Extinction Rebellion – Gedanken zum Ausnahmezustand in Berlin

Berlin, Klimaschutz, Solidarische Politik, Stadt & Architektur

Seit Tagen legen Protestierende von Extinction Rebellion die Stadt lahm. Die bunten Aktionen rufen Erinnerungen an den Uni-Streik von 2004 wach, als die ganze Stadt mit einem kreativen Kampf gegen Studiengebühren bespielt wurde. Vom Spreebaden über das Abseilen vom Willy-Brandt-Haus bis hin zum Wegtragenlassen aus Senatorenbüros war damals alles geboten – wir waren hier, wir waren laut, weil man uns die Bildung klaut. Die Ideen und sicher auch einige Protagonisten von damals leben im friedlichen Blokadeprotest fort. Ob occupy oder Hambacher Forst, Seebrücke oder G8-Gipfel: Die Bewegung lebt, sie ist hier und sie ist laut.

Unvorbereitet und naiv setzte ich mich ins Auto

Es gab allerdings einen Moment am gestrigen Tag, an dem ich den Aktionismus von Extinction Rebellion zutiefst mißbilligt habe. Es war kurz nach dem Moment, in dem ich mich von den Blockierern aus gesehen auf der falschen Seite befand. Ich saß nämlich im Auto, mit dem ich meine Tochter weggebracht hatte, und wollte zurück nach Kreuzberg. In meinen Kiez. Unvorbereitet und naiv, muss ich zugeben, denn wie sonst hätte ich gestern das Auto nehmen können? Ich nehme innerstädtisch höchst selten das Auto, ständig steht es herum und nimmt öffentlichen Raum zum Parken weg. Wer die Verkehrslage rund um Moritz- und Oranienplatz kennt, weiß, warum das Auto hier besser steht als fährt: In den letzten Jahren hat sich die Verkehrsdichte verdoppelt.

Jannowitzbrücke und Oberbaumbrücke blockiert

Nun hatte ich es getan, und so stand ich gestern um 17:00 Uhr in der Rudi-Dutschke-Straße Richtung Osten in meinem Auto, eingeklemmt zwischen hundert anderen Autos, deren Fahrer entnervt die Hupen drückten und ab und zu unvermittelt ihr Fahrzeug wendeten und mit quietschenden Reifen in der Gegenrichtung davonbrausten. Eine solche Lösung kam für mich nicht in Frage – ich musste nach Hause. Was sich als unmöglich herausstellte: Die Jannowitzbrücke und die Oberbaumbrücke wurden gerade blockiert, informierte mich das Radio, ganz Kreuzberg sei dicht. Ich schmunzelte und gratulierte innerlich der Bewegung, dass sie solch wichtige Orte besetzt hielt. Nach einer halben Stunde und 50 gekrochenen Metern weiter, kurz vor der Kreuzung Oranienstraße Ecke Lindenstraße, freute ich mich noch für den Erfolg der Blockierer, auch wenn ich Verständnis für die anderen gefangenen Autofahrer hatte, deren Nerven blank lagen. Vielleicht hatten sie einen dringenden Termin, und jetzt saßen sie hier fest, natürlich wächst bei ihnen die Wut auf herumsitzende Straßenblockierer und der Zorn entlädt sich wenigstens in Schimpftiraden auf Radfahrende.

1:0 für Extinction Rebellion, frohlockte die Klimaschützerin in mir

Der Verkehr in Richtung Moritzplatz war vollständig zum Erliegen gekommen, Busse mussten umkehren. Ich entschied kurzerhand, statt weiter im Chaos zu stehen, mein Auto in der Ritterstraße stehen zu lassen, um zu Fuß weiterzukommen. Eins zu null für Extinction Rebellion, frohlockte die Klimaschützerin in mir. Ich überquerte die schönen Hinterhöfe der Wohnanlage Ritterstraße-Nord, ein wunderschönes Relikt aus einer experimentierfreudigen Stadtentwicklungsphase in den 1980er Jahren. Welch schöne Nebeneffekte so ein Spaziergang doch haben kann. Doch dann gelangte ich wieder an die vollgestopfte Oranienstraße, die Autos wie Wasser bei einer Überschwemmung in die Seitenstraßen drückte, allerdings in Zeitlupe. Überall brummten und qualmten die wartenden Blechkisten.

Mein Verständnis schmolz mit jedem Schritt, den ich in der abgasverseuchten Luft tat, dahin

Mein Verständnis für die Blockaden schmolz mit jedem Schritt, den ich in der abgasverseuchten Luft tat, dahin: Das also soll das Ergebnis der Aktion sein? Mein Kiez wird verpestet, ich kann nicht mehr atmen, meine Kinder kriegen Asthma. Weil gefühlte 10000 stinkende Autos in sämtlichen Straßen von Kreuzberg mit laufenden Motoren herumstehen. Warum blockieren diese Protestler ausgerechnet hier die Kreuzungen? Können die nicht einmal nach Zehlendorf gehen? Oder Wilmersdorf? Nein, es muss immer Friedrichshain-Kreuzberg sein, schießt es mir durch den Kopf, als ich den Moritzplatz erreiche, an dem die Autofahrer*innen ihre Karren besser stehen lassen würden, statt weiter darauf zu warten, dass irgendwo ein Knoten platzt.

Können die nicht mal den Ku’damm lahm legen, denke ich genervt.

Ich steige in die U-Bahn und fahre nach Charlottenburg, dort bin ich mit meinem Mann im „est.“ verabredet (empfehelnswert: japanische und südamerikanische Fusionsküche!). Am Ku’damm. Können die nicht mal den Ku’damm lahm legen, denke ich genervt. Bei den Wohlhabenden bringt’s doch viel mehr als hier im abgehängten Kreuzberg. Denn entgegen aller Mietspiegel wohnen hier natürlich noch die meisten Transferbeziher*innen und viel mehr arme Kinder als in den reichen Westbezirken. Nur wenige haben ein eigenes Auto. Aber nein, in Wilmersdorf und Charlottenburg will keiner demonstrieren, da gibt es auch nichts Bezahlbares zu essen und die WG ist so weit weg, man kennt das ja noch von sich. Am 1. Mai habe ich früher jedes Jahr den Kopf über all die zerschlagenen Scheiben in meinem Kiez geschüttelt: Warum muss man ausgerechnet sein eigenes Quartier so leiden lassen? Wo die Menschen doch sowieso schon das ganze Jahr den Müll und Dreck ertragen müssen und es Monate dauert, bis die Scheiben der Bushaltestelle wieder eingesetzt werden. So ähnlich fühlt sich das mit dem Verkehr an: Als Transitbezirk sind wir Kreuzberger*innen sowieso schon maximal belastet, und dann tun uns die Klimaschützer das an. Soviel CO2 wie in den wenigen Stunden gestern hat meine Straße vermutlich in zwei Monaten nicht geatmet.

Eine tolle Party für den Klimaschutz vor dem Café Kranzler, mit Blick auf die Gedächtniskirche. Besänftigt geselle ich mich dazu

Ich steige am Bahnhof Zoo aus dem Untergrund aus, Ausgang Hardenbergstraße, Ecke Joachimsthaler. Und ich kann meinen Augen kaum trauen: Die Joachimsthaler Straße ist gesperrt. Ich gehe weiter, vorbei an urbanen Discountboutiquen wie Primark. Am Ende der Straße sehe ich sie: Extinction Rebellion blockieren den Ku’damm. Mir fällt ein Stein der Erleichterung vom Herzen. Ich hatte vorschnell gegrollt. Es werden große Seifenblasen in die Luft geschleudert, elektronische Musik lädt zum Tanzen ein. Eine tolle Party für den Klimaschutz vor dem Café Kranzler, mit Blick auf die Gedächtniskirche. Besänftigt geselle ich mich dazu. So bequem sind sie gar nicht, die Blockierer. Sie zeigen auch den Charlottenburgern, was die Freiheit des Fußgängers bedeuten kann.

#extinctionrebellion #klimastreik

Eribons Präsident. Eine Diskussion mit Didier Eribon und Edouard Louis in der Paul-Simon-Galerie über Macron

Allgemein, Berlin, Solidarische Politik, Stadt & Architektur

Im Rahmen des Literaturfestes wollte ich unbedingt Didier Eribon und Edouard Louis hören, die erfolgreichen französischen Autoren der Stunde. Das Buch „Das Ende von Eddie“ hatte ich gerade gelesen, und Eribons „Rückkehr nach Reims“ vor Jahren, beide werden in Berlin inzwischen am Theater gehypt. Die Veranstaltung fand am 19.9.2019 in der Paul-Simon-Galerie statt.

Zwar war mir schon die unerbittliche Haltung Eribons gegenüber seinem Vater in „Rückkehr nach Reims“ negativ aufgefallen. Offenbar hatte der ihm seine kleinbürgerliche Homophobie nie verzeihen können, auch nicht als Greis, und das fand ich klein, auf undurchsichtige Weise eitel – aber was diese Haltung, die dahinter steckte, dem Abend bringen würde, das sprengte doch meine Vorstellungskraft. Edouard Louis hingegen hatte mich beeindruckt durch seinen Mut zur Schonungslosigkeit in seiner autobiographischen Erzählung über das Ende von Eddie. Die räumlichen und sozialen Verhältnisse seiner Biographie entstehen grau und trist vor dem inneren Auge, seine Herkunft aus dem proletarischen Milieu in Nordfrankreich schildert er genauso ehrlich wie seine Not, seine Erniedrigung, seine Sehnsucht. Im Gegensatz zu Eribon erschien mir Louis auf erfrischende Weise uneitel.

So brilliant ihnen die Selbstbespiegelung in Romanform gelingt, so schlecht funktioniert diese als Methode zur politischen Analyse.

Nun war aber das Thema des Abends nicht das literarische Comingout homosexueller Aufsteiger (Eribon ist Soziologieprofessor) oder Studenten (Louis ist Mitte zwanzig), sondern Frankreich unter Macron. Und das war leider ein Verhängnis für die Schriftsteller im Auditorium der Paul-Simon-Galerie. Denn so brilliant ihnen die Selbstbespiegelung in Romanform gelingt, so schlecht funktioniert Selbstbespiegelung als Methode zur politischen Analyse. Mitdiskutant war der Autor Geoffroy de Lagasnerie, der ein wenig herausstach an diesem Abend.

Der Saal war ausverkauft, mehr als 400 Plätze besetzt. Übrigens ein eleganter Ort von außen, dieser neue Eingang zum Pergamonmuseum, aber das Auditorium erinnert sehr an einen Luftschutzbunker, aufgebaut wie ein Hörsaal, Sichtbeton ringsum, graue Tristesse. Die physische Beschaffenheit des Gebäudes stand symbolisch für den Abend: Die weißen Stelen der Paul-Simon-Galerie korrespondieren draußen klug und gewitzt mit den antiken Säulen der Museumsinsel, ihr Versprechen ist nicht mehr und nicht weniger als eine stilistische Brücke zwischen dem 21. und dem 18. Jahrhundert zu schlagen. Innen angekommen erweist sich die moderne Architektur ähnlich wie das politische Denken der französischen Literaten als Enttäuschung – Ideenlosigkeit und graue Betonplatten soweit das Auge reicht.

Bourgois und violant – die Worte des Abends

Im Grunde war das Desaster also vorprogrammiert. Erinnern wir uns an Eribons Aufruf, dass Macron nicht sein Präsident sei und auch in der Stichwahl gegen Marine Le Pen unwählbar bleibe. Schon damals befremdete mich die fehlende Besonnenheit, die ich von einem Intellektuellen erwarte. Und tatsächlich, Eribon wetterte gleich los, dieser Macron sei nicht jung, sondern alt, und alles, was er tue und wie er sich bewege sei bourgeois durch und durch. „Bourgeois“ ist das meistgenannte Wort des Abends, neben „violant“, gewalttätig. Macrons Gewalt würde hingenommen, so Eribon, während er selbst eine aristokratische Performance hinlege, die das Publikum blende. Die Polizeigewalt und Gewalt gegen die Gilles jaunes, die Gelbwesten, würde niemand thematisieren, aber Macron tötet, so die Meinung des Soziologen. Die Kahlschlagpolitik des Präsidenten, das sei auch Gewalt, es gebe in Frankreich keine Demokratie mehr, denn vor lauter Poizeigewalt traue er sich nicht mehr, zu demonstrieren.

Louis kann ihm nur zustimmen, gemeinsam reden sie sich in Rage: Macron tötet, weil er das medizinische System ruiniere, er tötet, weil er Flüchtlingscamps räumen lässt. Angela Merkel hingegen wird von Louis zur Ikone glorifiziert, die in einem Europa des Schreckens Menschenleben rettet – Kinder von Geflüchteten werden Angela genannt, so Louis mit einem Seitenhieb auf den tötenden Präsidenten Macron. (Aber mit deutscher Politik kenne er sich nicht gut aus, räumt er Gott sei Dank ein). Nein, die Autoren können diesem Bourgeois Macron nur Abscheu entgegenbringen, das wird deutlich. Er ist der kalte Kahlschlag-Macron in den schicken Anzügen, der sich wie ein König gibt, dazu gibt es keine Gegenrede. Über Macrons Einlenken was die geplanten Kürzungen betrifft, über seinen Dialog mit den Gelbwesten, über sein Vorpreschen für Europa gibt es hier nichts zu hören.

Cohn-Bendit ins Gesicht spucken

Louis mag man seine Rage verzeihen, er ist jung, er hat seine sehr linken Ideale noch nicht mit dem Pfund des demokratischen Aushandelns abgewogen. Eribon aber stünde eine sachliche Kritik besser zu Gesicht: Als gutverdienender Professor und Buchautor hackt er auf der Bourgeoisie herum und biedert sich den jungen Schriftstellern und den Gelbwesten an. Und als Opfer von Macrons „Kahlschlagpolitik“ ist seine Wut allzu selbstverliebt, am liebsten möchte man ihm zurufen: Es sind deine Pensionen, die Macron kürzen will! Und es ist dein Renteneintrittsalter, das erhöht werden soll! Du sollst den Gürtel enger schnallen, zugunsten der jungen Generation, die neben dir sitzt! Darum geht es! Stattdessen dürfen sich da vorn drei Macronhasser ungebremst in Rage reden, Europa verteufeln und den Einsatz von Tränengas als diktatorisches Mittel und Mordinstrument brandmarken. Wer am selben Tag eine Reportage über die jahrelang weggesperrten russischen Demonstranten gelesen hat, kann nur staunen.

Die Moderatorin war auf die Plattitüden schlecht vorbereitet, sie intervenierte kaum, ließ die unsachlichen Tiraden über dem Publikum ergehen, bis dieses nach einer Stunde endlich in die Diskussion eingeladen wurde. Die erste Frage war zwangsläufig die nach der Ausgewogenheit der Diskussion, warum gab es keine Diskussion über Macron? Eribons lapidare Antwort: Er diskutiere nicht mit Leuten, die für Macron sind. Das verächtliche Schnauben im Publikum demonstrierte aufgestaute Unzufriedenheit im Saal, und die Anschlussfrage, ob er auch nicht mit Daniel Cohn-Bendit diskutiere, wies Eribon von sich: Dem würde er „ins Gesicht spucken“.

Ihr Zorn von links erinnert zu sehr an den Zorn von rechts

Mit dieser pubertären Aussage reichte es mir. Ich erhob mich und verließ den Saal, weil ich die ungebremste Aggression nicht mehr aushielt. Ich blickte in die fassungslosen bis belustigten Gesichter der anderen, als ich von vorne bis nach oben die Reihen passierte, nahm Kopfschütteln über die Veranstaltung wahr. Schade. Ich hatte mich gefreut auf die Franzosen, aber die Erkenntnis des Abends war, dass sie nicht ernstzunehmen sind. Ihr Zorn von links erinnert zu sehr an den Zorn von rechts. Und das Argument, die politische Rechte – wir nennen sie Konservative – würde das rechtsextreme Aufbegehren zu ihren Gunsten ausschlachten, das ist so sehr Weimarer Republik, dass mir echt schlecht wird.

Beim Durchstörbern meines Schreibtisches fiel mir später ein Leserbrief in die Hände, den ich vor fast zwei Jahren an die Süddeutsche Zeitung geschrieben haben musste, nachdem ich darin einen Artikel von Didier Eribon gelesen hatte. Ich musste schmunzeln, weil er meine Gedanken von heute Abend vorwegnahm.

Zu: SZ vom 10.10.2017 „Das ist nicht mein Präsident“ von Didier Eribon

Lieber Herr Eribon,

bei aller Sympathie für linke Politik – Ihre Argumente laufen ins Leere! Denn die Beispiele, die Sie für Macrons Kahlschlagpolitik nennen, sind allesamt auf diejenigen mit den dicksten Bäuchen bezogen: Pensionäre, Beamte und Hochschullehrer. Ich sehe nicht, warum in Zeiten des demograhpischen Wandels die Generation der Sattesten geschont werden soll, ferner sehe ich nicht, warum das Beamtentum in Frankreich nicht den Gürtel enger schnallen sollte. Hier wird Ihr Stand getroffen, sicherlich, aber die Ärmsten der Armen werden in dieses Jammern auf hohem Niveau nicht einbozogen. Und rassistische Polizisten können Sie nicht Macron persönlich anlasten. Nein, Ihre Argumente klingen wie ein Gebet aus dem letzten Jahrhundert, das verzewifelt an den Privilegien des Status quo festhalten will. Sie liefern damit leider das Wasser auf die Mühlen derer, die die nötigen Einschnitte populistisch ausschlachten werden. Das ist schade.

Inga Haese

Schön schöner Schöneberg

Berlin, Gentrifizierung, Stadt & Architektur

Im August flieht die abgasgeplagte Kreuzbergerin, also ich, in einen der Nachbarbezirke, um das Schöne zu genießen. Die Sonne brennt, Scharen von Touristen bevölkern den Heimatkiez, aber zum Glück ist Schöneberg nicht weit. Nur einen Katzensprung vom Park am Gleisdreieck entfernt erreicht man den verschlafenen Winterfeldtplatz bequem mit dem Rad. Hier beginnt die Goltzstraße mit ihren zahlreichen Cafés und den bestaunenswerten Auslagen kleiner Geschäfte, die auf beiden Seiten die Straße säumen.

Die Gentrifizierung der Goltzstraße

Der Schöneberger Kiez besticht ja nicht nur durch Schönheit und Gediegenheit und seiner verträumten, zurückhaltenden Geschäftigkeit, sondern auch durch die traditionellen Strukturen eines bürgerlichen Viertels, das sich seit den 1970er Jahren durch subkulturelle und alternative Einflüsse hat einnehmen lassen. So erklärt sich etwa die interessante Nachbarschaft aus Goldschmiede, Weinhandlung und persischem Restaurant in der Goltzstraße. Doch die Vielfalt der Geschäfte hat hier in den letzten Jahren Einbußen hinnehmen müssen. Im Grunde kann man in der Goltzstraße sehr genau betrachten, wie die Spirale von Attraktivitätssteigerung, Mietpreiserhöhung und Verdrängung alt-eingesessener Geschäfts- und Mietermilieus funktioniert. Der Verdrängungsprozess wird heute gemeinhin Gentrifizierung genannt, aber gemeint ist eigentlich die Verkettung von subkultureller Aufwertung maroder Wohnungsbestände, deren günstige Mieten die Attraktivität für ein studentisches oder kreatives Milieu steigert. Die Künstler*innen ziehen Geschäfte für Künstler*innenbedarf nach sich, die wiederum die Nachfrage nach Cafés und Bistros steigen lässt. Den Rest der Spirale sieht man jetzt allerorten in der Innenstadt: Als nächstes folgen Starbucks und womöglich 15 weitere Foodstores, Eigentumswohnungen und Bürogebäude und die obligatorischen Scharen von internationalen (Feier-)Touristen.

In der Goltzstraße erwischte die Gentrifizierung im letzten Jahr das „Café Sorgenfrei“, das sich auf Einrichtungsgegenstände aus den 50er und 60er Jahren spezialisiert hatte und nebenbei Kaffee anbot. Es musste schließen – der Grund war eine saftige Mieterhöhung. Trotz medialer Aufmerksamkeit nahm der Vermieter die Forderung nach 57% mehr Miete nicht zurück. Ebenso erging es dem Antiquitätengeschäft „Das alte Bureau“ eine Tür weiter. Der Ladeninhaber, ein Mann jenseits der 60, erhielt hier seit den 1980er Jahren den Charme der alternativen Hausbesetzerzeit in der Straße aufrecht.

Nordliebe statt Sorgenfrei

Statt Sorgenfrei gibt es nun die Interieur-Design-Perle „Nordliebe“ in der ehemaligen Metzgerei, die das Trottoir der Goltzstraße zeitweilig zu einer Schöner-Wohnen-Landschaft verwandelt. Geschmackvoll werden hier skandinavische Körbe, Gießkannen und Kissen zwischen Blumen und Stauden drapiert, derart einladend, dass man den Cafébetrieb vermisst. Im Inneren begrüßen einen wie eh und je die Jugenstil-Kacheln mit ihren dezenten Blumenzeichnungen. Heute würde man dazu Blumenprint sagen und tatsächlich erweist sich der Zeichenstil der Jahrhundertwende als hochmodern, die angebotenen Gegenstände fließen in ihren dezenten Grün- und Grautönen geradezu in die Wanddekoration über. Kurz eine Prise creme- und pastellfarbiges Wohlfühl-Design einatmen, Stühle, Teppiche, Schüsseln bestaunen, und dann die Preise begutachten – und den Sinn von Gentrifizierung verstehen. Ein Wäschekorb für 59 Euro ist das günstigste, was ich entdecken kann. Die hohe Miete muss natürlich bezahlt werden, und wenn die jungen, weiblichen Protagonistinnen mit blonden Pferdeschwänzen und Sinn für nachhaltiges Design schaffen, was die Betreiber des „Café Sorgenfrei“ nicht schaffen konnten, dann liegt in der Hochpreisigkeit wohl ihr Erfolgsrezept. Wie exemplarisch stehen die männlichen Verlierer und die weiblichen Gewinner eigentlich für den urbanen Kapitalismus?

Ich werfe einen Blick über die Straße. Da ist an prominentester Stelle, beinah einen ganzen Häuserblock einnehmend, der Bastelbedarfladen „Hobbyshop Wilhelm Rüther“. Er will so gar nicht zu den Café- und Boutiquenfassaden in der Nachbarschaft passen, mit den grellen 80er-Jahre Schriftzügen und den altmodisch dekorierten Schaufenstern, die Schul- und Bastelwelt so hergeben. Der Hobbyshop bezeugt noch eine Zeit, in der Berlin für David Bowie ein Fremdwort war, es war die Zeit der Studentenunruhen, die Insel Westberlin von 1969. Das Geschäft, ein Familienbetrieb, von Wilhelm Rüther gegründet und von Martin Rüther fortgeführt, profitiert von einem Vermieter, der nicht auf Profite aus ist.

Wo sich Künstler*innen tummeln ist das Schöne zu Hause

Wie lange das so bleiben wird, das weiß Martin Rüther nicht. Doch feiert das Geschäft gerade sein 50-jähriges Bestehen, und hier gibt es wirklich alles, was das Deko- und Bastelherz begehrt, freundlicherweise sogar günstiger als die vergleichbare Auswahl beim IKEAesken „modulor“. Der Hobbyshop besticht mit seiner kruschigen Atmosphäre und seinen kompetenten Mitarbeitern, die einen hilfsbereit und humorvoll, manchmal im Pfälzer Dialekt, durch die Regale lotsen. Als Geheimtipp erweist sich die Ecke hinter der Hochzeitsdeko – hier gibt es günstige Puppenhausmöbel mit wirklich niedlichem Zubehör wie einem Mini-Teeservice aus Porzellan.

Neben dem Hobbyshop erstrecken sich zugehörig zum Bastelgeschäft noch der „Perlen-Center“ sowie ein Künstlerbedarfsladen: Hier ist die Ausgangslage der Gentrifizierung immerhin noch sichtbar. In solch guter Nachbarschaft sind seit den 1970er Jahren wie im Lehrbuch die tollsten Cafés und Restaurants gediehen, die von der angelockten Künstler*innenschaft und ihren Liebhaber*innen profitierten. Denn wo sich Künstler*innen tummlen, da ist das Schöne zu Hause. Und wo das Schöne weilt, da sind die Geschäftemachenden nicht weit, und so staune ich an diesem sonnigen Augusttag über die Designer-Läden, die hier wie Pilze aus dem Boden geschossen sind.

Weitere Juwelen der Schönheit in der Straße sind der Hochzeitsschneider „Chiton“ und das Kinkerlitzchen-Geschäft „Mobilien“, das durch eine bunte Mischung von Postkarten, Kinderkissen und Kinkerlitzchen lotst. Nicht zu vergessen das „House of Pfeiffer“, eine Lederwerkstatt mit Verkauf von handgemachtem Interieur und Modeaccessoirs – eine ästhetische Mischung aus Korbgeflecht, Textilem und Lederriemen, deren Anblick einem das Herz erwärmt. Bezahlbar ist das alles nicht, aber schön anzusehen. Und tatsächlich ist auch hier eine Inhaberin am Werk – das weibliche Gegenüber zu Martin Rüthers Bastelgeschäft lässt sich ihre Kunstwerke einiges kosten, und muss vermutlich genauso viel Miete zahlen wie die Inhaberin der „Nordliebe“.

Normalsterblichen bleibt, das Sale-Angebot von „UVR“ wahrzunehmen – auf der anderen Straßenseite hat das Berliner Modelabel seine Schöneberger Filiale. Hier wird der urbane Look gefeiert: Schlichte, weite Schnitte in gedeckten Farben und interessanten Plissee- und Brokatstoffen, und ab und zu lässt das Label kleine Ausnahmen springen und trumpft mit waghalsigen Prints auf. Aber jetzt reicht es mir mit den schnieken Läden, ich biege an der Barbarossastraße ab – das Café Bretagne lädt hier mit seiner kleinen Terrasse auf ein Croissant in der Sonne ein.

Die tragische Ambivalenz der Schönheit

Die Ruhe, die von den alten, hochgewachsenen Platanen ausgeht, die trägen Flaneure und die Tatsache, dass der touristische Hotspot jenseits dieser Straßen liegt, weist auf der Gentrifizierungsskala des Möglichen eindeutig auf die Luft nach oben hin, die hier wohl noch exisitiert. Denn natürlich ist es die Mischung aus dem Luxus des Schönen in Kombination mit dem Luxus des Herumtreibens, die ganz kurz vor dem Überkippen in die Exklusivität des Reichtums ihr spannendstes, flirrendstes Moment entfaltet. Es ist diese Melange, die Berlin in den letzten zehn, zwanzig Jahren so anziehend gemacht hat, und in diesem Moment in genau dieser Straße entfaltet der Prozess der Gentrifizierung seine tragische Schönheitsambivalenz. Das Nachbarhaus von Hobby Rüther ist noch nicht fertig saniert, die Plastikplanen in den Fenstern können noch nicht preisgeben, welche Drehung der Mietpreisspirale sich als nächstes hier zeigen wird – oder auch nicht -, der Atem scheint für diesen Moment stillzustehen, nur um mit dem nächsten Ausatmen einige Altmietparteien wieder auszuspeien, die für die Schönheit nichts mehr übrig haben.

Und ich muss los, zurück nach Kreuzberg, mitten hinein in das touristische Getümmel, das Gottseidank, Schöneberg noch nicht eingenommen hat.

Morgens an den Butzke-Werken. Eine kurze Geschichte über den Zusammenprall urbaner Welten

Arbeit, Stadt & Architektur

Die Werkstatt macht um 9:00 Uhr auf. In der Lobeckstraße gibt es sie noch, die Anzeichen der Butzke-Werke, die alte Fabrik und den Autoschrauber, der auch TÜV abnimmt. Nebenan eine Tankstelle. Alles Zeichen einer Zeit, als es leer war um den Moritzplatz, als es noch keine Design-Academy gab, kein Aufbauhaus, kein Just Music. Und auch keine Work-Spaces und Labs in den Hallen der ehemaligen Butzke-Werke. Zuletzt wurde das Gelände von Robben und Wientjes verkauft, nebenan, Ecke Ritterstraße. Auf dem Grundstück liegen die kläglichen Reste, zusammengebrochen auf einem Haufen, die Reste einer Zeit, in der West-Berliner Studenten aus dem Nichts Imperien aufbauen konnten, die heute Millionen einbringen. Vermutlich wird es hier bald nicht mehr so viele Tankstellen geben, es wird ein neuer Hotel- und Einkaufstempel entstehen.

 

„In Istanbul würde ich keine Wohnung wollen, noch nicht mal geschenkt!“

 

Ich warte auf den alten Schlosser, der mein Auto begutachtet. Er kommt, im Blaumann mit reichlich Ölflecken. Berliner Schnauze, verschmitztes Lächeln, Michael-Müller-Gesicht. Ich solle das Auto irgendwo parken, aber bitte nicht in Potsdam: „Viel Glück beim Suchen“. Ein Mann, der mit mir wartet, ist mit seinem VW Touran extra aus dem Wedding hierher gefahren. Auf Empfehlung. Er trägt einen gepflegten, schwarzen Bart, ist etwa Mitte 40. Spricht mit einem türkischen Einschlag. Er hat freundliche, dunkle Augen. Wir ärgern uns gemeinsam über die Verkehrssituation in Berlin, wird jedes Jahr schlimmer, stimmen wir uns zu. Er hat eine Stunde gebraucht aus dem Wedding hierher, obwohl er alle Schleichwege kennt. Ich pflichte ihm bei, brauchte heute für 100 Meter zehn Minuten. Aber ob ich schon einmal in der Türkei war, fragt er. Ich bedaure. Er lacht. Im Vergleich zu Istanbul ist hier alles geordnet. Istanbul findet er schrecklich, diese riesen Stadt, 16 Millionen Einwohner! Einmal stand er ganze 7 Stunden im Stau, weil er die Bosporus-Brücke überqueren wollte, so ein heilloses Chaos herrsche dort. Selbst wenn ihm jemand eine Wohnung dort schenken wollte, er würde sie nicht nehmen, noch nicht einmal ein Haus!

 

Früher sind sie zur Fabrik gegangen und sahen alle gleich aus. Heute gehen sie in die Fabrik und tragen andere Uniformen

 

Er ist jetzt dran mit seinem Touran. Ich warte. Mir fallen die Trägerinnen von Einweg-Kaffeebechern auf, die in regelmäßigen Abständen meinen Warteplatz kreuzen, in Richtung der alten Butzke-Werke. Mir fallen auf: junge Mädchen, dünne, mit Blümchen bedruckte Röcke zu Leggins und hellen Sneakers, wildgemusterte, weite Blusonjacken, dazu gelbe Haarbänder, Sonnenbrillen trotz Oktober, und 70er-Jahre Handtaschen. Kopfhörer, überall Kopfhörer und mittelgroße Bildschirme in den Händen. Auch jungsche Männer in engen Jeans mit androgynen Frisuren. Auch: Junge Männer in unauffälligen Jeans und Pullovern mit stinknormalen Kurzhaarschnitten. Auffällig: Die Jungs kommen eher in Horden, die Mädchen allein. Düsen auf ihren Peugeot-Rädern an mir vorbei mit viel Rouge auf den Wangen. Ich denke: Früher sind sie zur Fabrik gegangen und sahen alle gleich aus. Heute gehen sie in die Fabrik und tragen andere Uniformen, besonders die Frauen drücken ihre Individualität durch auffällige Kleidung aus. Was hat sich eigentlich an ihrem gesellschaftlichen Status geändert? An meinem? Das postpostmoderne Proletariat arbeitet in Fabriklofts: Co-Working-Spaces, Labs oder factories. Kreativ, aber prekär. Boltanski und Chiapello lassen grüßen. Was ist eigentlich, wenn sie älter werden? Familien haben? Krank werden? Solche Menschen sehe ich kaum noch am Moritzplatz um 9 Uhr.

 

Smart und vernetzt, daneben mein dreckiger VW

 

Das kreative Proletariat ist jung und schick, vernetzt, online, smart, mobil, flexibel. Mein Auto, der alte VW, der gerade in die Werkstatt rollt: Das krasse Gegenteil zu ihrer Welt, ein stinkender, öliger Verbrennungsmotor, dreckig und alt, die Werkstatt ein Hort von Schmutz und Benzingestank. Alte Arbeitswelt trifft auf kreatives Proletariat. Und ich sehe: Saubere Arbeit trifft auf schmutzige, ich denke an den Hambacher Forst, welche Arbeit ist eigentlich sauberer? Die am Verbrennungsmotor, der unser Klima ruiniert, oder die am Laptop und Smartphone, vernetzt und mobil, für die all die Braunkohle verbrannt werden muss und Wälder gerodet? So sauber ist sie dann doch nicht, die kreative Arbeit. Es ist kompliziert.

Was ist eigentlich, wenn die jungen Smarten von heute später auch mal eine Werkstatt brauchen, im übertragenen Sinne? Einen Hort? Einen Zufluchtsort? Haben wir dafür eigentlich vorgesorgt? Aber dann fällt mir wieder Istanbul ein. Und ich muss lächeln.

Berliner Zeitung schreibt über „Stille Reserven“ – Berlin statt Wien?

Allgemein, Stadt & Architektur

Der Film „Stille Reserven“ wird in der Berliner Zeitung eindrücklich von Alexandra Seitz kommentiert: Das totalitäre Wien einer erdrückenden Zukunft. Das Foto des Filmausschnitts, das Panoptikum des Grauens, zeigt jedoch eindeutig das Grimm-Zentrum in Berlin. Ist es Zufall, dass der Regisseur ausgerechnet die geisteswissenschaftliche Bibliothek der Humboldt Universität für die Visualisierung des autoritären Schreckens gewählt hat?

Oder zeigt sich vielmehr in der Architektur der Wissensvermittlung die moderne Seite des Betriebs Geisteswissenschaft, nämlich die totale Kontrolle, Effizienzdenken und Marktlogik? Wir sehen ein Gebäude, in dem jeder jeden im Blick hat, gefängnisgleich rastern die dunklen Scharten der Fenster den Rand des Lesesaals. Wer einmal hier studiert hat, weiß, wie sich ein Panoptikum anfühlt. Und ich erschrecke beim Anblick meines Lesesaals als Demonstration einer Gesellschaft, in der die Konzerne die Macht übernommen haben.

Schon im Jahr 2007, als das Grimm-Zentrum zwischen Bahnhof Friedrichstraße und dem Institut für Sozialwissenschaften eröffnete, konnte man über die Intention der Architekten nur mutmaßen, warum sie den hellen Betonklotz mit eingelassenen Schießschaften zum Symbol geisteswissenschaftlicher Lesefreude wählten. Es erschloss sich mir nicht, auch nicht, als ich das Gebäude zum ersten Mal betrat und über die kostbaren Hözer staunte, die den Boden versahen, die allerdings dem Verrücken der Lesestühle schon nach drei Jahren Benutzung nicht recht standhalten konnten. Eine Bibliothek, die innen einem panoptischen Gefängnis gleicht, so las ich die Architektur – und dazu ein Außen, das uns an den Kriegszustand erinnert, an die Einschusslöcher im Mauerwerk der alten Berliner Mitte, an den Verteidigungsfall. Die Trutzburg, die das Grimm-Zentrum sein soll, werden die Geisteswissenschaften in Zukunft wohl noch stärker benötigen als bisher – vor allem angesichts eines Zukunftsszenarios, wie es in „Stille Reserven“ von Valentin Hitz aufgezeichnet wird.

 

 

Urbanes Highlight Moritzplatz

Allgemein, Stadt & Architektur

Erinnerungen an einen Platz im Umbruch

Der Moritzplatz gerät immer wieder in Verruf wegen des schlechten Abschneidens im Sozialstrukturatlas. Dabei wird gerade das Aufbauhaus vergrößert und soll in Zukunft noch mehr Kreative anlocken. Während der Moritzplatz wieder zu seiner urbanen Bestimmung zurückfindet, nämlich Begegnungsort für Konsumenten, Literaten und Ästheten zu sein, sorgen sich die Anwohner um ihren Alltag.

Und wieder drehen sich die Baukräne am Moritzplatz. Neben dem Koloss aus Beton und Glas, in dem die Kreativ-Shoppingwelt von Modulor und der Aufbauverlag residieren, wird erneut Stockwerk um Stockwerk in Beton gegossen. Die Design Academy Berlin wird in den zweiten Bauabschnitt des Aufbauhauses einziehen und noch mehr Kreative an den Moritzplatz locken. Der Moritzplatz, dessen städtebauliche Relevanz über Jahrzehnte brach lag, findet immer mehr zu seinen Ursprüngen zurück: Der einstige Knotenpunkt zwischen luisenstädtischer Einkaufsmeile und dem Zeitungsviertel der Friedrichstadt wird Schritt für Schritt reaktiviert. Lange vorbei ist die Zeit, als hier Asphaltteppich auf Niemandsland traf und der U-Bahnhof nur Geisterstunden kannte.

Stattdessen beherrscht Gründerzeitfeeling die Gegend rund um den Kreisverkehr. Erst kamen die Prinzessinnengärten, in denen das Gemüse für die Nachbarschaft in Kisten gedeiht und die Stadtbienen zu Hause sind. Etwa zeitgleich, im Jahr 2009, gründete das Betahaus nebenan seinen 2000 m²Co-Working-Traum. Bis heute geben die Events des Gemeinschaftsbüros die digitalen Trends der Hauptstadt vor. Der Hype um Urban Gardening und Betahaus und damit das anschwellende Loblied auf den Moritzplatz mochten noch irritieren, doch die Kreativwirtschaft folgte den Pionieren. Mit dem Aufbauhaus wurde 2011 ein symbolisches Tor zum Verlagsviertel in Mitte gebaut. Die Architekten Clarke und Kuhn erschafften durch ihren Eingang zum Lichthof einen modernen Triumphbogen, der vom Siegeszug des Kreativkonsums im neuen Berlin kündet. Durch den zweiten Bauabschnitt wird das Gebäude noch an Dominanz hinzugewinnen, denn bald wird der Beton-und Glaskasten mit dem größten Musikhaus Europas in der Oranienstraße verbunden sein. Jenes, im 6-geschossigen Elsnerhaus untergebracht, bietet auf allen Etagen Musikinstrumente zum Kauf an, aber auch zum Üben und Ausprobieren. Der Kreativkunde am Moritzplatz ist Konsument und Handelnder zugleich, Plexiglas arrangiert er in den Modulor-Werkstätten mit Filz, und die E-Gitarre wird mit dem Keyboard im Band-Raum des Musikhauses an den Verstärker angeschlossen.

Zwischen Musikhaus und Aufbauhaus erinnert eine ALDI-Filiale an den Alltag im Viertel, dessen Verständnis von Do-it-yourself weniger mit Shoppen und Basteln zu tun hat.  Da ist der alteingesessene Friseursalon „Friseur“, nicht zu vergessen die wegen Bauarbeiten dreimal verpflanzte Bude des Dönerimbisses FoodBag mit ihren Stammkunden. Da ist die Stadtteil-Bibliothek, die sowieso schon kaum geöffnet hat und bald ganz schließen soll – obwohl die meisten Anwohner auf das öffentliche Bildungsangebot angewiesen sind.

Die Frage, die der Sozialstrukturatlas aufwirft, ist die nach der Teilhabe am Hype um Prinzessinnengärten, Aufbauhaus und Co. Warum werden den Menschen, die hier leben, die schlechtesten Lebensbedingungen zugerechnet? Im „Friseur“ sitzt Mahmud auf einem der Stühle für die Wartenden. Rasierwasserduft füllt den Raum, Mahmuds Vater schneidet einem Mann die Haare. Mahmud selbst ist 21 Jahre alt und gehört zu den arbeitslosen Jugendlichen aus der Statistik. Er geht gerne in das Musikhaus, um zu gucken. Seine Lebenswelt ist der Friseursalon und das angrenzende Viertel, er schwärmt aber davon, „dass hier endlich so viel los ist“. Sein Plan bezieht sich auf den entstehenden Neubau: „Hier wird die Designschule gebaut. Da werde ich studieren.“ Er lacht. Für seine Pläne bräuchte er einen guten Schulabschluss; er weiß, dass das schwierig wird. Hatice, ein Mädchen aus der Siedlung, ist Zahnarzthelferin, gottlob mit einer Arbeitsstelle. Ihr Problem ist nicht die Arbeitsagentur, sondern andere Behörden: Ihr ganzes Leben hat die 24-jährige in Berlin verbracht, aber sie hat keinen deutschen Pass.

Und so nimmt der neue Moritzplatz auch wieder eine durch und durch urbane Funktion ein: Nicht nur Brücke zwischen Zeitungsviertel und Kreuzberger Feierkiez zu sein, sondern auch Brücke zwischen arm und reich, zwischen Do-it-yourself und Buy-it-yourself, zwischen schlichter 70er-Jahre-Siedlung und den hunderten neuen Eigentumswohnungen zu sein. Dazwischen gibt es diesen Platz, der wieder in Bewegung ist, und das nicht nur durch den nimmermüden Autoverkehr.