1966 beschrieb James Brown den machistischen Zeitgeist der Mitte des letzten Jahrhunderts treffend in einem Song. Darin wird die gottgleiche Schöpfungskraft des Mannes gepriesen, der wir Autos, elektrisches Licht und sogar Kinderspielzeug zu verdanken hätten. Zum Schlager wurde das Preisen natürlich nur wegen des Einschubs, dass die Welt zwar von Männern gemacht sei, aber nichts ohne die Frau oder ein Mädchen wäre. Sie versänke in Wildheit und bitterness. Aber: „It‘s a man‘s world.“
Der Zeitgeist hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gegen diese Art androzentrischer Weltsicht gewehrt und längst lernen Schulkinder, dass Wissenschaftlerinnen, schwarze und weiße, an vielen Innovationen beteiligt gewesen sind. Nur durch ein strukturell sexistisches und rassistisches Vergessen (Audre Lorde) wurden sie in weiten Teilen der Geschichte nicht ins kollektive Gedächtnis aufgenommen – das Unterschlagen weiblicher Leistungen in der Wissenschaft wurde als Matilda-Effekt bekannt.
Der Zeitgeist dreht sich wieder, und in einer Geschwindigkeit, die den Magen gleich mitdrehen lässt, lösen sich lange Zeit für selbstverständlich gehaltene Gleichstellungsversprechen in Luft auf. Erkenntnisse dieser Tage liefern den Beweis für eine gängige These feministischer Organisationsforschung: Branchen, in denen Frauen überrepräsentiert sind, werden abgewertet, die Löhne sinken genauso wie das Berufsprestige – die Prekarität in solchen Branchen nimmt zu. Die Feminisierung von Armut ist so zu erklären. (Umgekehrt ist die mangelnde Attraktivität des Lehrberufs auch aus den Folgen dieser Abwertung zu erklären, die in Berlin zu 18 Jahren ohne Verbeamtung von Lehrkräften führte.)
Die Abwertung von weiblich dominierten Berufsfeldern zeigt, dass auch in Demokratien echte Gleichstellung auf sich warten lässt. Etwa die CDU/CSU-Fraktion und die Runde der amtierenden Ministerpräsident*innen machen das * im Grunde überflüssig, denn da ist kaum noch etwas zu gendern. (Ein Umstand, den Markus Söder früh erkannt hat und es gleich ganz abschaffen wollte).

Die Politik ist trotz Angela Merkel und Ursula von der Leyen, trotz Elterngeld, trotz aller Bemühungen in den vergangenen Jahren ein männlich dominiertes Feld geblieben. Saskia Esken und Anke Rehlinger sind Ausnahmen in der sozialdemokratischen Partei, lediglich Linke und Grüne haben Frauen als Fraktionsspitzen.
Mit der AfD stellt jetzt eine Männerpartei die zweitstärkste Fraktion (von 79 Abgeordneten waren in der letzten Wahlperiode 9 Frauen!), der Bundestag ist insgesamt so männlich wie zuletzt in den 2000er Jahren. Erst 1987 wuchs der Frauenanteil auf 15% (!), um dann im Jahr 2013 den Höhepunkt eines weiblich geprägten Parlamentes zu erreichen, nicht etwa mit der Hälfte, sondern mit 36% Frauen. Seitdem ist ein Rückgang zu verzeichnen, aktuell auf 32%.
In den USA werden Diversityprogramme jetzt gestrichen, Gleichstellungspolitik zurückgedreht. Wir können uns wünschen, dass dieser Trend Europa nicht weiter infiziert, aber allein der Blick an den Verhandlungstisch in Saudi-Arabien, wo jetzt über Frieden in der Ukraine verhandelt wird, zeigt, dass diese Welt von Gleichstellungspolitik wenig hält.
Was also tun, besonders angesichts des misogynen Rechtsrucks, der sich um uns herum und auch in unserer Gesellschaft vollzieht? Es hat Jahrhunderte gedauert, bis Frauen gleiche Teilhaberechte erkämpft haben, eine rechtliche Gleichstellung ist gerade erst erreicht worden. Die Umsetzung lässt auf sich warten, immer noch arbeiten in Deutschland die wenigsten Männer in Teilzeit (13%), dafür 50% der Frauen. Schauen wir uns die politische Kultur und die Arbeitskultur hierzulande an, dann zieht die „man‘s world“ aus dem Jahr 1966 wieder auf. Ein Grund, weiterzukämpfen für mehr Gleichstellung.