Das wichtigste für die SPD: Esken und Walter-Borjans sind ein gutes Team

Allgemein, Solidarische Politik, SPD

Die Medien reagierten am Wochenende mit Häme auf die Wahl von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans zum neuen Führungsduo der SPD. Dabei ist das reflexartige SPD-Bashing von Journalist*innen (Cicero, ZEIT, FAZ etc.) und ehemaligen SPD-Chefs (etwa von Gerhard Schröder, Martin Schulz oder die „Warnung“ von Franz Müntefering im Tagesspiegel) zu einem so mantrahaften Ritual verkommen, dass wirklich jedem Beobachtenden des Zeitgeschehens klar wird: Es kann nur gut für die SPD sein, was sie sich selbst soeben verordnet hat.

Risiken einzugehen ist seit jeher ein gutes Mittel, um Gefolgschaften zu beeindrucken

Nämlich ein Ende des Weiter-so. Ein Wagnis. Ein Experiment mit einer Außenseiter-Doppelspitze. Wir müssen keine Expert*innen von Charisma-Diskursen sein, um zu erkennen, dass die SPD-Mitglieder auf eine krisenhafte Situation mit einer richtigen Entscheidung reagiert haben. Risiken einzugehen ist seit jeher ein gutes Mittel, um Gefolgschaften zu beeindrucken und Bindungskräfte zu entfesseln. Mit dem Ausstrahlen von Charisma haben es die alten Volksparteien seit Jahren immer schwerer. Ihre uncharismatischen Führungsfiguren sind mit ein Grund für ihre Misere. Aber diese wird in den Parteien selbst produziert. Die vorgezeichneten, mit Mühsal von Parteiebene zu Parteiebene weisenden Aufstiegswege von pragmatisch-berechnenden Politiker*innen (die früher männlichzentriert allen Ernstes „Ochsentour“ genannt wurde) zeigen uns nämlich weder, wie fähig und widerstandsfähig, noch wie moderierend oder mit welchem inhaltlichen Instinkt das Parteispitzenpersonal am Ende dieses Weges ausgestattet sein wird. Das einzige, was dieser Weg wirklich zeigt, ist die beachtliche Leidensfähigkeit und Beharrlichkeit, die Politiker*innen bekanntlich auch brauchen. Aber wo frühere Parteivorsitzende die Klaviatur der Machtspiele mit Bravour beherrschen mussten, sind heute andere Skills gefragt: Teamfähigkeit etwa. Oder ein Gespür für die richtigen Themen zum richtigen Zeitpunkt und – siehe Angela Merkels Stuhlkleber – Moderationsfähigkeit.

Franziska Giffey ist das jüngste Beispiel, dass der klassische Karriereweg in der Politik ausgedient hat

Der Eindruck, dass klassische Parteikarrierewege ausgedient haben, wenn es um Beliebtheit und Wähler*innengunst geht, ist kein neuer Befund: Franziska Giffey ist das jüngste Beispiel dafür. Von der Bürgermeisterin eines Berliner Stadtteils wurde sie zur Bundesministerin – und dort hat sie sich in kurzer Zeit enormen Respekt verdient. Zuletzt bewies sie mit ihrem klugen Abwarten, was die Entscheidung über die Plagiatsvorwürfe ihrer Dissertation betraf, politisches Geschick. Auch Manuela Schwesig musste sich erst anhören, wie unerfahren sie sei, bevor ihr im Nachgang großes politisches Talent attestiert wurde. Annalena Baerbock und Robert Habeck sind weitere Beispiele von steilen Karrieren, die niemand vorausahnen konnte. Bleibt man bei den Grünen, dann zeigt sich ihr momentaner Erfolg als eine Mischung aus Glaubwürdigkeit beim Themenschwerpunkt Klimawandel und ihrem Spitzenteam Baerbock/Habeck, das unbeirrt kooperativ und loyal miteinander umgeht und für das Thema anstatt gegeneinander kämpft.

Wenn eine solch kooperative Performance mit dem Etikett SPD versehen wird, dann können inhaltliche Debatten viel konstruktiver geführt werden als es bislang der Fall war

Die Unerfahrenheit und die Linkslastigkeit des neuen Spitzen-Tandems der SPD erklärt nicht allein, wieso mit deren Wahl (mal wieder) der Untergang und das Ende der SPD herbeigeredet wird. Denn in einer solch krisenhaften Situation, in der die SPD schon unter die 10%-Marke bei Landtagswahlen abrutschte, ist es völlig legitim, Risiken zu wagen und Neues auszuprobieren. Wer hat wahrhaftig in Olaf Scholz einen Retter der SPD gesehen? Dessen Tandempartnerin wie eine Quotenfrau behandelt wurde? Ein „Weiter-wie-bisher, aber mit Pauken und Trompeten“, hätte es geheißen. Die Schlagzeilen über den Abgesang einer Scholz-SPD wären vermutlich nicht weniger verheerend ausgefallen, mit dem Ergebnis, dass die SPD mit Olaf Scholz demnächst einen weiteren führenden Politiker weniger gehabt hätte. Zuletzt erging es so Andrea Nahles, von der man gar nichts mehr hört. Nein, das Team aus Esken und Walter-Borjans ist in seiner Unbekanntheit geradezu erfrischend für die SPD, und unbekannt bedeutet nicht unerfahren. Walter-Borjans kann regieren, Esken kann Bildungspolitik moderieren, sie kann Bundestag und Digitales und hat trotzdem drei Kinder. Beide haben ihren ersten Tandem-Auftritt bei Anne Will souverän gemeistert, und zwar als echtes Team: Einander zugewandt, sich gegenseitig unterstützend, loyal und einander ergänzend. Bei Anne Will überwog der Eindruck: Wenn das die neue SPD-Spitze wird, dann performt sie ein Füreinander anstatt das ewig gewohnte Gegeneinander. Wenn eine solch kooperative Performance mit dem Etikett SPD versehen wird, dann können inhaltliche Debatten viel konstruktiver geführt werden als es bislang der Fall war.

Der Abgesang auf die SPD gleicht einer Beschwörungsformel, die nun hohl geworden ist – und als solche plötzlich sichtbar wird

Und ihren Patzer bei einem geradezu höhnischen Markus Lanz darf man Saskia Esken demnach auch verzeihen. Mediale Unbedarftheit bedeutet nicht gleich Unfähigkeit. Schaut man sich Eskens Internetauftritt an, dann kommt die Frau bodenständig-symphatisch rüber, mit Gitarre in der Hand. Sie steht zu ihrer langen Kinder-Auszeit, auch das ist für die SPD ein Gewinn. Und an alle Genoss*innen, die es kaum erwarten können, ihre eigenen Leute schlecht zu reden: Wartet doch erst mal ab, ob nicht eine Frau, die es in der SPD-Fraktion schwer hat, genau die richtige ist, um der Partei die nötige Glaubwürdigkeit zurückgeben zu können.

Friedrich Küppersbusch sieht bei radioeins, dass die SPD etwas richtig gemacht haben muss, wenn alle wieder einmal auf sie draufhauen, und Christian Bangel schwärmt bei ZEIT-Online sogar davon, dass nach der Wahl des Duos endlich wieder politische Fantasie bei der SPD erzeugt werden könnte. Auch ich finde, dass der Abgesang auf die SPD eher einer Beschwörungsformel gleichkommt, die nun hohl geworden ist – und als solche plötzlich sichtbar wird. Es ist dies der Moment, der einen echten Neuanfang erst möglich macht. Ich bin gerne dabei. Habe mir schon ein Antragsformular heruntergeladen. Totgesagte leben bekanntlich länger.

Die unerwünschten Nebeneffekte urbaner Wohnlösungen oder: Der Tag, an dem mein Display zerbarst

Allgemein, Berlin, Gentrifizierung, Stadt & Architektur

Mit Familie in Berlin zu leben heißt, erfinderisch zu sein. Mit heranwachsenden Kindern wohnt nur komfortabel, wer kreative Lösungen für die zu eng gewordene Wohnung sucht – umziehen kann sich in Berlin sowieso niemand leisten, der durchschnittlich verdient und der Innenstadt treu bleiben möchte. Zu Beginn der Familienphase bedeutet die klassische Kinderzimmerlösung in allen Wohnungen der urbanen Mittelschicht: Hochbett. Und ganz speziell in dem Umfeld, in dem ich Kinderzimmer 4-köpfiger Familien besucht habe: Billy-Bolly-Hochbett.

Es hat eine Rutsche und einen Balken mit Tarzanseil und ist so etwas wie das Must-have der urbanen Mittelklassefamilie: Das Billy-Bolly-Hochbett

Es hat eine Rutsche und einen Balken mit Tarzanseil und ist so etwas wie das Must-have der urbanen Mittelklassefamilie, so wie früher der Reanult Espace. Vielleicht stimmt das vor allem für das liberale und alternative Milieu, aber neulich hat ein Bekannter stolz ein Foto von seinem neu erworbenem Billy-Bolly-Hochbett gepostet, und der gehört eher zum modernen Arbeitnehmermilieu. So ein Abenteuer-Hochbett aus Holz steht nämlich symbolisch für viel mehr als nur die Schlafstätte der Kinder: Es zeigt, dass man sich pädagogisch wertvolle Gedanken um die maximale Bewegungs- und Spielmöglichkeiten der Kinder macht, und zwar der wohnungsbedingten Enge zum Trotz. Es zeigt, dass man auf Naturmaterialien setzt, weil einem das wichtig ist und man es kann. Es zeigt, dass man verstanden hat, was Kinder wollen und wie wichtig einem die Wünsche der Kinder sind. In den meisten Fällen wollte man früher selbst so ein Hochbett mit Rutsche haben. Durfte man aber nicht. Dann wäre das Billy-Bolly-Hochbett ein urbanes Familiensymbol des sozialen Aufstiegs, aber darüber führe ich noch eine innere Diskussion.

Natürlich wollten meine Kinder auch so ein tolles Rutsch-Abenteuer-Hochbett. Durften sie aber nicht. Dafür haben wir jetzt eine Hochebene, kreative Lösung Nummer 2 in Berliner Altbauwohnungen, wenn die Kinder aus dem Hochbettalter rausgewachsen sind. Sie ist ein herrlicher Raumgewinn. In meiner ersten Berliner Wohnung, einer 8er WG in einer Fabriketage, gab es gar eine ganze Hochetage nur für Kinder, mit Türen und Klappen zum durchklettern – ein Überbleibsel der Kommunebewegung aus den 1970er Jahren.

Die Schicksale von urbanem Arbeitsgerät und urbaner Wohnlösung kreuzten sich unerquicklich

Jetzt also freuen wir uns über unsere eigene Hochetage, auch wenn sie vor allem ein großes Bett ist. Aber so eine urbane Raumwunderlösung hat auch ihre Tücken. Vorgestern nämlich ist mein Smartphone von dort oben runtergefallen. Wie auch immer es geschehen konnte, es kam zu dieser Verkettung unglücklicher Umstände, die unweigerlich das worst-case-Szenario herbeiführte. Die Schicksale von urbanem Arbeitsgerät und urbaner Wohnlösung kreuzten sich unerquicklich. Das intelligente Telefon rutschte mit Display voran zwischen dem Geländer hindurch und ein kurzer, völlig unangemessen leiser Knall kündigte seine Landung auf dem harten Fußboden an. Das Display war zerborsten, aber noch schlimmer sahen die wie mit schwarzer Tinte gefüllten Reste auf dem Bildschirm aus: Als hätte jemand das Nildelta bei Nacht auf mein Display projiziert, und leider war die ganze untere Hälfte das Nildelta. Also schwarz. Mit sanften, bunten Digitalstreifen durchzogen. Ich konnte es nicht fassen und versuchte fieberhaft, die letzten Chats noch einmal zu lesen, die ich als nächstes hätte beantworten wollen. Immerhin funktioniert der Touchscreen noch! jubelte ich. Aber wem nützt das schon, wenn eine Hälfte des Spielfelds unkenntlich schwarz bleibt? Durch das jahrelang eingeübte blinde Eintippen meines sechs-stelligen Codes konnte ich das Telefon immerhin im Handumdrehen entsperren. Also kann es auch nicht so schwer sein, eine Nachricht zu versenden, frohlockte ich.

Unsere urbane Raumlösung hat mich vermutlich ins soziale Abseits katapultiert

Da war nämlich dieser Elternsprecherchat aus der Jül-Klasse, den musste ich noch unbedingt beantworten! Ich lese: „Wer kann am Dienstag zur Gesamtelternversammlung gehen?“ „Ich nicht!“ „Ich leider auch nicht, sorry.“ (Wir sind wirklich zu viert!) Aber ich kann. Ich muss diese 2 Worte bloß irgendwie auf das Display phantasieren. Es geht bestimmt! Also bemühe ich mich, wo war noch das i und wo das k? Gott sei Dank gibt es diese automatische Worterkennung, da brauche ich nicht alle Buchstaben. Aber immer wieder erscheinen die falschen Buchstaben im Textfeld. Ich suche die Löschtaste, natürlich ist auch die im schwarzen Nildelta verschwunden. Irgendwann habe ich es geschafft, und zwar die beiden Worte: ich geh ! Ich drücke den imaginierten Sendebutton. (Dass all das überhaupt möglich ist nach einem 2,50-Meter-Sturz!)

Es scheint zu klappen, die obere Hälfte zeigt mir eine abgeschickte Nachricht. Aber dann scrolle ich durch das Nachrichtenfeld und sehe, was ich da gerade abgeschickt habe. Wirklich unglaublich, was mein kaputtes Display da macht. Unsere urbane Raumlösung hat mich vermutlich ins soziale Abseits katapultiert. Ich sehe also meine Nachricht:

Und

 

M

 

 

Ö

 

 

U

 

U

 

 

 

Umm

 

Ich geh !

Eribons Präsident. Eine Diskussion mit Didier Eribon und Edouard Louis in der Paul-Simon-Galerie über Macron

Allgemein, Berlin, Solidarische Politik, Stadt & Architektur

Im Rahmen des Literaturfestes wollte ich unbedingt Didier Eribon und Edouard Louis hören, die erfolgreichen französischen Autoren der Stunde. Das Buch „Das Ende von Eddie“ hatte ich gerade gelesen, und Eribons „Rückkehr nach Reims“ vor Jahren, beide werden in Berlin inzwischen am Theater gehypt. Die Veranstaltung fand am 19.9.2019 in der Paul-Simon-Galerie statt.

Zwar war mir schon die unerbittliche Haltung Eribons gegenüber seinem Vater in „Rückkehr nach Reims“ negativ aufgefallen. Offenbar hatte der ihm seine kleinbürgerliche Homophobie nie verzeihen können, auch nicht als Greis, und das fand ich klein, auf undurchsichtige Weise eitel – aber was diese Haltung, die dahinter steckte, dem Abend bringen würde, das sprengte doch meine Vorstellungskraft. Edouard Louis hingegen hatte mich beeindruckt durch seinen Mut zur Schonungslosigkeit in seiner autobiographischen Erzählung über das Ende von Eddie. Die räumlichen und sozialen Verhältnisse seiner Biographie entstehen grau und trist vor dem inneren Auge, seine Herkunft aus dem proletarischen Milieu in Nordfrankreich schildert er genauso ehrlich wie seine Not, seine Erniedrigung, seine Sehnsucht. Im Gegensatz zu Eribon erschien mir Louis auf erfrischende Weise uneitel.

So brilliant ihnen die Selbstbespiegelung in Romanform gelingt, so schlecht funktioniert diese als Methode zur politischen Analyse.

Nun war aber das Thema des Abends nicht das literarische Comingout homosexueller Aufsteiger (Eribon ist Soziologieprofessor) oder Studenten (Louis ist Mitte zwanzig), sondern Frankreich unter Macron. Und das war leider ein Verhängnis für die Schriftsteller im Auditorium der Paul-Simon-Galerie. Denn so brilliant ihnen die Selbstbespiegelung in Romanform gelingt, so schlecht funktioniert Selbstbespiegelung als Methode zur politischen Analyse. Mitdiskutant war der Autor Geoffroy de Lagasnerie, der ein wenig herausstach an diesem Abend.

Der Saal war ausverkauft, mehr als 400 Plätze besetzt. Übrigens ein eleganter Ort von außen, dieser neue Eingang zum Pergamonmuseum, aber das Auditorium erinnert sehr an einen Luftschutzbunker, aufgebaut wie ein Hörsaal, Sichtbeton ringsum, graue Tristesse. Die physische Beschaffenheit des Gebäudes stand symbolisch für den Abend: Die weißen Stelen der Paul-Simon-Galerie korrespondieren draußen klug und gewitzt mit den antiken Säulen der Museumsinsel, ihr Versprechen ist nicht mehr und nicht weniger als eine stilistische Brücke zwischen dem 21. und dem 18. Jahrhundert zu schlagen. Innen angekommen erweist sich die moderne Architektur ähnlich wie das politische Denken der französischen Literaten als Enttäuschung – Ideenlosigkeit und graue Betonplatten soweit das Auge reicht.

Bourgois und violant – die Worte des Abends

Im Grunde war das Desaster also vorprogrammiert. Erinnern wir uns an Eribons Aufruf, dass Macron nicht sein Präsident sei und auch in der Stichwahl gegen Marine Le Pen unwählbar bleibe. Schon damals befremdete mich die fehlende Besonnenheit, die ich von einem Intellektuellen erwarte. Und tatsächlich, Eribon wetterte gleich los, dieser Macron sei nicht jung, sondern alt, und alles, was er tue und wie er sich bewege sei bourgeois durch und durch. „Bourgeois“ ist das meistgenannte Wort des Abends, neben „violant“, gewalttätig. Macrons Gewalt würde hingenommen, so Eribon, während er selbst eine aristokratische Performance hinlege, die das Publikum blende. Die Polizeigewalt und Gewalt gegen die Gilles jaunes, die Gelbwesten, würde niemand thematisieren, aber Macron tötet, so die Meinung des Soziologen. Die Kahlschlagpolitik des Präsidenten, das sei auch Gewalt, es gebe in Frankreich keine Demokratie mehr, denn vor lauter Poizeigewalt traue er sich nicht mehr, zu demonstrieren.

Louis kann ihm nur zustimmen, gemeinsam reden sie sich in Rage: Macron tötet, weil er das medizinische System ruiniere, er tötet, weil er Flüchtlingscamps räumen lässt. Angela Merkel hingegen wird von Louis zur Ikone glorifiziert, die in einem Europa des Schreckens Menschenleben rettet – Kinder von Geflüchteten werden Angela genannt, so Louis mit einem Seitenhieb auf den tötenden Präsidenten Macron. (Aber mit deutscher Politik kenne er sich nicht gut aus, räumt er Gott sei Dank ein). Nein, die Autoren können diesem Bourgeois Macron nur Abscheu entgegenbringen, das wird deutlich. Er ist der kalte Kahlschlag-Macron in den schicken Anzügen, der sich wie ein König gibt, dazu gibt es keine Gegenrede. Über Macrons Einlenken was die geplanten Kürzungen betrifft, über seinen Dialog mit den Gelbwesten, über sein Vorpreschen für Europa gibt es hier nichts zu hören.

Cohn-Bendit ins Gesicht spucken

Louis mag man seine Rage verzeihen, er ist jung, er hat seine sehr linken Ideale noch nicht mit dem Pfund des demokratischen Aushandelns abgewogen. Eribon aber stünde eine sachliche Kritik besser zu Gesicht: Als gutverdienender Professor und Buchautor hackt er auf der Bourgeoisie herum und biedert sich den jungen Schriftstellern und den Gelbwesten an. Und als Opfer von Macrons „Kahlschlagpolitik“ ist seine Wut allzu selbstverliebt, am liebsten möchte man ihm zurufen: Es sind deine Pensionen, die Macron kürzen will! Und es ist dein Renteneintrittsalter, das erhöht werden soll! Du sollst den Gürtel enger schnallen, zugunsten der jungen Generation, die neben dir sitzt! Darum geht es! Stattdessen dürfen sich da vorn drei Macronhasser ungebremst in Rage reden, Europa verteufeln und den Einsatz von Tränengas als diktatorisches Mittel und Mordinstrument brandmarken. Wer am selben Tag eine Reportage über die jahrelang weggesperrten russischen Demonstranten gelesen hat, kann nur staunen.

Die Moderatorin war auf die Plattitüden schlecht vorbereitet, sie intervenierte kaum, ließ die unsachlichen Tiraden über dem Publikum ergehen, bis dieses nach einer Stunde endlich in die Diskussion eingeladen wurde. Die erste Frage war zwangsläufig die nach der Ausgewogenheit der Diskussion, warum gab es keine Diskussion über Macron? Eribons lapidare Antwort: Er diskutiere nicht mit Leuten, die für Macron sind. Das verächtliche Schnauben im Publikum demonstrierte aufgestaute Unzufriedenheit im Saal, und die Anschlussfrage, ob er auch nicht mit Daniel Cohn-Bendit diskutiere, wies Eribon von sich: Dem würde er „ins Gesicht spucken“.

Ihr Zorn von links erinnert zu sehr an den Zorn von rechts

Mit dieser pubertären Aussage reichte es mir. Ich erhob mich und verließ den Saal, weil ich die ungebremste Aggression nicht mehr aushielt. Ich blickte in die fassungslosen bis belustigten Gesichter der anderen, als ich von vorne bis nach oben die Reihen passierte, nahm Kopfschütteln über die Veranstaltung wahr. Schade. Ich hatte mich gefreut auf die Franzosen, aber die Erkenntnis des Abends war, dass sie nicht ernstzunehmen sind. Ihr Zorn von links erinnert zu sehr an den Zorn von rechts. Und das Argument, die politische Rechte – wir nennen sie Konservative – würde das rechtsextreme Aufbegehren zu ihren Gunsten ausschlachten, das ist so sehr Weimarer Republik, dass mir echt schlecht wird.

Beim Durchstörbern meines Schreibtisches fiel mir später ein Leserbrief in die Hände, den ich vor fast zwei Jahren an die Süddeutsche Zeitung geschrieben haben musste, nachdem ich darin einen Artikel von Didier Eribon gelesen hatte. Ich musste schmunzeln, weil er meine Gedanken von heute Abend vorwegnahm.

Zu: SZ vom 10.10.2017 „Das ist nicht mein Präsident“ von Didier Eribon

Lieber Herr Eribon,

bei aller Sympathie für linke Politik – Ihre Argumente laufen ins Leere! Denn die Beispiele, die Sie für Macrons Kahlschlagpolitik nennen, sind allesamt auf diejenigen mit den dicksten Bäuchen bezogen: Pensionäre, Beamte und Hochschullehrer. Ich sehe nicht, warum in Zeiten des demograhpischen Wandels die Generation der Sattesten geschont werden soll, ferner sehe ich nicht, warum das Beamtentum in Frankreich nicht den Gürtel enger schnallen sollte. Hier wird Ihr Stand getroffen, sicherlich, aber die Ärmsten der Armen werden in dieses Jammern auf hohem Niveau nicht einbozogen. Und rassistische Polizisten können Sie nicht Macron persönlich anlasten. Nein, Ihre Argumente klingen wie ein Gebet aus dem letzten Jahrhundert, das verzewifelt an den Privilegien des Status quo festhalten will. Sie liefern damit leider das Wasser auf die Mühlen derer, die die nötigen Einschnitte populistisch ausschlachten werden. Das ist schade.

Inga Haese

Der Rückkehrblues. Gedanken nach dem Urlaub

Allgemein, LandLeben

Warum ist eigentlich der Tag nach der Heimkehr aus dem Urlaub immer so desaströs? Überdrehte Kinder, man selbst voller Zwiespälte ob der Innenstadtbezirk der richtige Wohnort ist, und eigentlich sollte man doch total erholt sein – so zumindest geht es mir, wenn der Urlaub vorbei ist.

Dabei hatten wir doch in diesem Jahr alles anders gemacht: Waren extra nicht ans Meer und auch nicht in die Berge gefahren. Stattdessen war unser Reiseziel denkbar gut zu erreichen gewesen – Bad Saarow in Brandenburg. Nur eine Stunde Autofahrt. Göttlich. Keine Stullen für die Fahrt schmieren, keine Streifzüge durch Supermärkte und Schreibwarenläden auf der Suche nach geeigneter Rücksitzbeschäftigung für die Kids, sondern einfach und schlicht 60 Minuten aus-dem-Fenster-Blicken und Kinder-Feststellungen wie „Da ist der BER, Mama. Schau mal, das Flugzeug auf dem Schild ist IMMER noch durchgestrichen!“ kommentieren, ruckzuck ist der Urlaubsort erreicht. (Bad Saarow ist ein schöner Kontrast zu Kreuzberg. Alles ist sauber und gepflegt, ein Kurort eben, mit Kurpromenade am großzügigen Seeufer und jeder Menge einladender Villen aus der Weimarer Zeit, ein Walmdach schöner als das andere, und mit kilometerlangen Rad- und Wanderwegen.) Nach zweieinhalb Wochen sind Arme und Beine braun, die Kinder entspannt, man selbst hat Seelenfriedenstufe 7 erreicht und als Paar schwebt man mindestens auf Wolke 6. Die Rückreise steht an.

Am Ende des letzten Urlaubstages stehen wir zu viert vor den gepackten Koffern und warten auf die Katze, die jetzt zu unserem Leidwesen eine Wildkatze geworden ist in all der Natur, die sie umgab. Schließlich kommt sie angeschlichen, misstrauisch wie Katzen sind, wenn sie Veränderungen wittern. Dann sitzt auch sie im Korb auf der Rückbank und die kürzeste aller Heimreisen, die wir je unternommen haben, beginnt.

Die Reise ist beendet, die Baustellen des Alltags schließen einen in die Arme

Die Ankünfte in unserer Straße gleichen sich stets: Auf alle Überraschungen gefasst stehen wir erwartungsvoll unter den Fenstern der Wohnung. Erleichtert stellen die Kinder fest, dass sie verschlossen sind. Dann öffnen wir die Haustür, riechen den gewohnten Geruch der Toreinfahrt. Dann: Die Schritte zur Wohnungstür, das schier ewig dauernde Drehen des Schlüssels, bis die Tür geöffnet und das erste Kind in den Flur stürmt. Den vertrauten Geruch unserer Wohnung in einer Mischung mit abgestandener Luft und etwas Undefinierbarem (der Abfluss?) in die Lungen ziehend, trete ich jedes Mal ein mit dem Gefühl von Neugier und Staunen, gepaart mit einem Hauch jener Vorahnung, dass der Alltag wie immer wird und der Urlaub jetzt wirklich vorbei ist.

Es ist ein zwiespältiges Gefühl, „Heim“ zu kommen. Denn Neugierde und Staunen ist binnen weniger Minuten – spätestens aber nach dem Öffnen langweiliger Briefstapel – der Erkenntnis gewichen, dass sich leider gar nichts verändert hat. Die Reise ist beendet, die Baustellen des Alltags schließen einen in die Arme. Nein, die Wäsche hat sich nicht in der Zwischenzeit selbständig vom ausgeklappten Wäscheständer im Wohnzimmer – um Gottes Willen, im Wohnzimmer? – sortiert. Auch die Bücher auf dem Boden hat niemand in unserer Abwesenheit eingeräumt, das Waschbecken nicht ordentlich gereinigt und die Steuererklärung beendet.

Der Energie des Urlaubs wohnt diese klitzekleine Option inne, diesmal alles anders machen zu können

Heimkommen bedeutet auch, mit sich selbst konfrontiert zu sein: Ja, so sah es tatsächlich aus, als wir losfuhren. Herzlich Willkommen in meinem Alltag, im echten Leben. Tschüss Urlaubswelt. Heimkommen ist der Moment, indem wir mit uns selbst und unseren Baustellen in Berührung kommen, ohne die Illusion des Besser-haben’s und Schöner-wären’s des Urlaubs schon ganz hinter sich gelassen zu haben. Denn der Energie des Urlaubs wohnt diese klitzekleine Option inne, diesmal alles anders machen zu können. Heimkommen ist die Hoffnung darauf, dass die Erlebnisse einer Reise sich auf den Alltag abfärben werden, einfach so.

Nur leider ist am Tag nach der Ankunft klar, dass es nicht einfach so geht. Diesem Tag wohnte noch nach jeder Rückkehr aus dem Urlaub ein Desaster inne. Kindergeschrei und Überforderung ob des leeren Kühlschranks, und zu allem Überfluss kreisen die Gedanken am Tag nach der Heimkehr um den Wohnbezirk, der in seiner Kinderfeindlichkeit kaum zu überbieten ist – ganz zu Schweigen von dessen Katzenfreundlichkeit.

Es gibt noch keine Struktur im Tag, aber die Umgebung suggeriert, als wäre alles wie immer

Die urbane Familie, die im besten Fall aus ihren lichten, großzügigen und naturnahen Urlaubsdomizilen zurückkehrt, tut sich schwer mit dem Ankommen. Bei den Erwachsenen machen sich Zweifel angesichts des touristifizierten und überlaufenden Wohnquartiers breit, sie lassen einen auf Immobilensuchportalen landen, auf denen mal wieder kopfschüttelnd die horrenden (mal wieder gestiegenen) Kauf- und Mietpreise ins Auge gefasst werden. Umzug ausgeschlossen. Es sei denn, man ist bereit, ein ganz anderes Leben zu beginnen, in den Reihenhausquadern von Falkensee etwa.

Jetzt wirft der Schlafmangel bei den Kindern Unzufriedenheit auf, die Spielkameraden sind natürlich noch nicht zurück und die Langeweile macht hungrig, aber das Essen liegt im Supermarktregal. Es gibt noch keine Struktur im Tag, aber die Umgebung suggeriert, als wäre alles wie immer. Das eine Kind will ins Freibad, das andere zur Freundin, die Milch ist alle. Man muss laut werden und die Zornesfalte auf der Stirn einsetzen. Ach ja: Es liegen gut 3 Wochen Urlaub hinter einem, da hat man kein Recht auf schlechte Laune. Wer sich nach maximaler Erholung gereizt fühlt, macht der überhaupt etwas richtig?

Der Tag nach der Rückkehr, er bringt meistens einen ganz normalen Rückkehrblues. Und viel zu viel schmutzige Wäsche. Aber zum Glück ist es nur der Tag nach der Rückkehr.

SPD verzweifelt gesucht!

Allgemein, Arbeit, FürSorge, Solidarische Politik

Andrea Nahles, die erste Frau an der Spitze der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, ist zurückgetreten und hinterlässt eine ratlose Leere. Noch durchdringender als die Fassungslosigkeit, die beim Abgang von Martin Schulz bereits entstanden war, wirkt dieser luftleere Raum, den Nahles nun hinterlässt. Nahles ist eine talentierte und erfahrene Politikerin, ihr Verlust ist der härteste, den die SPD bislang zu verkraften hatte. Denn sie war eine Hoffnungsträgerin: Als erste Frau, die den Parteivorsitz innehat und im mittleren Alter.

Seit Jahren fragt sich die Republik, mal drängend, mal resigniert, zuletzt beinah kondolierend: Was ist nur los mit dieser Partei, die einst so stolz in den Wahlkampf gezogen war, um nach 16 Jahren Kohl das Land umzugestalten? Wo auf dem Weg hat die SPD uns verloren, uns Wähler*innen von einst und sogar uns Genoss*innen von einst? Nach jeder Wahlschlappe wurden diese Fragen, Suchen und Analysen laut. Beantworten kann jeder nur für sich selbst, wo er oder sie die SPD verloren hat. Aber diese Antworten sind für die SPD überlebensnotwendig. Denn vielleicht führen sie dazu, dass die SPD wiedergefunden werden kann.

Sie war aufmüpfig und entschlossen

Niederrhein 1998. Ich war damals Juso-Bezirksmitglied im Kreis Kleve und 17jährig. Lauschte angestrengt den Worten von Andrea Nahles, der Juso-Bundesvorsitzenden, bei einer der Deligiertenkonferenzen. Wir saßen an schlichten Schulbänken, Andrea dozierte vor unseren Tischen, kämpferisch und im Eifeldialekt, warum wir das Wahlprogramm ablehnen würden. Gemessen an den Granden der Partei wie Müntefering, Rau und Schröder war sie aufmüpfig und entschlossen, ihre Energie war ansteckend. Gemessen an dem, was als cool bei uns Jugendlichen galt, wirkte sie zwar etwas bieder. Aber um Biederkeit und Frisuren ging es damals nicht, sondern um unseren entschlossenen Wahlkampf für mehr Gerechtigkeit.

Und wir kämpften wirklich bis aufs Blut, gegen die JU in der Fußgängerzone, mit Kampa-Slogans wie „Wir wollen nicht, dass man an Ihren Zähnen erkennt, ob Sie arm oder reich sind.“ Polarisierte Botschaften für soziale Gerechtigkeit eben. „Rot-Grün ist der Wechsel“ warben die Grünen damals. Heute unvorstellbar. 1998 fand ein Wahlkampf voller Enthusiasmus, Ideen und Aufbruchstimmung statt – jedenfalls für die aktiven Wahlkämpfer*innen, die wir trotz des Wahlprogramms waren. Ich war stolz auf mein Parteibuch. War von den Gedanken der Arbeiterwohlfahrt und des demokratischen Sozialismus fasziniert, dass Umverteilung zu mehr Chancengerechtigkeit führe. Ich empfand es außerdem als ungerecht, dass die Jungs in meinem Alter zum Wehrdienst eingezogen wurden und ich nur deshalb nicht den Dienst an der Waffe verweigern durfte, weil ich das falsche Genital habe. Soziale Gerechtigkeit hieß für mich selbstverständliche Gleichberechtigung, egal welche Hautfarbe, Geschlecht, Sexualität.

Von der Koalition des Aufbruchs zur Entgrenzung von allem

Was 1998 politisch geschah ist überall nachzulesen: Rot-Grüner Wahlsieg, Freudentaumel, die Koalition des Aufbruchs. Sozialdemokratische Bündnisse herrschten plötzlich über ganz Europa – außer in Frankreich. Und was machen die Sozen? Sie schwören auf die neoliberale Weltbankpolitik, beschließen Dienstleistungsabkommen mit den USA, Bologna wird zum Synonym für eine liberalisierte und modularisierte Bildungspolitik in einer wirtschaftszentrierten EU. Vom Aufbruch zum Umbau des beschworenen verkrusteten Sozialstaats dauerte es knapp sechs Jahre, uns wurde ein gesenkter Spitzensteuersatz sowie die Abschaffung der Vermögenssteuer beschert. Es gibt Analysen, die bestätigen ein goldenes Zeitalter für Vermögende just in der Schröder-Ära – und die Erschaffung eines riesigen Niedriglohnsektors, der seinesgleichen in Europa sucht. Für uns Wähler*innen fällt die Ehe von Schwulen und Lesben und die doppelte Staatsbürgerschaft in der politischen Bilanz plötzlich weniger ins Gewicht, denn die sozialkulturellen Errungenschaften von Rot-Grün wurden durch die Prekarisierung von Arbeitnehmer*innen teuer bezahlt. Der Konservatismus der Kohljahre war zwar passé, aber all die Entgrenzungen, die uns nun zugemutet wurden, erwiesen sich als zu negative Freiheiten.

Mein Parteibuch gab ich schon nach drei Jahren sozialdemokratischer Kanzlerschaft ab, im Jahr 2001. Ich fühlte mich betrogen von Schröder und Fischer und dem Egozentriker Lafontaine. Empörte mich über den allerersten Kriegseinsatz der Bundeswehr ausgerechnet unter Rot-Grün. Spürte, dass die Themen, die mich bewegten, kein Echo in dieser Partei fanden und war inzwischen auch nicht mehr am Niederrhein, wo die SPD angesichts des konservativen Umfelds für mich so etwas wie eine Revolutionsgarde dargestellt hatte, sondern in Berlin, wo linke und feministische Politik nichts mit der SPD zu tun hatten, sondern mit Politgruppen. Das, was heute mit Identitätspolitik bezeichnet wird, fand dort ihren Ursprung. Linkssein und SPD, das waren fortan zwei Welten, die auseinanderdrifteten. Strukturell bemerkbar wurde der Drift mit der Gründung der Wahlalternative WASG, später mündete er in die Linkspartei.

Es war die Zeit, bevor Frauenquoten in Führungsetagen in Erwägung gezogen wurden

Natürlich wählte ich zuerst noch meine alte Partei. Fühlte mich der SPD verbunden, schon aus einer Familientradition heraus. Aber es fiel mir schwerer. Und so machte ich 2005 mein Kreuzchen nach unendlichen Minuten in der Wahlkabine bei den Grünen. Schröder hatte einen Denkzettel verdient für seine neoliberale Pragmatik, und das dachten offenbar viele. Es kam der legendäre Wahlabend 2005, an dem Schröder keine Mehrheit mehr erreichte, obwohl er es selbst nicht glauben wollte. Ich verspürte ein wenig Schadenfreude, dass dieser chauvenistische Mann von einer drögen Frau Merkel abgelöst wurde. Sicher eine Frage der Zeit, bis sie von der eigenen Partei abgesägt wird, unkten die Medien im Subtext.

Es war die Zeit, bevor Frauenquoten in Führungsetagen in Erwägung gezogen wurden und als ein Bundeskanzler ungestraft von „Gedöns“ reden konnte, wenn er von Frauen-und Familienpolitik sprach. Welch fataler Irrtum. Hätten die Sozen damals den Zeitgeist erkannt, hätten sie sich die Mütterrente und das Elterngeld im Jahr 2000 auf die Fahnen geschrieben. Aber sozialdemokratische Politik war Bossengenossenpolitik: Arbeiter und Angestellte wurden immer noch männlich gedacht und Familie blieb unter Rot-Grün Frauensache, trotz anderweitiger Bekenntnisse. Die Aufwertung von Erziehungs- und Hausarbeit wurde entschieden abgelehnt und als Herdprämie verunglimpft – als wäre sie als Beleidigung für Frauen gedacht. In der SPD dürfen Männer offenbar nicht an den Herd, habe ich verstanden, und haderte auch deshalb mit der SPD.

Nahles zeterte und kritisierte wie sonst keine

Andrea Nahles verteidigte die Logik der sozialen Gerechtigkeit. Soziale Gerechtigkeit, das sollte durch Erwerbsarbeitspolitik hergestellt werden. Aber Frauen profitierten mehrheitlich nicht von diesem Verständnis. Zudem mussten sie sich nun blank machen für Hartz IV, wenn sie alleinerziehend waren. Und verdienten nicht mehr, wenn sie im Niedriglohnsektor schuften mussten, ihre Dienstleistungsarbeit wurde immer weniger wert statt mehr. Es profitierten Unternehmen, Arbeitgeber, Aktionäre und tariflich Beschäftigte. Nahles kritisierte die Agenda 2010, die Schröderpolitik war ihr zuwider. Das war ein Grund, weshalb sie in der SPD so wichtig wurde – sie zeterte und kritisierte wie sonst keine, sie stritt um das, was ihr wichtig erschien: Solidarität mit den kleinen Leuten. Sie bot den Herren in der SPD die Stirn, 1995 positionierte sie sich gegen Scharping, 2005 gegen Schröder und später gegen Müntefering. Alle von ihnen gingen, sie blieb. Aber sie war keine Sympathieträgerin, sie wurde in der Partei als Rumpelstilzchen wahrgenommen.

Die SPD ging in der ersten großen Koalition unter. Müntefering verließ als letzter Altgedienter die Bühne und es folgte das erste von vielen schädlichen Gemetzeln an der Parteispitze. Kurt Beck wurde duch illoyales Verhalten der Genoss*innen 2008 aus dem Amt gejagt. Es zeigten sich die späten Früchte der Enttäuschung aus der Schröder-Zeit: Neben der gereiften CDU wirkte die SPD wie ein Haufen pubertärer Singles auf Partnersuche, und an allen Vorsitzenden, die man kürte, fand man nach einer kurzwährenden Phase auf Wolke 7 etwas auszusetzen, was dann bereitwillig in die Öffentlichkeit getragen wurde – der nächste könnte ja noch besser sein.

2009 dann das Desaster: Nur 23% für die SPD unter Steinmeiers Kandidatur. Meine Stimme war darunter, aus Mitleid, nicht aus Überzeugung. Und wie viele Prozentpunkte wurden wohl aus reinem Mitleid mit der alten Tante SPD gewonnen? Die große Koalition und das SPD-Personal aus Steinmeier, Steinbrück und Ulla Schmidt konnten der SPD ihr Gesicht nicht zurückgeben. Mit den Hartz-Gesetzen hatte sie es verloren, mit ihrem neoliberalen Kurs während der Regierungsjahre jegliches Vertrauen verspielt. Die CDU heimste die Erfolgszahlen ein, die der Apparat der Arbeitsagenturen mit ihren Maßnahmen und Schlupflöchern geschaffen hatte. Die deutsche Wirtschaft brummte dank der EU-Osterweiterung und der Geschäfte mit China – und natürlich dank der SPD-Reformen. Angst vor der Wirtschaftskrise brauchten wir nicht zu hegen, sie wurde präzise verwaltet, und es darbten alle anderen: Griechen, Polen, Italiener. Nur: Die Wähler erkannten das nicht an. In unzähligen Talkshows mühten sich Genoss*innen ab, die Crux zu erklären, warum die Erfolge Merkel zugeschrieben, die Misserfolge an der SPD haften blieben. Teflon-Merkel wurde schon früh zum Namen dieses Phänomens.

Die SPD hatte mit dem Repertoire ihrer mittelalten Männer an der Spitze einen entscheidenden Schwenk zum ernstgemeinten Umbruch verpasst

Die SPD ging fortan in die Opposition und versuchte Wellness. Verkündete munter ihre gutgemeinte Politik, an die niemand mehr glauben wollte. Andrea Nahles saß an Gabriels Seite im Willy-Brand-Haus und rettete, was zu retten war. Aber uns SPD-Sympathisanten war das Personal nicht ganz geheuer. Wo war die muntere Schlitzohrigkeit eines Egon Bahrs, wo ein blitzgescheiter Stratege wie Helmut Schmidt? Statt brillianter Köpfe sammelten sich an der Spitze der SPD karrieristische Machtmänner, so schien es, und die laute Andrea Nahles neben ein paar neuen Frauen wie Manuela Schwesig, die aber noch zu neu war.

Außer Nahles, der Kämpfernatur, die mit ihrer Kandidatur zur Generalsekretärin zuvor den alten Münte aus dem Amt verjagt hatte, gab es keine Frau an der Spitze, die sich durchsetzen konnte oder wollte. Die SPD aber hatte mit dem Repertoire ihrer mittelalten Männer an der Spitze einen entscheidenden Schwenk zu ihrem ernstgemeinten Umbruch verpasst. Wäre die SPD wirklich bereit gewesen, sich zu erneuern, hätten die Genossen bereits damals eine Frau zur Parteichefin gekürt. Aber es gab keine, die Willens war – Hannelore Kraft hätte die notwendige Erfahrung und den Charakter dazu gehabt. Sie wollte nicht. Und Andrea Nahles war viel zu umstritten, als dass sich die Genossen getraut hätten, sie zur Chefin zu küren. Und so blieb es bei der SPD dabei, dass Frauen nur die zweite Reihe besetzten. Es war eine Reihe unglücklichen Nicht-Wollens und Nicht-Könnens, das die SPD-Spitze immer tiefer in die personelle Bredouille brachte.

Der lauteste Ton der Partei, der in den Medien wiedergegeben wurde, war Häme

Und es ging den Wähler*innen spätestens seit der Wirtschaftskrise von 2008 um Coolness und Souveränität. Und die lieferte auf unerklärliche Weise die gelassene Rautenkanzlerin. Die Männer der SPD hatten keine Chance. Auf Steinmeier folgte Steinbrück. Nahles blieb im Willy-Brand-Haus als die Frau an Gabriels Seite. Aber beide schafften es nicht, die SPD-Inhalte zu entstauben und souverän zu verkörpern. Zu nervös wurde jeder Schritt von den Genoss*innen selbst beäugt und kritisiert – erinnern wir uns an die parteiinterne Zerlegung von Steinbrück, weil er in Wirtschaftskreisen ein beliebter Redner war. Der lauteste Ton der Partei, der in den Medien wiedergegeben wurde, war Häme, wenn jemand scheinbar einen Fehler machte. Solidarität, der Begriff von 1998, war schon längst zu einer Worthülse verkommen, und die Medien spielten dankbar ihre Rolle als Steigbügelhalterin der Kanzlerin. Der leichte Zugewinn bei der Bundestagswahl 2013 war auf die Oppositionsrolle der SPD zurückzuführen, aber 25,7% reichten nicht, um das Wellness-Programm als Erfolg zu verstehen.

Ich wählte wieder Grün. Zu augenfällig schien mir die Klimakatastrophe vor der Tür zu stehen, als dass die Zeit für die Subventionierung von Industriearbeitsplätzen vergeudet werden konnte. Die SPD hatte das Thema 2013 noch nicht recht begriffen: Dass Umwelt- und Sozialpolitik dringend in ein Miteinander überführt werden müssen statt gegeneinander ausgespielt, und dass junge Eltern das Umweltthema viel ernster nehmen als die Senioren, die nun das klassische Wähler*innen-Milieu der SPD stellten. Der Spruch der Grünen „Umwelt ist vielleicht nicht alles, aber ohne Umwelt ist alles nichts“ verfängt nun einmal stärker als das abgedroschen klingende Mantra von sozialer Gerechtigkeit, die herzustellen der SPD nicht obliegt – wie auch in einer globalisierten Weltwirttschaft, deren Spielregeln andere schreiben.

Eine starke SPD ist wichtig für unsere Demokratie!

Inzwischen war ich Mutter geworden und mein persönlicher Umbruch spiegelte sich in meiner politischen Präferenz wider. Ich kehrte dem politischen Aktivismus den Rücken und empfand die Verantwortung, die bürgerliche Parteien übernahmen in ihrem Ringen um Kompromisse, mehr denn je als eine Errungenschaft, die es zu unterstützen galt. Ich verstand, warum Kompromisse in der Realpolitik entscheidend waren. Aber ich verstand auch, warum Elterngeld und Mütterrente eine gute Sache waren und die SPD leider reflexartig alles geißelte, was ansatzweise nach CDU aussah. Mit der reflexhaften Abwehr, die taub für jegliche argumentative Logik war, verlor die SPD weiter an Sympathiepunkten. Und natürlich mit der Entscheidung von Andrea Nahles, die abschlagsfreie Rente ab 63 einzuführen. Vermutlich war diese Entscheidung die schwerwiegendste, die Nahles in ihrer Zeit als Bundesministerin traf, denn sie brachte der SPD Bodenverlust bei den jüngeren Wähler*innen ein. Die einen ärgerten sich über die Hartz-IV-Gesetze, und die, die noch zu jung waren, schüttelten jetzt die Köpfe über die Seniorenpolitik der SPD.

Dann gab es den kurzen Überraschungsaufschwung von 2017: Martin Schulz übernahm das Steuer und für einen winzigen Moment herrschte wieder dieser Eindruck von Überlegenheit, von Wir-Können-Das-Besser, von Souveränität und Kraft. Dieser Kampa-Effekt, den die Medien mit Schulz-Zug meinten, hielt genau vier Wochen an. Dann verpuffte er wie eine Seifenblase. Der Tiefpunkt war der Rücktritt von Schulz, nachdem er sich verzockt hatte mit dem Griff zum Außenministerium. Leider. Denn trotz aller Schelte an Fehlentscheidungen und Eiertänzen an der Parteispitze: Nichts wurde nach den Bundestagswahlen 2017 deutlicher, als dass eine starke SPD wichtig ist für unsere Demokratie.

Mit der negativen bis zynischen Haltung der gesamten Politik gegenüber konnte die AfD groß und größer werden

Und heute? Das Lamento der populistischen Parteien von rechts wie links, die sich über die Kompromisse der großen Koalition aufregen, erscheint fadenscheinig. Und noch etwas, das sich in den Zeitgeist einschlich, ist fadenscheinig und bigott: Die Berichterstattung über die große Koalition und über die SPD im besonderen wurde über die Jahre immer abfälliger. Das Schimpfen auf die ausgehandelten Kompromisse wurde mehr und mehr zum Volkssport, demokratisches Ringen um die größtmögliche Berücksichtigung von verschiedenen Interessen geriet in Verruf. Überhaupt ist das Bashing alles „Bürgerlichen“ eine Lieblingsdisziplin von jenen, die sich politisch für links halten – oder rechts. Die bürgerliche Zivilgesellschaft, also der Mut zur Übernahme von Verantwortung, ist aber der Grundpfeiler unserer Demokratie.

Mit der negativen bis zynischen Haltung der gesamten Politik gegenüber konnte die AfD groß und größer werden. Eine schwache SPD bedeutet ja, dass bürgerliche Werte der CDU und den Grünen überlassen und mit dem Label konservativ versehen werden können, weil bürgerliche Werte im SPD-Lager nicht genügend wertgeschätzt werden. Genau diese Überheblichkeit aber ist Gift für die Zivilgesellschaft. Sowohl linke als auch rechte Populisten glauben, dass die demokratischen Kompromisse ihnen etwas vorenthalten würden, auf das sie ein Anrecht hätten. Die extremen Meinungen verkennen, welchen Stellenwert der Meinungsaustausch für das Funktionieren einer Demokratie hat. Sie gaukeln jenen, die sich abgehängt fühlen, ein Kollektiv unter dem Banner des Leids vor, der ihnen aber erst recht eine wirkliche Mitgestaltung vorenthält. Wer einmal in Parteistrukturen gearbeitet hat, weiß, wie mühsam Demokratie sein kann, die langen Sitzungen und das Ringen um Anträge sind zäh, Kompromisse aushandeln ist langwierig.

Mehr Demokratie wagen!

Im Grunde passt der Wahlspruch von Willy Brandt „mehr Demokratie wagen“ auf die Probleme unserer Zeit, und zwar in dem Sinne, dass die Bürger*innen des Landes sich wieder mehr Demokratie zutrauen müssen, sich der Zivilität und der Dialogfähigkeit wieder bemächtigen, anstatt den Populisten ihre Demokratie zu überlassen. Die SPD ist immer noch ein politischer Akteur in allen Regionen, auch wenn sie im Bund geschwächt ist. Die Leitmedien behaupten, die Definition der Volkspartei messe sich an den Wahlergebnissen und nicht an den lokalen Strukturen der Parteien – und die SPD hat das Zeug dazu, von den Jungen Menschen in Kleinstädten und auf dem Land als Anlaufstelle wahrgenommen zu werden.

Aber das geht nur, wenn die SPD sich ihrer zivilen, bürgerlichen Stärke bewusst ist und auch stolz darauf ist. Als Mutter lernte ich, dass Verantwortung zu übernehmen nachhaltiges Handeln voraussetzt. Wenn ich meinem Kind gegenüber nur situationsbezogen agiere, unter Stress oder unüberlegt, dann bekomme ich einen Tag oder einen Monat später die Rechnung präsentiert. Kinder aufziehen und Demokratie bringen ähnliche Strapazen mit sich: die unausweichliche Mühle des Immerwiederkehrenden, die Kompromisse im Alltag, die Quittungen für unüberlegtes Handeln und das Auszahlen von durchgerungenen und gut durchdachten Lösungen. Ich habe verstanden, warum Familie als Hort von Bürgerlichkeit gilt: weil es um Verlässlichkeit geht und um Zuwendung, um das Aushandeln von Bedürfnissen und das Zurückstecken eigener Befindlichkeiten, wenn es sein muss. Alles demokratische Tugenden, die offenbar viele verlernt haben oder nicht mehr für so wichtig erachten. Es wird dringend Zeit, dass die SPD sich das bewusst macht.

Wenn Kevin Kühnert heute davon spricht, dass nie wieder so miteinander umgegangen werden darf, solange man für Solidarität stehen will, dann ist das schonmal ein Anfang. Aber als zukünftige Wieder-Wählerin der SPD erwarte ich, dass sich die SPD mit dem Begriff der Solidarität beherzt auseinandersetzt. Solidarität, so Heinz Bude in seiner Monographie über die „Zukunft einer großen Idee“, ist eine Haltung, die Respekt in einer Welt der Ungleichheit ermöglicht. Und genau dieser Respekt ist es, den wir im Umgang miteinander brauchen. Auf, SPD.

 

 

 

Neulich in Kreuzberg: Von der Leyen zu Gast im Orania. Zeit für eine Hymne

Allgemein, Frauenpolitik

An ihrer Frisur erkannte ich sie sofort. Blond geföhnt. Grazil erklomm sie den Bordstein in Stöckelschuhen und Strumpfhosen, und zog die Schultern fröstelnd hoch: Es regnete an diesem Märznachmittag in Kreuzberg vorm Hotel Orania. Ursula von der Leyen. Unsere starke Frau der Bundeswehr. Erste Verteidigungsministerin der Bundesrepublik Deutschland. Die Heldin des Elterngeldes, Mutter von 6 oder 7 Kindern, Verfechterin der Frauenquote und des warmen Mittagessens für alle, Vorkämpferin für die Lebensleistungsrente. So verletzlich stand sie da, für genau 2 Sekunden, das helle Blau ihres Kostüms kontrastiert perfekt vor der grauen Kulisse des schmuddeligen Oranienplatzes.

Das helle Blau ihres Kostüms kontrastiert perfekt vor der grauen Kulisse des schmuddeligen Oranienplatzes

 

Hinter ihr entsteigen drei dunkel gekleidete Bodyguards den schwarzen Mercedes-Limousinen, und Ursula von der Leyen schaut sich suchend um – das also ist das hippe Kreuzberg, dabei ist es grau und hässlich, sagt ihr Blick. Im Orania, das umstrittene Hotel am Oranienplatz, sind die eingeschlagenen Scheiben noch nicht ausgewechselt worden.
Das Restaurant führt hochpreisige Kost. Viele Anwohner hatten sich aufgeregt, dass hier nach Jahren des Leerstandes ein Hotel einzieht. Und dann noch eines mit Pianist, offenem Kaminfeuer und einem Interieur, das im Kolonialstil gehalten ist. Sehr provozierend fanden das die Kreuzberger, ich fand das auch. Aber trotzdem mag ich die Existenz der Bar, denn sie steht in einem spannenden Gegensatz zu den touristischen, hippen und überlaufenen Cocktaillounges, die für die aufgeregte Oranienstraße sonst so prägend sind. Aber das Hotel Orania steht seit seinem Einzug symbolisch für die Gentrifizierung des Kiezes und die steigenden Mieten.

 

Unsere Verteidigungsministerin nimmt die Einschusslöcher zur Kenntnis, dann strafft sie die Schultern und blickt der geöffneten Tür entgegen

 

Und deshalb sind die geschliffenen und abgerundeten Scheiben mit hässlichen Einschusslöchern von Steinwürfen versehrt, die sich silbern von dem dunklen Glas abheben. Große und kleine Glaswunden, die sich spinnennetzartig ausbreiten. In ihnen spiegelt sich die Wut des Kiezes wider auf jene, die sich die Preise und die Mieten noch leisten können. Auch unsere Verteidigungsministerin nimmt sie zur Kenntnis, dann strafft sie die Schultern, und blickt der geöffneten Tür entgegen. Sie kennt sich aus mit Kampfspuren, nicht erst seit sie Ministerin für Verteidigung ist. Häme und Kritik bekam sie schon vorher zu spüren, für ihre sozialdemokratische Politik, für ihre kühle Art oder einfach, weil sie so viele Kinder hat. Ihr wird vorgeworfen, dass sie Probleme weglächelt. Wenn sie die Probleme so offen wie niemand zuvor anspricht, wird ihr das erst recht angekreidet. Dabei ist ihre Bilanz außergewöhnlich: Jedes Ministerium, das sie übernahm, hat sie mit so großen Projekten versorgt, dass sie noch heute nachhaltig unsere Realität verändern und nicht von Gegenreformen aus dem Weg geräumt werden konnten. Die Reform des Elterngeldes und von Hartz IV hat erst sie richtig angepackt, und die Untersuchung von rechten Strukuren in der Bundeswehr hat sie als erste angekündigt.

Wenn sie die Probleme so offen wie niemand zuvor anspricht, wird ihr das erst recht angekreidet.

Ob die Taten ihren Worten folgen können, das wird sich noch herausstellen. Aber von der Leyen spricht Unbequemes aus und lächelt trotzdem. Das ist ihre Stärke. Viele legen ihr das als Schwäche aus. Sie wird von allen Seiten kontinuierlich argwöhnisch beäugt. Aber Ursula von der Leyen ist alles andere als schwach, sie ist eine starke Frau, die eine großartige Vorbildfunktion hat. Sie zeigt den weiblichen Weg in einer männlich geprägten Kultur, und zwar mehr, als es Angela Merkel tut. Als Mutter kennt von der Leyen den Alltag und die Sorgen von Frauen mit und ohne Kindern, und das schwingt in all‘ ihren Reformen und Ansprachen mit. Sie steht für Weiblichkeit, auch weil sie es in ihren Auftritten bewusst verkörpert, und umso mehr wird ihre „kühle Art“ kritisiert. Angela Merkel hingegen kaschiert ihre Weiblichkeit und neutralisiert sie in ihren Auftritten. Denn offenbar ist es öffentlich immer noch unmöglich, ein weibliches Auftreten mit figurbewusstem Kostüm und Lippenstift und professionelles, politisches Handeln zusammenzudenken. Bei von der Leyen wurde oft ihre Professionalität mit Kühle gleichgesetzt und dann in einem Atemzug ihre Kinderzahl genannt, so als sei es ein absolutes Unding, als Mutter von so vielen Kindern die Unverfrorenheit zu besitzen, eine politische Karriere hinzulegen. Nach dem Motto: Da kann sie ja nur kalt sein, wenn sie so eine Rabenmutter ist.

Offenbar ist es öffentlich immer noch unmöglich, ein weibliches Auftreten mit figurbewusstem Kostüm und Lippenstift und professionelles, politisches Handeln zusammenzudenken.

Der WDR 2 strahlte in Nordrhein-Westfalen lange eine Satiresendung namens „Die von der Leyens“ aus, die genau diese Doppelrolle überzeichnete und damit den Finger darauf legte, was offenbar vielen suspekt ist: Eine Mutter zahlreicher Kinder, die erfolgreich die höchsten Ämter des Landes inne hat? Unfassbar. Unerhört. Das geht auch nur mit Humor. Ich muss gestehen, dass ich lange kritisch auf diese Frau geschaut habe, nicht nur weil sie für die CDU stand, sondern weil sie so mühelos eine Reform nach der anderen anschob. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Offenbar macht Ursula von der Leyens Bilanz anderen Angst. Wo ist der Haken bei dieser Frau? Dann wird sie belächelt, wenn sie sich um die Familienfreundlichkeit der Bundeswehr sorgt. Aber genau das ernstzunehmen ist feministische Politik. Das Tollste, was sie politisch zu verantworten hat: Die Mütterrente und die Frauenquote in Aufsichtsräten. Meilensteine in der gesellschaftlichen Anerkennung von weiblicher Lebens- und Arbeitsleistung. Diese kleine Frau ist, bei Licht betrachtet, ganz schön groß.

 

Diese kleine Frau ist, bei Licht betrachtet, ganz schön groß

 

Auch, wenn mir die Bundeswehr als militärische Institution suspekt ist: Ich verstehe, warum Merkel diese Frau als Verteidigungsministerin haben wollte. Denn sie setzt ihre Vorhaben knallhart durch. Der Verteidigungsetat wurde vergrößert, die marode Ausstattung der Bundeswehr wird modernisiert. Das mag für viele ein weiterer Dorn im Auge sein, wenn es um Ursula von der Leyen geht. Und man kann bei ihren Auftritten sehen, wie sie Federn gelassen hat in diesem Amt, vermutlich so viele wie nie zuvor. Denn der Gegenwind, der ihr als Verteidigungsministerin ins Gesicht schlägt, ist enorm, und das liegt nicht nur daran, dass das Militär in Deutschland wie ein Alien betrachtet wird und wir schon zuviel bekommen, wenn wir einen Werbetruck mit Bundeswehrlogo sehen. Es liegt auch daran, dass Ursula von der Leyen um dessen Ruf kämpft.

Die beiden großen, dunkel gekleideten Männer folgen jetzt der zierlichen Frau in Hellblau, die seit Jahrzehnten unsere Gesetze gestaltet, durch die geöffnete Tür des Orania. Auch, wenn das jetzt eine Feststellung ist, die bei Männern selten vorgenommen wird: Sie sieht noch immer nicht wie 60 aus. Jedenfalls nicht im Kreuzberger Märzregen.

 

Der 8. März. Vom Frauenkampftag zum Feiertag

Allgemein, Frauenpolitik

Die Berliner Behörden werden gerne belächelt: Behäbig, ineffizient und lahm seien sie. Doch nun ist ein politischer Coup geglückt: Der internationale Frauentag – der Weltfrauentag – wurde letzte Woche zum Feiertag erhoben, und schon in diesem Jahr soll er für uns ein freier Tag sein. Über die Verantwortung für ein gelingendes Feiern, das dem Frauenkampftag gerecht wird.

 

So gesehen ist es schon eine Zumutung, dass der Frauentag „nur“ im Land Berlin als Feiertag zu Ehren kommt. Einerseits.

 

Juhu, großer Jubel. Einerseits. Denn natürlich ist der 1910 von Clara Zetkin eingeforderte Frauentag ein Mememento für den harten Kampf um Frauenrechte, der seit seinem ersten Begehen 1911 viele gewonnene Schlachten zu feiern hat. Dehalb ist es nur folgerichtig, den Frauentag als Feiertag einem Muttertag gegenüberzustellen, der nur eine der möglichen Rollen von Frauen ehrt, und nicht an die vielen praktizierten Ungerechtigkeiten im Zusammenleben der Geschlechter erinnert. So gesehen ist es schon eine Zumutung, dass der Frauentag „nur“ im Land Berlin als Feiertag zu Ehren kommt, und nicht in ganz Deutschland.

 

Sexismus mit Sexismus zu bezahlen ist wie Gewalt mit Gewalt zu beantworten.

 

Aber, und das ist die Kehrseite der Medaille, bietet der Frauentag als Feiertag auch Anlass zur kritischen Betrachtung der bisher umgesetzten Geschlechtergleichstellung. Wenn nämlich, wie in Osteuropa der Fall, wo der Frauentag ehedem als sozialistischer Feiertag eingeführt wurde, eine Art Frauentags-Industrie entsteht, die dem Projekt Frauenkampftag zuwider läuft, ist Achtsamkeit geboten. In der osteuropäischen Praxis regt der Feiertag zu hedonistischem Feierkonsum an und die Frauen fühlen sich aufgerufen, eine Objektivierung von Männern als attraktivem Erotikspielzeug vorzunehmen. Ein Tag, an dem Stripper ausgebucht sind. Der Vorteil: Männern wird ein Spiegel ihrer sexistischen Rituale vorgehalten. Der Nachteil: So verliert der Frauentag seine emanzipatorische Bedeutung. Sein kämpferischer und zur Anprangerung von Ungerechtigkeit anstiftender Impetus wird nämlich dort durch die Praxis, mit der dieser Feiertag begangen wird, ins Leere geführt. Sexismus mit Sexismus zu bezahlen ist wie Gewalt mit Gewalt zu beantworten. Wie wir wissen, führt letzteres zu noch mehr Gewalt. Ersteres wird also nicht zu einer Abkehr von sexistischen Praktiken führen, sondern diese befeuern.

 

…es besteht die Gefahr, dass dieser „Männertag“ mit dem „Frauentag“ beantwortet werden wird. Der Frauenfeiertag ist nur dann ein Gewinn, wenn wir alle, Männer und Frauen, innehalten und uns fragen, wie wir Gleichberechtigung leben können und wollen.

 

Wild feiernde Frauengruppen, die am 8. März durch Berlin grölen, so wie sie es heute in Bukarest und Sofía tun, haben uns Berlinerinnen und Berlinern als Ergänzung zu fahrenden Bierbikes und Junggesellenabschieden nicht gerade gefehlt. Natürlich haben Frauen ein Recht darauf, sich am Frauentag zu feiern. Aber die Erhebung des Frauentages zum Feiertag unterzieht das bisher Erreichte einer Prüfung: Offenbar reicht es keinesfalls aus, um den Frauenkampftag überflüssig werden zu lassen. Und es reicht auch nicht aus, um die Praxis des „Vatertags“ in Frage zu stellen, an dem scharenweise biertrinkende Männer ihre Bollerwägen hinter sich her ziehen und für sich ein Recht auf Anbaggern einfordern. Sondern es besteht die Gefahr, dass dieser „Männertag“ mit dem „Frauentag“ beantwortet werden wird. Der Frauenfeiertag ist nur dann ein Gewinn, wenn wir alle, Männer und Frauen, innehalten und uns fragen, wie wir Gleichberechtigung leben können und wollen. Und die gegenseitige Objektivierung des anderen Geschlechts zum Sextoy ist sicher keine richtungsweisende Antwort (es ist nur die Ablenkung vom Eigentlichen).

 

Wir brauchen ein Aufeinanderzugehen

 

Vielmehr brauchen wir ein Aufeinanderzugehen: Ein Zuhören und Ausreden lassen am Frauenfeiertag, das wäre ein guter Anfang. Der Frauentag als Tag, an dem wir gemeinsam über Gleichberechtigung nachdenken, so stelle ich mir diesen Tag als Gewinn vor. Auf einer öffentlich zelebrierten Feier. Weil Frauen mit Kindern, ohne Kinder, mit Karriere, ohne Karriere, mit Geld und ohne Geld, mit Migrationshintergrund und ohne so verschiedene Leben beschreiben, dass es ohne Zuhören gar nicht geht. Wenn uns das an diesem Tag gelingt, dann wäre der Tag ein echter Feiertag.

Provinz und Charisma. Frauenbündnisse gegen alte Strukturen!

Allgemein, Arbeit, LandLeben

Am 30.11.2018 hielt Dr. Inga Haese einen Vortrag im Rahmen der Veranstaltung F wie Feiern in Großhennersdorf, Görlitz. Für alle, die ihr Nachdenken über Provinz und Charisma live verpasst haben, gibt es hier die schriftliche Version:

Provinz und Charisma. Frauenbündnisse gegen alte Strukturen!

 

„Was sonst können wir tun, als „feminine“ Praktiken zu etablieren – Kollaboration, Dialog, Horizontalität statt Wettbewerb, Hierarchie, Profitmaximierung – wenn unser Ziel die Vertiefung von demokratischer und emanzipatorischer Politik ist?“

Viel Spaß beim Lesen.

 

Sommer in Südtirol. Ein Reisebericht für Familien, Wanderer und Weinkenner

Allgemein, LandLeben

Habt ihr das Einkommen auch nicht so locker sitzen, als dass der Sommerurlaub euch in transatlantische Fernen führt? Willkommen in meiner Welt, in der es dank kleinem Reisebudget immer klimafreundlich zugeht.

Während andere nach Thailand, Lanzarote oder Bali fliegen, ziehe ich es vor, im Februar die Familienangebote von Pauschalreiseanbietern zu durchforsten, damit wir im Sommer eine entspannte Wanderwoche in den Alpen verbringen können. Vor fünf Jahren fragte ich mich noch, ob wir als vierköpfige Familie etwas Biedereres in Angriff nehmen können als ein Hotel mit Halbpension zu buchen, so praktisch wie altbacken klang die Idee. Doch dann reisten wir in die Pinzgauer Alpen, fanden im Anschluss an die behagliche Hotelwoche in einer Almhütte Unterschlupf und ließen uns von der Wanderlust anstecken. Mit zwei kleinen Kindern sind Wanderurlaube im Hotel unschlagbar: Erstens sind wir den ganzen Tag in der alpinen Wildnis unterwegs, zweitens kommt morgens und abends das Essen auf den Tisch, ohne dass ein elterlicher Finger gerührt werden muss, und drittens muss niemand ewig an Supermarktkassen anstehen. Wer Kinder hat, weiß diese Vorteile sehr zu schätzen.

Unser Startpunkt: Lüsen bei Brixen

Unser vierter  Wanderurlaub in Folge zog uns in diesem Jahr nach Südtirol. Es war Zufall, dass wir uns die Dolomiten hinter Brixen als Reiseziel vornahmen – alles eine Frage der Recherche, welches Hotel zu einem guten Preis weder an einer Talsperre noch unter einer Autobahnbrücke liegt. Alles schon bei Googlemaps vorgefunden und aussortiert. Diesen Zeitaufwand sollte man bei Pauschalangeboten stets betreiben, um nicht enttäuscht am Urlaubsziel anzukommen und sein Budget in schlechter Laune zu versenken.

Wir beziehen also ein irre gemütliches, rustikales Familienzimmer im Dörfchen Lüsen, mitten in den Bergen, am Talende und auf knapp 1000 Höhenmetern gelegen. Tatsächlich findet man hier Natur pur und die Städterin in mir den ersehnten Gegenpol zum lauten, abgasverseuchten Alltag. Im Hotel weist man uns den Weg zum dorfeigenen Badesee, für den wir keinen Eintritt zahlen (denn wie sich herausstellt sind alle Hoteliers untereinander verwandt, natürlich auch mit dem Präsidenten des Tourismusvereins in Lüsen) und der einmalig schön ist, hergerichtet mit Rutsche und Terrassen und einem Rasen, der so grün ist, als hätte noch kein Lüsener im Juli je seine Füße darauf gesetzt. Der ganze Spaß bei angenehmen 28 Grad Außentemperatur – während unten in Brixen bei 36 Grad geschwitzt wird.

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Die Kinder staunen über die peinlichst sauberen öffentlichen Spielorte, alles niegelnagelneu, selbst der Fußballplatz. Dorthin verziehen sie sich sogleich, mit den Dorfjungs kicken. Praktisch, dass alle deutsch verstehen, aber Fußball ist für die Kids einfach Völkerverständigungssport Nummer eins. Im Hotel gibt es abends ein Südtiroler 4-Gänge-Menü, für alle ist das Passende dabei: kulinarische Anklänge aus Italien verschmelzen mit österreichisch-deftiger Kost. Dazu Südtiroler Weißwein, speziell der Gewürztraminer schmeckt nach Süden, Urlaub und Muskat. Als Willkommensgruß gibt es einen Aperol-Sprizz aufs Haus.

Die Lüsener Alm

Am nächsten Tag heißt es Wanderschuhe rausholen. Auf geht’s zum Parkplatz Zumis, der bereits auf 1730 Metern liegt – für die Faulpelze unter uns sowie die Kleinsten ein idealer Startpunkt, um die Lüsener Alm zu bewandern. Die lockt mit Kühen und Pferden auf den Wegen sowie einem Schöpfungsspaziergang, dessen rätselhafte Kunstwerke die Kinder auf den sieben Station erheitern. Vom Plateau aus, das zur Rastnerhütte führt, sind die atemberaubenden Gipfel der Dolomiten zu bewundern, deren zerklüftetes Panorama massiv und verspielt zugleich am Horizont hervorragt. Reinhold Messner hat über diese Berge gesagt, es seien die schönsten der Welt – und er muss es schließlich wissen.

 

Allerdings ist der Preis für die gerühmte Schönheit der Dolomiten auch ihre Anziehungskraft auf Touristen: Hier gibt es kaum einsame Wanderwege, wir geraten zwischen Reisegruppen, hochausgerüstete Rentner, modisch aufeinander abgestimmte Familien in sündhaftteurer Funktionskleidung. Nordic-Walking-Stöcke klappern und E-Bikes rattern uns entgegen. Die Einsamkeit der Berge, wie wir sie etwa im Pinzgau fanden, ist jenseits von Brixen nicht zu haben – sogar wildpinkeln geht nicht.

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Der Zirbelkieferweg

Aber ist das ein Wunder, bei der astreinen Versorgungslage auf den südtiroler Almhütten und dieser fantastischen Aussicht? Am zweiten Tag probiere ich auf der Schatzerhütte gegenüber vom Peitler Kofel die hausgemachten Kasnocken, und ich falle beinah in Ohnmacht vor Wonne über dieses Südtiroler Gericht! Mit Bergkäse gerollte Knödel, darüber Parmesan gestreut und mit zerlassener Butter beträufelt – eine bessere Rast kann eine Wandersfrau einfach nicht bekommen. Auch meine Familie ist begeistert, Kasnocke ist unser neues Lieblingswort.

Wir bewandern den Zirbelkiefernweg, ein ausgemacht schöner Wanderrundweg mit Panoramablick direkt auf die Puez-Geisler-Gruppe. Die abfallenden Berghänge werden hier von den Bauern noch von Hand gemäht, sehr alte und weniger alte Männer wie Frauen schwingen ihre Sensen und lassen riesige Heubündel zur Seite fallen.

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Wir fühlen uns zurückversetzt in ein anderes Jahrhundert, hier oben auf den Almen, mit Blick auf den Gipfel des zum Greifen nah erscheinenden Peitler Kofels. Bis das Handy meines Mannes klingelt. Wir sind entsetzt, jäh wird unsere Naturidylle auf den Boden des 21. Jahrhunderts zurückgeholt. Selbst in den Dolomiten kann sich heute niemand mehr damit herausreden, er habe keinen Empfang gehabt.

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Zurück im Zirbelkiefernwald atmen wir den wohltuenden Duft der Zirbelkiefer ein, einem südtiroler Wahrzeichen und Exportschlager. Sogar meine Nachbarin in Kreuzberg schwört auf ihr mit Zirbelkiefernspänen gefülltes Kopfkissen, denn die ätherischen Öle dieses Baumes sollen eine entspannende und beruhigende Wirkung auf den Schlaf haben und damit eine gesundheitsfördernde Wirkung.

Im Villnösstal

Am nächsten Tag lassen wir die Telefone ausgeschaltet. Der Besuch eines Dorffestes im Nachbartal Villnöss beweist uns dann wieder, wie in Südtirol Tradition und Fortschritt zueinander passen, denn vor allem geht es den Menschen hier wirtschaftlich gut, was nicht nur die akkurat gemähten Wiesen und 1a-Fußballplätze anzeigen. Auch die Trachtenmode der Dorfkinder zeugt von Wohlstand, der Heimatverein und die Blaskapelle sowie die Hüpfburg des Sportvereins und die aufgebauten Trampoline zeigen, dass die alpinen Dorfbewohner den Städtern in nichts nachstehen, außer dass keine gesellschaftlichen Minderheiten sichtbar sind. Andererseits verbindet die Trachtenmode über alle Grenzen hinweg, egal ob italienische oder österreichische Zugehörigkeit praktiziert wird oder eine andere Hautfarbe im Spiel ist. Wobei die jüngere Generation eher italienisch spricht, während es die Älteren sind, die ihre deutsche Sprache pflegen.

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Anders lautet die Diagnose vom Hüttenwirt der Dussleralm: Das Leben auf der Alm hat mit den ausgestellten Almidyllen von Einst nichts mehr zu tun, denn die Almkühe sowie Hütte und Wiesen werden von einzelnen Großbauern im Sommer nur noch verpachtet. Jeden Tag muss der Pächter jedes seiner Tiere zusammensuchen, um ihre Gesundheit zu kontrollieren, ihre Hufe, und sie zu melken. Bei dem Radius des Geländes, das die Tiere durchstreifen, keine leichte Aufgabe. Der Pächter ist ein braungebrannter, schlanker Mann vom Typ asketischer Marathonläufer, er trägt das dunkle Haar kurz geschoren und lächelt breit über die Unwissenheit von uns Städtern. Almabtrieb, winkt er auf unsere Nachfrage ab, wird nur noch für die Touristen inszeniert. In Wirklichkeit sind fast alle Kühe schon längst unten im Tal, wenn da noch einige geschmückte Kühe als Fotomotive von den Almen getrieben werden. Des Geldes wegen hält keiner hier die Kühe, meint er, es gehöre eine Portion Idealismus dazu. Er ist zum dritten Mal hier, weil es für die Familie schön sei, den Sommer hier oben in der Natur zu verbringen, aber verdienen tut man nicht viel. Auf der Dussleralm bekochen die Wirtsfrau und die Töchter die Gäste, und da die meisten Wanderer die höhergelegene Geisleralm besuchen, ist die Dussleralm ein ruhiger Ort, dessen Stube heimelig und familiär ist – ein Geheimtipp am Wegesrand zum 2599 Meter hohen Campills, inklusive Spielplatz natürlich.

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Zurück im Eisack-Tal schlendern wir noch durch das Altstädtchen von Klausen – malerische Burgen und das sanfte, türkisfarbene Eisackwasser umrahmen die italienisch anmutenden Gassen mit ihren schmalen Sandsteinhäuschen.

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Feigenbäume und blühende Oleanderbüsche, hin und wieder eine Fächerpalme – bei soviel Schönheit, klösterlichen Kulturgütern und Weinbergen wundert es kaum noch, dass Südtirol im 20. Jahrhundert ein heiß umkämpfter Flecken Erde war.

Der Kalterer See – ein Ort, der alles hat

Die zweite Urlaubswoche führt uns mitten hinein in das Gebiet der Weinberge: An die Südtiroler Weinstraße, namentlich nach Kaltern und Tramin. Wir steigen um aufs Zelt und campen am Kalterer See, beeindruckt vom Panorama der umliegenden Berge mit ihren Weinterrassen, hinter denen die Dolomiten aufragen. Im Tal erstreckt sich der wärmste See der Alpen. Genauso fühlt er sich an, und gleich drei Strandbäder in der Nähe von Kaltern laden dazu ein, im Kalterer See zu baden. Das zum Campingplatz „Gretl am See“ gehörende Strandbad bietet noch einen Swimming Pool dazu und Schattenplätze und hohen Bäumen. Es ist nicht so überfüllt wie der „Seegarten“, aber teurer. Dafür kann man im „Seegarten“ von einer Insel ins Wasser hüpfen und die Anwohner nennen hier eine ganze Batterie altertümlicher Umkleidekabinen ihre eigenen. Sie sehen original so aus wie im Film „Gib dem Affen Zucker“, wo sich Adriano Celentano ungewollt mit Ornella Muti in einer Strandumkleidekabine wiederfand.

Als Zeltplatz wählen wir St. Josef aus, einen kleinen, überschaubaren Campingplatz am Südwestufer des Sees mit eigenem Badesteg. An den Rändern der Weinberge säumen Äpfel, Pfirsiche, Kiwis und jede Menge Feigen den Weg. In Tramin entdecken wir den sympathischsten Wirt Südtirols, als wir bei Familie Gampen in der Villa Raßlhof einkehren und die vielfältige Oleanderpracht des Hofes bewundern. Auf Holzbänken sitzen wir mit mehreren anderen Gästen an einem Tisch und lassen uns hauseigenen Wein mit Pasta und Kasnocken servieren. Zum Aufnehmen der Bestellung setzt sich der Wirt dazu und gibt die Empfehlung des Tages preis. Die gemütliche, familiäre Atmosphäre lädt zum Plaudern mit den Tischnachbarn ein und auch hier schmecken die „Tris“, die drei verschiedenen Knödelsorten Kasnocke, Kräuterknödel und Spinatknödel (vermutlich das bekannsteste Gericht Südtirols) wunderbar.

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Südtirol ist also unbedingt eine Reise wert, und obwohl wir eigentlich auf dem Weg an den Gardasee waren, blieben wir bis zum Ende des Urlaubs am Kalterer See. Denn schöner geht’s nicht und heiß genug war es sowieso – ein Ort also, der mehr als nur Strand und Sonne bietet. Wer der Hitze entfliehen möchte, erklimmt mit der Seilbahn oder per Passstraße die Berge. Ein lohnenswerter Trip geht übrigens noch nach Bozen. Für Grundschulkinder und Teenager ist ein Abstecher ins Ötzi-Museum zu empfehlen. Dort ist es zwar sehr voll und manch einen mag die Warteschlange abschrecken, jedoch ist die Ausstellung derart spannend und abenteuerlich aufbereitet, dass sich ein Besuch auf jeden Fall bezahlt macht. Danach spaziert man am besten über den sogenannten Obstplatz (italienisch Plaza de las Herbes), einer Art italienischem Naschmarkt auf südtiroler Art, und genißt einmal mehr das italienische Flair auf deutsch.

 

 

 

Papst Franziskus ein Mann seines Wortes Filmkritik

Film: Wim Wenders „Ein Mann seines Wortes“ über Papst Franziskus

Allgemein, FürSorge

Der letzte Wenders-Film, den ich gesehen habe, war „Himmel über Berlin“. Er berauschte im sommerlichen Freiluftkino alle Sinne – diese Anmut, Schönheit, Rauhheit der Stadt, der verliebte Engel. Danach war klar: Wim Wenders hat eine Schwäche für übersinnliche Kräfte. Der Film über Franziskus bestätigt auf beeindruckende Weise diese Schwäche.

Eine Welle warmer, weicher Laute rollt in unsere Ohren

Die Präsenz von Papst Franziskus vor der Kamera ist überwältigend, es gibt keine Chance seinem Charme zu entkommen. Franziskus nimmt einen nicht nur durch seine Ausstrahlung und Wärme ein, es ist vor allem seine Sprache, die entzückt: Dieses weiche, argentinische Spanisch, eine melodische Mischung aus dem südamerikanischen Spanisch und dem eingewanderten Italienisch, das alle harten Silben verschluckt und eine Welle warmer, weicher Laute rollt mit seiner Stimme in die Ohren des Zuschauers.  In präzisen Worten formt Franziskus in dieser Sprache seine klaren, eigentlich schlichten Botschaften: Die Welt braucht Liebe, die Welt braucht Dialog, die Welt braucht weniger Waffen und mehr Klimaschutz, weniger Armut und mehr Solidarität, weniger Reichtum und mehr Zeit für die Familie, weniger Kapitalismus und mehr Nachhaltigkeit. So komplex sich diese Probleme für die Weltgemeinschaft auch darstellen mögen, so einfach und schlicht klingen sie aus dem Mund dieses Papstes, der wirklich meint, was er sagt: Mit anderen zu teilen. Weniger zu besitzen. Liebe zu anderen Menschen zu leben. Ihnen in ihrem Elend beizustehen, sie nicht allein zu lassen.

Ein Papst, der einer von uns ist

Natürlich sind seine Besuche auf Lampedusa und den Philippinen auch als symbolische Akte zu verstehen, wie sie Politiker/innen vorbehalten sind. Doch dieser Mensch hat mehr zu geben als Bilder mit Symbolkraft. Dieser Papst will den Menschen seine Zeit schenken, er will für sie da sein, er schenkt ihnen Nähe und er betet für sie. Er küsst ihre Füße, er gibt ihnen mit seinen Zeichen die Würde zurück, die sie unter den unwürdigsten Bedingungen ihres Daseins verloren zu haben glaubten. Wenders setzt eindrucksvoll in Szene, wie Franziskus durch südamerikanische und afrikanische Städte fährt, wo er empfangen wird wie – nun ja, eben wie ein Papst, der einer von uns ist, der den Menschen nah ist: Mit Verehrung und Jubel von Abertausenden, die wissen, wo er herkommt.

Trotz des Pathos, das im ganzen Film mitschwingt, wird dieser Papst nie kitschig, sondern er bleibt menschlich und hoffnungsvoll, wo andere nur noch den Untergang sehen.

Letztendlich prangert Franziskus eine Welt an, in der zu leben sich so viele von uns gewöhnt haben: Die Welt des Konsumierens und des Wegwerfens, des Abschottens und Mehr-haben-Wollens, des Egoismus. Franziskus‘ Botschaften spitzen deutlich zu, was die letzten Päpste bereits anklingen ließen: Dass die Ausbeutung, die sich der globale Kapitalismus auf die Fahnen geschrieben hat, mit der christlichen Kirche nicht zu vereinbaren ist. Die Botschaft der Kirche ist eine, und dafür steht Franziskus, die mehr denn je in diese Zeit gehört, gerade weil sie die Botschaft der Nächstenliebe und des Teilens ist. Weltkonzerne und politische Gebilde können diese Botschaften nicht (mehr) überzeugend verkörpern, geschweige denn eine solche Kraft entfalten. Wim Wenders hat damit ein beeindruckendes Porträt und denkwürdiges Zeitzeugnis geschaffen, und trotz des Pathos, das im ganzen Film mitschwingt, wird dieser Papst nie kitschig, sondern er bleibt menschlich und hoffnungsvoll, wo andere nur noch den Untergang sehen.

Feminismus ist trotzdem nötig!

An einer Stelle wuchs in mir, neben der gewaltigen Woge an Zustimmung, die ich während des Films verspürte, Widerspruch: Der Papst betonte die Wichtigkeit von Frauen für die Entwicklung der Menschheit. Dann sagte er: Wir kommen nicht weiter, wenn wir gegeneinander kämpfen. Nur gemeinsam, in Kooperation, schaffen wir es – Machismus und Feminismus bringen uns nicht weiter. Entschieden muss ich sagen, dass diese Gegenüberstellung nicht richtig ist: Machismus ist eine strukturelle Grundhaltung, die nur durch Feminismus bekämpft werden kann, bevor es an die Kooperation geht! Bei aller spiritueller Zustimmung sollten wir uns auch darauf besinnen.

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