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Corona

Tag 4. SODIMO: Ein neuer Begriff am Arbeitshimmel

Die beruhigende Stimme von Angela Merkel im Ohr, so bin ich eingeschlafen und mit einer Einladung der BuReg zum Hackathon wieder aufgewacht. Jetzt also schlägt sie, die Stunde der kreativen Problemlösungen und der ungewöhnlichen Wege, eine Krise zu bewältigen.

Ich muss zum Arzt, nicht wegen Corona, sondern weil ich eine Allergie habe. Auch nicht schön. Das Wartezimmer ist so leer wie noch nie. Normalerweise stehen die Patient:innen in einer 10-Meter-langen Schlange vor dem Tresen, aber seitdem sich kilometerlange Schlangen vor anderen Übergängen bilden, sind auch die Arztpraxen leer. Ich werde weder gefragt, ob ich „Symptome“ habe, noch gibt es andere Vorsichtsmaßnahmen, niemand trägt einen Mundschutz. Ich vermute bzw. hoffe, dass sich keine Corona-Verdachtsfälle in die Praxis begeben.

Auf den Straßen Berlins zeigt sich am Vormittag endlich ein anderes Bild als an den Tagen zuvor, so als hätte die Kanzlerin tatsächlich allen mit ihrer Ansprache ins Gewissen geredet: Es sind nur wenige Menschen unterwegs, und die Entgegenkommenden wahren den gebotenen Abstand. Doch als ich die Apotheke betrete, da trifft mich fast der Schlag: Provisorisch wurden Plexiglasscheiben über die Verkaufstresen gehängt und alle Apotheker:innen tragen jetzt Atemschutzmasken. Ich denke kurz, ich stehe in Italien. Dann besinne ich mich, ich benötige hochdosiertes Calcium. Die Apothekerin sieht mich über ihre Maske hinweg bekümmert an: „Calcium ist gerade nicht lieferbar. Es tut mir leid.“ Ich bin irritiert, aber sie rät mir dazu, mein Glück in einer Drogerie zu aber suchen. Draußen blüht der Frühling, so als würde ihn all das nichts angehen, und zeigt sich von seiner schönsten und lautesten Seite.

In der Drogerie habe ich noch Glück, aber Handwaschmittel, Klopapier und alles, was mit Wischen zu tun hat, ist ausverkauft. Also zurück ins Homeoffice, wo sich die Kids erfolgreich selbst beschulen. Zum Glück hat meine Tochter eine vernünftige Lehrerin, denn sie schreibt allen Eltern eine E-Mail, in der sie uns rät, Stundenpläne für das strukturierte Lernen zu Hause einzurichten und abgearbeitete Lehrpläne mit einer Sondersendung „Sendung mit der Maus“ zu belohnen. Außerdem plädiert sie dafür, ganz einfache Handarbeiten wie Stricken, Nähen und Häkeln mit den Kindern zu entdecken (vielleicht hilft mir da ein Online-Tutorial weiter…?). Zusätzlich hat sie es geschafft, allen Schüler:innen rechtzeitig ein Antolin-Konto einzurichten. Meine Tochter, Zweitklässlerin, hat sofort zwei Bücher verschlungen, damit sie auf der Online-Plattform alle Fragen zu den Texten beantworten kann. Tatsächlich werden wir Antolin von nun an mit der Corona-Krise in Verbindung bringen.

Mein Sohn hat noch keine digitalen Aufgaben erhalten, aber auch er lernt nun den Arbeitsalltag eines Home-Offices kennen, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Der Nachteil ist eindeutig, dass wir uns körperliche Bewegung in den „Stundenplan“ hineinschreiben müssen und keine Pausenglocke diese einfordert. Hilfreich sind Ausnahmeangebote für Kinder und Jugendliche (ALBA Berlin hat eine virtuelle Sportstunde ins Leben gerufen: „ALBAs tägliche Sportstunde“, findet je nach Altersgruppe zu unterschiedlichen Uhrzeiten statt, wurde von der Berliner Bildungssenatorin empfohlen), leitet mir eine befreundete Mutter weiter.

Das Motto der Krisen-Selbstbewältigung heißt also, das richtige Maß zwischen analogen Tätigkeiten und digitalem Programm zu finden und diszipliniert genug zu sein, sich nicht permanent ablenken zu lassen.

Natürlich lasse ich mich permanent ablenken. Der Ist-Zustand in Deutschland in Sachen digitaler Schulausstattung sei unzumutbar, so lese ich in sozialen Netzwerken, auch weil tausende Eltern plötzlich zuviel Zeit haben, sich darüber Gedanken zu machen. Mein Mann, Gymnasiallehrer, lehrt nun von zu Hause aus. Seine Plattform: Die Internetseite der Schule. Eine Mutter fragt ihn per E-Mail, warum die Schüler:innen eine veraltete Homepage als Kommunikationsmittel nutzen würden und ob die Lehrer:innen keine modernen Plattformen wie etwa Twitch oder Skype benutzen könnten, um die Schüler:innen live zu erreichen. Keine schlechte Idee, findet mein Mann. Nur spreche vermutlich die Datenschutzverordnung dagegen, eine App wie Twitch zu nutzen.

Dabei, welch Ironie, würde sich gerade jetzt die Möglichkeit bieten, dass wir uns ganz echt und unvirtuell mit den Kindern beschäftigen. Aber wir im Home-Office festsitzenden Eltern machen uns Gedanken darüber, wie wir unsere Schreibtätigkeit in der Küche ausführen und gleichzeitig die Kinder bespaßen können. Arbeitgeber propagieren angesichts von Corona den „SODIMO“, lerne ich heute von einer Freundin, den „Social Distancing Mode“ (klingt ähnlich rationalisiert wie Work-Life-Balance) und schicken ihre Mitarbeiter reihenweise an die Heim-PC’s. Vereinbarkeit von Beruf und Familie bekommt jetzt eine ganz neue Dimension! Wie schaffe ich Arbeit, Mittagessen zubereiten und Schulaufgaben dirigieren gleichzeitig?

Derweil schreibt meine Kollegin aus den USA, dass ihr Flug gestrichen wurde und sie früher als geplant abreisen müsse – und das, obwohl sie ihr Zimmer in Deutschland untervermietet hat. Auch in Kalifornien ist der Alltag ausgebremst, es gehört zu den Corona-Risikogebieten. Unsere gemeinsame Arbeit wird nun auch betroffen sein: Die geplante Feldforschung kann nicht stattfinden, reisen ist ausgeschlossen.

Die Pandemie trifft die Welt, auch die Brasilianer:innen. Ein Freund meiner Tochter, der vergangenes Jahr nach São Paulo gezogen ist, schickt eine Sprachnachricht: Auch dort sind die Schulen dicht. Aber es sei Sommer und die Geschäfte haben geöffnet. Klingt irgendwie unbekümmert, aber der Junge ist auch erst neun. Mein Sohn ist schon 11, aber er klettert trotzdem durch die Gärten zu seinem Kumpel. Was soll ich ihm sagen? Denk dran, was die Bundeskanzlerin gesagt hat?

Angela Merkel hat mit ihrer Ansprache dafür gesorgt, dass mehr Menschen die Virus-Gefahr ernst nehmen und die drastischen politischen Maßnahmen besser verstehen. Und sie hat dafür gesorgt, dass viele froh sind, eine besonnene Kanzlerin zu haben statt eines, sagen wir, Donald Trumps.

WirVsVirus

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