Krieg

Die Nachrichten morgens lesen. Den Blick auf das Titelbild aushalten. Draußen zwitschern Vögel und ein Baum vor dem Küchenfenster präsentiert jeden Tag seine größer werdenden Knospen. Ich berichte von Großmutters Kriegserlebnissen. Mein Sohn sagt: „Du wieder mit deinen alten Geschichten. Das ist Urzeit, Mama. Das interessiert heute niemanden mehr.“ Ich schweige. Er fügt hinzu: „JETZT ist Krieg. Da braucht niemand die alten Geschichten von deiner Oma und Weltkrieg. Die Ukraine erlebt das jetzt!“

Natürlich hast du recht, mein Sohn. Ich sage: Aber doch ist die Erinnerung wichtig. Und denke, offenbar braucht man sie so dringend wie noch nie. Es laufen Bilder aus Butscha über den Bildschirm. Noch sind es nur Bilder, es gibt noch keine Berichte wie die der letzen beiden Tage. Draußen ist Frühling, und es tut weh, wie beides nicht zusammenpasst, das Grauen und das zarte Rosa, die wachsenden Knospen und die Bilder der Schrecknis, der Gewalt und das Verstummen. Großmutter, lange Jahre stumm geblieben, hatte später immer wieder von dem Kontrast gesprochen, den sie einfach nicht fassen konnte: Es blühten die Apfelbäume, und darunter lagen Tote. Ihre größte, lebenslange Angst war ein erneuter Krieg.

Meine Großmutter starb im letzten Sommer. Sie war 14 Jahre alt, als der Krieg ihre Heimatstadt überfiel. „Überfiel“ in dem Sinne, als dass eine 14-jährige noch nicht abschätzen kann, was es bedeuten würde, wenn der Krieg ins eigene Land kommt. Mit jedem Tag, an dem Großmutters Kurzzeitgedächtnis Kräfte ließ, wurde sie stärker von den Schatten des Krieges heimgesucht: Wie sie mit ihrer Schwester Kartoffeln auf dem Feld stahl gegen den Hunger und dabei von Fliegern beschossen wurde. Wie sie Kerzen aus altem Wachs rollte, damit alle Licht im Bombenkeller hatten. Wie eine Bombe auf das Nachbarhaus fiel und dabei ihr Treppenhaus zerstört wurde. Das schlimmste aber: der Zerfetzung von Leben zusehen zu müssen. Der Nachbarjunge, der am letzten Kriegstag durch eine Granate seinen Arm verlor. Die vielen Leichen, die überall lagen und dann auf einen Karren geworfen wurden.„Alles war zerschossen“ flüsterte Großmutter unter Tränen. Sie sagte, das größte Rätsel ihres Überlebens war das Weiterleben nach allem, was sie gesehen hatte. Was sie mitansehen musste.

90 Jahre alt ist sie geworden. Und hat ihr Leben lang dieses Trauma mit sich getragen. Aber wenn das nicht mehr Warnung genug ist, wenn all die Erlebnisse, die in den Nachkriegsjahren zu Papier gebracht wurden, all die menschlichen Tragödien, all die Erinnerungen, die Zeitzeugen uns machen, wenn sie nicht vor Gewalt und vor der Spaltung Europas schützen, was hilft denn dann? Wie viele Menschen müssen jetzt wieder das Unüberlebbare überleben? Müssen mitansehen, wie Menschen unmenschlich werden? Sich das Schlimmste antun?

Und für wie viele wird ein Leben nicht reichen, um diese Schrecknisse vergessen zu können. Es ist unfassbar, jeder Tag mit diesem Grauen ist es.

Veröffentlicht von stadtlandfrau

Dr. Inga Haese, Freie Autorin, Sozialforscherin, Dozentin. Mutter von 2 Kindern. Lebt in Berlin und bei Storkow in Brandenburg.

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