Das echte Ende der Nachkriegszeit. Aus gegebenem Anlass ein Blick zurück in die 50er Jahre

Die mediale Dauertrauer um den Tod der Queen in der letzten Woche führte noch einmal vor Augen, dass mit der Queen nicht nur die Königin von England gestorben ist. Die Queen war vermutlich die letzte aktive Repräsentantin einer europäischen Nachkriegszeit, die im Februar 2022 mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ihr Ende gefunden hatte. Aber mit ihrem Tod verabschiedet sich eine der prominentesten Zeitzeuginnen und lässt noch einmal wehmütig dieses zu Ende gehende Zeitalter aufleuchten, denn in Europa herrscht wieder Krieg. Der Tod von Elisabeth II. holt Bilder aus dem vergangenen Jahrhundert hervor, auch aus den 1950er Jahren, jenen als Nachkriegsjahrzehnt in die Geschichte eingegangen Jahren, von denen Großmütter zu erzählen wussten. Und der in jeder Familie eigene Rückblicke hervorruft, wie die Schriftstellerin Elena Lappin schrieb. Ein persönlicher Rückblick.

Die Krönung der Queen fiel auf den Tag genau mit dem Geburtstag meiner Mutter zusammen, es war der 2. Juni 1953, Deutschland haderte noch mit sich und dem verlorenen Krieg, aber das Wirtschaftswunder zeichnete sich bereits über den Köpfen der Aufbaugeneration ab und die 1950er Jahre stehen bis heute wie keine andere Zeit für jenen Übergang aus Zerstörung und Elend in eine gleißende Zukunft, die enormen Wohlstand mit sich brachte. Mutter gehört entsprechend zu den Babyboomern und Großmutter zur Aufbaugeneration: eine Kriegsjugendliche war sie gewesen, hatte das Kriegsende mit 14 erlebt und unter den Trümmern des elterlichen Treppenhauses begraben.

Großmutter ging in der neuen Hauptstadt in die Lehre. Bonner Kinderklinik. Dort machte sie (Für-)Sorge zu ihrem Beruf, fortan war sie Säuglingsschwester. Danach gab es Stationen in Köln, doch die endeten jäh. Erst kam die Hochzeit. Und aus der gerade-noch-Jugendlichen wurde so schnell selbst eine Mutter, dass sie es kaum fassen konnte. Nie hat sie aufgehört, den Satz zu wiederholen: „Ich war doch noch so jung.“

Es ist heute schwer vorstellbar: das Haus, das sie mit Großvater baute, bauten sie wirklich selbst, über viele Jahre der 50er hinweg wurde es verschönert. Und nach der Geburt ihrer Tochter an jenem 2. Juni 1953 lebte Großmutter das Bild der Mutter, das sich später in Abgrenzung zu den frauenbewegten 1970er und 80er Jahren einprägte als Inbegriff einer rechtlosen Zeit für Frauen, eines Jahrzehnts der weiblichen Unterwerfung – heute würde man die Lebensweise der 50er Jahre als von Sexismus durchdrungen bezeichnen. (Ein Begriff, den es damals natürlich nicht nur nicht gab, sondern den man im Rheinland Heinrich Bölls peinlich berührt zurückgewiesen hätte – Sex als Wort allein war irgendwie schmutzig, ungehörig). Die Mutterschaft war die vorgesehene weibliche Erfüllung, den berufstätigen Mann gut zu umsorgen gehörte indirekt zur Rollenbeschreibung dazu. Es steckte noch viel braune Soße in diesen Rollenvorstellungen der 50er Jahre, gerade im ländlichen Raum.

Großmutter erfüllte sie im Nachhinein mit gefährlichem Willen zur Perfektion, aber in der Zeit selbst verstand sie sich als Außenseiterin, die sich gewagte Kleider nähte (nähen konnte sie), gerne ausging und ihre Freundinnen mit nach Hause nahm. Später erzählte sie von verliebten Kolleginnen, aber das Thema war ihr immer unangenehm, peinlich, kaum auszusprechen. Sie war katholisch. Die ambivalenten Züge, die das Frauenbild schon damals trug, setzten ihr zu: Verführerisch für den Ehemann sein, Kuchen backende Hausfrau, das Kind fördernde Mutter. Später kam die geschäftige Kollegin dazu; die tatkräftige, hilfsbereite Nachbarin und Angehörige war sie sowieso immer gewesen – hütete alle Kinder im Dorf, vermutlich immer ein bisschen zu viel, immer überfordert, aber immer strahlend schön. Ihr reichte ein Kind. Sie hatte ja schon so viele.

Wie die meisten Frauen ihrer Generation wollte sie endlich alles haben, was am Ende des Krieges undenkbar war: Mann, Kind, Haus, soziale Anerkennung. Die so vorgenommene Auskleidung des Glücksbegriffs wirkt bis heute in manchem Enkel nach; es war eine seltsam starre Melange aus materiellem Sicherheitsversprechen, kleinfamiliärem Idyll und festen Ritualen, unterlegt mit dem Streben nach sozialem Aufstieg, der bisweilen in quälendem Fleiß vollzogen wurde (und der den Kindern übergeholfen wurde), die zusammengenommen jene Spießigkeit der 50er Jahre ausmacht. In den Bildern aus dem royalen Familienleben der Queen aus jener Zeit, die gerade wieder über den Bildschirm flimmern, spiegelt sich die Kultivierung dieses Lebensstils wieder, der so populär in Europa wurde (allerdings ohne die monetäre Knappheit der Landbevölkerung): Die Haare im kurzen Pagen, großflorale Muster, Jägerzaun und Küchenschürzen über Petticoats. Auf männlicher Seite: Ford Taunus oder Motorräder, Bundfaltenhosen, Zigarren und dicke Hornbrillen. Aber auch die „grausame Verleugnung psychischer Bedürfnisse“, wie es Elena Lappin ausdrückt, so wie das uneingeschränkte, alles beherrschende Pflichtgefühl. Schob deshalb stehen diese Jahre für Spießigkeit pur, wie es Großmutters Kochbuch aus dieser Zeit ausatmet: Die gutbürgerliche Küche (auf dem Bild oben übrigens die Kleinfamilie an Mutters Erstkommunion). Alles ein Versprechen der Dauerhaftigkeit, denn davon konnte es nicht genug geben.

Auch das Eigenheim versprach Dauer, Standfestigkeit, ein Fundament fürs Leben. Was außer jenem Eigenheim könnte sonst stabil sein? Die Ehe vielleicht? Das Kind? Sicher nicht, ein unstetes Wesen, eigenständig und eigensinnig, darauf stützt man sich nicht, das hält man fest – so fühle ich Großmutter denken. Sie hatte es schwer als Mutter, umso leichter als Großmutter, und vielleicht lag der Grund in jenem Übererfüllen, in dieser vermaledeiten Perfektion der 50er – und in dem unbewussten Streben nach der royalen Verheißung, das in der „Bunten“ oder der „Frau im Spiegel“ abgebildet wurde.

Die Krönung der Queen, das ist gewiss, steht heute noch symbolisch für jene Jahre und ihre Klischees, die untrennbar mit den 50er Jahren verbunden sind. Und so repräsentierte die Queen auch wie keine andere die europäische Nachkriegszeit, eine Zeit des Aufbruchs und des Hintersichlassens; eine Zeit der Versöhnung in Westeuropa, deren Hinterlassenschaften wir anlässlich des Todes der Königin noch einmal deutlich sehen können und die wir ein wenig mit betrauern.

Veröffentlicht von stadtlandfrau

Dr. Inga Haese, Freie Autorin, Sozialforscherin, Dozentin. Mutter von 2 Kindern. Lebt in Berlin und bei Storkow in Brandenburg.

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