Warum jeder Tag 8. März sein sollte

Die Fachtagung #klischeefrei in der letzten Woche im Auswärtigen Amt hatte zwei Botschaften. Die erste war: Schaut mal, was alles erreicht wurde! Feminist*innen und Gleichstellungsbeauftragte, Aktivist*innen 4Gender Studies, Wissenschaftler*innen und Engagierte für eine Berufswahl jenseits von Geschlechterklischees haben die Räume der Macht erreicht – sie wurden ins Auswärtige Amt eingeladen, das die Tagung ausrichtete.

1969 wurde die erste Botschafterin berufen – wegen ihres „männlichen Verstands“

Die zweite Botschaft war: Trotz des bereits Erreichten stehen wir in mancher Hinsicht noch am Anfang! Das wird besonders deutlich, wenn Annalena Baerbock als erste Außenministerin (!) im Land das Wort ergreift. In den IT-Bereichen gäbe es in ihrem Hause einen Anteil von 15% Frauen. Und in Führungspositionen sei ein Anteil von 35% erreicht – es geht also schleppend voran. Aber wir sollten nicht ins Verzweifeln kommen, so Baerbock: 1969, also vor 55 Jahren, wurde in diesem Haus die erste Frau als Botschafterin ernannt. Ellinor von Puttkammer. In ihrer Beurteilung habe damals noch gestanden: „Sie hat einen durchaus männlichen Verstand.“ Das Publikum ist nicht minder entsetzt als das Podium, Familienministerin Lisa Paus, die Professorin Katharina Zweig und der Antidiskriminierungsexperte Emre Celik – wie weit scheinen wir heute von solchen Aussagen entfernt zu sein, aber wie zerbrechlich auch wirkt dieser Fortschritt angesichts der Herausforderung durch den Antifeminismus von rechts.

Weniger Thomasse?

Die Beharrlichkeit von Geschlechterrollenbildern ist das große Thema des Tages. Und die sind ob der Symbole der Staatlichkeit, die den Begriff des „staatsmännischen“ Verhaltens einst geprägt haben, in den Räumen des Auswärtigen Amtes allgegenwärtig. Aber heute eben auch allgegenwärtig in seiner Konterkarierung, in der Forderung nach mehr Diversität, nach Rollenwechsel, nach Geschlechtergerechigkeit in der Arbeitswelt. Lisa Paus witzelt, früher hießen alle DAX-Vorstände Thomas, diese Zeiten seien vorbei. Heute hießen sie Christian. „Wenn wir Männer in Frauenbereichen wollen, dann müssen wir das Thema Sexismus in der Berufswelt stärker adressieren“, so Paus, die ein Bündnis gegen Sexismus gestartet hat.

Mütter in Teilzeit mit gestiegener Arbeitslast

Dass Berufswahlfreiheit längst nicht umgesetzt ist erklärt Anne Hipp in ihrer Keynote über Berufliche Gleichstellung. Deutschland sei im europäischen Vergleich durch steuerliche Anreize wie das Ehegattensplitting und durch fehlende Kinderbetreuung im unteren Mittelfeld, was die durchschnittliche Erwerbsarbeitszeit von Müttern anbelangt. Während Väter stabil in Vollzeitarbeit blieben und dabei seit den 1999er Jahren weniger arbeiteten, wuchs zwar der Anteil an Erwerbsarbeitszeiten für Mütter an, aber in Teilzeitarbeit – mit gestiegener Arbeitslast.

Das heißt: Es gibt zwar mehr erwerbsarbeitende Frauen, aber in Teilzeit – also verdienen sie bei gestiegener Arbeitsdichte und -intensität weniger, leisten dennoch mehr Carearbeit als Väter, und kommen eher nicht in Führungspositionen. Seit 1992 habe sich zwar viel getan im konservativen Deutschland, aber noch lange nicht genug, um es mit fortschrittlichen Arbeitskulturen wie etwa in Schweden aufzunehmen, so Hipp. Sie zeigt, wie Mütter bereits bei der Einladung zu Vorstellungsgesprächen weniger Chancen hätten als kinderlose Frauen, und wie Kinder für Väter umgekehrt als Bonus wirken.

Mütter werden im Gegensatz zu Kinderlosen deutlich seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen – und im Gegensatz zu Vätern.

In Würde vom Sockel des Patriarchats steigen

Also Resignation allerorten? Natürlich nicht. Das sagt Markus Theunert, Fachexperte für geschlechterreflektierte Jungen-, Männer- und Väterarbeit aus der Schweiz. Er zeigt, dass Gleichstellung, Geschlechtervielfalt und Demokratie permanent gefährdete Errungenschaften seien – für die wir uns offen einsetzen müssten. Es gehe immer auch darum, sagt Theunert, in Würde vom Sockel des Patriarchats zu steigen. Deshalb demonstrieren wir heute auch für mehr #Gleichstellung in Berlin.

Demo am 8. März zum FrauenKampfTag in Berlin

Veröffentlicht von stadtlandfrau

Inga Haese, Prof. Dr. rer. pol., ist Soziologin, Gärtnerin, Leserin, Mutter, Feministin, Kirchenaktivistin. Lebt in Berlin und bei Storkow in Brandenburg.

Hinterlasse einen Kommentar