Solidarität und Gemeinsinn. Aleida Assmann und Heinz Bude im Gespräch

Am Donnerstagabend tauschten sich die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann und der Soziologe Heinz Bude im Rahmen des 24. Internationalen Literaturfestivals über das neu erscheinende Buch „Gemeinsinn“ von Aleida und Jan Assmann aus. Zwei akademische Superstars vermessen das Füreinander-Einstehen in kurzweiligem, fachkundigem Gespräch, moderiert von Natascha Freundel.

Aleida Assmann – ein akademischer Star wegen ihrer Texte über Formen kollektiven Erinnerns, die sie mit ihrem Mann schrieb – hatte sich Heinz Bude als Gesprächspartner gewünscht, um ihr neues Buch über den „sechsten, sozialen Sinn“ einem bunten Publikum im Haus der Berliner Festspiele vorzustellen. Assmann befand, dass Heinz Budes Buch über Solidarität ihr Schreiben über Gemeinsinn maßgeblich beeinflusst habe. Bude wiederum erklärte, dass seine Beschäftigung mit der Solidarität im Jahr 2019 auch der populistischen und rechten Übernahme des Begriffs geschuldet war – übrigens ein Ausweis seines ausgeprägten Spürsinns für gesellschaftliche Stimmungen, was das Wahljahr 2024 tragisch zu Tage fördert. Diese Solidarität, die von rechts aufgerufen wird, meine das „eigene Volk“ und einen Abschluss nach außen, so Bude. An anderen Stellen des Abends scheint auf, dass auch die Assmanns in ihrem Buch dem völkisch-exklusiv gedachten Gemeinsinn-Begriff auf der Spur sind.

Solidarität heißt nicht Gerechtigkeit

Heinz Bude analysiert, dass Solidarität als maßgeblicher Begriff der Sozialdemokratie von dieser seit den achtziger Jahren vernachlässigt und zugunsten der Gerechtigkeit (eine Folge der populären Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls) fallen gelassen wurde. Die Gerechtigkeit aber sei ein Begriff, der auf die Durchsetzung von Rechten abziele, während die Solidarität bei der Verantwortungsübernahme des Individuums selbst ansetze. Ohne Solidarität kann es keine gerechte Gesellschaft geben, so Bude, denn der Forderung nach Gerechtigkeit müsse die Solidarität vorausgehen. Eine gerechte Gesellschaft berufe sich zwar auf Rechte und Regeln, aber eine Selbstvergewisserung des solidarischen Miteinanders ist deren Grundlage. Ohne Solidarität, kurz gefasst, wird die Forderung nach Gerechtigkeit haltlos.

Solidarität heißt nicht Empathie

Spannend zeigte sich Budes Exkurs über die Empathie in Abgrenzung zur Solidarität, nachdem Assmann die wichtige Rolle von Empathiefähigkeit gezeichnet hat. Assmann sieht die kindliche Empathie als Vorläufer für Solidarität. Heinz Bude entgegenete, empathisch könne auch das Böse sein – in Gestalt des Folternden zeige sich der empathische Mensch als erfolgreich, weil er sich besonders gut in sein Gegenüber hineinversetzen könne. Das müsse er oder sie deshalb tun, weil der gefolterten Person schlimmstmöglicher psychsicher Schaden zugefügt werden soll. Die James-Bond-Figur Bloefeld alias Christoph Waltz wäre so jemand. Denkt man länger darüber nach, so wird einem gewahr, mit welchen Privilegien die mittelwesteuropäischen Gesellschaften seit 80 Jahren ausgestattet sind, dass Empathie beinah ausschließlich positiv konnotiert ist und der Begriffe des empathischen Bösen paradox erscheint. Dabei reicht ein Besuch im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen aus, um die zersetzenden Foltermethoden betrachten zu können, die sich dort ihrer perfiden, empathischen Methoden bediente. Im Zeichen eines kollektiven Vergesssens, das sich aktuell ausbreiten möchte, ist das Erinnern an die dunkle Seite der Empathie also von großer Relevanz.

Solidarität heißt Solidarisch-mit

Aleida Assmann zitiert daraufhin das Gedicht Nachtlager von Bertolt Brecht. Der Vorübergehende, der einem Obdachlosen in New York ein Nachtlager verschafft, er handelt solidarisch, im Sinne des „Sprechens-für“, also der Solidarität-mit. Ein solch positiv verstandener Solidaritätsbegriff meint das Gegenteil der Denkschule um Carl Schmitt, dessen Freund-Feind-Schema einem Begriff der „Solidarität-gegen“ entsprach. Die faschistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts, sie fußten auf einem negativen Menschenbild („pessimistische Anthropologie“), das sich abgrenzt von dem solidarischen Handeln aus Mitmenschlichkeit.

Die Kraft des Streitens

Wie steht es mit der Freiheit, das wollte Natascha Freundel wissen – nun, die Freiheit ist heute gefährdet; der Gemeinsinn, der sie erst ermöglicht (so legt es Thomasius‘ positiv gewendeter kategorischer Imperativ nahe, „was du willst, dass dir geschehe, das tue den anderen“, Assmann und Assmann, S. 33), berufe sich auf das aufgeklärte Individuum, so Assmann. Es komme der politischen Bildung zu, das betonen Assmann wie Bude, Akzente zu setzen, um den solidarischen Gemeinsinn auch denen gegenüber zu verteidigen, die an der Abkehr der Prinzipien der französischen Revolution arbeiten, besonders der Freiheit. Um das zu erreichen empfahl Heinz Bude die Kraft des Streites. Ins Streitgespräch kommen, so Bude, sei ungeheuer produktiv. Er verweist auf eine Streitveranstaltung des PEN Berlin, bei dem Literat*innen mit unterschiedlichen Meinungen öffentlich stritten – in ostdeutschen Kleinstädten. Das Streiten sei eine fundamentale Beschäftigung in Demokratien, die es zu pflegen gelte. Und so reichen sich Assmann und Bude die Hand an einem Abend, an dem deutlich wird, wie wichtig Schriften, aber vor allem auch eine Leser*innenschaft sind, die aus den Abgründen des Totredens der Demokratie herausführen.

Heinz Bude, Aleida Assmann, Natascha Freundel (c: Internationales Literaturfestival Berlin, PWS e.V., Foto: Charlotte Kunstmann)

Veröffentlicht von stadtlandfrau

Inga Haese, Prof. Dr. rer. pol., ist Soziologin, Gärtnerin, Leserin, Mutter, Feministin, Kirchenaktivistin. Lebt in Berlin und bei Storkow in Brandenburg.

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