Wissenschaftsfreiheit

Im Oktober habe ich ein schönes Geschenk erhalten: Ich wurde zum Tagesspiegel eingeladen, der einmal im Jahr die von ihm als „100 Köpfe“ der Berliner- und Brandenburger Wissenschaft eingeschätzten Forscher*innen auszeichnet. Die Forschung, die ich mit zivilgesellschaftlich Engagierten und Kolleg*innen zu Gemeinsinn und Demokratie besonders in ländlichen Räumen unternehme, zählte für den Tagesspiegel zu den für wichtig erachteten Leistungen. Das war ein aufregender Moment, weil so eine Anerkennung selten ist im Wissenschaftsbetrieb – aber auch ein Moment des Innehaltens, weil kurz nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt eine sehr nachdenkliche Stimmung herrschte.

Bei der Veranstaltung, auf der z.B. Nina Kolleck ihre Forschung über Jugendliche auf sozialen Medienplattformen vorstellte, lernte ich eine Molekularbiologin der Max-Planck-Gesellschaft kennen, die dort für Wissenschaftspolitik zustänig ist. So ist das hohe Gut der Wissenschaftsfreiheit stets als eine selbstverständliche Grundannahme für die Finanzierung von Forschungsinstitutionen wie der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften angenommen worden. Erst jetzt, erzählte diese, mit den die Wissenschaft einschränkenden Entwicklungen in den USA und den letzten Landtagswahlen wird dieses Selbstverständnis in seiner Verletzlichkeit erkennbar. Denn die Finanzierung dieser Einrichtung bedarf der Zustimmung von Bund und Ländern – resiliente Strukturen, die über den Glauben an einen vernünftigen Konsens hinweg wirksam sind, sind also dringend geboten.

Es stimmt hoffnungsvoll, dass Forschende zu Demokratie Gehör in der Hauptstadt finden.

Veröffentlicht von stadtlandfrau

Inga Haese, Prof. Dr. rer. pol., ist Soziologin, Gärtnerin, Leserin, Mutter, Feministin, Kirchenaktivistin. Lebt in Berlin und bei Storkow in Brandenburg.

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