Beim sommerlichen Ausmisten der Kinderzimmer fällt mir eine verstaubte Kiste mit alten Dingen in die Hände. Lange habe ich sie nicht geöffnet, wie lange nicht? Ein Blick auf das Datum der zerknitterten Zeitung, die als Mottenschutz um kostbare Babykleidung gewickelt war, verrät es mir. Es ist zehn Jahre her, die alte Wochenendausgabe der „taz“ ist auf den 19./20. Januar 2013 datiert. So lange habe ich die Dinge verwahrt, die ich des Verwahrens für würdig erachtete. Bilder von einem Baby auf dem Wickeltisch schießen mir in den Kopf, von einem Verjährigen, der im Zimmer auf und ab hüppft. Heute ist meine Tochter elf Jahre alt, der Vierjährige wird 15.
So chillig sah unsere Welt 2013 aus
Beim Blick auf diesen in Druckerschwärze festgehaltenen Ausschnitt aus der Wirklichkeit von 2013 zeigt sich die Verschiebung der Weltlage drastisch, beinah schmerzhaft deutlich. Der Wirtschafts- und Auslandsteil der „taz“ von jenem Januar 2013 prophezeiht ein Zeitalter der regenerativen Energien mit „Gold in der Luft“, er berichtet vom Smog in Peking und der nachholenden, CO2-emittierenden Entwicklung, die China durchmache. Peter Altmeier amtierte noch als Umweltminister, und ein Artikel über den britischen Premier Cameron zeigt, wie lange zehn Jahre sein können: Der Brexit war noch abwendbar, Cameron verschob eine Grundsatz-Rede zur EU und zwei Drittel der jungen Briten, die nicht aus der EU austreten wollten, stimmten die damalige Leserin zuversichtlich. Goldgräberstimmung im Wirtschaftsteil der taz, ein Europa mit den Briten und noch kein Wort über Klimanotstand, Ukrainekrieg, AfD: So chillig sah unsere (taz-)Welt 2013 aus.
„Lieber tot als wieder zurück nach Russland“
Doch der Preis für den goldenen Frieden kündigt sich in dieser zeithistorischen Stichprobe aus taz-Packpapier ebenfalls schon an: Ein Artikel über den russischen Oppositionellen Alexander Dolmatov mit der Überschrift „Lieber tot als wieder zurück nach Russland“ liest sich aus heutiger Sicht zynisch. Dolmatov war in die Niederlande geflohen, nachdem er an einer Demonstration in Russland teilgenommen hatte, dort drohte ihm eine langjährige Haftstrafe. Er nahm sich in niederländischer Abschiebehaft das Leben, nachdem sein Asylantrag abgelehnt wurde. Mit unserem heutigen Kenntnisstand eine dramatische Warnung – damals nur eine Nachricht, die ohne Folgen blieb. Das Leid eines russischen Oppositionellen galt zu vielen als Einzelschicksal, niederländische Behörden sahen keinen „asylrelevanten Grund“ für den Suizid.
Die Zukunft meiner Kinder durfte Gestalt annehmen, in vielerlei Hinsicht positiv
Zehn Jahre, Syrien-, Jemen-, Ukrainekrieg, Brexit und einen Abzug aus Afghanistan später ist die Welt kein friedlicherer Ort, sie sortiert sich autokratisch um. Dennoch, trotz der „Niedergangs“-Gesänge, die etwa die ZEIT anstimmte (ZEIT vom 17. August 2023) angesichts der wirtschaftlichen Stimmung im Land: Ich kann auch erkennen, wie die Zukunft meiner Kinder hierzulande Gestalt angenommen hat – und das in vielerlei Hinsicht positiv: Ich muss keine Angst haben, dass meine Kinder wegen ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität diskriminiert werden und ich weiß, dass sie dank #metoo in einem sensibleren Land groß werden als es das in den 1990ern war. Über psychische Belastungen können wir offener reden, und Diversität wird an den Schulen meiner Kinder so selbstverständlich gelebt, dass Rassismus etwas jenseits ihrer Vorstellungswelten ist; Kinderrechte und Klimawandel sind Themen in der fünften Klasse und die Aufteilung von Sorgearbeit und Care-Chains ist inzwischen ein etabliertes, gesellschaftlich relevantes Thema geworden; genau wie Tierwohl, Naturschutz und Klimagerechtigkeit viel stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt sind, als es vor zehn Jahren denkbar gewesen wäre. Gelebte Transformation, ich kann sie sehen, nicht nur anhand der viel zu klein gewordenen Babykleidung.
Kostbare Errungenschaften
Die Welt mag komplexer geworden sein und tiefer gespalten, aber diese Errungenschaften unserer Gesellschaft schätze ich als etwas überaus Wertvolles ein, ein kostbarer Fortschritt – und eine zerbrechliche Wirklichkeit. So wie sich anhand der kindlichen Entwicklung, der Verfeinerung und Reifung von Persönlichkeiten, auf rätselhafte Weise zeigt, was in zehn Jahren möglich ist, so hat sich auch unsere Gesellschaft verfeinert, weiterentwickelt, transformiert, ist herangereift – ist auch streitbarer geworden, Konflikte treten viel offener zutage. Aber was ich genauso herauslese, ist, wie fragil Selbstverständliches ist. Wie verwundbar diese Entwicklung sein kann. Meine Dankbarkeit, in einem demokratischen, freien und befriedeten Land leben zu dürfen, zeigt sich angesichts der rasanten Entwicklung innerhalb von zehn Jahren, die sich mir in dem Fundstück von 2013 offenbart, als etwas zutiefst Demütiges und Angemessenes – trotz aller Baustellen, Krisen und Herausforderungen, die uns tagtäglich aufs Neue begegnen.