Vor einer Woche erschien die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung „Die distanzierte Mitte“, die über das Abdriften der gesellschaftlichen Mitte in rechtsradikale und demokratiefeindliche Einstellungen geforscht hat – und prompt werden weitere Sparmaßnahmen des Berliner Senats publik, ausgerechnet in der Präventionsarbeit mit Jugendlichen. Dabei gibt es einen Zusammenhang zwischen mangelnden Hilfsangeboten für Jugendliche und wachsender Demokratieskepsis, das legt die Mitte-Studie der FES nahe.
Laut Tagesspiegel Checkpoint vom 27. September sind neben den Einsparplänen für Frauenhäuser und Gewaltprävention sowie für Brennpunktschulen, die bereits im August publik wurden, auch der Zuschuss für die Sterbe- und Trauerbegleitung für Kinder und Jugendliche in Gefahr.
Beratungsstelle für betroffene Kinder und Jugendliche in Gefahr
Betroffen davon ist die Beratungsstelle Tabea e.V. am Bahnhof Charlottenburg, die jährlich etwa 300 Kindern nach plötzlichen Todesfällen von Geschwistern oder Eltern hilft. Falls die geplanten Kürzungen durchgesetzt werden, „müssen wir im Zweifel unsere Beratungen reduzieren oder ganz einstellen“, sagte Annette Dobroschke, Leiterin von Tabea e.V., dem Tagesspiegel Checkpoint. Der Verein berät und begleitet Kinder und Jugendliche zum großen Teil ehrenamtlich, wenn sie ein traumatisches Erlebnis wie das Auffinden eines plötzlich verstorbenen Elternteils erlebt haben. Fällt der Mietzschuss des Senats weg, war‘s das mit der Beratungsstelle.
Subjektiv hohe Krisenwahrnehmung sorgt für die Zunahme rassistischer Einstellungen und demokratiegefährdendem Anti-Establishment-Populismus
Im Lichte der Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung sieht die geplante Sparmaßnahme auch unter dem Aspekt der Demokratiegefährdung schlecht aus. Die Studie der FES war letzte Woche erschienen und beschreibt die gravierenden Verschiebungen in den Einstellungen der Mitte der Gesellschaft, die zu gestiegener gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Demokratiegefährdung geführt haben. Grundlage war die Befragung von etwas mehr als 2000 Personen im Februar 2023. Die Studie legt nahe, dass eine subjektiv hohe Krisenwahrnehmung und gefühlte Krisenbetroffenheit ein Faktor für die Zunahme rassistischer Einstellungen, einem demokratiegefährdendem Anti-Establishment-Populismus und der Billigung von Gewalt seien.
„Die Krise erzeugt Unwissen und Nichtvorhersehbarkeit der Zukunft, produziert also Ungewissheit trotz aller Ressourcen, Rechte, eingeübter Mechanismen und etablierter Systeme der Risikobewältigung. In einer solchen Situation kommt es umso mehr darauf an, eine angemessene »Psychologie des Politischen« zu erzeugen.“
(Andreas Zick/ Elif Sandal-Önal: Krisenungewissheit und ihr Zusammenhang zu anti- und prodemokratischen Überzeugungen, in: Die distanzierte Mitte, FES 2023)
Hier also ist auch ein Zusammenhang zwischen einer Politik, die den Rotstift ausgerechnet bei Prävention und Schutz der Schwächsten der Gesellschaft ansetzt und demokratiegefährdender Radikalisierung in der Mitte der Gesellschaft zu suchen. Eine „angemessene ‚Psychologie des Politischen’“ sieht anders aus. Die Mitautorinnen Claudia Neu und Beate Küpper finden gar einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Radikalisierung, gerade nach traumatischen Erlebnissen im Jugendalter:
„Kritische Lebensereignisse, zu denen auch Verlusterfahrungen naher Angehöriger zählen, können Auslöser für die Radikalisierung von Personen sein (Pisoiu et al. 2020). Fehlende und ausfallende Bezugspersonen (zum Beispiel durch Tod oder Trennung der Eltern) sowie Außenseiterpositionen gelten als wichtiges biografisches Motiv, aus dem heraus sich Jugendliche rechtsextremen Ideologien und Gruppierungen anschließen, die Aufwertung und Gruppenbindung anbieten (zur Übersicht vgl. u. a. Glaser & Schuhmacher 2016).“
(aus: Claudia Neu/ Beate Küpper: Einsamkeit, Feindseligkeit und Populismus, in: Die distanzierte Mitte, FES 2023)
Einsamkeit, das Gefühl des Alleingelassenwerdens, sind solche biografischen Motive, die zum Anschluss an rechtsextreme Ideologien führen können. Zwar beziehen sich die Autorinnen besonders auf Erfahrungen in ländlichen Räumen, wo sie „Unwohlorte“ identifizieren. Das biografische Erlebnis jedoch, vernachlässigt und ausgegrenzt zu werden, ist über ländlichen Räume hinweg ein starker Motor für antidemokratische Einstellungen. Solche Effekte in ihrer langfristigen Wirkung zu berücksichtigen ist die Grundlage für Präventionsarbeit bei Jugendlichen.
Begleitangebote bei erlittenen Verlust- und Traumaerfahrungen sind ein Teil dieser Arbeit. Ein anderer wäre die Wahrnehmung, dass ausreichend finanzielle Mittel für die Jugendarbeit bereitgestellt werden, gerade an Brennpunktschulen, für Frauenhäuser und für die Begleitung von Jugendlichen. Die Krisenwahrnehmung des Berliner Senats wird hoffentlich vor den Haushaltsverhandlungen in dieser Hinsicht geschärft – die Abgeordneten lesen die FES-Studie sicherlich noch.
