Tag der Befreiung am Ort der Kapitulation

Meiner Großmutter stand das Grauen, das der Krieg über ihre rheinische Heimatstadt brachte, ins Gesicht geschrieben, wenn sie von ihrer Todesangst sprach, als sie im Bombenkeller ausharrte und wenn sie vom Ende des Krieges, von den grauenhaften Bildern der Verwüstung und des Todes berichtete, die sich ihr im April 1945 tief ins Gedächtnis eingeschrieben hatten. Der Eindruck der Schrecken des Weltkrieges und was Menschen einander antun können, er hat meine Generation zu Kriegsgegner*innen gemacht, die 2003 gegen den Irakkrieg protestierten, die kritisch die Rufe nach Aufrüstung und Militärausgaben wahrnahmen, um 2022 zähneknirschend der Aufrüstung zuzustimmen – wider besseren Wissens, dass Krieg „nie wieder“ zum politischen Mittel der Wahl werden dürfe. Wie herzzerreißend diese Weisheiten inzwischen auch wirken mögen, wie naiv, wie wegschauend vor einer Welt, in der Kriegstreiberei an der Tagesordnung liegt: Niemals dürfen wir uns daran gewöhnen, niemals vergessen, dass es unsere Aufgabe ist, für das „nie wieder“ zu sorgen.

Diese Befreiung, an die wir erinnern müssen, hat einen Ort. Das Ende der Nazi-Diktatur und des Krieges in Europa wurde in der Nacht des 8. Mai 1945 in der sowjetischen Zone in einem ehemaligen Militärkasino der Wehrmacht in Berlin-Karlshorst von Amerikanern, Briten, Franzosen, Russen und Deutschen unterschrieben und besiegelt. Am Tag, der dieses Ende des Krieges zum 80. Mal ehrt, in Berlin zum Feiertag erhoben, kamen Hunderte nach Karlshorst zum „Ort der Kapitulation“. Hunderte, die sich das Museum Karlshorst ansehen wollten, die aber zunächst von einer Kundgebung der KPD befremdet wurden. „Raus aus der NATO“ und „stoppt den Krieg gegen Russland“ steht auf den Transparenten. Die Szenerie am Ort der Kapitulation ist fest in der Hand von Freund*innen russischer Deutungen des Ukraine-Kriegs, da kann auch die gelb-blaue Flagge nicht viel ausrichten, die groß, aber schüchtern am Fahnenmast hängt.

Vor dem Museum mahnen sowjetische Panzer, mit Blumen dekoriert, an die siegreiche russische Armee. Es war die sowjetische Besatzungsmacht, die das Gebäude in Karlshorst 1965 als Museum einrichtete, um den Ort zu konservieren – was beeindruckend gelang. Herzstück ist der Saal der Kapitulation, in dem die Militärvertreter den Kapitulationsvertrag unterzeichneten, ein großer, mit Holzvertäfelung versehener Saal, an dem die Tische und Stühle noch stehen, als hätten die Unterschreibenden sie gerade erst verlassen. Am 8. Mai ist der Saal voll, Massen schieben sich durch das Museum. Es sind Familien gekommen, viele junge Leute, viele Ältere, die an die Kapitulation und an die Schrecken des Krieges und seine Folgen erinnern.

Und trotzdem ist der beklommene Eindruck nicht zu zerstreuen, den die Demonstranten draußen erweckt haben. In angrenzenden Räumen herrscht der sowjetische Hang zum Monumentalen, Bilder vom Ehrenmal am Treptow Park sind zu besichtigen, der Sieg über den Faschismus durch die rote Flagge mit Hammer und Sichel in einer Installation. Der Siegermacht huldigen, das scheint ein Sinn des Museums in den 1960er Jahren gewesen zu sein. Aber heute? Heute hinterlassen die Räume und das heroische Erinnern an die siegreiche rote Armee einen lähmenden, ja, starren Eindruck an eine militarisierte Zeit.

Das mag auch an den Protestierenden draußen liegen, die keinen Hehl daraus machen, wessen Freund sie sind, und wen sie sich als Schutzmacht zurückwünschen. Es ist das Gegenteil von Freiheit, das hier beschworen wird. Das Abwenden von Freiheit und Demokratie, auch das Abwenden vom Erinnern an die eigene Diktaturerfahrung im Osten der Republik unterstreichen (vermutlich ungewollt) die Erinnerungswirkung, die mit diesem Ort am heutigen Tag einhergeht. Um an das zu erinnern, was der 8. Mai für Ostdeutschland bedeutet hat, nämlich den Beginn einer neuen Diktatur, ist die Kundgebung nämlich ein lebendiges Mahnmal. Vielleicht würden etwas weniger heroische Gesten im Innern des Gebäudes dazu beitragen, das zu erkennen.

Veröffentlicht von stadtlandfrau

Inga Haese, Prof. Dr. rer. pol., ist Soziologin, Gärtnerin, Leserin, Mutter, Feministin, Kirchenaktivistin. Lebt in Berlin und bei Storkow in Brandenburg.

Ein Kommentar zu “Tag der Befreiung am Ort der Kapitulation

  1. „Die Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk bleibt bestehen.“ So stand im Mai 1945 an den Wänden in Schöneweide (nahe Karlshorst) und anderswo in Berlin. Der Zerstörung, die Hitler seinem Volk und allen anderen Völkern brachte, hatte ein Ende. Auch die Zonen of Interests platzten. Aber es war Frieden am 8. Mai. Ein Frieden, der in Deutschland immerhin noch hält. Sowjetische Soldaten, das waren immer auch russische und ukrainische Soldaten, die Seite an Seite gegen die deutschen Mörder ihrer Familien kämpften, schrieben den Spruch: „Die Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk bleibt.“ Und im 2plus4- Vertrag, der die Wiedervereinigung von DDR und BRD möglicht machte, spiegelt sich die menschliche Großartigkeit zum Verzeihen und zum Vertrauen erneut wieder. Daran sollten wir vor allem denken, wenn wir Menschen den Krieg beenden, der beendet werden muss!

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