißgönnt. Amerikanische Zitierweise bedeutet ja nichts anderes, als dass Zitate nicht wörtlich übernommen wurden, sondern paraphrasiert wiedergegeben – wer diese Zitierweise nicht ernst nimmt, kann natürlich schnell ein Plagiat wittern. Vielleicht hätte Herr Maroldt darüber aufklären können, anstatt Giffey Fehlverhalten in ihrer „Plagiatsaffäre“ vorzuhalten – die sie m. E. souverän gemeistert hat! Überhaupt, was hat eigentlich die Plagiatsaffäre mit dem unbekannten Herrn Giffey zu tun? Indem beides in einem Atemzug genannt wird, rückt das Fehlverhalten des Ehemannes ganz nah an Giffeys persönliches Verhalten heran, z.B. an ihre Glaubwürdigkeit in der Plagiatsaffäre. Heißt: Wenn ihr Ehemann als Betrüger entlarvt wird, dann kann seine Ehefrau nicht frei von Schuld sein. Das ganze nennt sich Sippenhaft, und das Sippenstrafrecht wurde mit Gründung der BRD abgeschafft – zugunsten des Schuldprinzips.

Wie kann es sein, dass sich mutmaßliche Verfehlungen vom Ehemann einer Ministerin am Folgetag auf sämtlichen Titelseiten der Zeitungen wiederfinden?

Das Radiointerview mit Maroldt erinnert mich an einen Schuljungen, der sich über die Klassensprecherin aufregt, die immer besser wegkommt als ihr gemeinhin zugestanden wird. Woher kommt dieses Nicht-gönnen-können eigentlich? Hätte Herr Maroldt auch gerne einen Doktortitel und muss ihn deshalb abwerten? So, als wäre damit keine jahrelange Arbeit verbunden, auf deren Verdienst man verständlicherweise nicht schlicht und einfach verzichten möchte? Und wie kann es sein, dass sich mutmaßliche Verfehlungen vom Ehemann einer Ministerin am Folgetag auf sämtlichen Titelseiten der Zeitungen wiederfinden? Wäre das nicht etwas für die Rubrik „Spekulation und Panorama“ gewesen? Überall reiben sich die sensationslüsternen SPD-Abgesangschreiber/innen bereits die Hände, vom Tagesspiegel bis zur FAZ („Das nächste Problem der Franziska Giffey“), von den sozialen Netzwerken ganz zu schweigen. „Das Private ist politisch“, weiß die Berliner Zeitung, und kehrt den feministischen Schlachtruf gegen die Ministerin. Und routiniert wird Giffey, geadelt zur „eigentlichen Hoffnungsträgerin“ der Partei, zur Ministerin auf Abruf, über der schon wieder das Damoklesschwert hängt, das ihre überraschende Karriere schon wieder jäh beenden könnte.

Nicht das Private wird politisch, sondern jegliches Politische wird bedeutungslos angesichts einer boulevardesken Sichtweise

Tatsächlich zeigen sich an dem Aufmerksamkeitshype um Franziska Giffeys Ehemann die boulevardesken Züge, wird der Hang zu Drama und Tragödie offenbar, dem die Hauptstadtmedien in zyklischen Schleifen verfallen. Dieses Mal ist es die mögliche Sippenhaft, die dem märchenhaften Aufstieg von Prinzessin Giffey ein Ende bereiten könnte. Die von der Presse lancierte Inszenierung einer aufgestiegenen Prinzessin, der die Thronfolge von der Öffentlichkeit bereits zuerkannt, die Krone geradezu angetragen wurde (ob nun die von Berlin oder den SPD-Vorsitz), die sich aber in die Hände des Bösen (der Ehemann!) begeben hat und unter deren Seil, auf dem sie so glänzend tanzt, bereits die lechzende Löwenmeute wartet, die sich mit der Zunge über die Mäuler fährt: Dieses von ihnen selbst konstruierte Szenario reizt die Medienschaffenden zu ihrer boulevardseken Sicht auf Franziska Giffey. Nicht das Private wird politisch, sondern jegliches Politische wird bedeutungslos angesichts der Möglichkeit zur Tragödie oder zur Heldengeschichte. Die Hauptstadtpresse sehnt sich nach diesen Geschichten, sie liebt Tragödien wie die um Christian Wulff, und angesichts der fehlenden Royals müssen unsere Politprominenten diese Lücke ausfüllen, ob sie wollen oder nicht.

Tatsächlich sucht man vergeblich nach Politikern, die wegen Machenschaften ihrer Frauen Rücktrittsforderungen aushalten mussten

Dass aber eine Politikerin, die einzig durch ihr politisches Geschick und Talent von sich Reden machte, nun öffentlich vorgeführt wird, weil ihr Mann sich (vermutlich) falsch verhalten hat, ist ein Schritt in die falsche Richtung. Sippenhaft galt für noch keinen prominenten Politiker, warum sollte für weibliche Politikerinnen ein anderer Maßstab gelten? Tatsächlich sucht man in der BRD vergeblich nach männlichen Politikern, die wegen Machenschaften ihrer Frauen Rücktrittsforderungen aushalten mussten (wem ein Beispiele einfällt: bitte melden). Hatten sie Affären, dann wurde das Private politisch, aber auch an Affären gescheiterte Ehen, das sehen wir bei Horst Seehofer und Heiko Maass, beendeten noch keine bundespolitische Karriere. Es gibt nicht viele Fälle von weiblichen Spitzenpolitikerinnen, deren Ehemänner ins Licht der Öffentlichkeit gerieten, schon gar nicht durch ihr Fehlverhalten. Aber eine angemessene Berichterstattung kann auch eine Bundesministerin erwarten, und wenn die Vorwürfe gegen ihren Mann noch ungeklärt sind, allemal. Ansonsten frönt man einzig und allein dem Genre des Märchenerzählens.

Neulich in Kreuzberg: Von der Leyen zu Gast im Orania. Zeit für eine Hymne

Allgemein, Frauenpolitik

An ihrer Frisur erkannte ich sie sofort. Blond geföhnt. Grazil erklomm sie den Bordstein in Stöckelschuhen und Strumpfhosen, und zog die Schultern fröstelnd hoch: Es regnete an diesem Märznachmittag in Kreuzberg vorm Hotel Orania. Ursula von der Leyen. Unsere starke Frau der Bundeswehr. Erste Verteidigungsministerin der Bundesrepublik Deutschland. Die Heldin des Elterngeldes, Mutter von 6 oder 7 Kindern, Verfechterin der Frauenquote und des warmen Mittagessens für alle, Vorkämpferin für die Lebensleistungsrente. So verletzlich stand sie da, für genau 2 Sekunden, das helle Blau ihres Kostüms kontrastiert perfekt vor der grauen Kulisse des schmuddeligen Oranienplatzes.

Das helle Blau ihres Kostüms kontrastiert perfekt vor der grauen Kulisse des schmuddeligen Oranienplatzes

Hinter ihr entsteigen drei dunkel gekleidete Bodyguards den schwarzen Mercedes-Limousinen, und Ursula von der Leyen schaut sich suchend um – das also ist das hippe Kreuzberg, dabei ist es grau und hässlich, sagt ihr Blick. Im Orania, das umstrittene Hotel am Oranienplatz, sind die eingeschlagenen Scheiben noch nicht ausgewechselt worden.
Das Restaurant führt hochpreisige Kost. Viele Anwohner hatten sich aufgeregt, dass hier nach Jahren des Leerstandes ein Hotel einzieht. Und dann noch eines mit Pianist, offenem Kaminfeuer und einem Interieur, das im Kolonialstil gehalten ist. Sehr provozierend fanden das die Kreuzberger, ich fand das auch. Aber trotzdem mag ich die Existenz der Bar, denn sie steht in einem spannenden Gegensatz zu den touristischen, hippen und überlaufenen Cocktaillounges, die für die aufgeregte Oranienstraße sonst so prägend sind. Aber das Hotel Orania steht seit seinem Einzug symbolisch für die Gentrifizierung des Kiezes und die steigenden Mieten.

Unsere Verteidigungsministerin nimmt die Einschusslöcher zur Kenntnis, dann strafft sie die Schultern und blickt der geöffneten Tür entgegen

Und deshalb sind die geschliffenen und abgerundeten Scheiben mit hässlichen Einschusslöchern von Steinwürfen versehrt, die sich silbern von dem dunklen Glas abheben. Große und kleine Glaswunden, die sich spinnennetzartig ausbreiten. In ihnen spiegelt sich die Wut des Kiezes wider auf jene, die sich die Preise und die Mieten noch leisten können. Auch unsere Verteidigungsministerin nimmt sie zur Kenntnis, dann strafft sie die Schultern, und blickt der geöffneten Tür entgegen. Sie kennt sich aus mit Kampfspuren, nicht erst seit sie Ministerin für Verteidigung ist. Häme und Kritik bekam sie schon vorher zu spüren, für ihre sozialdemokratische Politik, für ihre kühle Art oder einfach, weil sie so viele Kinder hat. Ihr wird vorgeworfen, dass sie Probleme weglächelt. Wenn sie die Probleme so offen wie niemand zuvor anspricht, wird ihr das erst recht angekreidet. Dabei ist ihre Bilanz außergewöhnlich: Jedes Ministerium, das sie übernahm, hat sie mit so großen Projekten versorgt, dass sie noch heute nachhaltig unsere Realität verändern und nicht von Gegenreformen aus dem Weg geräumt werden konnten. Die Reform des Elterngeldes und von Hartz IV hat erst sie richtig angepackt, und die Untersuchung von rechten Strukuren in der Bundeswehr hat sie als erste angekündigt.

Wenn sie die Probleme so offen wie niemand zuvor anspricht, wird ihr das erst recht angekreidet.

Ob die Taten ihren Worten folgen können, das wird sich noch herausstellen. Aber von der Leyen spricht Unbequemes aus und lächelt trotzdem. Das ist ihre Stärke. Viele legen ihr das als Schwäche aus. Sie wird von allen Seiten kontinuierlich argwöhnisch beäugt. Aber Ursula von der Leyen ist alles andere als schwach, sie ist eine starke Frau, die eine großartige Vorbildfunktion hat. Sie zeigt den weiblichen Weg in einer männlich geprägten Kultur, und zwar mehr, als es Angela Merkel tut. Als Mutter kennt von der Leyen den Alltag und die Sorgen von Frauen mit und ohne Kindern, und das schwingt in all‘ ihren Reformen und Ansprachen mit. Sie steht für Weiblichkeit, auch weil sie es in ihren Auftritten bewusst verkörpert, und umso mehr wird ihre „kühle Art“ kritisiert. Angela Merkel hingegen kaschiert ihre Weiblichkeit und neutralisiert sie in ihren Auftritten. Denn offenbar ist es öffentlich immer noch unmöglich, ein weibliches Auftreten mit figurbewusstem Kostüm und Lippenstift und professionelles, politisches Handeln zusammenzudenken. Bei von der Leyen wurde oft ihre Professionalität mit Kühle gleichgesetzt und dann in einem Atemzug ihre Kinderzahl genannt, so als sei es ein absolutes Unding, als Mutter von so vielen Kindern die Unverfrorenheit zu besitzen, eine politische Karriere hinzulegen. Nach dem Motto: Da kann sie ja nur kalt sein, wenn sie so eine Rabenmutter ist.

Offenbar ist es öffentlich immer noch unmöglich, ein weibliches Auftreten mit figurbewusstem Kostüm und Lippenstift und professionelles, politisches Handeln zusammenzudenken.

Der WDR 2 strahlte in Nordrhein-Westfalen lange eine Satiresendung namens „Die von der Leyens“ aus, die genau diese Doppelrolle überzeichnete und damit den Finger darauf legte, was offenbar vielen suspekt ist: Eine Mutter zahlreicher Kinder, die erfolgreich die höchsten Ämter des Landes inne hat? Unfassbar. Unerhört. Das geht auch nur mit Humor. Ich muss gestehen, dass ich lange kritisch auf diese Frau geschaut habe, nicht nur weil sie für die CDU stand, sondern weil sie so mühelos eine Reform nach der anderen anschob. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Offenbar macht Ursula von der Leyens Bilanz anderen Angst. Wo ist der Haken bei dieser Frau? Dann wird sie belächelt, wenn sie sich um die Familienfreundlichkeit der Bundeswehr sorgt. Aber genau das ernstzunehmen ist feministische Politik. Das Tollste, was sie politisch zu verantworten hat: Die Mütterrente und die Frauenquote in Aufsichtsräten. Meilensteine in der gesellschaftlichen Anerkennung von weiblicher Lebens- und Arbeitsleistung. Diese kleine Frau ist, bei Licht betrachtet, ganz schön groß.

Diese kleine Frau ist, bei Licht betrachtet, ganz schön groß

Auch, wenn mir die Bundeswehr als militärische Institution suspekt ist: Ich verstehe, warum Merkel diese Frau als Verteidigungsministerin haben wollte. Denn sie setzt ihre Vorhaben knallhart durch. Der Verteidigungsetat wurde vergrößert, die marode Ausstattung der Bundeswehr wird modernisiert. Das mag für viele ein weiterer Dorn im Auge sein, wenn es um Ursula von der Leyen geht. Und man kann bei ihren Auftritten sehen, wie sie Federn gelassen hat in diesem Amt, vermutlich so viele wie nie zuvor. Denn der Gegenwind, der ihr als Verteidigungsministerin ins Gesicht schlägt, ist enorm, und das liegt nicht nur daran, dass das Militär in Deutschland wie ein Alien betrachtet wird und wir schon zuviel bekommen, wenn wir einen Werbetruck mit Bundeswehrlogo sehen. Es liegt auch daran, dass Ursula von der Leyen um dessen Ruf kämpft.

Die beiden großen, dunkel gekleideten Männer folgen jetzt der zierlichen Frau in Hellblau, die seit Jahrzehnten unsere Gesetze gestaltet, durch die geöffnete Tür des Orania. Auch, wenn das jetzt eine Feststellung ist, die bei Männern selten vorgenommen wird: Sie sieht noch immer nicht wie 60 aus. Jedenfalls nicht im Kreuzberger Märzregen.

Vom Recht auf Care

Arbeit, FürSorge, Frauenpolitik

 

Das Recht auf eine Gesellschaft, die sich ihrer Sorgeleistenden bewusst ist: Nicht mehr und nicht weniger fordert die Theologin Ina Praetorius mit ihrem Verein „Wirtschaft ist Care“ in der Schweiz.

Warum verdienen Waffenhersteller eigentlich mehr als Mütter oder Väter?

Nun ist ein hervorragendes Interview auf ZEIT Online erschienen, in dem die gebürtige Karlsruherin erklärt, was an der gesellschaftlichen Wertschätzung von Sorgearbeit feministisch ist und warum sie sich dafür einsetzt, dass eine kindaufziehende Person nicht weniger verdienen darf als etwa ein Waffenhersteller. Den ganzen Text findet ihr im Interview mit ZEIT Online.

Die Theologin hat auch eine eigene, originelle Website zu bieten. Dort macht sie sich z.B. über glamouröse Lebensläufe lustig und stellt einen solchen „A-Level-CV“ in den Kontext ihres „echten“ biologischen Lebenslaufs. Sehr lesenswert und hier zu finden.

Für StadtLandFrau ist das folgende Zitat von Ina Praetorius besonders bedeutsam, denn es bringt auf den Punkt, warum Feminismus nicht ohne die Aufwertung von Sorgearbeit auskommt:

Menschen, die Arbeit für ihre Familie leisten, müssen im Alter gut abgesichert sein – und zwar vergleichbar mit Erwerbstätigen. Dass sie bis heute nicht richtig honoriert werden, ist abstrus, aber historisch erklärbar. Familie kommt etymologisch von famulus, und das heißt „der Diener“. Die Kinder und die Frau galten lange als Besitz des Mannes. Daher galt die Arbeit, die zu Hause geleistet wurde, nicht als eigenständige Arbeit.

Der von Praetorius gegründete Verein „Wirtschaft ist Care“ setzt sich laut Webpage ein „für die Reorganisation der Ökonomie um ihr Kerngeschäft, die Befriedigung tatsächlicher menschlicher Bedürfnisse weltweit.“

Damit ist der Verein Teil des feministischen Netzwerks „Care Revolution“, die im Grunde für eine Neugestaltung der Gesellschaftsordnung kämpft: Nämlich für eine Neuordnung der Sorgebeziehungen und für eine „Care-Ökonomie“, die nicht Profitmaximierung, sondern die Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum stellt.

 

Danke für eine so wichtige Arbeit sagt StadtLandFrau.

 

 

 

Der 8. März. Vom Frauenkampftag zum Feiertag

Allgemein, Frauenpolitik

Die Berliner Behörden werden gerne belächelt: Behäbig, ineffizient und lahm seien sie. Doch nun ist ein politischer Coup geglückt: Der internationale Frauentag – der Weltfrauentag – wurde letzte Woche zum Feiertag erhoben, und schon in diesem Jahr soll er für uns ein freier Tag sein. Über die Verantwortung für ein gelingendes Feiern, das dem Frauenkampftag gerecht wird.

 

So gesehen ist es schon eine Zumutung, dass der Frauentag „nur“ im Land Berlin als Feiertag zu Ehren kommt. Einerseits.

 

Juhu, großer Jubel. Einerseits. Denn natürlich ist der 1910 von Clara Zetkin eingeforderte Frauentag ein Mememento für den harten Kampf um Frauenrechte, der seit seinem ersten Begehen 1911 viele gewonnene Schlachten zu feiern hat. Dehalb ist es nur folgerichtig, den Frauentag als Feiertag einem Muttertag gegenüberzustellen, der nur eine der möglichen Rollen von Frauen ehrt, und nicht an die vielen praktizierten Ungerechtigkeiten im Zusammenleben der Geschlechter erinnert. So gesehen ist es schon eine Zumutung, dass der Frauentag „nur“ im Land Berlin als Feiertag zu Ehren kommt, und nicht in ganz Deutschland.

 

Sexismus mit Sexismus zu bezahlen ist wie Gewalt mit Gewalt zu beantworten.

 

Aber, und das ist die Kehrseite der Medaille, bietet der Frauentag als Feiertag auch Anlass zur kritischen Betrachtung der bisher umgesetzten Geschlechtergleichstellung. Wenn nämlich, wie in Osteuropa der Fall, wo der Frauentag ehedem als sozialistischer Feiertag eingeführt wurde, eine Art Frauentags-Industrie entsteht, die dem Projekt Frauenkampftag zuwider läuft, ist Achtsamkeit geboten. In der osteuropäischen Praxis regt der Feiertag zu hedonistischem Feierkonsum an und die Frauen fühlen sich aufgerufen, eine Objektivierung von Männern als attraktivem Erotikspielzeug vorzunehmen. Ein Tag, an dem Stripper ausgebucht sind. Der Vorteil: Männern wird ein Spiegel ihrer sexistischen Rituale vorgehalten. Der Nachteil: So verliert der Frauentag seine emanzipatorische Bedeutung. Sein kämpferischer und zur Anprangerung von Ungerechtigkeit anstiftender Impetus wird nämlich dort durch die Praxis, mit der dieser Feiertag begangen wird, ins Leere geführt. Sexismus mit Sexismus zu bezahlen ist wie Gewalt mit Gewalt zu beantworten. Wie wir wissen, führt letzteres zu noch mehr Gewalt. Ersteres wird also nicht zu einer Abkehr von sexistischen Praktiken führen, sondern diese befeuern.

 

…es besteht die Gefahr, dass dieser „Männertag“ mit dem „Frauentag“ beantwortet werden wird. Der Frauenfeiertag ist nur dann ein Gewinn, wenn wir alle, Männer und Frauen, innehalten und uns fragen, wie wir Gleichberechtigung leben können und wollen.

 

Wild feiernde Frauengruppen, die am 8. März durch Berlin grölen, so wie sie es heute in Bukarest und Sofía tun, haben uns Berlinerinnen und Berlinern als Ergänzung zu fahrenden Bierbikes und Junggesellenabschieden nicht gerade gefehlt. Natürlich haben Frauen ein Recht darauf, sich am Frauentag zu feiern. Aber die Erhebung des Frauentages zum Feiertag unterzieht das bisher Erreichte einer Prüfung: Offenbar reicht es keinesfalls aus, um den Frauenkampftag überflüssig werden zu lassen. Und es reicht auch nicht aus, um die Praxis des „Vatertags“ in Frage zu stellen, an dem scharenweise biertrinkende Männer ihre Bollerwägen hinter sich her ziehen und für sich ein Recht auf Anbaggern einfordern. Sondern es besteht die Gefahr, dass dieser „Männertag“ mit dem „Frauentag“ beantwortet werden wird. Der Frauenfeiertag ist nur dann ein Gewinn, wenn wir alle, Männer und Frauen, innehalten und uns fragen, wie wir Gleichberechtigung leben können und wollen. Und die gegenseitige Objektivierung des anderen Geschlechts zum Sextoy ist sicher keine richtungsweisende Antwort (es ist nur die Ablenkung vom Eigentlichen).

 

Wir brauchen ein Aufeinanderzugehen

 

Vielmehr brauchen wir ein Aufeinanderzugehen: Ein Zuhören und Ausreden lassen am Frauenfeiertag, das wäre ein guter Anfang. Der Frauentag als Tag, an dem wir gemeinsam über Gleichberechtigung nachdenken, so stelle ich mir diesen Tag als Gewinn vor. Auf einer öffentlich zelebrierten Feier. Weil Frauen mit Kindern, ohne Kinder, mit Karriere, ohne Karriere, mit Geld und ohne Geld, mit Migrationshintergrund und ohne so verschiedene Leben beschreiben, dass es ohne Zuhören gar nicht geht. Wenn uns das an diesem Tag gelingt, dann wäre der Tag ein echter Feiertag.