Zu Ostern eine Hommage an die Stadt. Eine Erinnerung an die van-Eyck-Ausstellung vor Corona

Corona, Stadt & Architektur

Vor einer gefühlten Ewigkeit, im Februar, war das Leben in Europa noch durch Reisen und den Besuch von Kunstausstellungen geprägt – es war selbstverständlich, nach Gent in Belgien zu fahren und die sagenhafte Ausstellung von Jan van Eyck zu besuchen. In Corona-Zeiten wird diese Selbstverständlichkeit zur wehmütigen Erinnerung, aber gleichzeitig lassen sich neue Parallelen zum Leben des Künstlers van Eyck ziehen, dessen Schaffen jäh durch eine in Europa wütende Epidemie beendet wurde: Der Pest.

Bevor diese Seuche Hunderttausende das Leben kostete und Städte als Brutstätten von Krankheit und Tod verunglimpfte, war das belgische Gent eine der größten und reichsten Städte der Welt. Bis heute atmet die Stadt historisches Bewusstsein aus jeder Pore ihrer mittelalterlichen Gassen und zählt eine Fülle alter Kirchen, Altäre, Gemälde und Burgmauern zu ihren Schätzen – freilich ohne dabei rückständig zu wirken, denn Gent ist gleichzeitig eine gemütliche Studentenstadt.

„Eine optische Revolution“ und das van-Eyck-Jahr fallen Corona zum Opfer

Die groß aufgemachte Jan-van-Eyck-Ausstellung „Eine optische Revolution“ ist ein Teil des Bildes, das Gent zur Zeit von sich selbst zeichnet. Die Ausstellung ist bzw. war eine Weltsensation, denn sie zeigte erstmalig zwölf Werke des Ausnahmekünstlers aus dem 15. Jahrhundert unter einem Dach. Anlass ist das diesjährige van-Eyck-Jahr, das nun tragisch im Corona-Schock versinkt. Allein für dieses Jubiläumsjahr wurden die Gemälde des Hauptwerks van Eycks, der Genter Altar, aufwändig restauriert: Acht Jahre lang legte ein internationales Expertenteam aus Restaurator:innen und Kunsthistoriker:innen Schicht für Schicht der Farbenpracht frei, die vor mehr als vier Jahrhunderten in den Werkstatträumen der Brüder van Eyck in Gent auf die Tafeln aufgetragen wurde.

Entsprechend bemühten sich die Kuratoren, alle zwölf ausgestellten Werke gründlich einzubetten und die Welt des Jan van Eyck verständlich zu machen. Und mit ihrer Liebe zum Detail, etwa die originalen Bodenfliesen oder Waschutensilien und Gefäße aus jener Zeit zu präsentieren, gelang dieses Vorhaben gut.

Das österliche „Lamm Gottes“

Der Flügelaltar, an dem die Brüder Hubert und Jan van Eyck bis 1432 arbeiteten, stellt in der Hauptsache die Anbetungsszene des „Lamm Gottes“ aus der Offenbarung des Johannes dar – das österliche Bildnis schlechthin. Die Haupttafeln auf der Innenseite des Altars sind weiterhin in der mächtigen St. Bavo-Kathedrale in der Altstadt Gents zu bewundern, hinter Glas, wohltemperiert und ausgeleuchtet. Dafür bereichern die Gemälde der zugeklappten Altarseite momentan das Kunstmuseum. Zwei dieser ausdrucksstarken Gemälde sind die Bildnisse von Adam und Eva. Und beide sind von atemberaubender Schönheit und zeugen von beeindruckendem künstlerischen Geschick. Die Gestalten sind in einer Feinheit abgebildet, die die Nacktheit und Verletzlichkeit der ersten Menschen so realistisch und damit für jene Zeit überaus kühn wiedergeben, dass diese Bildnisse allein schon eine Sensation der Kunstgeschichte sind.

Van Eyck verneigt sich vor der mittelalterlichen Großstadt

Aber wer Gent als Stadt besucht, versteht die Kunst van Eycks auch als eine Homage an die mittelalterliche Großstadt. Denn van Eyck, der aus der holländischen Provinz erst nach Brügge, dann nach Gent kam, muss schwer beeindruckt von der Größe und Vielfalt der flämischen Städte gewesen sein. Kein Wunder, unvorstellbar groß war Gent für die damalige Zeit: 50 bis 60 000 Menschen lebten und arbeiteten in der Stadt, der Handel mit allen Teilen der Welt florierte; die erste Welle der Globalisierung brachte Wohlstand, verschiedenartige kulturelle Einflüsse und Annehmlichkeiten für Handwerker und Geschäftsleute mit sich. Der Reichtum ist bis heute in den prunkvollen Inneneinrichtungen zu bestaunen, tatsächlich erweist sich die St. Bavo-Kathedrale als so reich an Schätzen, dass sie als kleine Schwester des Petersdoms durchgehen könnte.

Die Städte Gent und Brügge mit ihren Baukunstwerken, aber auch ihrer Vielfalt und Größe sind es, die van Eyck bewunderte und die in beinah jedem seiner Werke zu sehen sind. Die herangezogenen Vergleichskunstwerke, die neben den van-Eyck Stücken zu sehen sind, machen darauf aufmerksam, was in den anderen Heiligendarstellungen jener Zeit fehlte: die Stadt im Hintergrund als Verweis auf eine von Menschen geschaffene göttliche Ordnung auf der Erde. Van Eycks Bildsprache ist nicht nur das detailgetreue und farbenprächtige Abbild von Bodenfliesen, Umhangfalten und Zehnägeln geglückt, sondern in all seine Darstellungen fließt der Stolz auf die Errungenschaften der flämischen Städte mit ein. Auf dem Genter Altar finden sich gleich zwei Stadtansichten, die van Eyck als einen der ersten Großstadtbewunderer erscheinen lassen: sein Jerusalem heißt Gent.

Van Eyck starb vermutlich an der Pest

Auch andere Werke van Eycks, etwa das des heiligen Christopherus, lassen im Hintergrund die Skyline des mittelalterlichen Gent und Brügge als eine Kulisse wirken, die der ganzen Szenerie etwas beinah Surreales verleiht. Diese Kunst ist großartig und wirklich revolutionär. Denn weit über die liebevolle Arbeit an den Figuren und den berühmten Engelsflügeln hinaus zeigt uns van Eyck eine städtische und architektonische Utopie, die im krassen Gegensatz zu den hygienischen und lebensweltlichen Umständen steht, die in den realen Städten des 15. Jahrhunderts ebenfalls das Bild der großen Stadt prägten. So ist van Eycks Blick etwa in der Szene, in der die Taube als Heiliger Geist über Maria kommt und den Bildvordergrund dominiert, auf eine gewöhnliche Stadtansicht im Hintergrund gerichtet, die einfache Mietshäuser mit beinah modern anmutender Straßenschlucht zeigt. Was für ein revolutionär Akt für jene fromme Zeit!

Van Eyck selbst ist vermutlich – genaue Zeugnisse fielen einem Brand zum Opfer – später an der Pest gestorben, die alle europäischen Städte in der Mitte des 15. Jahrhunderts aufs Verderblichste heimgesucht hat. So stehen die Verheißungen städtischer Größe und Schönheit, wie sie in den Bildern van Eycks zu erkennen sind, als Ausrufezeichen bis heute in seinen Bildern.

Dass ausgerechnet diese Ausstellung vor der Corona-Ausbreitung geschlossen werden musste, ja, das ganze van-Eyck-Jahr durch die virusbedingte Reisebeschränkung ins Wasser fallen muss, wirkt wie böse Schicksalsironie. Aber es ist eine Erinnerung daran, dass die Menschen auch im 21. Jahrhundert nichts anderes sind als verwundbare Kreaturen, immer noch eng verwandt mit ihren verletzlichen, mittelalterlichen Vorfahren.

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Corona

Tag 2: Renitenz in Berlin

Systemrelevante Berufe scheint es haufenweise zu geben. Zumindest in Berlin. Denn das öffentliche Leben geht relativ uneingeschränkt weiter, in der Tür des Eisladens hängt der rebellische Satz gekrakelt „Wir haben weiterhin geöffnet bis es zu Zwangsmaßnahmen kommt + evtl. darüber hinaus.“ Ist das jetzt die berühmte Kreuzberger Anti-Haltung oder ist das schlicht unsolidarisch? Die Menschen nehmen es hin, niemand wahrt den gebotenen Abstand von zwei Metern. Ich vermute, es soll Coolnees demonstrieren, aber ich finde es sehr unerwachsen und sehe mit Sorge einem nahenden Ausgehverbot entgegen. Denn was bleibt, wenn die freiwillige Selbstbeschränkung nicht die gewünschten Erfolge bringt? Wir sehen es in Spanien, Österreich, Italien.

Mein Vater, eindeutig Risikogruppe, winkt ab und sendet den gleichen dubiosen YouTube-Clip wie eine Freundin: Alles völlig übertrieben, es gibt gar keine Pandemie. Nur Panik. Das Virus sei eine absolut zufällige Entdeckung, nichts rechtfertige die Katastrophenmaßnahmen der BuReg, so ätzt dort ein weißhaariger Mann ins Cyberoff eines Skypeinterviews. Abgesehen von der miesen Bildqualität stört mich, dass der Lungenarzt in Griechenland sitzt, von wo aus er sich besseren Abstand erhofft. Rechenfehler von Lungenärzten haben uns schon manche Fakenews beschert, denke ich.

Ich muss nochmal los, Besorgungen machen. Hinter mir ein dunkler Kleinwagen, am Steuer eine Frau, vollausgestattet mit Mundschutz und blauen Plastikhandschuhen. Ob das jetzt übertrieben ist? Beim Abbiegen kommt mir wieder eine Frau am Steuer mit Mundschutz entgegen, auf der Straße tragen ihn nur Vereinzelte, vor allem Ältere.

Die einen übertreiben mit ihrer Angst, die anderen übertreiben ihre Sorglosigkeit. Wo ist das gesunde Dazwischen, die besonnene Vorsicht? Immerhin gibt es auch Leute wie meine Nachbarin, die aus Italien kam und sich sofort in Quarantäne begab, ohne dass Jens Spahn sie dazu auffordern musste; es gibt Familien, die ihren Kindern einschärfen, sich die Hände zu waschen (das Motto lautet Geduld und stoische Wiederholung) und Menschen, die trotz frühlingshaftem Sonnenschein das Café meiden.

Die Gesprächsthemen aller vorübereilenden Passanten ist sowieso nur eines: Corona. Der abgesagte Job. „Alles gecancelt“, „alles abgesagt“. Ich fühle mich unwillkürlich an den 11. September 2001 erinnert, das waren auch so Tage, an denen alle, die einem begegneten – in der U-Bahn, beim Vorüberhasten oder beim Bäcker – vom gleichen Ereignis sprachen. Niemand konnte an etwas anderes denken, es dominierte die Welt.

Ein Freund aus Köln ruft an, in der Filmbranche geht nichts mehr. Drehs werden abgebrochen, Budgets sind eingefroren. Dann die Nachricht: Die Fußball-EM wird auf 2021 verschoben. Eine weitere Nachricht: Für 30 Tage werden die EU-Außengrenzen dicht gemacht. Eigentlich das Schlimmste: Noch mehr syrische Bürgerkriegsopfer werden auf den Inseln festsitzen. Der Kanzleramtsminister warnt, dass jetzt Menschen kommen und unser Gesundheitssystem ausnutzen könnten. Solidarität macht offenbar wieder an nationalen Grenzen halt.

Eine Bekannte kommt vorbei, sie wollte eigentlich noch ein Häuschen in Brandenburg mieten. Aber auch das wurde untersagt. Pensionen und Hotels, das gesamte Gaststättengewerbe: eine einzige totale Talfahrt ins Ungewisse.

Ein Lichtblick kommt aus dem Radio: es gibt schon Ideen, das Lieblingskino durch Onlinereservierungen und die Theater durch „Leerkäufe“ zu unterstützen. Das gleiche können wir auch mit der Lieblingskneipe oder dem Lieblingsitaliener machen. Sie alle sind jetzt auf Spenden angewiesen. Immerhin können die, die systemrelevantes Geld verdienen, jetzt die andere Hälfte, die sonst für ihre Unterhaltung oder Verpflegung und Verköstigung sorgt, solidarisch unterstützen. Allein deshalb sollten sowieso alle so solidarisch wie möglich mit allen sein, denn heute die, morgen du.