#9+++Corona-Blog+++

Berlin, Corona

Tag 9: Das Adrenalin der Provokation

Ein sonniger Tag in Berlin, ich fahre mit dem Rad am Mauerstreifen entlang an allerlei touristischen Hotspots vorbei. Vom Axel-Springer-Verlag bis zum Gleisdreieck Touristenleere an den sonst gut gefüllten Orten: Checkpoint Charlie, DDR-Museum, Topographie des Terrors, Martin-Gropius-Bau, keine reisebusseweise sich schiebenden Massen, Menschentrauben, Busstaus. Von März bis September hatten wir uns an sie gewöhnt im letzten Jahrzehnt, jetzt: wie ein Spuk vorbei. Die Straßen sind so leer wie in den 1990ern, nur ohne dass Brachen brach liegen, und die Fassaden sind poliert statt schmutziggrau.

Nur die Bauarbeiter bauen unbeeindruckt von allen Abstandsgeboten weiter. Der Park am Gleisdreieck beherbergt so viele Hobbysportler:innen wie noch nie an einem gewöhnlichen Vormittag.

Und Social Media meldet neben all den witzigen auch doofe Posts von Menschen, die sich aufregen und aufregen und noch mehr aufregen über politische Entscheidungen. Vielleicht sind sie selbst von der Krise betroffen und können nicht anders als polemisch zu reagieren. „Merkel tötet“ schreibt einer tatsächlich, er regt sich über die „unfähige Regierung“ auf, denn hätte man, dann wäre nicht etc. Ich verstehe Menschen, die jetzt extrem verunsichert sind: Die Lackritzhändlerin, die schon im letzten Jahr nur knapp über die Runden kam; das kleine Bistro nebenan, das keinerlei Rücklagen hat; der Taxifahrer, der vier Kinder ernährt. Eine existenzbedrohende Lage, auch für Lagerarbeiter:innen, Verkäufer:innen und Servierer:innen. Aber was bringt der Onlinehass diesen Menschen? Zumal es meist nicht die Betroffenen selbst sind, die solcherlei Kübel ausschütten.

Aber wer Parolen wie „Merkel tötet“ in die Welt setzt, der säht Hass und kippt gleich badewannenweise Wasser auf die Mühlen der AfD.

Machen Leute das, weil die Aufmerksamkeitsökonomie ihnen recht gibt? Oder weil das Adrenalin der Provokation momentan ein einfaches Mittel der Problembewältigung ist, leichter zumindest als das Aushalten des Nichts-tun-Könnens? Psychologen sprechen von Coping-Strategien in Momenten der Hilflosigkeit, um diese bewältigen zu können. Isolation und Einsamkeit sind solche Momente. Meine Strategie ist dann wohl, zu bloggen. Aber soziale Netzwerke können in einer krisenhaften Situation regelrecht als Aggressionsventil von fehlgeleitetem Frust missbraucht werden, das wissen alle aktiven und ehemaligen Politiker:innen, Renate Künast voran.

So zeigt sich die Corona-Krise als Brennglas und Brandbeschleuniger, nicht nur für E-Commerce, digitale Bezahlung und die Digitalisierung des Lernens, und nicht nur für die Solidarität in Nachbarschaften und zwischen den Generationen, sondern leider auch für hasserfülltes Denken.

„Hoffentlich, hoffentlich werden so viele Menschen wie möglich, am besten alle, vor dem Scheißvirus gerettet. Sehr gerne sterben darf aber endlich das Wettrennen in der Aufmerksamkeitsökonomie, das Bärtekraulen in eilfertigen Talkshows und die unheilige Magie der Medienwarenwirtschaft, per Eilmeldungsgeschwindigkeit schon Millisekunden vor Eintreten eines Ereignisses alles darüber gewusst zu haben“ schreibt Jaspar Nicolaisen sehr treffend über die herrschende mediale Situation.

Stattdessen hilft manchmal auch, Vertrauen in die Regierungsfähigkeit und die Problemlösekompetenz der Handelnden zu haben. Jedenfalls lautet so mein Resümee für heute.

#8+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 8: Eine Woche Ausnahmezustand

Der Tag beginnt mit der Frage, wie die politischen Vorgaben zu deuten sind. Düften wir jetzt noch mit dem Auto zum Park fahren? Mit den Nachbarskindern eine Schatzsuche machen? Oder nur noch zum Einkaufen oder zur Arbeit, wie es der Freund orthodox interpretiert?

Wir schwanken kurz, dann aber ist klar: Die Schatzsuche mit den beiden Kindern aus der Hausgemeinschaft kann keine Kontaktsperre der Welt verbieten. Es geht mit Knobelaufgaben in den Park, wo sich heute ein ganz anderes Bild als am gestrigen Sonntag bietet: Jugendliche hängen auf den Tischtennisplatten rum, eine Mädelsgäng lümmelt auf dem gesperrten Spielplatz. Meine Kinder sind empört: „Mama, warum dürfen die das?“ Ich erkläre ihnen, dass sie das gar nicht nicht dürften, sondern einfach machten und dass darin der kleine Unterschied bestehe. „Also werden die verhaftet wenn die Polizei kommt?“ „Die kriegen Ärger wenn die Polizei kommt.“ Ehrfürchtig und mit großen Augen gehen sie weiter. Mein Sohn hat das Spiel aber durchschaut: „Die Polizei kommt hier sowieso nicht.“ Er hat vermutlich recht.

Die Nachmittage als Familie ziehen sich zugegebenermaßen in die Länge, wenn schon die Vormittage mit selbstgebastelten Strukturhilfen in die Kurven gehen. Vom schulpsychologischen Beratungszentrum (SIBUZ) gibt es jetzt Unterstützung: Dort erfahren Eltern auf 3 Seiten im Crashkurs, mit welchen Methoden sie sich als Hauslehrer:innen am besten ausstatten. Der Tip Berlin stellte in seiner Online-Ausgabe die gute Frage, ob wir jetzt alle Quereinsteiger:innen werden müssen. Vormittags Lehrerin, mittags Koch und nachmittags endlich mal selbst an den Schreibtisch. In einer Reportage wurde eine alleinerziehende Mutter von 3 Kindern in ihrem hoffnungslos überforderten Homeofficezustand gezeigt und ich frage mich, ob wir nicht bald statt der chronisch erschöpften Mütter oder Väter auch noch eine Burnoutkurve haben werden, die ganz steil nach oben zeigt. Dann hilft bei #flattenthecurve allerdings kein Social Distancing mehr.

Was all diese Nachrichten bringen: Einen Heidenrespekt vor den Spanier:innen und Italiener:innen, die schon länger weitaus rigidere Umstände überleben und immer noch Freude am Musizieren haben.

Aber so ein Corona-Geburtstag bringt auch besondere Anteilnahme und außergewöhnliche Ideen mit sich. Ganz rührend war am Abend das Geburtstagsleuchten für meine Tochter von den Hausbewohnerinnen, die sich in Quarantäne oder in „Distance“ befinden. Von ihnen gab es ein wunderschönes Wunderkerzenkonzert aus den Fenstern.

#7+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 7: Die Ruhe vor dem Sturm?

Der Sonntag versickert im Gebot, die Wohnung zu hüten. Ein verzagter Spaziergang am Vormittag. Kein Mensch auf den Straßen, der Park ist leer. Die balkonverzierten Häuserfassaden verraten nicht, ob hinter ihnen gelebt wird, gekauert, verhauen, gelacht oder getrunken. Oder ob einfach niemand mehr da ist. Berlin fühlt sich einsam an. Ein ganz neues Gefühl in der sonst so quirligen Stadt und in meinem Viertel zwischen Mitte und Kreuzberg, in dessen Ex-Mauerbrache in den letzten Jahren so viele Baukräne beheimatet waren wie am Potsdamer Platz in den 90ern. Inzwischen haben hinter der Bundesdruckerei so viele Verlage ihren Sitz, dass man ständig Schriftsteller:innen über den Weg läuft. Aber jetzt ist Schluss damit. Alles steht still.

Die Märzsonne leuchtet, die Forsythien stehen in voller Blüte und es ist kalt. Ein Vater spielt mit seinem Sohn Fußball und ein anderer Tischtennis. Sonst genießt niemand die kühle Luft und den blauen Himmel. Das Gespenstische, das die ersten Tage den öffentlichen Lockdown begleitet hatte, es ist einer Trägheit gewichen, die man von den ausgestorbenen Straßen Südeuropas kennt, wo die einzige Antwort auf eine zu große Mittagshitze die Verbarrikadierung zur Siesta in den kühleren Wohnungen ist. Nur gibt es keine Hitze, die droht. Sondern Covid.

Angela Merkel wendet sich erneut an die Bevölkerung. Der Ernst der Lage erfordert ihre Präsenz, und die Bundesländer erlassen ein Kontaktverbot, das morgen in Kraft tritt. Die Bewegung an der frischen Luft bleibt für Einzelne erlaubt, auch für ganze Familien. Es ist eine letzte Vorstufe vor einer Ausgangssperre. Ich bin froh, dann können wir morgen zum Geburtstag meiner Tochter wenigstens in den Park. Die Freundinnen dürfen jetzt allerdings nicht mehr mit. Seuchenschutz geht vor.

Ich höre im Radio, dass auch Merkel nun in Quarantäne ist: Sie hatte Kontakt zu einem Corona-positiven Arzt. Der Virus macht vor Ämtern, Macht und Reichtum nicht Halt. Aber besonders die Älteren unter uns müssen ihn fürchten, und noch Ältere wie meine Großmutter. Sie ist 89 und jetzt allein, unbesucht. Sie wird von der Besuchssperre beschützt und ist doch schutzlos.

Ich rufe sie an, sie hat Verständnis, weiß um die unbestimmte Gefahr, sogar die Sonntagsmesse wurde abgesagt. Aber so ganz kann sie die Aufregung nicht nachvollziehen, dass es jetzt wie im Krieg sei. Sie warnt mich vor denen, die jetzt alles stehlen würden und rät mir, Kartoffeln und Mehl zu lagern, denn damit könne man am meisten anstellen. Vermutlich hat sie recht, aber es ist nicht wie im Krieg. Es wird alles geliefert. Es ist nur sehr schnell ausverkauft.

#6+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 6: Italienische Zustände

Der Samstagseinkauf erweist sich wie es zu erwarten war als Durchwurschtelaktion. Der Edeka: Leergekauft. Die Fleischtheke: Nicht mehr besetzt. Der Biomarkt: Noch zwei Liter Milch im Kühlregal. Mehl existiert nur noch in der Phantasie. Frisches Gemüse: Überall Fehlanzeige, außer auf dem Wochenmarkt (!). Und vor dem Supermarkt: Eine Warteschlange aus Menschen mit Mundschutz. Bilder, die wir bis letzte Woche mit Italien und Wuhan in Verbindung brachten, sie haben unseren Alltag erreicht, jedenfalls im Stadtzentrum.

Double-Income-No-Kids-Paare gehen gemeinsam einkaufen und sehen so aus, als machten sie das zum ersten Mal. Zumindest im Laden. Wenn sie ihren SUVs entsteigen, reicht sie ihm routiniert das Handdesinfektionsmittel rüber, oder umgekehrt. Wo zum Teufel haben die das Zeug her? Ob die auch Klopapier zu Hause haben?

Und woher bekomme ich jetzt die ersehnten Nürnberger Würstchen, die meine Tochter sich zum Geburtstagsfrühstück wünscht? Wer kam überhaupt auf die Idee mit dem englischen Frühstück, die muss eindeutig noch aus Vor-Corona-Zeiten stammen.

Die Tochter wird übermorgen 8. Ein unpassendes Alter, um Einschränkungen am Geburtstag hinzunehmen. Doch sie hat vorausschauend vorgesorgt, ist in der letzten Woche schon mit dem Papa losgezogen und hat zumindest auf zwei Geschenken bestanden, die vorrätig sein sollten. Sie war es auch, die als erste begriff, dass sie niemanden ihrer Freund:innen einladen darf — wir übten uns im Beschwichtigen, aber Kinder haben Instinkte wie Katzen. Tatsächlich wird nun, wenn es gut läuft, die Nachbarin kommen. Ich sattel um auf Wiener Böden, dann krieg ich die Torte ohne Eier und Mehl hin.

Die Einkaufssituation in der Berliner Innenstadt, Momentaufnahme dieser Woche, erinnert tatsächlich an eine Herausforderung, die es seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr gab: Lebensmittelengpässe. Glück hat jetzt, wer außerhalb des S-Bahnrings wohnt. Eine Umkehrung der Verhältnisse, auch für Vermietende. Wer sich bis vor zwei Wochen noch glücklich schätzen konnte, innerhalb des S-Bahnrings eine bezahlbare Wohnung zu haben, steht nun vor ganz neuen Herausforderungen neben den Mietsteigerungen — diese will, genauso wie Mietausfälle, der Senat bis September übernehmen. Sprich: Private Spekulanten und Immobilienunternehmen haben die Mieten ins Exorbitante gesteigert, damit der Staat im Fall von Mietrückständen nun die Ausgleichszahlungen übernehmen darf.

Übersetzt heißt das mal wieder, Gewinne bleiben privatisiert, Verluste werden kollektiviert. Vielleicht gibt es angesichts der großen Solidarität der Vielen auch mal ein Zeichen der Solidarität von z.B. der Deutschen Wohnen oder anderer Marktakteure, auch zugunsten von Ateliers, Geschäftsräumen, Gewerbe.

An der Kasse bei Edeka bedankt sich die Verkäuferin mit dem violetten Lippenstift gut gelaunt für meinen Einkauf bei ihr. Sie entschuldigt sich, dass die Eingabetasten am Kartenlesegerät, auf dem ich meine Geheimnummer gerade eintippe, so eine unverschämte Virenschleuder sei. „Aber wissen Se, ick mach dit auch von Zeit zu Zeit sauber, keene Sorge. Und bleiben Se jesund.“ Ich bin ganz gerührt von soviel Umsicht. Die Dame trägt keinen Mundschutz, sie ist allen ausgeliefert. Aber Ihre Freundlichkeit und meine, ihre Sorge um ihre Kundschaft und meine Sorge um ihre Gesundheit steigern sich gegenseitig in nur einem Bruchteil einer Minute zu einem am Ende beinah freundschaftlichem beiderseitigem Wunsch eines schönen und gesunden Wochenendes. Die Wertschätzung, die da politisch ausgedrückt wurde, sie hat schon jetzt in den Alltag eingegriffen und den Menschen ein Stück Größe zurückgegeben.

#5+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 5: Gespenstische Ruhe in Berlin

„Es ist wie auf dem Land hier!“ jauchzt meine Tochter beim morgendlichen Fitnessprogramm, als wir die große Straße überqueren. Es geht zum Joggen in den Park, und kaum ein Auto fährt über den Moritzplatz. Sonst ist hier ein Verkehrsknotenpunkt. Meine Kinder sind begeistert von der Ruhe, „Mama, gar keine Abgase!“ Berlin-Kreuzberg und auch Mitte sind heute gespenstisch still, Restaurants, Cafés, Spielplätze, Geschäfte: geschlossen.

Eine Freundin meldet sich aus der Isolation in Dresden; sie sorgt sich um ihre Cousine, die in Tansania festsitzt. Rückflüge nach Deutschland: Fehlanzeige. Das Gesundheitssystem in Tansania ist mit 15 Intensivbetten im Land völlig überfordert mit der drohenden Pandemie, aber so geht es nicht nur Tansania. Eine andere Freundin sitzt in Guatemala fest, und wieder eine andere hat Leukämie. Damit gehört sie zur absoluten Risikogruppe. Mal wieder sehe ich, wie gut wir es haben: Wir langweilen uns bloß in städtischen Wohnungen mit perfekter Versorgungslage herum.

Aber der Tag geht weiter. Nachmittags wollen wir bewusst die Restaurants in der Nachbarschaft unterstützen. Zwei, die wir ansteuern, haben schon geschlossen. Eines verkündet geänderte Öffnungszeiten wegen Corona, von 13 bis 18 Uhr. Die Straßen sind ausgestorben, denn wo sonst Touristen in Überzahl herumwuseln und in Gruppen die Gehwege blockieren, herrscht jetzt fast bedrohliche Leere.

Ich fühle mich an Tel Aviv erinnert, wenn Schabbat ist: Kein Bus fährt, wenige Autos, und nur vereinzelte Spaziergänger:innen begegnen einem dort – ein Ausnahmezustand, ein Pausenmodus, Ruhezeit für alle. Nur: Das hier ist das echte Leben und kein Ruhetag.

Die Betreiberin der Kleinen Markthalle ist ideenlos, es kommt kaum noch ein Gast: Drei besetzte Tische, das waren ihre Einnahmen für heute. „Am Montag soll die Ausgangssperre kommen und dann machen wir ganz zu. Morgen muss ich alles wegwerfen.“ Ein Gast schlägt ihr vor, die Lebensmittel am Kotti zu verteilen: „Die Tafeln mussten ja alle zumachen, weil die Helfer über 65 sind.“ Die Chefin winkt ab: Am Montag sind die Sachen verdorben. Wie es weitergehen soll, keine Ahnung. Und das versprochene Hilfspaket des Senats über viele Millionen? Wieder winkt die Frau ab. Bis das bei ihr ankommt hat sie längst dicht gemacht, sagt sie achselzuckend.

Trotz aller Ängste steht die solidarische und wohlmeinende Stimmung im Vordergrund: Wir spenden Trost, kommen ins Gespräch, auch mit anderen – physisch distanziert natürlich. Statt Social Distance gibt es hier nur die körperliche Distanz, der Begriff des SoDiMo führt also nicht nur in die Irre, er stimmt einfach nicht. PhyDiMo, so sollte es heißen.

Wie auch immer, die Gewerbetreibenden sind sich einig, dass am Montag die Ausgangssperre kommt. Und was dann wird, das weiß keiner. Mit soviel Überzeugung erzählt unser Nachbar, ein Galerist, von der Ausgangssperre, dass sie so gut wie beschlossen scheint. Aber noch ist Freitag. Und jetzt schon schlägt die IHK Alarm, die Börsen krachen abwärts, und die Rezession ist unvermeidlich. Humor ist, wenn man trotzdem lacht, das machen die Betroffenen zur Zeit. Nur: wie lange können sie das durchhalten?

Auch die Kinder haben sich in die Situation eingefügt, sie genießen nun, dass es „so gemütlich ist“. Immerhin, wir scheinen als Eltern Ruhe auszustrahlen und keine Panik. Mein Mann hat bereits den ersten Kollateralschaden vom Homeoffice davon getragen: Die Lendenwirbelsäule schmerzt. Und heute las ich, dass jetzt in China die Scheidungsrate in die Höhe schnellt, wo das Ende der Quarantänezeit erreicht ist. Wir stehen erst am Anfang, da braucht es möglichst viel Luft nach oben, wenn doch mal Frust aufkommen sollte. Eine Möglichkeit zum Versüßen der Zeit ist das Ausprobieren von lange vor sich hergeschobenen Kochrezepten.

Im Radio hieß es, auch die Frauenhäuser litten unter extremem Zulauf: Häusliche Gewalt gegen Frauen nähme zu, wenn Familien sich so dicht auf die Pelle rückten. Was für eine fiese Folge von SoDiMo. Zudem ist es vermutlich so, dass Menschen in prekären Lagen, Armut oder (drohender) Arbeitslosigkeit jetzt doppelt unter den staatlichen Corona-Maßnahmen leiden: Die Entbehrungen der Situation treffen jemanden härter, wenn er oder sie schon grundsätzlich ein entbehrungsreicheres Leben führen muss. Und sei es die Entbehrung eines sicheren Einkommens, einer bezahlbaren Wohnung oder Zuneigung. Dann ist der Wunsch nach dem Ausprobieren eines Kochrezeptes bereits Luxus.

Hoffen wir, dass die digitalen Ablenkungsmöglichkeiten all jenen hilft, die sich einsam und verlassen fühlen. Die nächsten Wochen werden hart, heute war nur eine kleine Kostprobe.

#4+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 4. SODIMO: Ein neuer Begriff am Arbeitshimmel

Die beruhigende Stimme von Angela Merkel im Ohr, so bin ich eingeschlafen und mit einer Einladung der BuReg zum Hackathon wieder aufgewacht. Jetzt also schlägt sie, die Stunde der kreativen Problemlösungen und der ungewöhnlichen Wege, eine Krise zu bewältigen.

Ich muss zum Arzt, nicht wegen Corona, sondern weil ich eine Allergie habe. Auch nicht schön. Das Wartezimmer ist so leer wie noch nie. Normalerweise stehen die Patient:innen in einer 10-Meter-langen Schlange vor dem Tresen, aber seitdem sich kilometerlange Schlangen vor anderen Übergängen bilden, sind auch die Arztpraxen leer. Ich werde weder gefragt, ob ich „Symptome“ habe, noch gibt es andere Vorsichtsmaßnahmen, niemand trägt einen Mundschutz. Ich vermute bzw. hoffe, dass sich keine Corona-Verdachtsfälle in die Praxis begeben.

Auf den Straßen Berlins zeigt sich am Vormittag endlich ein anderes Bild als an den Tagen zuvor, so als hätte die Kanzlerin tatsächlich allen mit ihrer Ansprache ins Gewissen geredet: Es sind nur wenige Menschen unterwegs, und die Entgegenkommenden wahren den gebotenen Abstand. Doch als ich die Apotheke betrete, da trifft mich fast der Schlag: Provisorisch wurden Plexiglasscheiben über die Verkaufstresen gehängt und alle Apotheker:innen tragen jetzt Atemschutzmasken. Ich denke kurz, ich stehe in Italien. Dann besinne ich mich, ich benötige hochdosiertes Calcium. Die Apothekerin sieht mich über ihre Maske hinweg bekümmert an: „Calcium ist gerade nicht lieferbar. Es tut mir leid.“ Ich bin irritiert, aber sie rät mir dazu, mein Glück in einer Drogerie zu aber suchen. Draußen blüht der Frühling, so als würde ihn all das nichts angehen, und zeigt sich von seiner schönsten und lautesten Seite.

In der Drogerie habe ich noch Glück, aber Handwaschmittel, Klopapier und alles, was mit Wischen zu tun hat, ist ausverkauft. Also zurück ins Homeoffice, wo sich die Kids erfolgreich selbst beschulen. Zum Glück hat meine Tochter eine vernünftige Lehrerin, denn sie schreibt allen Eltern eine E-Mail, in der sie uns rät, Stundenpläne für das strukturierte Lernen zu Hause einzurichten und abgearbeitete Lehrpläne mit einer Sondersendung „Sendung mit der Maus“ zu belohnen. Außerdem plädiert sie dafür, ganz einfache Handarbeiten wie Stricken, Nähen und Häkeln mit den Kindern zu entdecken (vielleicht hilft mir da ein Online-Tutorial weiter…?). Zusätzlich hat sie es geschafft, allen Schüler:innen rechtzeitig ein Antolin-Konto einzurichten. Meine Tochter, Zweitklässlerin, hat sofort zwei Bücher verschlungen, damit sie auf der Online-Plattform alle Fragen zu den Texten beantworten kann. Tatsächlich werden wir Antolin von nun an mit der Corona-Krise in Verbindung bringen.

Mein Sohn hat noch keine digitalen Aufgaben erhalten, aber auch er lernt nun den Arbeitsalltag eines Home-Offices kennen, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Der Nachteil ist eindeutig, dass wir uns körperliche Bewegung in den „Stundenplan“ hineinschreiben müssen und keine Pausenglocke diese einfordert. Hilfreich sind Ausnahmeangebote für Kinder und Jugendliche (ALBA Berlin hat eine virtuelle Sportstunde ins Leben gerufen: „ALBAs tägliche Sportstunde“, findet je nach Altersgruppe zu unterschiedlichen Uhrzeiten statt, wurde von der Berliner Bildungssenatorin empfohlen), leitet mir eine befreundete Mutter weiter.

Das Motto der Krisen-Selbstbewältigung heißt also, das richtige Maß zwischen analogen Tätigkeiten und digitalem Programm zu finden und diszipliniert genug zu sein, sich nicht permanent ablenken zu lassen.

Natürlich lasse ich mich permanent ablenken. Der Ist-Zustand in Deutschland in Sachen digitaler Schulausstattung sei unzumutbar, so lese ich in sozialen Netzwerken, auch weil tausende Eltern plötzlich zuviel Zeit haben, sich darüber Gedanken zu machen. Mein Mann, Gymnasiallehrer, lehrt nun von zu Hause aus. Seine Plattform: Die Internetseite der Schule. Eine Mutter fragt ihn per E-Mail, warum die Schüler:innen eine veraltete Homepage als Kommunikationsmittel nutzen würden und ob die Lehrer:innen keine modernen Plattformen wie etwa Twitch oder Skype benutzen könnten, um die Schüler:innen live zu erreichen. Keine schlechte Idee, findet mein Mann. Nur spreche vermutlich die Datenschutzverordnung dagegen, eine App wie Twitch zu nutzen.

Dabei, welch Ironie, würde sich gerade jetzt die Möglichkeit bieten, dass wir uns ganz echt und unvirtuell mit den Kindern beschäftigen. Aber wir im Home-Office festsitzenden Eltern machen uns Gedanken darüber, wie wir unsere Schreibtätigkeit in der Küche ausführen und gleichzeitig die Kinder bespaßen können. Arbeitgeber propagieren angesichts von Corona den „SODIMO“, lerne ich heute von einer Freundin, den „Social Distancing Mode“ (klingt ähnlich rationalisiert wie Work-Life-Balance) und schicken ihre Mitarbeiter reihenweise an die Heim-PC’s. Vereinbarkeit von Beruf und Familie bekommt jetzt eine ganz neue Dimension! Wie schaffe ich Arbeit, Mittagessen zubereiten und Schulaufgaben dirigieren gleichzeitig?

Derweil schreibt meine Kollegin aus den USA, dass ihr Flug gestrichen wurde und sie früher als geplant abreisen müsse – und das, obwohl sie ihr Zimmer in Deutschland untervermietet hat. Auch in Kalifornien ist der Alltag ausgebremst, es gehört zu den Corona-Risikogebieten. Unsere gemeinsame Arbeit wird nun auch betroffen sein: Die geplante Feldforschung kann nicht stattfinden, reisen ist ausgeschlossen.

Die Pandemie trifft die Welt, auch die Brasilianer:innen. Ein Freund meiner Tochter, der vergangenes Jahr nach São Paulo gezogen ist, schickt eine Sprachnachricht: Auch dort sind die Schulen dicht. Aber es sei Sommer und die Geschäfte haben geöffnet. Klingt irgendwie unbekümmert, aber der Junge ist auch erst neun. Mein Sohn ist schon 11, aber er klettert trotzdem durch die Gärten zu seinem Kumpel. Was soll ich ihm sagen? Denk dran, was die Bundeskanzlerin gesagt hat?

Angela Merkel hat mit ihrer Ansprache dafür gesorgt, dass mehr Menschen die Virus-Gefahr ernst nehmen und die drastischen politischen Maßnahmen besser verstehen. Und sie hat dafür gesorgt, dass viele froh sind, eine besonnene Kanzlerin zu haben statt eines, sagen wir, Donald Trumps.

WirVsVirus

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#3+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 3: Stadtflucht

Heute Morgen heißt es, alle Geschäfte außer Baumärkte, Lebensmittelläden und Friseure seien geschlossen. Friseur – ein krisensicherer Beruf, wer hätte das gedacht. Ich muss ein Gerät bei Saturn umtauschen, morgen läuft die Rückgabefrist ab. Im Netz steht „Ihr Saturn hat geöffnet“. In gewisser Weise verkauft Saturn ja auch Dinge des täglichen Bedarfs, Smartphones, Computer, Kühlschränke. Dennoch rufe ich zur Sicherheit die Hotline an. „Hat Ihre Filiale am Alex heute geöffnet?“ frage ich. „Heute sind alle Märkte in Berlin geschlossen“, erfahre ich von einer freundlichen Frauenstimme. Ich trage mein Anliegen vor, was ist nun mit dem Umtausch? Tatsächlich kann mir die Frau nichts dazu sagen. „Rufen Sie ab 16:00 Uhr nochmal an. Dann haben wir dazu eine Regelung. Im Moment haben wir nichts.“

Ich bin, gelinde gesagt, sprachlos. Erstens, weil Kapitalinteressen WIRKLICH hinter der Virusverbreitung zurückstehen. Der Wahnsinn. Ich muss mir kurz die Augen reiben. Und zweitens, weil Bürokratien noch keine Lösung für die Umtauschfristen in der Schublade haben. In Deutschland, dem Land der Verordnungen und Vorschriften, gibt es genau 6 Stunden lang keine Idee eines Marktriesen, wie mit den Geschäftsschließungen rechtlich und verbraucherfreundlich umgegangen werden soll. Plan B wurde offenbar noch nie durchgespielt.

Jetzt wird es langweilig in der Stadt. Die beiden Antolin-Bücher hat meine Tochter bereits durchgearbeitet und online alle Fragen beantwortet. Ein Hoch auf die digitale Bildung. Sobald mein Mann seinen Schüler-Blog mit genügend Aufgaben gefüttert hat, fahren wir raus aufs Land. Was für ein Privileg, keine Existenzsorgen zu haben trotz allgemeinem Lockdown – und noch „rausfahren“ zu können.

Auf der Fahrt ein Telefonat mit einem guten Freund: Er geht nicht mehr raus, hat aber eine Verabredung zum Skype-Dinner. Ich bin beeindruckt. Er nimmt die Kontaktsperre wirklich ernst. Wir verabreden uns auf einen virtuellen Kaffee am Wochenende. Inzwischen befahren wir die „Autobahn der Freiheit“ (sie heißt wirklich so) Richtung Polen. Schon weit vor Storkow stauen sich die LKWs, obwohl die polnische Grenze noch fast 50 Kilometer entfernt ist. Brummifahrer brauchen jetzt Nerven wie Drahtseile. Wie passend, dass die ARD die Serie „Auf Achse“ mit Manfred Krug aus dem Archiv geholt hat. Damals gab es auch noch den eisernen Vorhang und stundenlange Grenzkontrollen.

Nach der Gartenarbeit (wirklich, es gibt nichts besseres als einsame Gartenarbeit in Brandenburg während in Berlin Corona-Partystimmung herrscht – vor allem mit Kindern im verabredungs-wütigen Alter) hat sich die Situation für die LKW-Fahrenden eindeutig verschlechtert. Bis zu den Toren Berlins an der A 10 stehen sie jetzt, vermutlich noch die ganze Nacht. Manche haben Klappstühle rausgeholt. Was bleibt ihnen übrig?Erinnert sich noch jemand an die Zeit, als die Grenze zu Polen geschlossen war? Und warum gab es eigentlich noch keine Innovation seit Manfred Krug, die diesen logistischen Wahnsinn auf Rädern revolutioniert hat? Wir passieren tausende Kraftfahrer auf ihren Böcken, die ihre Zeit nun mit Stillstand vergeuden.

Zurück in Berlin: Weniger Abstand, und tausend Menschen auf dem Tempelhofer Feld. Bei RadioEins geht es um das alte Lied: Kommt bald die Ausgangssperre, wenn die U30-jährigen nicht ihren Egoismus zurückfahren? Reporter berichten von großen Gruppentreffen im Mauerpark. Wer trotz Corona feiern und für die ohnehin bedrohte Clubszene Berlins spenden will, der kann das Online tun: https://www.unitedwestream.berlin/

So, jetzt wird sich die Familie vorm Fernseher versammeln und die Ansprache der Kanzlerin wahrnehmen. Es fühlt sich ein bisschen wie früher an, als es noch analoges Fernsehen gab. Trotz der Vereinzelung scheint Corona eine vergemeinschaftende Wirkung zu haben: Wir sitzen schließlich alle in einem Boot. Merkel: „Es ist ernst.“

#2+++Corona-Blog+++

Corona

Tag 2: Renitenz in Berlin

Systemrelevante Berufe scheint es haufenweise zu geben. Zumindest in Berlin. Denn das öffentliche Leben geht relativ uneingeschränkt weiter, in der Tür des Eisladens hängt der rebellische Satz gekrakelt „Wir haben weiterhin geöffnet bis es zu Zwangsmaßnahmen kommt + evtl. darüber hinaus.“ Ist das jetzt die berühmte Kreuzberger Anti-Haltung oder ist das schlicht unsolidarisch? Die Menschen nehmen es hin, niemand wahrt den gebotenen Abstand von zwei Metern. Ich vermute, es soll Coolnees demonstrieren, aber ich finde es sehr unerwachsen und sehe mit Sorge einem nahenden Ausgehverbot entgegen. Denn was bleibt, wenn die freiwillige Selbstbeschränkung nicht die gewünschten Erfolge bringt? Wir sehen es in Spanien, Österreich, Italien.

Mein Vater, eindeutig Risikogruppe, winkt ab und sendet den gleichen dubiosen YouTube-Clip wie eine Freundin: Alles völlig übertrieben, es gibt gar keine Pandemie. Nur Panik. Das Virus sei eine absolut zufällige Entdeckung, nichts rechtfertige die Katastrophenmaßnahmen der BuReg, so ätzt dort ein weißhaariger Mann ins Cyberoff eines Skypeinterviews. Abgesehen von der miesen Bildqualität stört mich, dass der Lungenarzt in Griechenland sitzt, von wo aus er sich besseren Abstand erhofft. Rechenfehler von Lungenärzten haben uns schon manche Fakenews beschert, denke ich.

Ich muss nochmal los, Besorgungen machen. Hinter mir ein dunkler Kleinwagen, am Steuer eine Frau, vollausgestattet mit Mundschutz und blauen Plastikhandschuhen. Ob das jetzt übertrieben ist? Beim Abbiegen kommt mir wieder eine Frau am Steuer mit Mundschutz entgegen, auf der Straße tragen ihn nur Vereinzelte, vor allem Ältere.

Die einen übertreiben mit ihrer Angst, die anderen übertreiben ihre Sorglosigkeit. Wo ist das gesunde Dazwischen, die besonnene Vorsicht? Immerhin gibt es auch Leute wie meine Nachbarin, die aus Italien kam und sich sofort in Quarantäne begab, ohne dass Jens Spahn sie dazu auffordern musste; es gibt Familien, die ihren Kindern einschärfen, sich die Hände zu waschen (das Motto lautet Geduld und stoische Wiederholung) und Menschen, die trotz frühlingshaftem Sonnenschein das Café meiden.

Die Gesprächsthemen aller vorübereilenden Passanten ist sowieso nur eines: Corona. Der abgesagte Job. „Alles gecancelt“, „alles abgesagt“. Ich fühle mich unwillkürlich an den 11. September 2001 erinnert, das waren auch so Tage, an denen alle, die einem begegneten – in der U-Bahn, beim Vorüberhasten oder beim Bäcker – vom gleichen Ereignis sprachen. Niemand konnte an etwas anderes denken, es dominierte die Welt.

Ein Freund aus Köln ruft an, in der Filmbranche geht nichts mehr. Drehs werden abgebrochen, Budgets sind eingefroren. Dann die Nachricht: Die Fußball-EM wird auf 2021 verschoben. Eine weitere Nachricht: Für 30 Tage werden die EU-Außengrenzen dicht gemacht. Eigentlich das Schlimmste: Noch mehr syrische Bürgerkriegsopfer werden auf den Inseln festsitzen. Der Kanzleramtsminister warnt, dass jetzt Menschen kommen und unser Gesundheitssystem ausnutzen könnten. Solidarität macht offenbar wieder an nationalen Grenzen halt.

Eine Bekannte kommt vorbei, sie wollte eigentlich noch ein Häuschen in Brandenburg mieten. Aber auch das wurde untersagt. Pensionen und Hotels, das gesamte Gaststättengewerbe: eine einzige totale Talfahrt ins Ungewisse.

Ein Lichtblick kommt aus dem Radio: es gibt schon Ideen, das Lieblingskino durch Onlinereservierungen und die Theater durch „Leerkäufe“ zu unterstützen. Das gleiche können wir auch mit der Lieblingskneipe oder dem Lieblingsitaliener machen. Sie alle sind jetzt auf Spenden angewiesen. Immerhin können die, die systemrelevantes Geld verdienen, jetzt die andere Hälfte, die sonst für ihre Unterhaltung oder Verpflegung und Verköstigung sorgt, solidarisch unterstützen. Allein deshalb sollten sowieso alle so solidarisch wie möglich mit allen sein, denn heute die, morgen du.

#1+++Coronablog+++

Corona

Tag 1: Berlin im Ausnahmezustand

Heute ist der letzte Schultag. Gefühlt wie vor den Sommerferien. Die morgendliche Ansprache an die Kinder klingt dann so: „Und macht eure Fächer sauber. Denkt an das Sportzeug!“ SMS von einer Mutter: „David ist krank, also nur Bauchweh, aber er kann nicht zur Schule. Kann dein Sohn das Aufgabenblatt für David mitnehmen?“ Ja, mein Sohn kann. Obwohl ich ihn am liebsten auch zu Hause lassen würde. Aber solche Vorsichtsmaßnahmen sieht er überhaupt nicht ein.

Also gehen die Kids hin, wobei schon klar ist, dass die Rate an Berliner Corona-Fällen in Wirklichkeit 10 mal so hoch sein dürfte wie die Zahl von 268, die am Wochenende kursierte. Die Wahrscheinlichkeit, dass im Nachhinein ein Mitschüler oder eine Mitschülerin meiner Kinder positiv auf Corona getestet werden, ist also groß. Außerdem ein Schüler meines Mannes dessen Vater: positiv. Eine Lehrerin des Kindes meiner Nachbarn: positiv. Und was nun? Niemand meldet sich, es gibt keine Quarantäne-Anordnung. Alle möchten sich mit Besonnenheit überbieten. Ich finde das grotesk. Oder bin ich panisch?

Ich gehe zum Edeka um die Ecke, es ist 9:30. Erstaunlich viele Kinder unter 10 in Begleitung ihrer Väter sind unterwegs. „Jetzt schlägt sie: Die Stunde der Väter“ erzähle ich später meinem Mann, der natürlich auch zu Hause geblieben ist. Mein Mann sagt: „Aha. Heute gibt’s Lasagne.“ Ich freue mich. Bei Edeka komme ich aber trotzdem nicht rein. Eine lange Schlange bildet sich. „Ich kann niemanden rein lassen wenn die Kassen voll sind. Da müssen erstmal ein paar raus“, entschuldigt sich der große Mann mit Mütze und Parker im Eingang. Ich hatte ihn schon beinah zu den Herumlungernden gezählt, aber er ist der neue Türsteher. Es stellen sich immer mehr Leute an, Frauen, Männer, Alte. Keiner hält das Abstandsgebot von 2 Metern ein. Ich schere aus. Gehe zum Blumenstand. Hier ist kein Mensch. Niemand interessiert sich noch für Blumen wenn es um Nudeln, Klopapier und das nackte Überleben geht.

Der Blumenhändler kommt aus China. Er flucht. Seine beiden Restaurants werfen normalerweise 2000 Euro ab, jetzt 200. Eine ganz doofe Zeit sei das gerade, Ende nicht absehbar. Ich spende ihm Trost. Aber er winkt ab, viel zu spät seien die Deutschen dran, viel zu spät. In seiner Heimat Wuhan war ganz früh alles dicht. Es wird alles noch viel schlimmer kommen, sagt er, dabei lacht er verzweifelt. Ich bezahle meine Frühlingsblume und überlasse ihn der Einsamkeit.

Dafür bekomme ich jetzt eine Mail von meinem Sportverein „Schokosport“, der einträgliche Arm des Frauenzentrums. „Bitte zahlt eure Beiträge weiter, unsere Existenz und die unserer Trainerinnen hängen davon ab.“ Natürlich. In Zeiten von Corona werden alle Karten neu gemischt. Krisensicher ist ein Job plötzlich, wenn er von zu Hause ausgeführt werden kann, ohne Körperkontakt, und ohne, sagen wir, das Messegewerbe als Auftraggeber.

Die Kids kommen nach Hause. „Es waren nur 6 Kinder da!“ ruft die Jüngste. Und hat einen Zettel dabei, um den Bedarf der Notfallbetreuung zu eruieren. Es geht um systemrelevante Berufe – die sind auf jeden Fall krisensicher.

Stadt in Zeiten von Corona

Allgemein, Berlin, Corona

Wir erleben gerade, wie städtisches Leben zum Erliegen kommt, obwohl kein Krieg, keine Vertreibung, keine Wirtschaftskrise die Menschen aus der Stadt gedrängt haben. Mit dem Corona-Virus erleben wir ein städtisches Shutdown von Innen heraus, ein herbeigeführter, planvoller Herzstillstand eines voll funktionsfähigen städtischen Körpers.

Das Urbane lebt von den möglichen Begegnungen einander fremder Menschen, sei es mit der von Georg Simmel beschriebenen Blasiertheit und der Reserviertheit der Großstädter, oder in der Vielfalt eines Mosaiks fremder Welten, das die Chicagoer Schule einst beschwor. Wie auch immer das Urbane charakterisiert wird, ohne das Aufeinandertreffen von vielerlei unterschiedlichen Menschen existiert keine Urbanität. Oder doch? Was passiert mit der Stadt in Zeiten von Corona?

Orte spielen keine Rolle mehr

Das öffentliche Leben wird in den nächsten Wochen still stehen. Clubs, Cafés, Theater, Schulen und Bibliotheken in Berlin werden schließen. Ein einmaliger, nie dagewesener Zustand, noch nicht einmal zu Wendezeiten gab es einen solchen Einschnitt. Der private Raum wird die Öffentlichkeit ersetzen: Journalistinnen und Journalisten, Politikerinnen und Politiker, alle Arten von Medienschaffende und andere Arbeitnehmer:innen agieren von zu Hause aus. Orte spielen keine Rolle mehr: der Lehrer kann seine Schulklasse trotz Schulschließung per Computer erreichen, genauso wie die Chefin ihr Team. Die Digitalisierung ermöglicht die Suspendierung der räumlichen Kategorie aus unserem Leben, aber gleichzeitig wird diese räumliche Komponente so bedeutsam wie nie zuvor in der Frage, wie sich das Corona-Virus ausbreitet.

Heute haben sich die Orte des Elends aus den Städten an die Peripherie Europas verlagert

Die Stadt ist räumlich betrachtet tatsächlich die ideale Brutstätte von Epidemien, und das ist sie schon immer gewesen. Die Geschichte der Stadtforschung, großartig nacherzählt von Rolf Lindner, zeigt die Spuren von Cholera-Epidemien und den Kampf um kontrollierende Hygienemaßnahmen als Geburtsstunde der Stadtforschung. Damals, zu Beginn der Industrialisierung und des explosionsartigen Stadtwachstums, waren die Armen- und Arbeiterquartiere von London und Paris berüchtigt. Friedrich Engels schrieb im 19. Jahrhundert beeindruckende und schauderhafte Reportagen über das Elend im verslumten London. Alles, was uns heute in Sicherheit wiegt, gab es nicht: Genügend Krankenhäuser, Krankenversicherungen, Hygieneregeln und fließendes (Ab-)Wasser in den Wohnungen. Heute haben sich die Orte des Elends aus den Städten an die Peripherie Europas verlagert, sie heißen Lesbos und Moria und sind die wahrhaft bedrohten Räume, wenn das Virus zuschlägt. Die Vulnerabilität dieser peripheren und provisorischen Städte ist beschämend und ihre Verdrängung aus dem öffentlichen Diskurs genauso.

Die Digitalisierung ermöglicht das Aufrechterhalten einer Scheinnormalität

Was in den urbanen Zentren hingegen entscheidende Sicherheit verschafft, ist die Digitalisierung. Durch sie sind Menschen den früheren Epidemie-Zuständen weit überlegen: Die Nachrichten erreichen heute nahezu jeden von uns sekündlich bis stündlich, und vielerlei Arbeit ist vom Home-Office aus zu erledigen. Kinder und Studierende erhalten Online-Tutorials, Videokonferenzen erleichtern Teamabsprachen und ersetzen ganze Meetings – welch Ironie, dass so manch konservativ handelnder Verband erst jetzt einsehen wird, dass eine Skypekonferenz den Inlandsflug ersetzen kann. Denn in Arbeitsfragen sind oft gar keine dreidimensionalen Treffen nötig, um Inhaltliches zu regeln. Die Digitalisierung ermöglicht das Aufrechterhalten einer Scheinnormalität. In Lebensfragen ist das etwas anderes: Hier geht es um Berührungen, um das Berührt-Werden. Ein Leben ohne Berührungen, das ist wie ein Wald ohne Bäume. Berührung ist lebensnotwendig, und der Austausch, die Begegnungen zwischen Menschen sind schon immer der Motor für jegliche Art des Fortschritts gewesen.

Corona zeigt uns deutlich, was das Urbane ausmacht, weil es abwesend sein wird

Insofern zeigt uns Corona in aller Deutlichkeit, was das Urbane ausmacht. Das Urbane ist das, was in den kommenden Wochen abwesend sein wird: Der öffentliche Raum für spontane Begegnungen und Austausch, das Zusammenkommen zur Unterhaltung, zum Informationsaustausch, zum Tanzen, zur Kinderbetreuung, zur Beratung, zum Beten, zum Lernen, zur Bewegung, zum Kulturkonsum, kurz: zum gemeinsamen Erlebnis mit allen Sinnen. Die digitale Begegnung ist kein adäquater Ersatz und wird es nie sein, denn sie hält nur zwei Facetten der Begegnung für uns parat – das ist die verbale, und zwar die eindimensionale, verbale Begegnung, und die zweite Facette kann das Visuelle sein. Interaktive Begegnungen im Netz können verbal und visuell sein, aber sie sind immer darauf begrenzt. Selbst wenn eine Cyberbrille im Spiel ist, bleiben die restlichen Sinne weitgehend unberührt, der Kasten des Geschehens bleibt bei aller Illusion des Berührtseins und der Involviertheit die Cyberbrille. Die Rede von „Sinnlosigkeit“ bekommt so seine ursprüngliche Bedeutung zurück.

Urbanität braucht den ganzen Menschen

Das urbane Moment der Vielfalt, die Möglichkeit des zufälligen Aufeinandertreffens von unterschiedlichsten Individuen, ist in digitalen Öffentlichkeiten nicht vorgesehen. Urbanität bedeutet nicht nur Vielfalt, sondern auch körperliches Aufeinandertreffen. Stadt kann also nie nur digital oder virtuell sein, Urbanität braucht den ganzen Menschen oder bildlich gesprochen den ganzen Leib.

Was heißt das nun für die Stadt? Ihre sinnlichen Vorzüge werden nunmehr virtuell und damit verkürzt erlebt (etwa die Übertragung eines Konzertes aus der Elbphilharmonie per Livestream oder die Einrichtung einer digitalen Concert Hall der Philharmoniker), die sinnlichen Nachteile (Autoverkehr, Lärm und Luftverschmutzung) werden abnehmen. Aber die Stadt als Lebens- und Erfahrungsraum wird vorübergehend stillgelegt. Wenn man so will, lähmt das Virus die Stadt, wenn die Stadt das Virus lähmen will.

Praktiken des nachbarschaftlichen Miteinanders ersetzen im städtischen Ausnahmezustand die urbane Anonymität

Andererseits wächst eine neue Art nachbarschaftlicher Solidarität. Die Jüngeren erledigen Einkäufe für Ältere, klopfen an und fragen, ob sie helfen können. Die Anonymität der Großstadt weicht einer nachbarschaftlichen Praxis kleinräumiger Hilfe. Der vielbeschäftigte Vater von nebenan ruft an und fragt, ob die Kinder in den nächsten Tagen miteinander spielen können. Die Mutter von oben organisiert eine Kinderbetreuung für die erste schulfreie Woche. Es sind diese Praktiken des Miteinanders, die das suspendierte Urbane auffangen und zeigen, wie Stadt in Zeiten von Corona funktionieren kann.