Sippenhaft für Frau Minister?

Erzählt doch keine Märchen! Warum nur sind die Medien so scharf auf das Fehlverhalten von Franziska Giffeys Ehemann? Der Hauptstadtpresse fehlen mal wieder die deutschen Royals, so scheint es.

Lorenz Maroldt und Jörg Thadeusz sind alte Buddies. So jedenfalls kommt ihr Gespräch auf radioeins rüber, das sie am vergangenen Freitag öffentlich austrugen. Es geht um Franziska Giffey. Lorenz Maroldt, Chefredakteur vom Tagesspiegel, ist sich über eines im Klaren: Frau Giffey muss jetzt ganz scharf beobachtet werden, denn ihr Mann, ein Veterinärmediziner, wurde aus dem Beamtenverhältnis entfernt. Amüsiert höre ich den beiden Kumpels zu, wie sie die Causa Giffey unter sich besprechen, denn es fühlt sich an, als sitze ich bei ihnen im Wohnzimmer. Doch der Inhalt ihres Gesprächs friert mir das Lächeln im Gesicht ein, denn im Laufe des Dialogs wird klar: Maroldt will Giffey am Pranger sehen.

Indem Plagiatsaffäre und Betrug in einem Atemzug genannt werden, rückt das Fehlverhalten des Ehemannes ganz nah an Giffeys persönliches Verhalten

Franziska Giffey müsse jetzt reagieren, denn die Öffentlichkeit habe ein großes Interesse daran, was das Berliner Verwaltungsgericht ihrem Ehemann vorwirft. Nichts Genaues weiß man nicht, aber allein die Tatsache, dass der Ehemann einer ranghohen Politikerin aus dem Beamtenverhältnis entfernt wurde (die Berufung steht jedoch noch aus), rechtfertige auch im Stadium der Mutmaßungen bereits ein großes journalistisches Interesse. Denn die Reaktion der Ministerin lasse eindeutige Rückschlüsse auf ihre Persönlichkeit (sprich: persönliche Eignung) zu. Vor allem, und hier wird Maroldt ganz streng, habe sich die Ministerin in der Plagiatsaffäre schlecht benommen: Anstatt, dass sie ihren Titel einfach abgelegt hätte, habe sie sich hinter der „amerikanischen Zitierweise versteckt.“

Zwei Dinge gefallen mir nicht am Umgang mit Franziska Giffey. Erstens Häme und Neid, die mal wieder zwischen den Zeilen durchscheinen, und dann die Unterstellungen: Den Doktortitel braucht diese Frau ja wohl nicht. Den hätte sie doch easy abgeben können, darauf verzichten, was soll denn dieses titelverliebte Getue. So der Anwurf. Sprich: Die Frau ist mindestens größenwahnsinnig und selbstverliebt. Ich verstehe: Wenn jemand eine Doktorarbeit geschrieben hat, im Schweiße seines Angesichts, nach bestem Wissen und Gewissen – so versichert es die/derjenige – dann soll er oder sie unter den bloßen Vorwürfen eines Plagiats einknicken und sich nicht mehr zu seiner geleisteten Arbeit bekennen? Das wäre der richtige Weg gewesen? Entschuldigung, aber in diesem Fall wirkt Herr Maroldt neidisch, so nennt man das, wenn man anderen ihren Erfolg mißgönnt. Amerikanische Zitierweise bedeutet ja nichts anderes, als dass Zitate nicht wörtlich übernommen wurden, sondern paraphrasiert wiedergegeben – wer diese Zitierweise nicht ernst nimmt, kann natürlich schnell ein Plagiat wittern. Vielleicht hätte Herr Maroldt darüber aufklären können, anstatt Giffey Fehlverhalten in ihrer „Plagiatsaffäre“ vorzuhalten – die sie m. E. souverän gemeistert hat! Überhaupt, was hat eigentlich die Plagiatsaffäre mit dem unbekannten Herrn Giffey zu tun? Indem beides in einem Atemzug genannt wird, rückt das Fehlverhalten des Ehemannes ganz nah an Giffeys persönliches Verhalten heran, z.B. an ihre Glaubwürdigkeit in der Plagiatsaffäre. Heißt: Wenn ihr Ehemann als Betrüger entlarvt wird, dann kann seine Ehefrau nicht frei von Schuld sein. Das ganze nennt sich Sippenhaft, und das Sippenstrafrecht wurde mit Gründung der BRD abgeschafft – zugunsten des Schuldprinzips.

Wie kann es sein, dass sich mutmaßliche Verfehlungen vom Ehemann einer Ministerin am Folgetag auf sämtlichen Titelseiten der Zeitungen wiederfinden?

Das Radiointerview mit Maroldt erinnert mich an einen Schuljungen, der sich über die Klassensprecherin aufregt, die immer besser wegkommt als ihr gemeinhin zugestanden wird. Woher kommt dieses Nicht-gönnen-können eigentlich? Hätte Herr Maroldt auch gerne einen Doktortitel und muss ihn deshalb abwerten? So, als wäre damit keine jahrelange Arbeit verbunden, auf deren Verdienst man verständlicherweise nicht schlicht und einfach verzichten möchte? Und wie kann es sein, dass sich mutmaßliche Verfehlungen vom Ehemann einer Ministerin am Folgetag auf sämtlichen Titelseiten der Zeitungen wiederfinden? Wäre das nicht etwas für die Rubrik „Spekulation und Panorama“ gewesen? Überall reiben sich die sensationslüsternen SPD-Abgesangschreiber/innen bereits die Hände, vom Tagesspiegel bis zur FAZ („Das nächste Problem der Franziska Giffey“), von den sozialen Netzwerken ganz zu schweigen. „Das Private ist politisch“, weiß die Berliner Zeitung, und kehrt den feministischen Schlachtruf gegen die Ministerin. Und routiniert wird Giffey, geadelt zur „eigentlichen Hoffnungsträgerin“ der Partei, zur Ministerin auf Abruf, über der schon wieder das Damoklesschwert hängt, das ihre überraschende Karriere schon wieder jäh beenden könnte.

Nicht das Private wird politisch, sondern jegliches Politische wird bedeutungslos angesichts einer boulevardesken Sichtweise

Tatsächlich zeigen sich an dem Aufmerksamkeitshype um Franziska Giffeys Ehemann die boulevardesken Züge, wird der Hang zu Drama und Tragödie offenbar, dem die Hauptstadtmedien in zyklischen Schleifen verfallen. Dieses Mal ist es die mögliche Sippenhaft, die dem märchenhaften Aufstieg von Prinzessin Giffey ein Ende bereiten könnte. Die von der Presse lancierte Inszenierung einer aufgestiegenen Prinzessin, der die Thronfolge von der Öffentlichkeit bereits zuerkannt, die Krone geradezu angetragen wurde (ob nun die von Berlin oder den SPD-Vorsitz), die sich aber in die Hände des Bösen (der Ehemann!) begeben hat und unter deren Seil, auf dem sie so glänzend tanzt, bereits die lechzende Löwenmeute wartet, die sich mit der Zunge über die Mäuler fährt: Dieses von ihnen selbst konstruierte Szenario reizt die Medienschaffenden zu ihrer boulevardseken Sicht auf Franziska Giffey. Nicht das Private wird politisch, sondern jegliches Politische wird bedeutungslos angesichts der Möglichkeit zur Tragödie oder zur Heldengeschichte. Die Hauptstadtpresse sehnt sich nach diesen Geschichten, sie liebt Tragödien wie die um Christian Wulff, und angesichts der fehlenden Royals müssen unsere Politprominenten diese Lücke ausfüllen, ob sie wollen oder nicht.

Tatsächlich sucht man vergeblich nach Politikern, die wegen Machenschaften ihrer Frauen Rücktrittsforderungen aushalten mussten

Dass aber eine Politikerin, die einzig durch ihr politisches Geschick und Talent von sich Reden machte, nun öffentlich vorgeführt wird, weil ihr Mann sich (vermutlich) falsch verhalten hat, ist ein Schritt in die falsche Richtung. Sippenhaft galt für noch keinen prominenten Politiker, warum sollte für weibliche Politikerinnen ein anderer Maßstab gelten? Tatsächlich sucht man in der BRD vergeblich nach männlichen Politikern, die wegen Machenschaften ihrer Frauen Rücktrittsforderungen aushalten mussten (wem ein Beispiele einfällt: bitte melden). Hatten sie Affären, dann wurde das Private politisch, aber auch an Affären gescheiterte Ehen, das sehen wir bei Horst Seehofer und Heiko Maass, beendeten noch keine bundespolitische Karriere. Es gibt nicht viele Fälle von weiblichen Spitzenpolitikerinnen, deren Ehemänner ins Licht der Öffentlichkeit gerieten, schon gar nicht durch ihr Fehlverhalten. Aber eine angemessene Berichterstattung kann auch eine Bundesministerin erwarten, und wenn die Vorwürfe gegen ihren Mann noch ungeklärt sind, allemal. Ansonsten frönt man einzig und allein dem Genre des Märchenerzählens.

Veröffentlicht von stadtlandfrau

Dr. Inga Haese, Freie Autorin, Sozialforscherin, Dozentin. Mutter von 2 Kindern. Lebt in Berlin und bei Storkow in Brandenburg.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: